XXIV. Kongress der Internationalen Hegel-Gesellschaft e.V.

„Glauben und Wissen“

28.8.-1.9. 2002 in Jena

unter der Schirmherrschaft des Ministerpräsidenten des Freistaats Thüringen,

Dr. Bernhard Vogel

 

1802 erschien Hegels Aufsatz „Glauben und Wissen“.
 

Darin werden Grundtypen einer Reflexionsphilosophie der Subjektivität kritisch analysiert. Angesichts der vielen ‚turns’ der Philosophie im 20. Jahrhundert und der Verkündung, das Subjektivitätsparadigma sei erledigt, fragt es sich, ob Hegels spekulative Philosophie der Subjektivität noch zu retten bzw. was ihr womöglich – trotz aller Bankrotterklärungen – abzugewinnen ist.

Hegel strebte eine ‚Aufhebung’ der Transzendentalphilosophie in einer  Synthese von Monismus und Transzendentalismus an. Im Anschluß an den Vergleich transzendentalphilosophischer Konzepte und der gegen sie vorgebrachten Argumente (von Jacobi, Schulze u.a.) wäre zu prüfen, ob und inwiefern Hegels spekulativer Metaphysik heute noch Geltungskraft zugesprochen werden kann. (Die gegenwärtige Realismus-Debatte ließe sich gewiß einbeziehen.)
 

Von aktueller Brisanz ist allemal auch Hegels Kritik an den verschiedenen Variationen einer „unmittelbaren Gewißheit“ bzw. eines sog. „unmittelbaren Wissens“. Jacobi zufolge geht die Idee eines Unbedingten allen endlich-relativen Bestimmungen voraus; Kenntnis von diesem Absoluten entspringt in unmittelbarer Gewißheit („Gefühl“, „Glauben“) – und dieses Absolute ist selbst schlechterdings grundlos und damit auch in begrifflich-begründender Darstellung von seiten des endlichen Ich gar nicht erschließbar. – Hegel, der bekanntlich auf dem denkenden Zugang zum Absoluten bestand, kritisierte natürlich eine solche ‚Absolutheitsskepsis’, die auf das „Ahnen“, die „Eingebung“, die „Offenbarung des Herzens“ oder auch den „common sense“ setzte. – Mit diesem Problem der Bestimmung des Wissens bzw. der Reichweite des Wissens hat sich auch die Philosophie des 20. Jahrhunderts intensiv befasst. Als Beispiele seien genannt Wittgensteins Nachdenken über „Gewissheit“, seine Kontroverse mit G. E. Moore sowie die Diskussionen über „sinnliche Gewissheit“.

Fachspezifische Hegel-Analysen, die Binnenprobleme der Theorie erörtern, sind nach wie vor gefragt. Aber mit allem Nachdruck sollen auch gegenwartsbezogene Fragen diskutiert werden: Sind moderne ausdifferenzierte Gesellschaften des westlichen Typs noch auf Religion angewiesen? Oder ist die Religion ihrer höchsten Bestimmung nach etwas Abgelegtes? Vielleicht ein ‚Verstärker’ lebensweltlicher partikularer Identität – verwoben mit dem Heimatgefühl und -milieu? Sind – anders gefragt – womöglich die zentrifugalen Kräfte in den Gesellschaft so stark, daß – nach dem Ende der quasi-religiösen Staatsautorität – allein noch die Religion gesellschaftliche Kräfte zugunsten des bonum commune entbinden und mobilisieren kann?
 

Immerhin besteht auch in weithin säkularisierten Gesellschaften des Westens eine starke Neigung, den Kirchen – trotz ihres scheinbaren Machtschwundes – eine starke Rolle im moralischen Diskurs zuzubilligen. Gleichzeitig diffundiert das religiöse Bewußtsein in einen Pluralismus, der auch höchst irrationale Selbst-Bindungen einschließt. Und der Monopolanspruch der christlichen Religion wird zudem noch in wachsendem Maß in Frage gestellt.
 

Wie verträgt sich das  alles mit Hegels Überzeugung, das religiöse Bewußtsein, im Christentum zur absoluten Geistesgestalt gelangt, müsse über sich selbst aufgeklärt und in Philosophie aufgehoben werden? Läßt sich die gegenwärtige Situation mit Hegel besser begreifen? Oder ergeben sich aus dieser Situation umgekehrt kritische Rückfragen an Hegels Philosophie?

 

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