Die Vorreden zur Enzyklopädie mit Kommentar

von Grimsman/Hansen/Cocilius Aug.2001

 

Die drei Vorreden halten wir für einen Einstieg in Hegels Philosophie für nicht besonders geeignet,
da sie sich sehr auf das wissenschaftliche Treiben zur Zeit Hegels beziehen.

Um das Verständnis zu erleichtern sind im folgenden die Sätze
mit einfacheren Worten wiedergegeben und farbig dem Originaltext vorangestellt.

 

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Erste Vorrede (Heidelberg 1817)

 

[Hegel schreibt dieses Buch,
um eine kurze Übersicht über seine ganze Philosophie zu geben.

Zugleich soll es seinen Studenten als Vorlesungsskript dienen.]

Das Bedürfnis, meinen Zuhörern einen Leitfaden
zu meinen philosophischen Vorlesungen in die Hände zu geben,
ist die nächste Veranlassung,
daß ich diese
Übersicht des gesamten Umfanges der Philosophie
früher ans Licht treten lasse, als mein Gedanke gewesen wäre.

 

 

[Eine Kurzfassung kann die Beweisführung sowie Inhalte nicht vollständig darstellen.]

Die Natur eines Grundrisses
schließt nicht nur eine erschöpfendere Ausführung der Ideen
ihrem Inhalte nach aus,
sondern beengt insbesondere auch die Ausführung ihrer systematischen Ableitung,
welche das enthalten muß, was man sonst unter dem Beweise verstand
und was einer wissenschaftlichen Philosophie unerläßlich ist.

 

[Das Buch heißt die Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften]

Der Titel sollte teils den Umfang eines Ganzen,
teils die Absicht anzeigen, das Einzelne dem mündlichen Vortrage vorzubehalten.

 

 

[Bei gewöhnlichen Grundrissen handelt es sich
um nur äußerliche Zusammenstellungen von bekannten Inhalten]

Bei einem Grundrisse kommt aber dann mehr bloß
eine
äußerlicheZweckmäßigkeit der Anordnungund Einrichtung in Betrachtung,
wenn es ein schon
vorausgesetzterund bekannter Inhaltist,
der in einer absichtlichen Kürze vorgetragen werden soll.

 

[Hier handelt es sich nicht um eine äußerliche Sortierung eines bekannten Stoffes, sondern Hegels Philosophie stellt einen notwendigen Zusammenhang dar,
den er mit seiner neuen Methode darlegt.
In dieser Methode sind Form und Inhalt identisch.
Hegel hofft, daß sich diese Methode
als die allgemeine Methode der Wissenschaft durchsetzen wird.]

Indem gegenwärtige Darstellung nicht in diesem Falle ist,
sondern
eine neue Bearbeitung der Philosophie
nach einer
Methodeaufstellt,
welche noch, wie ich hoffe, als die
einzig wahrhafte,
mit dem Inhalt identische anerkannt werden wird,
so hätte ich es derselben dem Publikum gegenüber
für vorteilhafter halten können, wenn mir die Umstände erlaubt hätten,
eine ausführlichere Arbeit über die anderen Teile der Philosophie
vorangehen zu lassen,
dergleichen ich über den ersten Teil des Ganzen, die Logik,
dem Publikum übergeben habe.

 

[Hegel glaubt ausführlich genug zu sein,
um den Unterschied seiner Methode den herkömmlichen gegenüber
deutlich gemacht zu haben.]

Ich glaube übrigens,
    obgleich in gegenwärtiger Darstellung die Seite,
    wonach der Inhalt der Vorstellung
    und der empirischen Bekanntschaft näherliegt, beschränkt werden mußte,
in Ansehung der Übergänge,
    welche nur eine durch den Begriff zu geschehende Vermittlung sein können,
so viel bemerklich gemacht zu haben,
daß sich das
Methodische des Fortgangshinreichend
sowohl von der nur äußerlichen Ordnung, welche die anderen Wissenschaften aufsuchen, als auch von einer in philosophischen Gegenständen gewöhnlich gewordenen Manier unterscheidet,
welche ein Schema
voraussetzt
und damit die Materien ebenso äußerlich
und noch willkürlicher, als die erste Weise tut, parallelisiert
und, durch den sonderbarsten Mißverstand,
der Notwendigkeit des Begriffs
mit Zufälligkeit und Willkür der Verknüpfungen Genüge geleistet haben will.

 

 

[Äußerliche Methoden wurden auch auf die Philosophie angewandt.
Mit mehr oder weniger Anerkennung.]

Dieselbe Willkürsahen wir auch sich des Inhalts der Philosophie bemächtigten,
auf Abenteuer des Gedankens ausziehen
und dem echtgesinnten und redlichen Streben eine Zeitlang imponieren,
sonst aber auch für eine selbst bis zur Verrücktheit gesteigerte
Aberwitzigkeit gehalten werden.

 

[Was davon für wichtig oder witzig gehalten wurde ist aber eher betrügerisch.]

Statt des Imposanten oder Verrückten
ließ der Gehalt eigentlicher und häufiger wohlbekannte Trivialitäten,
sowie die Form
die bloße Manier eines absichtlichen,
methodischen und leicht zu habenden Witzes barocker Verknüpfungen
und einer erzwungenen Verschrobenheit,
sowie überhaupt hinter der Miene des Ernstes
Betrug gegen sich und gegen das Publikum erkennen.

 

[Der Skeptizismus dagegen verzichtet auf allen Inhalt
und meint darin die Weisheit zu haben.]

Auf der andern Seite sahen wir dagegen die Seichtigkeit
den Mangel an Gedanken
zu einem sich selbst klugen
Skeptizismus
und vernunftbescheidenen Kritizismus stempeln
und mit der Leerheit an Ideen
in gleichem Grade ihren Dünkel und Eitelkeit steigern.

 

[Dies hatte Gleichgültigkeit und Verachtung gegenüber der Philosophie zur Folge.
Man sprach der Philosophie die Wissenschaftlichkeit ab.]

- Diese beiden Richtungen des Geistes
haben eine geraume Zeit den deutschen Ernst geäfft,
dessen tieferes philosophisches Bedürfnis ermüdet
und eine Gleichgültigkeit, ja sogar eine solche
Verachtung
gegen die Wissenschaft der Philosophie zur Folge gehabt,
daß nun auch eine sich so nennende Bescheidenheit
über das Tiefste der Philosophie mit- und absprechen
und demselben die vernünftige Erkenntnis,
deren Form man ehemals unter den Beweisen begriff,
abzuleugnen sich herausnehmen zu dürfen meint.

 

 

[Der ersten Anwendung äußerlicher Methoden auf die Philosophie
mit ihrer schematischen Vorgehensweise,

kann ein echter philosophischer Kern zugrundegelegt werden.]

Die ersteder berührten Erscheinungen kann
zum Teil als die jugendliche Lust der neuen Epoche angesehen werden,
welche im Reiche der Wissenschaft
wie in dem politischen aufgegangen ist.

Wenn diese Lust die Morgenröte des verjüngten Geistes mit Taumel begrüßte
und ohne tiefere Arbeit gleich an den Genuß der Idee ging
und in den Hoffnungen und Aussichten, welche diese darbot,
eine Zeitlang schwelgte,
so versöhnt sie leichter mit ihren Ausschweifungen,
weil ihr ein Kern zugrunde liegt
und der oberflächliche Dunst, den sie um denselben ausgegossen,
sich von selbst verziehen muß.

 

[Schlimmer ist der Kritizismus, welcher philosophische Erkenntis leugnet.]

Die andereErscheinung aber ist widriger,
weil sie die Ermattung und Kraftlosigkeit zu erkennen gibt
und sie mit einem die philosophischen Geister aller Jahrhunderte meisternden,
sie und am meisten sich selbst mißkennenden Dünkel zu bedecken strebt.

 

 

[Echtes philosophisches Interesse hat sich glücklicherweise auch erhalten.]

Um so erfreulicher ist aber wahrzunehmen und noch zu erwähnen,
wie sich gegen beides das philosophische Interesse
und die
ernstliche Liebe der höheren Erkenntnis
unbefangen und ohne Eitelkeit
erhaltenhat.

 

[Dies echte philosophische Interesse äußerte sich unter anderem auch
in der Behauptung von unmittelbarem Wissen, bzw. Gefühl.
Dies wäre eine Leugnung von Wissenschaftlichkeit in der Philosophie.
Da dieses Gefühl aber als Resultat wissenschaftlicher Bemühung behauptet wird, akzeptiert auch diese Haltung die Form der Wissenschaftlichkeit.]

Wenn dies Interesse sich mitunter
mehr auf die Form eines
unmittelbaren Wissensund des Gefühls warf,
so beurkundet es dagegen
den inneren, weitergehenden Trieb vernünftiger Einsicht,
welche allein dem Menschen seine Würde gibt,
dadurch am höchsten,
daß ihm selbst jener Standpunkt
nur
als Resultat philosophischen Wissenswird,
somit dasjenige von ihm als Bedingung wenigstens anerkannt ist,
was es zu verschmähen scheint.

 

[Dieses Buch ist dem ersthaften
und wissenschaftlichen Interesse an der Philosophie gewidmet]

- Diesem Interesse am Erkennen der Wahrheit widme ich diesen Versuch,
eine Einleitung oder Beitrag zu seiner Zufriedenheit zu liefern;
ein solcher Zweck möge ihm eine günstige Aufnahme verschaffen.



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