Zum ontologischen Gottesbeweis

M.Grimsmann/L.Hansen, Aug.1999

1. Darstellung des Gottesbeweises

2. Kants Kritik am Gottesbeweis
    a) Kants formaler Einwand
    b) Kants inhaltlicher Einwand

3. Hegels Kritik an Kant

 


1. Darstellung des Gottesbeweises

Anselm von Canterburys bestreben war es
- nach einem Vorsatz von Augustinus -
dessen, woran er glaubte, auch einsichtig zu werden.

"Es scheint mir eine Nachlässigkeit zu sein, wenn wir im Glauben fest sind
und nicht suchen, das, was wir glauben, auch zu begreifen."
(Epistolae XLI, 11)


Er glaubte an Gott
und so wollte er seinen Glauben an Gott durch das Denken bestätigen.

 
Ferner wollte er in seinem später sogenannten ontologischen Gottesbeweis
den Ungläubigen (>den Thoren<) aufzeigen,
daß Gott keine wie sie meinen bloße Phantasievorstellung des Menschen ist,
sondern wirklich existiert.

In diesem Beweis geht Anselm von dem Gedanken Gottes aus.

Er sagt, Gott ist >das, über dem Größeres nicht gedacht werden kann<.

Für Anselm liegt in diesem höchsten Gedanken,
daß er nicht nur innerhalb unseres Verstandes allein ist,
sondern auch außerhalb unserer Vorstellung,
sozusagen in der Natur existiert,
daß er nicht nur subjektiv gedacht ist, sondern auch wirklich ist:

In seinem Proslogion (Kap.2) erläutert er, daß dies nicht anders sein könne:

"Sicherlich kann >das, über dem Größeres nicht gedacht werden kann<,
nicht im Verstande allein sein.

Denn wenn es wenigstens im Verstande allein ist,
kann gedacht werden, daß es auch in Wirklichkeit existiere
- was größer ist.

Wenn also >das, über dem Größeres nicht gedacht werden kann<,
im Verstande allein ist,
so ist eben >das, über dem Größeres nicht gedacht werden kann<,
über dem Größeres gedacht werden kann.

Das aber kann gewiß nicht sein."


Mit anderen Worten heißt dies:

Gott muß als das schlechthin vollkommene Wesen gedacht werden.

Wäre Gott nur eine Vorstellung und nicht auch real existierend,
so wäre er nicht als das schlechthin vollkommene Wesen gedacht.

Also muß Gott auch existieren.

 
2. Kants Kritik am Gottesbeweis

a) Kants formaler Einwand

Dieser Schluß, der auf die Existenz Gottes führt,
ist von Descartes aufgegriffen und in seiner Weise ausgedrückt worden.

Gegen den von Descartes formulierten,
inhaltlich aber dasselbe ausdrückenden Anselmschen Gottesbeweis
ist die Kantische Kritik gerichtet (K.d.r.V. 631).

In der Kritik der reinen Vernunft (S.624) beschreibt Kant
die Cartesianische Argumentation:

"Das allerrealste Wesen, Gott, hat,
sagt ihr (Descartes, Amseln und alle anderen Vertreter dieses Beweises),
alle Realität,
und ihr seid berechtigt, ein solches Wesen als möglich anzunehmen.

Nun ist unter aller Realität auch das Dasein
(und gleichbedeutend das Sein, die Existenz, die Wirklichkeit),
mit begriffen.

Also ist das Dasein in dem Begriffe von einem Möglichen."


Gott ist also, nach dem Glauben, dieses höchste Subjekt,
welchem alle Realitäten oder positiven Eigenschaften
oder nach Kant "realen Prädikate" als Inhaltsbestimmungen zukommen.

Nun ist das Sein, Dasein usw. eine Realität.

Also hat Gott auch Sein, Dasein usw.

Oder anders gesagt:
Wenn das höchste Subjekt der Möglichkeit nach angenommen werden kann,
dann ist es, weil es alles und somit auch das Sein enthält, auch wirklich.

 
Kants Kritik an diesem Argument ist nun die, daß er sagt:

"Sein ist offenbar kein reales Prädikat,
d.i. ein Begriff von irgend etwas, was zu dem Begriffe eines Dinges,

hinzukommen könne.

Im logischen Gebrauch ist es lediglich die Kopula eines Urteils.

Das Wörtchen: ist, ist nicht noch ein Prädikat oben ein,

sondern nur das, was das Prädikat beziehungsweise auf das Subjekt setzt.

Nehme ich nun das Subjekt (Gott) mit allen seinen Prädikaten zusammen,
und sage: Gott ist, oder es ist ein Gott,
so setze ich kein neues Prädikat zum Begriffe von Gott hinzu." (S.626)


Während also Descartes behauptet, das Sein sei eine Realität,
so behauptet Kant, das Sein sei keine Realität
im Sinne einer Inhaltsbestimmung,
kein neues Prädikat, welches zu Gott oder irgend einem anderen Subjekt
zur Bestimmung seines Inhalts hinzukomme.

Kant begründet seine Behauptung damit, daß das Sein nur Kopula,
also die Verbindung zwischen Subjekt und Prädikat sei,
kein Prädikat, somit keine inhaltliche Bestimmung von Gott,
sondern nur Formbestimmung.

 
Gegen diesen formalen Einwand Kants läßt sich jedoch bemerken,
daß das Sein in einem Satz ebensowohl die Stellung des Subjekts
als auch des Objekts als auch die Stellung der Kopula einnehmen kann.

In dem Satz: >Gott ist das Sein< z.B.
ist das Sein sowohl Kopula als auch Prädikat.

In dem Satz: >Das Sein ist die reine Abstaktion<
hat das Sein die Stellung des Subjekts und der Kopula.

 
b) Kants inhaltlicher Einwand

Kant macht jedoch seinen Einwand,
daß das Sein oder Nicht-Sein eines Subjekts nichts an dessen Inhalt ändere,
inhaltlich mit einem Beispiel plausibel:

"Hundert wirkliche Taler enthalten nicht das mindeste mehr
als hundert mögliche". (S. 628)

Für meinen Vermögenszustand macht der Unterschied zwar wohl etwas aus
- aber hundert Taler bleiben trotzdem hundert Taler,
egal ob ich sie mir nur vorstelle oder ob ich sie wirklich besitze.

Kant verallgemeinert dieses Beispiel dann und sagt dies gelte für alle Dinge:

"Wenn ich also ein Ding,
durch welche oder wieviel Prädikate ich will denke,

so kommt dadurch, daß ich noch hinzusetze, dieses Ding ist,
nicht das mindeste zu dem Dinge hinzu." (S.628)
Die Existenz oder das Sein meiner Vorstellung
verändert nichts am Inhalt dieser Vorstellung.

Also kann ich umgekehrt aus dem Inhalt einer Vorstellung
nicht auf deren Existenz schließen
oder, wie Kant sich ausdrückt,
>aus dem Begriff läßt sich das Sein nicht herausklauben<.

 
Dies ist die populär gewordene Begründung Kants
gegen den ontologischen Gottesbeweis,
weswegen er seitdem philosophisch wie theologisch als widerlegt gilt
und ihm allenfalls noch eine historische Bedeutung zugebilligt wird.

Seitdem gilt es in der Wissenschaft für ausgemacht und erwiesen,
daß Gott nur eine Projektion für die Wünsche der Armseligen ist,
die lediglich noch eine regulierende Funktion
in Bezug auf die Moral der Menschen
aber keinen Anspruch auf Wahrheit hat.

Religion ist in diesem Sinne nach einem Ausdruck Feuerbachs
nur >Opium fürs Volk<.

 
Aber große Philosophen
sowohl vor Kant - so Descartes, Spinoza und Leibniz -
als nach ihm - so Schelling und Hegel -
haben sich auf diesen Gedanken Anselms berufen
und, man kann wohl sagen, ihre Philosophie darauf gegründet.

Es ist die Frage, warum diese Philosophen,
trotz der leicht nachzuvollziehenden scheinbaren Widerlegbarkeit,
an diesem Gedanken Anselms festhielten
und ihn für den Anfang aller wahren Philosophie hielten.

Man könnte hiergegen anführen,
daß zumindest Descartes, Spinoza und Leibniz
noch nichts von der Kantischen Kritik wußten
und somit noch im treuen Glauben zu Anselm standen.

Aber die Kritik an Anselm,
weil sie so einfach ist und sofort ins Auge springt,
ist schon längst vor Kant noch zu Anselms Zeiten
von einem Mönch namens Gaunilo aufgestellt worden.

Er sagte nämlich:
"mit dem Denken von etwas ist nicht gesetzt das es ist."
(Liber pro insipiente, c.5)

Anselm selbst nimmt diesen Einwand sogar schon vorweg
- und entgegnet ihm auch:
"alles zwar, was außer Dir (Gott) allein ist,
kann auch als nicht-seiend gedacht werden.

Nur Du allein bist in wahrhaftester Weise
und daher in höchstem Maße unter allem Sein,
weil jegliches sonstige Ding nicht in so wahrer Weise
und somit im geringerem Grade Sein hat."
(Proslogion Kap.III)


Es ist also, laut Amseln, ein Unterschied zu machen,
ob von Gott oder von einem Ding wie z.B.
die hundert Taler die Rede ist.

In der Vorstellung eines gewöhnlichen Dinges wie hundert Taler
liegt nicht auch das Sein, wohl aber in der von Gott.

Kant (ebenso Gaunilo) läßt aber in seiner Kritik
diesen von Anselm ausdrücklich gemachten Unterschied
zwischen einem endlichen Ding und dem Unendlichen weg.

Er bezeichnet Gott,
wie die gewöhnlichsten Gegenstände des täglichen Lebens,
als ein Ding (Gaunilo als Etwas),
obwohl er sonst selbst - bei der Bestimmung von Verstand und Vernunft -
auf diese Unterscheidung zwischen einem endlichem Ding
und dem Unendlichen, Unbegrenzten aufmerksam macht,
indem er dem Verstand das Endliche,
der Vernunft aber das Unendliche als Gegenstand zuweist.

Wir befinden uns hier aber im Bereich der Vernunft.

 
3. Hegels Kritik an Kant

Eben dieses Weglassen des hier wesentlichen Unterschiedes
kritisiert Hegel an Kant:

"Der Begriff, der nur ein Subjektives und getrennt von Sein ist,
ist ein Nichtiges (nur eine Vorstellung).

In der Form des Beweises, wie ihn Anselm gibt,
besteht die Unendlichkeit (vernünftigerweise) eben darin,
nicht ein Einseitiges zu sein, ein bloß Subjektives,
dem nicht das Sein zukäme.

Der Verstand (dagegen) hält Sein und Begriff streng auseinander,
jedes als identisch mit sich;
aber schon nach der gewöhnlichen Vorstellung
ist der Begriff ohne Sein ein Einseitiges und Unwahres,
und ebenso das Sein, in dem kein Begriff ist, das begrifflose Sein.

Dieser Gegensatz, der in die Endlichkeit fällt,
kann bei dem Unendlichen, Gott, gar nicht statthaben."

(G.W.F. Hegel: Ausführung des ontologischen Beweises in den
Vorlesungen über Religionsphilosophie vom Jahre 1831)

 
Für Hegel ist, wie für Anselm, Descartes, Spinoza, Leibniz und Wolff,
Gott immer schon das Absolute
als die Einheit von Denken (Begriff) und Sein.

Aus diesem vorausgesetzten Begriff der Einheit
kann dann natürlich auf das Sein geschlossen werden.

Das Nicht-Absolute, das Endliche ist per Definition
das Getrenntsein von Denken und Sein,
folglich kann aus diesem das Sein nicht gefolgert
oder >herausgeklaubt< werden.

Die Kritik Kants am Gottesbeweis trifft diesen also deshalb nicht,
weil sie von einer Unterscheidung absieht
die ausdrücklich im Beweis selbst gefordert ist.

Plausibel erscheint die Kritik nur,
wenn man an dem Getrenntsein von Begriff und Sein festhält
und die Möglichkeit ihrer Einheit,
d.h. Gott, die Wahrheit leugnet,

wenn man also beim Verstand stehenbleibt und nicht zur Vernunft kommt.

Wenn also nach dieser Seite für Hegel der Gottesbeweis zu rehabilitieren ist
und vielmehr die Kantische Kritik zu verwerfen,
so enthält nach der anderen Seite doch die Kantische Kritik das Positive,
(wenn auch indirekt) auf den durchaus vorhandenen Mangel
des Gottesbeweises aufmerksam gemacht zu haben.

Aber das, was Hegel am Gottesbeweis zu bemängeln hat,
bemängelt er auch ebenso an der Kantischen Kritik.

Denn sowohl der Gottesbeweis als auch seine Kritik
setzen etwas Unbewiesenes voraus.

Der Gottesbeweis setzt die Einheit,
Kants Kritik dagegen die Getrenntheit von Denken und Sein voraus.

Der Gedanke Anselms, Descartes, Spinozas usw.
hat aber dem Gedanken von Kant voraus,

daß er von der absoluten Wahrheit,
Kant aber von der absoluten Unwahrheit ausgeht.


Für Hegel ist ebenso diese Einheit das Wahre,
weil es nicht einseitig, sondern das Ganze sein muß.

Die Einheit muß am Anfang der Philosophie stehen.

Aber sie muß am Anfang der Philosophie vorausgesetzt sein,
um dann auch von ihr bewiesen zu werden,
d.h. diese Einheit muß auch das Resultat der Philosophie sein:

"Nun ist aber hier folgender Umstand,
der eben den Beweis unbefriedigend macht.

Jenes Allervollkommenste und Allerrealste ist nämlich eine Voraussetzung,
an welcher gemessen das Sein für sich und der Begriff für sich
Einseitige sind.

Begriff und Dasein ist eine Identität,
oder Gott als Begriff kann nicht gefaßt werden ohne Sein.

Daß dies eine Voraussetzung ist, ist das Ungenügende,
so daß der Begriff an ihr gemessen ein Subjektives sein muß.

Wenn aber die Natur des Begriffs eingesehen wird,
so ist die Identität mit dem Sein
nicht mehr Voraussetzung, sondern Resultat.

Der Gang ist daher dieser,
daß der Begriff sich objektiviert, sich zur Realität macht,
und so ist er die Wahrheit, Einheit des Subjekts und Objekts."

(G.W.F. Hegel: Ausführung des ontologischen Beweises in den
Vorlesungen über Religionsphilosophie vom Jahre 1831)

Den Erweis der Einheit des Gottesgedankens und des Seins,
wie Hegel ihn für sich beansprucht,
nämlich im Hinblick auf seine Logik,
daß der subjektive Begriff sich notwendig objektiviert, zum Objekt macht
oder, im Hinblick auf sein gesamtes System,
daß die logische Idee sich aus sich selbst
zur natürlichen und geistigen Welt realisiert,
diese Darstellung enthält der Gottesbeweis nicht.


Aber Anselm beansprucht auch nicht, diesen Erweis erbracht zu haben,
schließt ihn aber auch für andere nicht aus.

Anselm selbst geht ausdrücklich vom Glauben aus und bleibt im Glauben.

Am Ende von Kap.1 des Proslogion bemerkt Anselm nämlich,
daß er Gott keineswegs in seiner Vollständigkeit begreifen könne und wolle,
sondern nur wenigstens etwas seiner Wahrheit teilhaftig werden möchte.

Kant hingegen schließt bei seiner Kritik am Gottesbeweis offensichtlich
überhaupt die Möglichkeit der absoluten Einheit von Denken und Sein aus,
damit natürlich ebenso die Möglichkeit
eines Erweises im Hegelschen Sinne, wenn er schreibt:

"Denke ich mir nun ein Wesen als die höchste Realität (ohne Mangel),
so bleibt noch immer die Frage, ob es existiere, oder nicht." (S.628)



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