Das Eins und das Viele

Textauszug aus Karl Werders "Kommentar und Ergänzung zu Hegels Wissenschaft der Logik",
Anmerkung zum Fürsichsein, Berlin 1841

 

Das Eins, weil es nur ist als Ein Eins, ist nicht das Eine der Eleaten.

Was sie das Eine nennen, das Sein, heißt ihnen gerade:
das Viele, die Bewegung ist nicht;
nichts Anderes ist, das Andere ist gar nicht.

Eins dagegen bedeutet:

Es ist Nichts Anderes, das Andere als Nichts ist selbst das Eins.

Eins ist nicht das Sein, sondern das Fürsichseiende.

Darum ist es wohl unveränderlich, aber seine Unveränderlichkeit ist nicht die gemeinte des Eleatischen Einen,
sondern die wahrhafte, in der es das Werden, die bewegte Fülle seiner selbst, der Quell seiner eigenen Vielheit ist.

Sein ist Nichts; Eins ist Nichts-Anderes.

Nichts ist das Sein des Seins, das Werden - Nichts-Anderes ist das Eins des Eins,
sein endloses Einssein als Eines, als All-Eins-Sein, als Ein Eins.

Nur wenn Sein Werden ist, ist es Fürsichsein,
und nur wenn es Fürsichsein ist, ist es Eins und Ein Eins.

 

Weil nichts Anderes ist als Eins, so ist Eins teillos - und darum heißt es Atom.

Aber nur insofern ist, wenn Eins ist, kein Anderes mehr, weil es im Eins ist als Eins.

Also ist das Eins Atom nun, weil es das Viele seiner selbst, weil sein Insich sein Außersich,
weil es totales Bestimmen, seine Totalität die Bestimmtheit und seine Bestimmtheit die Totalität ist.

 

Darum haben wir Entdecker dieses Gedankens das Eins sogleich als die Atome,
und darum nicht nur als die Atome, sondern als die Atome und das Leere
- die Negativität des Eins, die ich Nichts-Anderes nenne - ausgesprochen,
denn die Atome bedeutet nur: jenes Nichts-Anderes als realisiertes,
oder in der Sprache Leukipps: das Leere, als erfülltes.

Jedoch haben sie noch nicht die Einsicht in die Genesis des Eins
und somit auch noch nicht den Begriff desselben, den Begriff des Einen Eins gehabt.

Weil ihnen das Eins in seinem Ursprunge, das Eins als der springende Punkt seiner selbst nicht offenbar gewesen,
so wissen sie das Leere, obwohl sie die Bewegung in dasselbe setzen,
doch nicht als das Prinzip, als den Ursprung der Vielen, zu verwirklichen;
und darum auch fassen sie die Negativität des Eins in der selbst noch sinnlichen Form des Leeren.

So ist das Eins nur erst da für sie; und so ist es als Vieles.

Das es nur ist als sein Vieles, das ist ihre Voraussetzung.

Vom Vielen gehen sie aus, denn als Vieles wird das Eins gefunden
- weil es in Wahrheit nur kraft des Vielen sich selbst erfindet als sein Fürsichsein, als Ein Eins -
aber vom vielen Eins, das heißt: von den Vielen mit der Bestimmung, das jedes derselben die Totalität ist.

- Als Eins, wie wir gesehen haben, verschwindet das Fürsichsein in Sein.

Sein ist Dasein; aber noch nicht sein Dasein, Dasein für es; erst als Fürsichsein ist es das.

Nur die Totalität ist, und sie ist nur als ihr eigenes Werden, als Fürsichsein.

Eins ist wohl die Totalität, aber als einfaches Eins ist es diese in Form des Resultats, der Unmittelbarkeit, des Seins.

Als Totalität wird es zum Dasein
- aber aus dem Sein zum Dasein geworden, ist es noch nicht die Totalität für sich, die in sich erinnerte;
sondern vielmehr die in ihr Etwas und ihr Anderes entäußerte,
die um ihres zwiefachen nur erst entzweiten Seins willen selbst noch seiende,
als Zwiespalt und Widerspruch erscheinende Totalität.

In dieser Form findet sich der Gedanke des Eins bei den alten Atomikern
- weil er unmittelbar in ihrem Denken, weil er der Umfang ihres Denkens ist,
weil sie aus diesem Einen Gedanken philosophieren, und nicht aus dem Inbegriff der Idee.

Wie sie ihn einerseits nicht als das Produkt des Prozesses, des Prozesses der Qualität, begreifen,
so erkennen sie andererseits nicht sein Verhältnis zum Organismus der Idee, seine Währung im Absoluten.

Diese Erkenntnis hebt an mit dem Wissen, daß Eins nur ist als Ein Eins, d. h. mit seiner Idealität.

Erst als diese ist Eins in seinem Begriffe.

Um diese Klarheit des Eins, die den Maßstab desselben ausmacht, zu wissen,
ist den ersten Entdeckern dieses Gedankens nicht beschieden gewesen.

Weder, woher er kommt, noch wohin er geht, haben sie anzugeben vermocht.

 

So erscheint in ihrer Darstellung das Eins nur in seiner Realität, als das daseiende Viele,
d. h. in Wahrheit, nicht als Eins; denn Eins heißt: Ein Eins.

Jedes der Vielen soll in spröder Unauflöslichkeit nur für sich sein ohne die anderen und außer denselben.

Sich nur ausschließend zu verhalten, gar nicht zu sein für einander,
das soll ihr Wesen, Anderssein soll durchaus in keiner Weise sein.

Sie sind wohl äußerlich vorhanden gegen einander als Etwas und Anderes;
aber als Etwas und Anderes ohne den Begriff der Grenze, d. h. als völlig gleichgültige, also nicht als andere
- ihre Grenze, das Leere, soll sie nur abscheiden von einander - also ist jedes nur für sich als Etwas;
aber eben darum in der Tat auch nicht einmal als Etwas,
denn Etwas ist nur in Beziehung auf das Andere, ist nur in der Grenze und nicht außerhalb derselben Etwas.

 

Darum werden sie, solchergestalt fixiert, zu seienden;
denn ein Dasein ohne Anderssein ist weder Dasein noch Fürsichsein, sondern nur Sein;
und so wird das Leere, ihr eigentliches Werden, zum seienden Nichts
- die Grenze als Quell der Bewegung zum Zerrbild eines sinnlichen Vacuums,
in welchem der Zufall die Atome zusammen bringen soll, nicht für einander,
sondern ihnen selbst äußerlich, ihnen die die Prinzipien sind
und sich als schlechthin einfache wieder lösen von dieser ihnen gleichgültigen Verbindung,
in welche sie dennoch geraten.

 

Weil jedes als Eins die Totalität ist, soll es nur es selber, zugleich aber sollen endlos viele Eins sein.

Einerseits soll die Einheit, die Einheit der Eins, nur zufällig, nur unwesentlich
- andererseits soll sie, als Einheit des Eins an ihm selber, das Wesentliche und Absolute,
Eins soll nur Eins sein und nicht Vieles - und doch ist gerade das Viele, die Atome, das Prinzip.

Für Eins soll das Eins-Sein und nicht die Vielheit,
und für die Vielen die Vielheit und nicht das Eins-Sein das Wahrhafte sein.

Dennoch aber sollen beide sein, das Eins sowohl als die Vielen

Welches ist nun das Absolute?

 

Dieser Widerspruch, unaufgelöst, wie ihn Leukipp und Demokrit und Epikur gelassen,
hat wesentlich mit beigetragen zu der ironischen Verkehrung,
die das unsinnliche Eins, schon bei den Alten selber,
im vollsten Maße aber bei den neueren Atomistikern zu erfahren gehabt;
- bei den neueren, welche die Atome zu kleinen Körpern stempelnd, sich rühmen können,
an dieser Kategorie die Fähigkeit, den Gedanken ins Gedankenlose zu verkehren, zur Genüge bewiesen zu haben.

- Den weitverbreiteten Kredit, den das atomistische Prinzip sich gewonnen,
verdankt es hauptsächlich der Bequemlichkeit, mit der es sich mißbrauchen läßt.

Aus dem Begriffe des qualitativ-Unendlichen entspringend als ein Rätselwort,
dessen totale Auflösung erst das Maß und auch das Maß erst als die Reflexion ist
- als das Rätselwort desjenigen, welches das Wesen des Seins heißt -
ist seine Geistigkeit so abstrakter Art, das durch eine Berührung der Extreme der gemeine Verstand
das ihm am fernsten Liegende wunderlicherweise für sein Nächstes angesehen
und gerade an der unsinnlichen Selbständigkeit des Eins ein metaphysisches Prinzip
- denn einer Metaphysik nach seinem Geschmacke mag auch er nicht entbehren -
für seine Lieblingsvorstellung zu finden gemeint, für die begrifflose Zusammensetzung des Sinnlichen.

 

 

 



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