Hegels logische Kernstruktur
Vortrag beim Internationalen Arbeitskreis zu Hegels Naturphilosophie TU Kaiserslautern

Dr. Georg Werckmeister

2010 11 21

Philosophie ist nach dem hier vertretenen Verständnis das Streben nach Wahrheit. Das ist eine andere Auffassung als die wörtliche Übersetzung „Liebe zur Weisheit“ oder auch das heute verbreitete Philosophieren als das Kennenlernen von Positionen verschiedener Philosophen. Die Suche nach Wahrheit über zwei Jahrtausende abendländischer Geschichte – nicht gerechnet die davor liegende morgenländische und asiatische Philosophiegeschichte – hat bei Hegel zu einer Synthese all der vor ihm liegenden Philosophien geführt, die den Anspruch auf Wahrheit erhebt. Leider hat er dies aber in so trüber, unverständlicher Weise abgefasst, dass es weitgehend unverstanden geblieben ist. Es habe ihn nur ein einziger Mensch verstanden, aber der habe ihn missverstanden, soll er gesagt haben. Dass es bis heute weitgehend an einem Verständnis seines Werkes fehlt, liegt aber auch daran, dass die meisten Philosophen sich lieber mit den noch halbwegs verständlichen Inhalten beschäftigen, aber nicht mit der Form, auf die es ihm ganz wesentlich ankommt. Marx, der allerdings Hegel auch nicht verstanden hat, kritisiert das als die „brutale Interessiertheit für den Stoff.“ Für uns ist es ganz fremdartig, was Hegel unter der „Form“ verstanden hat; wir müssen es aber wissen, wenn wir mit seinem Gedankengebäude irgendetwas anfangen wollen. Dabei kann uns aber Kant helfen; denn der hat unter „Form“ die Form des Satzes oder Urteils verstanden, in der sich seiner Meinung nach – die wir noch näher kennenlernen werden -  alles Denken abspielt. Wenn wir also sagen oder denken „Die Rose ist rot“, dann ist das die Form des Denkens.

Weil Hegel aber diese zweigliedrige Form des Urteils oder Satzes zu einer dreigliedrigen Form weitergeführt hat, ist für ihn „die Form“ der aus drei Elementen bestehende Begriff geworden, der das Allgemeine, das Besondere und das Einzelne umfasst, wohingegen das Kantische Urteil „Die Rose ist rot“ nur aussagt: „Das Einzelne ist allgemein“, also nur zwei Seiten enthält.

Für Hegel sind hingegen die Grundbausteine des Denkens

Sie bilden gemeinsam den Begriff und werden Begriffsmomente oder –elemente genannt. Unser alltagssprachlicher Begriff umfasst dagegen nur das Allgemeine, ohne das Besondere und Einzelne. Das Allgemeine, z.B. der Begriff „Stuhl“, enthält alle Stühle dieser Welt in sich; aber deshalb kann er nicht alle beliebigen Besonderheiten der verschiedenen Stühle enthalten, ob sie sie braun oder gelb, aus Holz oder Eisen sind, gepolstert oder nicht, sondern nur die wesentlichen: vier (oder drei oder fünf) Beine, eine Sitzfläche und eine Lehne, damit man darauf sitzen kann. Der einzelne Stuhl hingegen hat darüber hinaus eine unübersehbare Fülle von Eigenschaften: Größe, Gewicht, Material, Farbe, Preis, Herstellungsort, Alter, Schönheit, Bequemlichkeit und eine riesige Anzahl von Molekülen, Atomen und Quarks. Wenn wir ihn also sehen und denken „Das ist ein Stuhl“, dann abstrahieren wir aus dieser Fülle die wenigen wesentlichen Bestimmungen heraus und schließen daraus auf seine allgemeine Natur. Wir schließen vom Einzelnen über das Besondere auf das Allgemeine. Hegel hat dafür Abkürzungen verwendet und nennt diesen Schluss E – B – A.

Die Lehre von den Schlüssen wurde schon von Aristoteles ausgearbeitet. Von ihm stammt auch die Bezeichnung ihrer Aussenpositionen als Extreme. Das erklärt sich so: Das Einzelne ist nur eins, hat also den kleinsten Umfang, während das Allgemeine, das alles umfasst, den größten Umfang hat. Sie bilden deshalb die Extreme vom Kleinsten zum Grössten, während das Besondere in der Mitte steht und zwischen ihnen vermittelt. Allerdings hat Hegel herausgefunden, dass es sich ausserdem auch genau entgegengesetzt verhält: Das Allgemeine hat den kleinsten Umfang an Begriffsmerkmalen, während das Einzelne den grössten hat. Darauf beruht die Dialektik, dass jedes sein eigenes Gegenteil ist und deshalb immer eins ins andere übergehen muss.

Das Verhältnis des Allgemeinen zum Einzelnen ist auch das des Ganzen zu seinen Teilen, der Einheit zur Mannigfaltigkeit, des Einen zu den Vielen oder des Systems zu seinen Elementen. Hegels System erfüllt deshalb auch die Anforderungen, die an eine Systemtheorie zu stellen sind. Das Spezifische bei ihm ist, dass das Ganze mit seinen Teilen nicht unmittelbar zusammenhängt, sondern durch eine Vermittlung.

Er hat ja, wie gesagt, nicht alles in seinem System selbst erfunden, sondern eine Synthese der Philosophiegeschichte bis zu seiner Zeit geschaffen – so zumindest sein Anspruch. Den Begriff und die Begriffsmomente hat er von Kant übernommen. Dieser hatte ein neues System der Denkbestimmungen oder Kategorien aufgestellt, die von Aristoteles überkommen, aber nach Kants Meinung nur so aufgerafft waren, wie sie dem Aristoteles aufstiessen. Es waren die folgenden:

Das ist für jeden von uns von großer Wichtigkeit; sind es doch die grundlegenden Denkwerkzeuge, die wir in jedem Augenblick unseres Lebens bewusst oder unbewusst benutzen.

Kant hat sie nun grundlegend überarbeitet und in ein System gebracht, das – in halbwegs verständlichen Worten formuliert – folgendermassen aussieht:

Kants Kategorientafel

Quantität Qualität Relation Modalität
1 eins Realität (ja/existiert) Substanz und Eigenschaften Möglichkeit
2 viele Negation (nein/existiert nicht) Ursache und Wirkung Wirklichkeit
3 alle Grenze Wechselwirkung zwischen Aktivem und Passivem Notwendigkeit

Die Kategorien hat Kant von den Urteilen abgeleitet, weil nach seiner Auffassung alles Denken in Urteilen stattfindet. In einem Urteil wie „Die Rose ist rot“ oder „Der Angeklagte ist ein Dieb“ werden zwei Größen gedanklich miteinander verknüpft. Wir haben schon  gesehen, dass Hegel kritisch darüber hinausgeht und im Schluss drei Elemente miteinander verknüpft. Die Urteilstafel ist nahezu identisch aufgebaut wie die Kategorientafel:

Kants Urteilstafel

Quantität der Urteile Qualität Relation Modalität
1 Algemeine Bejahende Kategorische (etwas gehört einer Art an) Möglichkeit
2 Besondere Verneinende Hypothetische (wenn – dann: Kausalität) Wirklichkeit
3 Einzelne Unendliche Disjunktive (Einteilung) Notwendigkeit

Hier sehen wir nun an erster Stelle die später bei Hegel so grundlegenden Elemente Allgemeinheit, Besonderheit und Einzelheit. Hegel hat die gesamte Urteilstafel fast unverändert übernommen, mit einer Ausnahme: er hat die Qualität an die erste Stelle gesetzt und die Quantität an die zweite, und er hat den Überschriften in der ersten Zeile andere Bezeichnungen gegeben:

Hegels Schema der Urteile

Urteile des Daseins Urteile der Reflexion Urteile der Notwendigkeit Urteile des Begriffs
1 Bejahende Algemeine Kategorische (etwas gehört einer Art an) Möglichkeit
2 Verneinende Besondere Hypothetische (wenn – dann: Kausalität) Wirklichkeit
3 Unendliche Einzelne Disjunktive (Einteilung) Notwendigkeit

Die natürlich sehr tiefsinnige Bedeutung dieser neuen Bezeichnungen erörtern wir jetzt nicht. Wichtig ist, dass Hegel das zweiseitige Urteil noch als eine sehr unzulängliche Form der Erkenntnis ansieht. In ihm stehen die beiden Seiten einander fremd gegenüber. Durch die Kopula (das Verbindungsglied) „ist“ sind sie nicht so sehr verbunden als getrennt. Das Ur-teil ist für Hegel nach dem damals geltenden etymologischen Verständnis eine ursprüngliche Teilung. Deshalb steht das Urteil für Zerrissenheit und Entfremdung. Das ist von ungeheurer Tragweite nicht nur für die Philosophie geworden, sondern auch für die Geschichte und die Politik. Im Tiefsten geht die Entfremdung schon auf Descartes zurück, der mit seinem „Cogito, ergo sum“ (Ich denke, also bin ich) die Grundlage für das neuzeitliche Denken zum Ausdruck brachte. Das bedeutete: Das Einzige, dessen ich mir sicher sein kann, ist mein eigenes Denken (und Zweifeln); die Welt um mich her ist mir nicht gewiss, denn meine Wahrnehmungen können auf Sinnestäuschungen beruhen. Damit war der Zwiespalt zwischen Ich und Welt, der res cogitans und der res extensa (dem denkenden und dem ausgedehnten Ding) schon angelegt. Gerade die Ungewissheit über die umgebende Welt bildete dann den Stachel für die unerhörte Entfaltung der Naturwissenschaften. Man wollte wissen, wie denn diese Welt nun beschaffen ist. Es war wesentlich Rousseau, der die Analyse der Entfremdung des modernen Menschen lieferte, die dann von Schiller, Hegel und Marx aufgegriffen wurde. Durch die Fortschritte von Wissenschaft und Technik sei der einzelne Mensch spezialisiert und in seinen Fähigkeiten verkümmert. Nicht zuletzt deshalb war es ein wesentliches Motiv von Schillers Freiheitspathos, sich eine andere Welt als die bestehende vorstellen zu dürfen. Man kann sich heute schwer vorstellen, wie diese feinfühligen Intellektuellen unter dem von ihnen empfundenen Zwiespalt zwischen Ich und Welt litten. Manche führen es gar darauf zurück, dass Hölderlin dem Wahnsinn verfiel. Er war Anhänger der Versöhnungsphilosophie, die gerade diesen Zwiespalt versöhnen sollte. Er reiste eigens mit seinem Freund Sinclair zu Hegel nach Frankfurt, um ihm das Anliegen der Versöhnung für seine philosophischen Bemühungen aufzunötigen – mit Erfolg. Denn Hegel hat mit der Denkfigur des Schlusses die Vermittlung zwischen den beiden entgegengesetzten Instanzen des Urteils zur Geltung gebracht. Zwischen dem Einzelnen und dem Allgemeinen vermittelt das Besondere. Damit schuf er die logisch-philosophische Grundlage für die Versöhnung mit der Welt, während Fichte in seinem „praktischen Idealismus“ postulierte: das Ich setzt das Nicht-Ich frei und unbedingt aus sich selbst heraus, es schafft sich also seine Welt nach eigenem Gutdünken. Auch Schelling forderte eine systemverändernde Praxis, die das Gebäude der logischen Notwendigkeit durchbrechen müsse. Friedrich Engels hat bei ihm Vorlesungen gehört. Für Novalis sollte ein Machtwort des Philosophen eine andere Welt an die Stelle der bloß zu erklärenden setzen. Er litt an dem Ungenügen, dass die Philosophen die Welt nur erklären, aber nicht verändern können, ganz wie es Marx dann in seiner Feuerbach-These formulierte. Marx wandte sich mit großer Schärfe gegen Hegels Denkfigur der Vermittlung und hielt an der Entzweiung und Entfremdung fest, die nur zum Klassenkampf führen könne. Dieses Machtwort eines Philosophen gipfelte schliesslich in der Oktoberrevolution und der dagegen gerichteten Konterrevolution des Faschismus.

Mit diesem Hintergrund erkennen wir besser, was es bedeutete, wenn Hegel nun auch ein Schema der Schlüsse aufstellte. Es folgt immer noch der Systematik von Kants Urteils- und Kategorientafel, nur dass ihm die vierte Ebene fehlt.

Hegels Schema der Schlüsse

Schlüsse des Daseins Schlüsse der Reflexion Schlüsse der Notwendigkeit
1 ​1. Figur (des Aristoteles) Allheit Kategorisch
2 2. Figur Induktion Hypothetisch
3 3. Figur Analogie Disjunktive

Ein Schluss funktioniert folgendermassen:

1. Sokrates ist ein Mensch       : der einzelne ist etwas Besonderes
2. Alle Menschen sind sterblich   : die Besonderen sind allgemein
3. Also ist Sokrates sterblich    : also ist Sokrates allgemein

Hegel kürzt die Elemente der Schlüsse (die „Begriffsmomente“) auch ab, und zwar E, B und A. Der Schluss hat dann die Form E – B – A, das bedeutet: es wird vom Einzelnen über das Besondere auf das Allgemeine geschlossen. Schon Kant bemerkte, dass mit einem solch einfachen Schluss das Einzelne in Beziehung zum Ganzen gesetzt wird. Mit diesem Schluss – es gibt noch viele andere – wird ein Denkprozess beschrieben; wir sind es, die dem Subjekt Sokrates das Prädikat Mensch beilegen, und dem Menschen das Prädikat sterblich. Die Schlüsse beschreiben aber nach Hegels Auffassung nicht nur Gedanken und Aussagen, sondern auch reale Entwicklungen. Ein solcher realer Prozess ist die Entstehung und Entwicklung der Welt, die Hegel in folgendem einfachen Schema zusammenfasst: Aus der ursprünglich schon vorhandenen logischen, virtuellen Struktur des Begriffs, dem Logos, ist die Welt, das materielle Universum, die Natur entstanden. Der Logos ist das Allgemeine, die Natur das Besondere. Aus der Natur geht der Geist hervor, also der Mensch, der das Einzelne repräsentiert. Der Schluss lautet mithin A – B – E: Das Allgemeine, das potentiell („an sich“) die ganze Vielfalt schon in sich enthält, besondert sich in die Mannigfaltigkeit der erscheinenden Welt, die auch gleichzeitig Tätigkeit und Prozess ist. Die Natur ist aber ein zerstreutes Aussereinander, dem der innere Zusammenhang fehlt. Deshalb muss es den Geist hervorbringen, der diesen Zusammenhang, der ja im Logos „an sich“ schon angelegt war, wieder herstellt, indem er die Natur erkennt und nach seinem Konzept gestaltet. Im Geist, im Einzelnen, schliessen sich das zerstreute Aussereinander und der in der Natur verborgene Logos zusammen, so dass A, B und E eine Einheit bilden. Das ist der Grundprozess der Dialektik: Das ursprüngliche, einfache Allgemeine tritt in die Vielfalt, die Besonderheit, auseinander und schliesst sich mit sich selbst wieder zum Einzelnen zusammen; denn das Einzelne ist wegen der Fülle seiner Bestimmungen auch wieder allgemein. So kehrt das Allgemeine zu sich zurück; deshalb ist die Dialektik ein Kreislauf.

Wie kommt dieser Prozess aber überhaupt in Gang? Was ist der Ursprung der Bewegung? Jedes Element hat den Mangel, nicht das Ganze zu sein; deshalb strebt es danach, sich mit dem Anderen, dem Ganzen zusammenzuschließen. Dieser Mangel ist eine Negation, eine Verneinung. Eines der anschaulichsten Beispiele für eine Negation ist der Hunger: Der Hunger vernichtet, negiert uns, und zwar in kürzester Zeit, wenn er nicht gestillt wird. Noch schneller vernichtet uns der Durst oder der Mangel an Atemluft. Diese Vernichtung ist nicht etwas, was uns von aussen, von einer feindlichen Macht angetan würde, sondern wir haben sie an uns. Das Essen, das Atmen, das Trinken sind nun aber eine Negation der Negation. Die zweite Negation hebt die erste auf, und nur dadurch können wir existieren. Unser Bestehen, die Affirmation, die Bestätigung unserer Existenz, kommt nur durch die zweimalige Negation zustande.

Dies ist aber nur eine Bewegungsrichtung, nämlich vom Teil zum Ganzen, vom Einzelnen zum Allgemeinen. Aber auch umgekehrt strebt das Ganze danach, sich zu partikularisieren, zu besondern, weil das Allgemeine „an sich“, der Möglichkeit nach, das Besondere und Einzelne schon in sich enthält. Aus diesem Grunde muss es diese Möglichkeit zur Wirklichkeit machen, realisieren. Die erste Stufe wird das „An sich“ genannt, die zweite, das Auseinanderlegen heisst „für sich“, weil hier alles getrennt von einander, für sich besteht, und die dritte, der Zusammenschluss der drei Elemente, in dem die Bewegung ihr Ziel erreicht, ist das „An und für sich“. Eine populäre Fassung dieser drei Stufen ist These – Antithese – Synthese. In diesen Bewegungen strebt jedes dazu, das Andere, sein eigenes Gegenteil zu werden, weil es an sich schon das andere ist. Daraus erklärt sich die sonst schwer nachvollziehbare Auffassung Hegels, dass nur der Widerspruch Wahrheit hat, während Widerspruchsfreiheit Unwahrheit bedeutet – natürlich völlig im Widerspruch zu den vor ihm und nach ihm gängigen Auffassungen, auch der heutigen Zeit. Wir kennen dies als eine Grundaussage der Dialektik: Alles ist widersprüchlich. Daraus begründet sich auch, warum alles in Bewegung ist, Prozess ist, Veränderung, sich ständig in (sein) anderes verwandelt.

Diese Dreistufigkeit vollzieht sich auch in der Entwicklung vom Begriff über das Urteil zum Schluss. Im Begriff ist alles, das Allgemeine, Besondere und Einzelne, noch unentfaltet beisammen. Im Urteil entfaltet es sich in zwei Seiten: Die Rose ist rot, Subjekt und Prädikat. Unser normales Denken ist über diese Stufe noch nicht hinausgekommen. Hegel nennt das Reflexion: Wir reflektieren, räsonieren über eine Welt, die wir als uns fremd gegenüberstehend empfinden, die berühmte Entfremdung, ohne zu bemerken, dass der Gegenstand, den wir betrachten, ein Teil von uns ist, weil wir ihn ja durch unser Denken in uns aufgenommen haben. Wir haben ihn verändert, haben ihn zu etwas ganz anderem gemacht, als er war, nämlich aus einem Ding in einen Gedanken verwandelt. Im Englischen sind thing und think sprachlich noch näher verwandt. Die Entfremdung, die Zweiseitigkeit und Zerrissenheit des Ur-Teils, der „ursprünglichen Teilung“, wird erst durch den Schluss überwunden, weil dort zwischen die zwei entfremdeten Glieder ein drittes tritt, zwischen ihnen vermittelt und sie versöhnt. Auch die Subjekt-Objekt-Spaltung, unter der Hölderlin so sehr litt, wird dadurch überwunden.

Es ist allerdings sehr erstaunlich zu sehen, welches dieses dritte, vermittelnde Glied ist. Wo soll es überhaupt herkommen? Wir haben ja schon gesehen, dass zwischen den Extremen, dem Allgemeinen und dem Einzelnen, dem Größten und dem Kleinsten, noch etwas in der Mitte steht, nämlich das Besondere. Zwischen der Gesamtheit, die alles umfasst, und dem Einzelnen, das nur ein einziges ist, gibt es auch die vielen, es gibt einige, manche, die meisten usw. Deshalb steht in dem Schluss A – B – E das Besondere in der Mitte, ebenso wie im Schluss E – B – A.  Das eigentlich Raffinierte und Überraschende ist jetzt aber, dass auch A und E in die Mitte treten können. Sie wechseln miteinander die Stelle. Wenn es zunächst A – B – E hieß, so tritt als nächstes E in die Mitte: B – E – A, und schließlich bildet A die Mitte: E – A – B. Schreibt man das untereinander, so ergibt sich folgende Reihung:

Das nennt Hegel den dreifachen oder absoluten Schluss, und der beschreibt in abstrakt-logischer Form die Entwicklung der Welt (der Objektivität). Indem immer eines zwischen die beiden anderen tritt, wird nichts von außen bestimmt, sondern es bestimmt sich selbst; deshalb ist die Entwicklung der Welt auf Selbstbestimmung und Freiheit gerichtet. Jedes entwickelt sich zu dem, was es an sich schon ist. Das begründet die Übereinstimmung mit sich selbst, die zur Harmonie führt. Jeder Schluss ist durch sein Mittelglied begründet, also nicht willkürlich einfach so gesetzt wie das Urteil mit seinen auseinandergetretenen zwei Seiten. Diese Entfremdung wird durch den Wieder-Zusammenschluss der zwei getrennten Seiten überwunden und versöhnt. Weil jedes seine Begründung, seinen Grund hat, ist es vernünftig. Darin liegt die tiefste Wurzel für die Vernunft.

Jedes Element, jedes Begriffsmoment (A, B und E) ist „an sich“ auch schon die anderen. Nur deshalb kann es auch „für sich“ und „an und für sich“ die anderen werden. Das funktioniert nun auf eine recht komplizierte Weise. In dem erwähnten dreifachen Schluss sind die Elemente auf der ersten Stufe noch einfach; auf der zweiten Stufe doppelt und auf der dritten dreifach:

E B A
AE EB BA
BAE AEB EBA

Dies kommt dadurch zustande, dass nicht nur jedes Element eine logische Bedeutung hat, sondern auch die Stelle, an der es steht. Die erste Stelle ist die der Einzelheit. Wenn nun A an die erste Stelle tritt, verbindet es sich mit E zu AE, und der Rest verläuft entsprechend. Am Schluss hat sich jedes Moment um die beiden anderen angereichert und enthält sie dadurch alle drei. Das ist jedesmal das eigentliche Ziel der Entwicklung, dass etwas nicht so einfach, unentwickelt und abstrakt bleibt, wie es am Anfang ist, sondern sich zur konkreten Fülle und Mannigfaltigkeit entfaltet und entwickelt, die aber in einer Einheit zusammengehalten ist. Diese Stufenfolge durchläuft auch Hegels Logik: Am Anfang steht der Begriff, der einfach ist. Dann entfaltet er sich in das Urteil, das zwei Seiten hat, und schließlich in den Schluss mit seinen drei Seiten. Das ist der berühmte Hegelsche Dreischritt, der eben nicht so einfach ist wie „These – Antithese – Synthese“.

An einem sehr grundlegenden Beispiel lässt sich das verdeutlichen. Hegel hat in einem seiner wichtigsten absoluten Schlüsse, wie schon gezeigt, die Entstehung und Entwicklung der Welt aus der logischen Idee über die Natur zum Geist logisch nachgezeichnet. Auf der ersten Stufe entsteht aus dem Logos das materielle Universum und daraus der Mensch mit seinem Geist:

Auf der zweiten Stufe tritt der Geist, der Mensch, der zuvor der Endpunkt und das Resultat der Entwicklung war, in die Mitte und vermittelt zwischen Natur und Logos:

Er erkennt mit Hilfe seines (logischen) Denkens die Natur und macht aus ihr ein vernünftiges, seinen Bedürfnissen entsprechendes System.

Im dritten Entwicklungsschritt – den wir vermutlich noch vor uns haben – tritt der Logos in die Mitte:

Hier eignet sich der Geist (der Mensch) die Logik an, die jetzt vor allem Wissenschaft ist und als Naturwissenschaft die Gesetze der Natur aufdeckt, aber insbesondere als Philosophie in der mittleren, vermittelnden Position das Bewusstsein darüber schafft, dass der Mensch die in der Welt, der Natur herrschende Vernunft erkannt und zur Realität gebracht hat. Die Philosophie, die jetzt als Allgemeines in der Mitte steht und so die anderen Momente übergreift, ist die Metawissenschaft für die Einzelwissenschaften. Hegel nennt diesen Schluss deshalb den Schluss der philosophischen Wissenschaft, was zu dem Missverständnis geführt hat, die in ihm enthaltenen drei Schlüsse würden das Gesamtsystem der Hegelschen Philosophie abbilden. Insgesamt stellt er sich wie folgt dar:

Logos – Natur – Geist A – B – E
Natur – Geist – Logos  B – E – A
Geist – Logos – Natur  E – A – B

Dies ist das Grundschema, sozusagen eine Weltformel, nach der auch andere Sachverhalte strukturiert sind. Von diesen sollen nachfolgend nur noch einige im Überblick dargestellt werden.

Der Schluss der Religion ist ganz ähnlich aufgebaut wie der der Philosophie, weil die Religion dieselbe Wahrheit wiedergibt, nur in der Form der Vorstellung statt des Gedankens. Gott vertritt hier die Stelle des Logos, der ja bekanntlich im Johannes-Evangelium als Anfang von allem bezeichnet wird: Am Anfang war der Logos, was allerdings meist übersetzt wird mit „Am Anfang war das Wort“. Gott hat die Welt geschaffen und Christus in die Welt entsandt, um sie zu erlösen; Welt und Christus vertreten die Besonderheit. Der Geist, der Mensch, ist auch hier das logische Moment der Einzelheit; er kehrt, wenn der Heilige Geist über ihn kommt, in Anbetung zu Gott zurück.

Vater – Sohn – Geist  A – B – E
Natur – Geist – Gott    B – E – A
Geist – Gott – Sohn   E – A – B

Am Ende der Subjektivität geht Hegel, wenn die logische Struktur der Schlüsse und damit des Begriffs voll entwickelt ist, zur Objektivität über. Offensichtlich konnte das materielle Universum erst entstehen, als die logische Struktur bereitstand. So beginnt auch die Objektivität wieder mit dem Einfachsten, Abstrakten, Unentfalteten, und das ist der Mechanismus. Mechanisch nennen wir ein Verfahren oder eine Denkweise, die noch sehr äußerlich und schematisch ist, die einen Gegenstand noch nicht durchdrungen hat. So ist das erste Auftreten dieser logischen Stufe das Sonnensystem oder die Himmelsmechanik, in der die einzelnen Objekte einander noch vollkommen äußerlich sind. Die Sonne ist das Allgemeine, der Mond (die Trabanten) das Besondere und die Erde das Einzelne:

Trabanten – Planeten – Sonne      E – B – A
Sonne – Trabanten – Planeten   A – E – B
Planeten – Sonne – Trabanten  B – A – E

Am Schluss der Entwicklung steht die Sonne als das Zentrum des Sonnensystems in der Mitte des Schlusses.

Der Staat bzw. die Gesellschaft funktionieren nach demselben logischen Schema, wobei Hegels „System der Bedürfnisse“ hier mit „Wirtschaft“ übersetzt ist:

Individuum – Wirtschaft – Gesellschaft  E – B – A
Gesellschaft – Individuum – Wirtschaft    A – E – B
Wirtschaft – Staat – Individuum B – A – E

Wenn diese logische Stufe durchlaufen ist, sind die Objekte in ein Spannungsverhältnis zueinander getreten. Immer geht es um das Verhältnis des Ganzen zu seinen Elementen oder Teilen. Daraus ergibt sich die nächste logische Stufe, die Hegel den Chemismus nennt. Hier stehen die Elemente in einem Spannungsverhältnis; sie streben zueinander, aber anders als im Sonnensystem, wo es zur Katastrophe führen würde, können sie das in der Chemie auch verwirklichen. Sie haben das Bestreben, ihre Einseitigkeit aufzuheben und sich auch in der Realität zu dem Ganzen zu machen, das sie ihrem Begriff nach schon sind. Das geschieht so, dass sich ein neutraler Stoff differenziert (A besondert sich in B) und diese differenten Produkte sich zu einem anderen Neutralen, dem Produkt, durch Reduktion vereinigen.

Neutraler Ausgangsstoff – differente Stoffe – neutrales Produkt   A – B – E
Differente Stoffe – neutrales Produkt – Ganzes              B – E – A
Produkt – Ganzes – differente Stoffe E – A – B

Es ist nicht so, wie häufig angenommen wird, dass Hegel keine Ahnung von der Chemie seiner Zeit hatte, die ja vor allem durch Lavoisier ihre heute noch gültigen Grundlagen erhalten hat; im Gegenteil, er kannte den Forschungsstand sehr gründlich. Es handelt sich aber nicht nur um Aussagen über die Chemie, sondern ein grundlegendes logisches Verhältnis, das auch für ganz andere Bereiche Gültigkeit beansprucht, so für das Verhältnis von Personen zueinander, etwa in Liebe, Freundschaft, das Geschlechtsverhältnis, aber auch die Sprache. Auch das Geschlechtsverhältnis ist nach der Logik des Begriffs strukturiert; die Frau ist das Allgemeine, die das Besondere (den Mann) und das Einzelne (das Kind) in sich schließt, während der Mann von sich wegstrebt.

Frau    Allgemeinheit
Mann    Besonderheit
Kind  Einzelheit

Bis hierher ist der Mangel im Verhältnis der Gegenstände zueinander, dass sie noch verschieden sind und bleiben. Erst im nächsten Schritt kommt es dahin, dass sie sowohl verschieden als auch identisch sind, dass eins das andere ist, das es selbst ist. Dies Verhältnis ist der Zweck oder die Teleologie. Hier wird ein Zweck gesetzt, der zunächst eine reine Absicht ist, also noch keinerlei materielle Realität besitzt, der sich aber selbst in Gang setzt, indem er die Tätigkeit aufnimmt, die den Zweck realisieren soll, und die dafür notwendigen Mittel bereitstellt, und schließlich den Zweck auch realisiert. Dann ist dasselbe erreicht, was schon am Anfang stand, nur mit dem Unterschied, dass es zu Beginn ideell war und jetzt real ist.

Zweck                   Allgemeinheit
Tätigkeit und Mittel    Besonderheit
Produkt Einzelheit

Etwas ausdifferenziert stellt sich der Zusammenhang etwa wie im folgenden Bild dar:

Die Zahlenwerte sind rein datentechnischbedingt und sind zu vernachlässigen.

Wieder schließt sich eine weit höhere logische Stufe an, das Leben. Hier sind die einzelnen Elemente in einer organischen Einheit so zusammengeschlossen, das eines nicht ohne die anderen existieren kann; wenn die Hand abgehackt wird, hört sie auf, eine Hand zu sein. Dementsprechend ist die logische Struktur wesentlich komplexer; sie besteht aus den drei absoluten Schlüssen des

Auf diesen elementaren Bereichen beruht ja auch das Leben; es ist aber weit mehr als die Summe seiner Elemente. Das Leben, und zwar das pflanzliche und das tierische, reproduziert ständig sich selbst; die Pflanze entsteht aus dem Samenkorn, aber darin endet sie auch und beginnt wieder von vorn ein neues Individuum. Das alte aber stirbt und geht in seiner Gattung unter. Diese Unzulänglichkeit wird dadurch überwunden, dass aus dem Leben der Geist, also der denkende Mensch entsteht. Er denkt aber nicht nur, wie man das von einem idealistischen Philosophen erwarten würde, sondern er handelt vor allem. Die beste Idee nützt nichts, wenn sie nicht durch die Praxis realisiert wird – ein sehr sympathischer und oft missachteter Gedanke. Deshalb ist die Person – und sie ist der End- und Gipfelpunkt von Hegels Logik – logisch strukturiert als ein dreifacher Schluss aus Erkennen, Handeln und der Selbsterkenntnis über diesen Sachverhalt. Im Schluss des Erkennens leiten wir aus der Beobachtung einzelner Gegenstände durch Induktion allgemeine Begriffe ab, etwa aus der Tatsache, dass ein Mensch Rock und Bluse trägt, dass es sich um eine Frau handelt. Wir schließen vom Einzelnen auf etwas Allgemeines : E – A. Aus diesem Begriff können wir dann aber durch Deduktion weitere, nicht ohne weiteres sinnlich wahrnehmbare, besondere Eigenschaften ableiten: A – B. Das ist Hegels Entgegnung auf Kants Aussage, man könne das Ding-an-sich nicht erkennen, wir trügen nur unsere Begriffe an das Ding heran. Nein, wir haben sie schon vorher aus dem Ding gewonnen! Das Erkennen verläuft also als Schluss E – A – B.

Dann muss aber das für richtig Erkannte (das Gute) auch realisiert, in die Tat umgesetzt werden. Das verläuft so wie der oben beschriebene Schluss der Teleologie: Der Zweck, ein Gedanke, wird übersetzt in Tätigkeit und Mittel und dadurch realisiert im Produkt: A – B – E. Wenn man diese beiden Schlüsse untereinanderschreibt, ergibt sich ein dritter Schluss wie von selbst:

Der Mensch steht jetzt als einzelner, als Subjekt, wie es sich gehört, im Mittelpunkt und macht aus der vorausgesetzten Welt durch seine Tätigkeit etwas Vernünftiges. Eine vernünftig gestaltete Welt steht am Ende und ist das Resultat des gesamten logischen Prozesses.

Als Resumee bleibt noch, sozusagen als verallgemeinerter Extrakt aus all den logischen Schritten, die dialektische Methode. Auch sie ist als Schluss strukturiert. Das Allgemeine legt sich auseinander in seine besonderen Seiten, und diese schließen sich zum Einzelnen zusammen: A – B – E. Dadurch ist das Einzelne mit dem Allgemeinen (und umgekehrt) vermittelt. Aber A und B sind nicht vermittelt, und B und E auch nicht. Das muss aber geschehen. Deshalb vermittelt nun E zwischen A und B in dem Schluss B – E – A. Anschliessend tritt A in die Mitte zwischen E und B:  E – A – B, zusammengefasst:

Somit ist die dialektische Methode identisch mit dem absoluten Schluss.



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