Diskussion zum Grün

Hanspeter Seipp schrieb uns:

Ich habe auf Ihrer Seite den Beitrag zu Goethes Farbenlehre gesehen
(s. Empirischer Beleg für Goethes Farbenlehre)
und da ich mich schon seit einiger Zeit mit Goethescher Naturwissenschaft,
insbesondere der Optik befasse, möchte ich dazu etwas bemerken.

Dass in der Ebene A (in der Abb.) noch kein Grün, sondern in der Mitte Weiss
auftritt, ist in der einigermassen aufmerksamen Fachwelt bekannt und war
auch Newton bekannt. Der Umstand wird etwa so erklärt: Das in diesem Fall
breite, von links einfallende Lichtbündel enthält Lichtstrahlen sämtlicher
Spektralfarben, die in ihrer Mischung als weisses Licht erscheinen. Jeder
dieser Lichtstrahlen wird beim Durchgang durch das Prisma entsprechend seiner
Farbe abgelenkt (rot schwach, violett stark). Da aber im fraglichen Raumbereich
nach dem Prisma die so entstandenen Spektren wieder überlappen, ergibt sich
als Mischung aller Farben wieder Weiss, ausser an den Rändern, da dort ein
Teil der Farben fehlt. Ich habe zur Zeit die betreffenden Bücher nicht zur
Hand, doch wenn ich mich richtig erinnere, ist diese Erklärung in Newtons
Optik
zu finden.

Goethe setzt die verschiedenen Phänomene, so wie sie sich zeigen, in gegenseitige,
rein gedankliche Beziehung und führt auf diese Weise komplexere Phänomene
auf einfachere zurück, beispielsweise die "Zerlegung des weissen Lichts in
die Spektralfarben" auf die Farbränder, die beim Prismenversuch an Hell-Dunkel-Grenzen
entstehen. Newton denkt in ein Phänomen Dinge hinein, die im betreffenden
Phänomene gar nicht in Erscheinung treten, die aber trotzdem phänomenartig
oder wahrnehmungsartig gedacht sind, etwa die einzelnen farbigen Lichtstrahlen
im weissen Strahlenbündel vor dem Eintritt ins Prisma. Die Newtonsche Beweisrichtung
ist der Goetheschen entgegengesetzt: Die "Zerlegung des weissen Lichtes in
die Spektralfarben" ist ein Grundprinzip und die Farbränder an Hell-Dunkel-Grenzen
eine davon abgeleitete bzw. dadurch erklärte Erscheinung.

Die heutige Optik umfasst kompliziertere Begriffe wie Lichtwellen, Lichtquanten
usw., der erwähnte Widerspruch ist jedoch nach wie vor vorhanden: Zur Erklärung
der Erscheinungen werden unwahrnehmbare, aber gleichwohl wahrnehmungsartig
gedachte Elemente verwendet. Aus physikalischer Sicht besteht die ganze Welt
aus derartigen Objekten.

Die Entscheidung der Frage, ob Goethe oder Newton recht hat, ergibt sich
nicht allein aus der Betrachtung der Phänomene; man muss auch die wissenschaftliche
Methode, d.h. die Art und Weise, wie die Phänomene aufeinander bezogen werden,
vergleichen. Lehnt man die Verwendung unwahrnehmbarer, aber wahrnehmungsartig
gedachter Elemente als Erklärungsgrundlage ab, so steht man auf der Seite
Goethes. Man wird dann eine Theorie anstreben, welche nichts anderes enthält
als tatsächliche Phänomene und rein gedankliche Beziehungen.


In der Wissenschaft der Logik bringt Hegel das Problem auf den Punkt,
nämlich in den Anmerkungen "darüber dass es keinen Sprung in der Natur gebe".
Auf die Gefahr hin, dass ich für Sie nichts Neues sage,
wollte ich doch noch darauf hinweisen.
Das Entstehen der Farben aus weissem Licht beim Durchgang durchs Prisma ist ja ein qualitativer Sprung. Newton behandelt diesen Prozess genau so, wie es Hegel kritisiert,
ungefähr mit den Worten: "Es liegt die Vorstellung zugrunde, dass das Entstehende
schon sinnlich oder überhaupt wirklich vorhanden, nur nicht wahrnehmbar sei;
es wird damit das Entstehen und Vergehen überhaupt aufgehoben" (S.440f).

Die moderne Physik verfährt hier in dieser Hinsicht nicht anders, indem sie
die Farbzerlegung des weissen Lichtes als eine quantitative Änderung der
Ausbreitungsrichtung von Lichtwellen verschiedener Wellenlängen auffasst
und die qualitative Veränderung als bloss subjektiv ansieht. Hier liegt die
Differenz zu Goethe. Meines Erachtens wird der Unterschied zwischen Newtons
Lichttheorie und Goethes Farbenlehre oft zu sehr auf einen Streit über empirische
Fakten reduziert, wobei doch der Hauptunterschied in der wissenschaftliche
Methode liegt.

 


Grimsmann/Hansen antworten (30.09.04):

Wenn wir Newtons Erklärung, daß kurz nach dem Prisma kein Grün, sondern Weiß
und Grün erst entfernter erscheint, aus Ihrem Brief richtig verstehen,
so müßte sich die Sache ungefähr wie in Bild III dargestellt verhalten:

 

Hiernach entsteht Weiß durch Überlagerung aller Farben (A),
welche erst in einiger Entfernung auseinandertreten und so Grün als letztes erscheint (D).

Insofern werden diese Teilaspekte des Gesamtphänomens auch durch Newton erklärt.

Aber dann müßten sich auch in weiterem Abstand alle Farben auseinander sortieren (E),
was aber in Wirklichkeit nicht der Fall ist.

Die vollständigen Fakten entsprechen allein Goethes Theorie,
wonach Gelb und Blau aufkosten von Grün verschwinden.

Ferner wird Violett durch Mischung mit Gelb zu Grau und dadurch schmaler:

 

Auch das in Bild III von uns grau dargestellte Zentrum
müßte als vielfach wechselnde bunte Mischzone erscheinen,
Prismenversuche zeigen aber gleichbleibend scharfe Farbkanten von Rot/Gelb und Blau/Violett.

Unseres Erachtens nach, müßte also, um den Streit zu entscheiden,
eher mehr und vor allem genauer auf die empirischen Fakten gesehen werden.

Hegel: ' Diese Übereinstimmung mit der Erfahrung kann für einen wenigstens
äußeren Prüfstein der Wahrheit einer Philosophie angesehen werden.'     Enz1830 §6

 

Hanspeter Seipp antwortet (27.9.05) :

Die Newton'sche Erklärung für die Tatsache, dass unmittelbar hinter dem Prisma noch kein Grün, sondern Weiss zu sehen ist, verläuft nicht so, wie in Bild III dargestellt. Das von links kommende, weisse Lichtbündel müsste aus unendlich vielen ("infinitesimalen"), parallelen Lichtbündeln zusammengesetzt gedacht werden, wovon jedes beim Durchgang durch das Prisma in alle Farben aufgefächert wird. Diese nebeneinander liegenden "Farbfächer" überlagern sich so, dass auf der Projektionsfläche A im inneren Bereich des Lichtfeldes auf jeden Punkt alle Farben auftreffen und nach dem Prinzip der additiven Farbmischung Weiss ergeben. Nur am Rand des Lichtfeldes entstehen Farben, weil dort nur ein Teil der Spektralfarben zur Überlagerung kommen. Goethe bespricht diese Erklärung in ablehnender Weise (allerdings auf der Basis der subtraktiven Farbmischung) im Kommentar zu seiner Tafel IX, wobei das Lichtbündel in sieben Parallelbündel zerlegt ist.

Mir scheint es fraglich, dieses Phänomen als empirischen Beleg für Goethes Theorie zu betrachten; es wird ja von den Newtonianern - und auch von der heutigen Optik - nicht bestritten. Es ist aber gut dafür geeignet, den Unterschied zwischen den beiden Denk- und Erklärungsweisen darzulegen. Die Newton'sche Methode benutzt im Gegensatz zur Goethe'schen unbeobachtbare Erklärungselemente, d.h. Dinge, die nicht in Erscheinung treten, die man sich aber phänomenartig vorstellt. Solche Elemente sind beispielsweise die "Lichtstrahlen", aus denen das weisse Licht zusammengesetzt gedacht wird und die Farbfächer, welche aus diesen Strahlen durch Brechung im Prisma entstehen sollen, die aber doch nicht vorhanden sind, da sie sich im Moment ihres Entstehens wieder zu weissem Licht überlagern. Goethe lehnt derartige Gedankenkonstruktionen zur physikalischen Erklärung eines Phänomens grundsätzlich ab, und er hatte auch einen anderen Ansatz dafür, was "Licht" ist.

Ich möchte dies an einem anderen Sachverhalt erläutern. Betrachten wir die folgende, ziemlich allgemein formulierte Aussage:

Beim Durchgang von weissem Licht durch ein Prisma erscheinen Farben.

Diese Aussage ist aus der Goethe'schen Perspektive falsch, denn, wenn nur weisses Licht vorhanden ist, treten keinerlei Farben auf. Die entsprechende Versuchsvoraussetzung liegt beispielsweise vor in einer ganz von Schnee bedeckten Landschaft bei Nebel, wenn es zwar sehr hell ist, aber rundherum keine Konturen, keine Gegenstände und keine Schatten zu erkennen sind, sondern nur allseitige, gleichmässige, weisse Helligkeit. Hält man ein Prisma in dieses Licht, so sind keinerlei Farben festzustellen. Farben treten nur dann auf, wenn ein begrenztes Lichtbündel auf das Prisma fällt, wie etwa beim Newton'schen Versuch, bei welchem ein "Lichtzylinder" durch ein Prisma geschickt wird. Ein solcher kann beispielsweise erzeugt werden mittels Sonnenlicht, das durch eine kleine Öffnung in einen sonst dunkeln Raum fällt, oder mittels einer Lampe mit vorgesetzter Lochblende. Der Lichtzylinder ist begrenzt, d.h. er ist umgeben von Schatten bzw. Dunkelheit. Goethe argumentiert konsequent phänomenologisch, indem er sagt, dass für die Entstehung der Farben beim Prismenversuch Licht und Dunkelheit ("Finsternis") vorausgesetzt werden müssen. Die Farben entstehen stets an Hell-dunkel-Grenzen auf die in seiner Farbenlehre ausführlich dargestellte Weise, das Grün durch Überlagerung von Gelb und Blau usw. Goethe betrachtet die Dunkelheit als ein wirksames Etwas, wie Licht auch. Für Newton und seine Anhänger ist Dunkelheit bloss die Abwesenheit von Licht und das Licht eine Art Stoff, der analysiert und zerlegt werden kann und muss, um sein Wesen zu ergründen. Für Goethe zeigt sich das Wesen des Lichtes durch eine systematische Betrachtung einer geeignet gewählten Mannigfaltigkeit von Phänomenen und nicht in etwas, das sich "hinter den Phänomenen" befindet.

Das Denken in Polaritäten und das Aufzeigen des polaren Charakters vieler Farbphänomene (Licht-Finsternis, Gelb-Blau, auch Goethes "Urphänomen" ist polarer Natur) verbindet Goethe mit Hegel, in dessen Logik ja auch das Zusammenspiel eines Begriffs mit seiner Negation wesentlich ist.

 

Siehe auch:





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