Hegel als moderner Pädagoge

in: "Die Welt" 14.11.06
von: Josef Kraus
Oberstudiendirektor an einem bayerischen Gymnasium
und Präsident des Deutschen Lehrerverbandes
und u.a. Autor des Buches "Der PISA-Schwindel " http://www.lehrerverband.de/

 

Der Todestag Georg Wilhelm Friedrich Hegels jährt sich am 14. November zum 175. Mal.

Für die einen der Vollender des deutschen Idealismus,
sehen andere in ihm den Wegbereiter des Marxismus.

Wieder anderen gilt er als Musterexemplar eines ungenießbaren Philosophen.

Wenige freilich wissen, dass dieser 1770 in Stuttgart geborene
und 1831 in Berlin gestorbene Mann der berühmteste deutsche Gymnasialdirektor war.

Mithilfe seines Freundes Friedrich Immanuel Niethammer, Oberschulrat in München,
war Hegel 1808 für acht Jahre Leiter des Egidiengymnasiums in Nürnberg geworden.

Diese Schule hatte 1526 Melanchthon, der Praeceptor Germaniae und Freund Luthers, gegründet,
weshalb sie heute Melanchthongymnasium heißt.

Hegel soll als Lehrer freundlich und milde, zugleich von unbestrittener Autorität gewesen sein.

Auch die Niederungen des Schulalltags kannte er:
50 Jahre lang waren keine Schulräume mehr getüncht worden.

Toiletten gab es nicht, die Schüler mussten in Nachbarhäuser gehen.

Vor allem hat der Rektor Hegel fünf Reden zum Schuljahresabschluss
und eine philosophische Gymnasialpropädeutik hinterlassen.

Daraus und aus anderen Schriften lassen sich Elemente einer Pädagogik ableiten,
die heute, in Zeiten einer hyperaktiven schulpolitischen Innovationsrhetorik
erfreulich bodenständig erscheint.

Hegel erweist sich als Verfechter intakter Erziehungsanstalten;
er machte sich übrigens auch stark für die
Förderung begabter Schüler aus finanziell schwächeren Elternhäusern, für die er Stipendien sammelte.

Fünf pädagogische Elemente Hegels sind es gerade 2006 wert, diskutiert zu werden.

Erstens: Das A und O jeglicher Bildung ist ihm das Studium der Antike.

Wörtlich sagt Hegel über sein Gymnasium:
“Der Geist und Zweck unserer Anstalt ist die Vorbereitung zum gelehrten Studium,
und zwar eine Vorbereitung, welche auf den Grund der Griechen und Römer erbaut ist."

Dieses Studium forme nicht nur den Verstand, sondern den ganzen Menschen.

Dagegen stärke nicht jeder “nützliche Stoff" die Seele.

Überhaupt sieht Hegel Bildung als Aneignung von Welt
jenseits des Nutzens beruflicher und ökonomischer Praxis.

Wie wahr diese Überlegungen doch in einer Zeit sind,
in der sich Bildung vor allem am messbaren (Pisa-)Erfolg und am praktischen Nutzen messen lassen muss.

Zweitens: Als “ völlige Verkehrtheit" betrachtet Hegel eine Erziehung “vom Kinde aus".

Erzieher sollten sich nicht “zu dem kindischen Sinne der Schüler herunterlassen",
sondern “diese zum Ernste der Sache heraufheben".

Eine nur noch spielende Erziehung habe zur Folge,
dass der Knabe “alles mit verächtlichem Sinne betrachtet".

Hegel wendet sich damit gegen Rousseau,
den er ursprünglich als Ideengeber der Französischen Revolution geschätzt hatte.

Aber Hegel geht es in der Bildung nicht um Natur-, sondern um Kulturgemäßheit.

Das “Zurück zur Natur" stört ihn, denn:
“Die pädagogischen Versuche, den Menschen dem allgemeinen Leben zu entziehen
und auf dem Lande heraufzubilden, sind vergeblich gewesen,
weil es nicht gelingen kann, den Menschen den Gesetzen der Welt zu entfremden."

Auch dieser Gedanke sollte uns heute bewegen,
haben wir unsere Kinder mit einer Spaß-, Wohlfühl- und Erleichterungspädagogik
doch zu lange in einer ewigen Gegenwart eingekerkert.

Drittens: Höchst modern, auch im Sinne neuester Gehirnforschung,
wird Hegel, wenn er sich zu einem aktiven Lernen bekennt:
“Nicht das Empfangen, sondern die Selbsttätigkeit des Ergreifens
macht erst eine Kenntnis zu unserem Eigentum."

Viertens: Den Eltern schreibt Hegel etwas ins Stammbuch,
woran man sich gerade in Zeiten einer fortschreitenden Verstaatlichung von Erziehung erinnern sollte:
“Ein Staatsinstitut hat bei seinen Schülern die Zucht nicht erst zu bewirken, sondern vorauszusetzen."

Dabei sei es höchst nötig, dass sich Schule und Familie gegenseitig nicht hinderten,
dass “die eine nicht die Autorität und die Achtung der anderen schwächt".

Fünftens: “Ein geordneter Stufengang
und die Absonderung der ungleichen Schüler in getrennte Klassen unter eigenen Lehrern
sowie andererseits Unabhängigkeit des Unterrichts der Lehrer von der Willkür und Neigung der Eltern
sind Erfordernisse, welche zum Gedeihen öffentlicher Lehranstalten unumgänglich notwendig sind."

Daraus ein Plädoyer für ein gegliedertes Schulwesen abzuleiten mag gewagt erscheinen.

Aber eine klare Absage an jede Art einheitlicher Beschulung ist dieses Diktum allemal.



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