Zur politischen Rolle des "Volkes"

[Hegel-Originaltext (aus Hegels Enz, PR, VG u. VP). Auswahl und Anmerkungen [...] von M.Grimsmann und L.Hansen, Okt. 2003
Abkürzungen für Quellangaben siehe Info]

 

Heutzutage kommt einer schlecht an, der gegen das Volk etwas sagt.

Gegen Fürsten, Regierungen, Minister versteht es sich von selbst,
'daß sie nichts verstehen, nur das Schlechte wollen und vollbringen.'

'Das Volk [dagegen] ist vortrefflich der Intelligenz nach,
versteht alles und hat nur vortreffliche Absichten.' [...]


[Aber:]
Es ist eine gefährliche und falsche Voraussetzung,
daß das Volk allein Vernunft und Einsicht habe und das Rechte wisse, [...]
es am besten verstehen müsse, was zu seinem Besten diene
und den ungezweifelt besten Willen für dieses Beste habe. [...]

Was das erstere betrifft, so ist vielmehr der Fall,
daß das Volk, insofern mit diesem Worte
ein besonderer Teil der Mitglieder eines Staats bezeichnet ist,
den Teil ausdrückt, der nicht weiß, was er will.
 
Zu wissen, was man will, und noch mehr,
was der an und für sich seiende Wille, die Vernunft, will,
ist die Frucht tiefer Erkenntnis und Einsicht,
welche eben nicht die Sache des Volks ist. [...]

Die höchsten Staatsbeamten haben notwendig tiefere und umfassendere Einsicht
in die Natur der Einrichtungen und Bedürfnisse des Staats
sowie die größere Geschicklichkeit und Gewohnheit dieser Geschäfte. [...]

Was den vorzüglich guten Willen [...] für das allgemeine Beste betrifft, so ist zu bemerken,
daß es zu der Ansicht des Pöbels, dem Standpunkte des Negativen überhaupt gehört,
bei der Regierung einen bösen oder weniger guten Willen vorauszusetzen; [...]
- die Mitglieder der bürgerlichen Gesellschaft sind vielmehr solche,
welche ihr besonderes Interesse [statt des allgemeinen]
zu ihrer nächsten Bestimmung machen.
 

Die Vielen als Einzelne, was man gerne unter Volk versteht,
sind wohl ein Zusammen, aber nur als die Menge
- eine formlose Masse, deren Bewegung und Tun eben damit
nur elementarisch, vernunftlos, wild und fürchterlich wäre. [...]

In dieser Beziehung ist es der alleinige Zweck des Staates,
daß ein Volk nicht als solches Aggregat zur Existenz,
zur Gewalt und Handlung komme.
 
Solcher Zustand eines Volks ist der Zustand
der Unrechtlichkeit, Unsittlichkeit, der Unvernunft überhaupt;
das Volk wäre in demselben nur als eine unförmliche, wüste, blinde Gewalt,
wie die des aufgeregten, elementarischen Meeres,
welches selbst jedoch sich nicht zerstört,
wie das Volk als geistiges Element tun würde. [...]

 

Die öffentliche Meinung ist die unorganische Weise,
wie sich das, was ein Volk will und meint, zu erkennen gibt. [...]  
 
Die öffentliche Meinung enthält in sich [zwar]
die ewigen substantiellen Prinzipien der Gerechtigkeit,
den wahrhaften Inhalt und das Resultat der ganzen Verfassung, Gesetzgebung
und des allgemeinen Zustandes überhaupt, [...]
sowie die wahrhaften Bedürfnisse und richtigen Tendenzen der Wirklichkeit.
 
- Zugleich [aber] wie dies Innere ins Bewußtsein tritt
und in allgemeinen Sätzen zur Vorstellung kommt, [...]
so tritt die ganze Zufälligkeit des Meinens, seine Unwissenheit und Verkehrung,
falsche Kenntnis und Beurteilung ein. [...]  
 
Beides liegt zumal in der öffentlichen Meinung;
- indem in ihr Wahrheit und endloser Irrtum so unmittelbar vereinigt ist,
so ist es mit dem einen oder dem andern nicht wahrhafter Ernst. [...]  
 
Die öffentliche Meinung verdient daher
ebenso geachtet als verachtet zu werden,
dieses nach ihrem konkreten Bewußtsein und Äußerung,
jenes nach ihrer wesentlichen Grundlage. [...]
 
Da sie in ihr nicht den Maßstab der Unterscheidung
noch die Fähigkeit hat, die substantielle Seite
zum bestimmten Wissen in sich heraufzuheben,
so ist die Unabhängigkeit von ihr die erste formelle Bedingung
zu etwas Großem und Vernünftigem (in der Wirklichkeit wie in der Wissenschaft).
 
Dieses kann seinerseits sicher sein, daß sie es sich in der Folge
gefallen lassen, anerkennen und es zu einem ihrer Vorurteile machen werde. [...]  

In der öffentlichen Meinung ist alles Falsche und Wahre,
aber das Wahre in ihr zu finden, ist die Sache des großen Mannes.
 
Wer, was seine Zeit will und ausspricht, ihr sagt und vollbringt,
ist der große Mann der Zeit.
 
Er tut, was das Innere und Wesen der Zeit ist, verwirklicht sie,
- und wer die öffentliche Meinung, wie er sie hier und da hört,
nicht zu verachten versteht, wird es nie zu Großem bringen.
 

 

 



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