Hegel über Alexander den Großen

Textauszüge aus Hegels Werk; ausgewählt von M.Grimsmann/L.Hansen Sept.2006

Alexander der Große war zum obersten Feldherrn der Griechen gewählt worden und eine riesige Schar Gratulanten hatte sich in Korinth eingefunden, um ihm zu huldigen. Alexander hatte auch Diogenes von Sinope erwartet, von dessen Ruf er schon gehört hatte. Dieser galt als zufriedenster Mann seiner Zeit, der in einem Holzfass in völliger Entsagung lebte und nichts begehrte als die Natur ihm zu geben bereit war. Offenbar hatte Diogenes es nicht für nötig befunden ihn, den mächtigen Alexander, zu ehren. Also entschloss sich Alexander, seinerseits Diogenes in Begleitung seiner mazedonischen Offiziere aufzusuchen und zu sehen, was es mit dessen Genügsamkeit auf sich hatte. Als Alexander mit seinem Tross erschien, lag Diogenes gerade in der Sonne. Alexander stieg vom Pferd, begrüßte ihn und sagte: „Nenne mir einen Wunsch, und was es auch sei, ich werde ihn dir augenblicklich erfüllen.“ Daraufhin entgegnete Diogenes: „Geh aus der Sonne!“ Alexander soll davon so sehr beeindruckt gewesen sein, dass er, während seine Begleiter beim Weggehen lachten und spotteten, sagte: „Wahrhaftig, wenn ich nicht Alexander wäre, dann möchte ich wohl Diogenes sein!“ ( Überliefert durch Plutarch)

Textauszüge aus Hegels Werk:


Die höchste Gestalt, die der griechischen Vorstellung vorgeschwebt hat,
ist Achill, der Sohn des Dichters,
der Homerische Jüngling aus dem Trojanischen Krieg.

Homer ist das Element, worin die griechische Welt lebt,
wie der Mensch in der Luft.

- Das griechische Leben ist eine wahre Jünglingstat. ((VG;S.275))

Achill, der poetische Jüngling, hat es eröffnet,
und Alexander der Große, der wirkliche Jüngling, hat es zu Ende geführt.

Beide erscheinen Im Kampf gegen Asien.

Achill, als Hauptfigur Im Nationalunternehmen der Griechen gegen Troja,
steht nicht an der Spitze desselben,
sondern ist dem König der Könige untertan;
er kann nicht Führer sein, ohne phantastisch zu werden.

Dagegen der zweite Jüngling, Alexander,
die freieste und schönste Individualität, welche die Wirklichkeit je getragen,
tritt an die Spitze des in sich reifen Jugendlebens
und vollführt die Rache gegen Asien.

Philipp unterwarf sich die hellenischen Staaten
und brachte sie zu dem Bewußtsein,
daß es mit ihrer Unabhängigkeit aus sei
und daß sie sich nicht mehr selbständig erhalten könnten.

Die Kleinkrämerei, das Harte, Gewaltsame, politisch Betrügerische
- dies Gehässige, das dem ((331)) Philipp so oft zum Vorwurf gemacht worden ist -
fiel nicht mehr auf den Jüngling Alexander,
als sich dieser an die Spitze der Griechen stellte.

Dieser hatte es nicht nötig, sich dergleichen zuschulden kommen zu lassen;
er brauchte sich nicht damit abzugeben, sich erst ein Heer zu bilden,
denn er fand es schon vor.

Gleichwie er den Bukephalos nur zu besteigen,
denselben zu zügeln und seinem Willen folgsam zu machen brauchte,
ebenso fand er jene makedonische Phalanx,
jene starre geordnete Eisenmasse vor,
deren kräftige Wirkung sich schon unter Philipp,
der sie dem Epameinondas nachgebildet, geltend gemacht hatte.

Von dem tiefsten und auch umfangreichsten Denker des Altertums,
von Aristoteles, war Alexander erzogen worden,
und die Erziehung war des Mannes würdig, der sie übernommen hatte.

Alexander wurde in die tiefste Metaphysik eingeführt;
dadurch wurde sein Naturell vollkommen gereinigt
und von den sonstigen Banden der Meinung, der Roheit,
des leeren Vorstellens befreit.

Aristoteles hat diese große Natur so unbefangen gelassen, als sie war,
ihr aber das tiefe Bewußtsein von dem, was das Wahrhafte ist, eingeprägt
und den genievollen Geist, der er war, zu einem plastischen,
gleich wie eine frei in ihrem Äther schwebende Kugel, gebildet.

So ausgebildet stellte sich Alexander an die Spitze der Hellenen,
um Griechenland nach Asien hinüberzuführen.

Ein zwanzigjähriger Jüngling, führte er eine durch und durch erfahrene Armee,
deren Feldherrn lauter bejahrte
und in der Kriegskunst wohlbewanderte Männer waren.

Alexanders Zweck war es,
Griechenland für alles, was ihm von Asien seit langer Zeit angetan worden war,
zu rächen und den alten Zwiespalt und Kampf zwischen dem Osten und Westen
endlich auszukämpfen.

Wenn er dem Orient in diesem Kampfe das Übel vergalt,
das Griechenland von ihm erfahren,
so gab er ihm auch für die Anfänge der Bildung, welche von daher gekommen,
das Gute zurück,
indem er die Reife und Hoheit der Bildung über den Osten verbreitete ((332))
und das von ihm besetzte Asien
gleichsam zu einem hellenischen Lande umstempelte.

Die Größe und das Interesse dieses Werkes
stand im Gleichgewicht mit seinem Genie,
mit seiner eigentümlichen jugendlichen Individualität,
die wir in dieser Schönheit nicht wieder
an der Spitze eines solchen Unternehmens gesehen haben.

Denn in ihm waren nicht allein Feldherrngenie,
der größte Mut und die größte Tapferkeit vereinigt,
sondern alle diese Eigenschaften wurden
durch schöne Menschlichkeit und Individualität erhöht.

Obschon seine Feldherrn ihm ergeben sind,
so waren sie doch die alten Diener seines Vaters gewesen,
und dies machte seine Lage schwierig;
denn seine Größe und seine Jugend ist eine Demütigung für sie,
die sich und was geschehen für fertig hielten;
und wenn ihr Neid, wie bei Kleitos, zur blinden Wut überging,
so wurde auch Alexander zu großer Heftigkeit gezwungen.

Alexanders Zug nach Asien war zugleich ein Entdeckungszug,
denn er zuerst hat den Europäern die orientalische Welt eröffnet
und ist in Länder wie Baktrien, Sogdiana, das nördliche Indien,
die seitdem kaum wieder von den Europäern berührt worden sind,
vorgedrungen.

Die Art der Verfolgung des Zuges,
nicht minder das militärische Genie in der Anordnung der Schlachten,
in der Taktik überhaupt,
wird immer ein Gegenstand der Bewunderung bleiben.

Er war groß als Feldherr in den Schlachten,
weise in den Zügen und Anordnungen
und der tapferste Soldat im Gewühl des Kampfes.

Der Tod Alexanders, der im 33. Jahre seines Lebens zu Babylon erfolgte,
gibt uns noch ein schönes Schauspiel seiner Größe
und den Beweis von seinem Verhältnisse zum Heere,
denn er nimmt von demselben
mit dem vollkommenen Bewußtsein seiner Würde Abschied.

Alexander hat das Glück gehabt, zur gehörigen Zeit zu sterben;
man kann es zwar ein Glück nennen, aber es ist vielmehr eine Notwendigkeit.

Damit er als Jüngling für die Nachwelt dastehe,
mußte ihn ein frühzeitiger Tod wegraffen.

So wie Achill, was schon oben bemerkt wurde,
die ((333)) griechische Welt beginnt,
so beschließt sie Alexander,
und diese Jünglinge geben nicht nur die schönste Anschauung von sich selbst,
sondern liefern zu gleicher Zeit
ein ganz vollendetes fertiges Bild des griechischen Wesens.

Alexander hat sein Werk vollendet und sein Bild abgeschlossen,
so daß er der Welt
eine der größten und schönsten Anschauungen darin hinterlassen hat,
welche wir nur mit unseren schlechten Reflexionen trüben können.

Es würde zu der großen weltgeschichtlichen Gestalt Alexanders
nicht heranreichen, wenn man ihn,
wie die neueren Philister unter den Historikern tun,
nach einem modernen Maßstab, dem der Tugend oder Moralität, messen wollte.

Und wenn man, etwa um sein Verdienst zu verringern,
anführte, er habe keinen Nachfolger gehabt und keine Dynastie hinterlassen,
so sind eben die nach ihm in Asien sich bildenden griechischen Reiche
seine Dynastie.

Zwei Jahre hat er in Baktrien Feldzüge gemacht,
von wo aus er mit den Massageten und Skythen in Berührung kam;
dort ist das griechisch-baktrische Reich entstanden,
welches zwei Jahrhunderte bestanden hat.

Von hier aus kamen die Griechen in Verbindung mit Indien und selbst mit China.

Die griechische Herrschaft hat sich über das nördliche Indien ausgebreitet,
und Sandrokottus (Tschandragupta) wird als derjenige genannt,
welcher sich zuerst davon befreit habe.

Derselbe Name kommt zwar bei den Indern vor,
aber aus Gründen, welche schon angeführt worden sind,
kann man sich sehr wenig darauf verlassen.

Andere griechische Reiche sind in Kleinasien, in Armenien,
in Syrien und Babylonien entstanden.

Besonders Ägypten ist aber unter den Reichen der Nachfolger Alexanders
ein großer Mittelpunkt für Wissenschaft und Kunst geworden,
denn eine große Menge von Architekturwerken fällt in die Zeit der Ptolemäer,
wie man aus den entzifferten Inschriften herausgebracht hat.

Alexandria wurde der Hauptmittelpunkt des Handels, der Vereinigungsort
morgenländischer Sitte und Tradition und westlicher Bildung.

Außerdem blühten das makedonische Reich,
das thrakische bis über die ((334)) Donau,
ein illyrisches und Epirus unter der Herrschaft griechischer Fürsten.

Auch den Wissenschaften war Alexander außerordentlich zugetan,
und er wird nächst Perikles als der freigebigste Gönner der Künste gerühmt.

Meyer sagt in seiner Kunstgeschichte °,
daß dem Alexander nicht weniger seine verständige Kunstliebe
als seine Eroberungen das ewige Andenken erhalten haben.

 

Die geschichtlichen Menschen, die welthistorischen Individuen
sind diejenigen, in deren Zwecken ein Allgemeines liegt...

Dies sind die großen Menschen in der Geschichte,
deren eigene partikuläre Zwecke das Substantielle enthalten,
welches Wille des Weltgeistes ist.

Sie sind insofern Heroen zu nennen, als sie ihre Zwecke und ihren Beruf
nicht bloß aus dem ruhigen, geordneten,
durch ((45)) das bestehende System geheiligten Lauf der Dinge geschöpft haben,
sondern aus einer Quelle, deren Inhalt verborgen
und nicht zu einem gegenwärtigen Dasein gediehen ist,
aus dem innern Geiste, der noch unterirdisch ist,
der an die Außenwelt wie an die Schale pocht und sie sprengt,
weil er ein anderer Kern als der Kern dieser Schale ist,
- die also aus sich zu schöpfen scheinen
und deren Taten einen Zustand und Weltverhältnisse hervorgebracht haben,
welche nur ihre Sache und ihr Werk zu sein scheinen.

Solche Individuen hatten in diesen ihren Zwecken
nicht das Bewußtsein der Idee überhaupt,
sondern sie waren praktische und politische Menschen.

Aber zugleich waren sie denkende,
die die Einsicht hatten von dem, was not und was an der Zeit ist.

Das ist eben die Wahrheit ihrer Zeit und ihrer Welt,
sozusagen die nächste Gattung, die im Innern bereits vorhanden war.

Ihre Sache war es, dies Allgemeine,
die notwendige, nächste Stufe ihrer Welt zu wissen,
diese sich zum Zwecke zu machen und ihre Energie in dieselbe zu legen.

Die welthistorischen Menschen, die Heroen einer Zeit,
sind darum als die Einsichtigen anzuerkennen;
ihre Handlungen, ihre Reden sind das Beste der Zeit.

Große Menschen haben gewollt, um sich, nicht um andere zu befriedigen.

Was sie von anderen erfahren hätten an wohlgemeinten Absichten und Ratschlägen,
das wäre vielmehr das Borniertere und Schiefere gewesen,
denn sie sind die, die es am besten verstanden haben
und von denen es dann vielmehr alle gelernt und gut gefunden
oder sich wenigstens darein gefügt haben.

Denn der weitergeschrittene Geist ist die innerliche Seele aller Individuen,
aber die bewußtlose Innerlichkeit,
welche ihnen die großen Männer zum Bewußtsein bringen.

Deshalb folgen die anderen diesen Seelenführern,
denn sie fühlen die unwiderstehliche Gewalt ihres eigenen inneren Geistes,
der ihnen entgegentritt.

Werfen wir weiter einen Blick auf das Schicksal dieser welthistorischen Individuen,
welche den Beruf hatten, die Geschäftsführer des Weltgeistes zu sein,
so ist es kein glückliches ((46)) gewesen.

Zum ruhigen Genusse kamen sie nicht, ihr ganzes Leben war Arbeit und Mühe,
ihre ganze Natur war nur ihre Leidenschaft.

Ist der Zweck erreicht, so fallen sie, die leeren Hülsen des Kernes, ab.

Sie sterben früh wie Alexander, sie werden wie Cäsar ermordet,
wie Napoleon nach St. Helena transportiert.

Diesen schauderhaften Trost,
daß die geschichtlichen Menschen nicht das gewesen sind,
was man glücklich nennt
und dessen das Privatleben,
das unter sehr verschiedenen, äußerlichen Umständen stattfinden kann,
nur fähig ist
- diesen Trost können die sich aus der Geschichte nehmen,
die dessen bedürftig sind.

Bedürftig aber desselben ist der Neid, den das Große, Emporragende verdrießt,
der sich bestrebt, es klein zu machen und einen Schaden an ihm zu finden.

So ist es auch in neueren Zeiten zur Genüge demonstriert worden,
daß die Fürsten überhaupt auf ihrem Throne nicht glücklich seien,
daher man denselben ihnen dann gönnt und es erträglich findet,
daß man nicht selbst, sondern sie auf dem Throne sitzen.

Der freie Mensch ist nicht neidisch, sondern anerkennt das gern,
was groß und erhaben ist, und freut sich, daß es ist.

Nach diesen allgemeinen Momenten also,
welche das Interesse und damit die Leidenschaften der Individuen ausmachen,
sind diese geschichtlichen Menschen zu betrachten.

Es sind große Menschen, eben weil sie ein Großes,
und zwar nicht ein Eingebildetes, Vermeintes,
sondern ein Richtiges und Notwendiges gewollt und vollbracht haben.

Diese Betrachtungsweise
schließt auch die sogenannte psychologische Betrachtung aus,
welche, dem Neide am besten dienend, alle Handlungen ins Herz hinein
so zu erklären und in die subjektive Gestalt zu bringen weiß,
daß ihre Urheber alles aus irgendeiner kleinen oder großen Leidenschaft,
aus einer Sucht getan haben
und, um dieser Leidenschaft und Suchten willen,
keine moralischen Menschen gewesen seien.

Alexander von Makedonien hat zum Teil Griechenland, dann Asien erobert,
also ist er eroberungssüchtig gewesen.

Er hat aus Ruhmsucht, Eroberungssucht gehandelt,
und der Beweis, daß ((47)) sie ihn getrieben haben, ist,
daß er solches, das Ruhm brachte, getan habe.

Welcher Schulmeister hat nicht
von Alexander dem Großen, von Julius Cäsar vordemonstriert,
daß diese Menschen von solchen Leidenschaften getrieben
und daher unmoralische Menschen gewesen seien?
woraus sogleich folgt, daß er, der Schulmeister,
ein vortrefflicherer Mensch sei als jene,
weil er solche Leidenschaften nicht besitze
und den Beweis dadurch gebe, daß er Asien nicht erobere,
den Darius, Poros nicht besiege,
sondern freilich wohl lebe, aber auch leben lasse.

- Diese Psychologen hängen sich dann vornehmlich auch an die Betrachtung
von den Partikularitäten der großen, historischen Figuren,
welche ihnen als Privatpersonen zukommen.

Der Mensch muß essen und trinken,
steht in Beziehung zu Freunden und Bekannten,
hat Empfindungen und Aufwallungen des Augenblicks.

Für einen Kammerdiener gibt es keinen Helden, ist ein bekanntes Sprichwort;
ich habe hinzugesetzt - und Goethe hat es zehn Jahre später wiederholt -,
nicht aber darum, weil dieser kein Held,
sondern weil jener der Kammerdiener ist. °

Dieser zieht dem Helden die Stiefel aus, hilft ihm zu Bette,
weiß, daß er lieber Champagner trinkt usf.

- Die geschichtlichen Personen, von solchen psychologischen Kammerdienern
in der Geschichtsschreibung bedient, kommen schlecht weg;
sie werden von diesen ihren Kammerdienern nivelliert,
auf gleiche Linie oder vielmehr ein paar Stufen
unter die Moralität solcher feinen Menschenkenner gestellt.

 

Ein welthistorisches Individuum hat nicht die Nüchternheit,
dies und jenes zu wollen, viel Rücksichten zu nehmen,
sondern es gehört ganz rücksichtslos dem einen Zwecke an.

So ist es auch der Fall, daß sie andere große, ja heilige Interessen
leichtsinnig behandeln, welches Benehmen
sich freilich dem moralischen Tadel unterwirft.

Aber solche große Gestalt muß manche unschuldige Blume zertreten,
manches zertrümmern auf ihrem Wege.

 

 



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