Zum Begriff der Kunst

von M.Grimsmann/L.Hansen Apr.1999 (Textgrundlage: Hegels Vorlesungen über die Ästhtik)

Vorbemerkung

Zu Beginn der Einteilung der klassischen Kunstform heißt es bei Hegel:

"Der erste Punkt, auf welchen wir unsere Aufmerksamkeit richten müssen, ist der,
daß die klassische Kunstform nicht wie die symbolische
als unmittelbar Erstes, als Anfang der Kunst,
sondern im Gegenteil als Resultat zu fassen ist."

Um die klassische Kunstform
als ein durch die symbolische Kunstform Vermitteltes zu erkennen,
wird in dieser Arbeit das Hauptaugenmerk
auf diese unmittelbar erste Kunstform gelegt
und versucht, die Unterschiede innerhalb dieser Form näher herauszustellen.

Zuvor jedoch, soll dieses Thema
in den allgemeineren Zusammenhang gebracht werden,
indem an einige Hauptbestimmungen des Begriffs der Kunst überhaupt,
der damit zusammenhängenden
Einteilung der allgemeinen Sphäre der Kunst, des absoluten Geistes,
sowie an die Einteilung der Kunstformen erinnert wird.

Den Schluß bilden einige Gedanken zum direkten Übergang
der symbolischen Kunstform in die klassische
und ein Ausblick auf den Verlauf der letzteren.

 

 1. Zum Begriff der Kunst

 Zweck, d. h. der "in freie Existenz getretene Begriff " (Enz. § 204) der Kunst ist es,
gibt Hegel zu Beginn der Einteilung der Kunst an,
"die sinnliche Darstellung des Absoluten" zu sein.

Ihre Aufgabe ist es,
"die Idee für die unmittelbare Anschauung in sinnlicher Gestalt darzustellen."

 

Das Absolute, die Idee, der Geist und ebenso der religiöse Ausdruck Gott
oder auch die Wahrheit
sollen hier in dieser Arbeit,
da es in ihr um bestimmtere Formen innerhalb des absoluten Geistes,
der Kunst, der Kunstformen, noch spezieller der symbolischen Kunstform
und nicht um allgemeinere Formunterschiede
des Gegenstandes der Philosophie überhaupt geht,
nur dem Inhalte nach und damit als gleichbedeutend betrachtet werden.

Daß diese Begriffe dem Inhalte nach das gleiche bedeuten, und nur der Form nach,
d. h. als Entwicklungsmomente ein und desselben Inhalts unterschieden sind,
sollen die folgenden beiden Zitate zunächst beispielhaft
für die Ausdrücke "Gott, Geist, Idee" zeigen:

"Was Gott als Geist ist, dies richtig und bestimmt im Gedanken zu fassen,
dazu wird gründliche Spekulation erfordert.

Es sind zunächst die Sätze darin enthalten:
Gott ist nur Gott, insofern er sich selber weiß;
sein Sichwissen ist ferner sein Selbstbewußtsein im Menschen
und das Wissen des Menschen von Gott,
das fortgeht zum Sichwissen des Menschen in Gott."
(Enz. Anm. § 564)

"Die Schwierigkeit der philosophischen Erkenntnis des Geistes besteht darin,
daß wir es dabei nicht mehr mit der vergleichsweise abstrakten,
einfachen logischen Idee,
sondern mit der konkretesten, entwickeltsten Form zu tun haben,
zu welcher die Idee in der Verwirklichung ihrer selbst gelangt....

Die Betrachtung des Geistes ist nur dann in Wahrheit philosophisch,
wenn sie den Begriff desselben
in seiner lebendigen Entwicklung und Verwirklichung erkennt,
d. h. eben, wenn sie den Geist als ein Abbild der ewigen Idee begreift."

(Enz. Zusatz. § 377)

 Wie gesagt, sollen diese Zitate nicht aufzeigen,
daß kein Unterschied zwischen diesen Begriffen bestünde,
sondern daß der Unterschied nur in der Form besteht,
der hier, wo es um bestimmtere Unterschiede geht,
durchaus vernachlässigt werden kann.

Das gleiche gilt für die Ausdrücke "das Absolute" und "die Wahrheit",
welche ebenso in den nächsten Zitaten von Hegel selbst
als bedeutungsgleich benutzt werden.

 

Die Kunst ist also, wie oben angeführt, die sinnliche, natürliche Art und Weise,
wie
Gott (oder die Idee, der Geist, das Absolute, die Wahrheit)
dem Menschen gegenständlich und bewußt wird.

Indem Gott dem menschlichen Geiste bewußt
und von diesem ausgedrückt und dargestellt wird,
wird er sich selber bewußt,
denn er ist als absoluter Geist, als Sichwissen, wie im obigen Zitat ausgedrückt,
zu fassen.

Gott weiß sich selber, ist sich selber gegenständlich und stellt sich selber dar.

Die Kunst ist eine Weise dieser Darstellung
und weil eben der Inhalt oder Gegenstand dieser Darstellung das Absolute ist,
steht sie mit der Religion und der Philosophie auf gleichem Boden.

Hegel führt dies unter anderem in der Einleitung des ersten Teils der Ästhetik,
der Idee des Kunstschönen, S. 139 aus:

"Durch die Beschäftigung mit dem Wahren
als dem absoluten Gegenstande des Bewußtseins
gehört nun auch die Kunst der absoluten Sphäre des Geistes an
und steht deshalb mit der Religion im spezielleren Sinne des Worts
wie mit der Philosophie
ihrem Inhalte nach auf ein und demselben Boden.

Denn auch die Philosophie hat keinen anderen Gegenstand als Gott
und ist so wesentlich rationelle Theologie
und als im Dienste der Wahrheit fortdauernder Gottesdienst."

 

Die geistige Art und Weise wie sich Gott dem Menschen darbietet
oder auch: wie der Geist sich seiner selbst bewußt ist,
ist, im Unterschied zur Kunst, die Religion und die Philosophie.

Diese Formen sind, eben weil sie geistig, nicht natürlich und sinnlich sind,
die dem Geist gemäßeren und deshalb höhere Stufen seiner Selbsterkenntnis
als die Kunst.

Daß die Kunst nicht die dem Geiste gemäße Form seiner Selbsterkenntnis ist,
ist als ihr Mangel zu erkennen,
ein Mangel den die Kunst gewissermaßen in sich selber verspürt
und der sie innerhalb ihrer selbst, und zwar in der romantischen Kunst,
über sich hinaustreibt.

Hierzu aber nachher.

Das Natürliche und Sinnliche ist also dem Geistigen entgegengesetzt.

Hierin liegt die Bestimmtheit der Kunst.

 

Das Geistige seinerseits ist nicht einfach zu nehmen,
denn es hat einen Unterschied in sich,
wodurch nun die beiden anderen Formen des absoluten Geistes,
die Religion und die Philosophie, bestimmt auseinanderzuhalten ist.

Der Religion kommt die Form der Vorstellung,
der Philosophie die des Denkens zu.

Während also die Kunst
die sinnliche, unbewußte Art der Empfindung und Anschauung
zum Element ihrer Darstellung hat,
so ist das Element in der Religion die bewußte Vorstellung.

Die Vorstellung enthält aber noch ein Unbewußtsein über ihren Gegenstand,
denn der Gegenstand erscheint der Vorstellung noch als ein ihr fremder.

Dies Unbewußtsein wird erst im Element des reinen Denkens,
in der Philosophie negiert.

In ihr erst erreicht der Geist das vollständige Bewußtsein seiner selbst.

 

Bei Hegel heißt es zum Formunterschied dieser drei Sphären des absoluten Geistes ebenfalls in Ästhetik I auf den Seite 139:

"Bei dieser Gleichheit des Inhalts sind die drei Reiche des absoluten Geistes
nur durch die Formen unterschieden,
in welchen sie ihr Objekt, das Absolute, zum Bewußtsein bringen.

Die Unterschiede dieser Formen liegen im Begriff des absoluten Geistes selber....

Die erste Form nun dieses Erfassens
ist ein unmittelbares und eben darum sinnliches Wissen,
ein Wissen in Form und Gestalt des Sinnlichen und Objektiven selber,
in welchem das Absolute zur Anschauung und Empfindung kommt.

Die zweite Form sodann ist das vorstellende Bewußtsein,
die dritte endlich das freie Denken des absoluten Geistes..."

 

Ferner heißt es für die Bestimmtheit der Kunst genauer:

"Die Form der sinnlichen Anschauung nun gehört der Kunst an,
so daß die Kunst es ist, welche die Wahrheit
in Weise sinnlicher Gestaltung für das Bewußtsein hinstellt,
und zwar einer sinnlichen Gestaltung,
welche in dieser ihrer Erscheinung selbst
einen höheren, tieferen Sinn und Bedeutung hat,
ohne jedoch durch das sinnliche Medium hindurch
den Begriff als solchen in seiner Allgemeinheit erfaßbar machen zu wollen..."

Hier wird der oben angesprochene Mangel der Kunst deutlich,
der in der Unangemessenheit des sinnlichen Ausdrucks überhaupt
zur höheren geistigen Bedeutung, der Wahrheit, des Geistes, des Absoluten usw. liegt.

Die Kunst hat keinen anderen Zweck,
diesen tiefen Sinn für den äußeren Sinn erfaßbar zu machen.

Man kann dies, das der tiefe Sinn durch die Kunst
nur äußerlich zur Darstellung gebracht wird oder werden kann,
deswegen als Mangel der Kunst überhaupt betrachten,
weil der absolute Zweck des Geistes, die Selbsterkenntnis,
durch die Kunst nicht erreicht wird.

Dieser Mangel der Unangemessenheit von Bedeutung und Ausdruck in der Kunst schwebt sozusagen, bei aller Angemessenheit derselben,
über allen Kunstformen.

 

In der Religion ist der Mangel
der Äußerlichkeit des Ausdrucks oder der Gegenständlichkeit aufgehoben.

Die Vorstellung, das Element der Religion, hat es nur noch mit inneren Bildern zu tun.

Auf Seite 142 heißt es genauer für die Religion im Unterschied zur Kunst:

"Das nächste Gebiet nun, welches das Reich der Kunst überragt, ist die Religion.

Die Religion hat die Vorstellung zur Form ihres Bewußtseins,
indem das Absolute aus der Gegenständlichkeit der Kunst
in die Innerlichkeit des Subjekts hineinverlegt
und nun für die Vorstellung auf subjektive Weise gegeben ist,
so daß Herz und Gemüt, überhaupt die innere Subjektivität,
ein Hauptmoment werden...."

 

Für die Philosophie, deren Element das Denken ist,
heißt es dann schließlich auf Seite 143:

"Die dritte Form endlich des absoluten Geistes ist die Philosophie.

Denn die Religion,
in welcher Gott zunächst dem Bewußtsein ein äußerer Gegenstand ist,
indem erst gelehrt werden muß,
was Gott sei und wie er sich geoffenbart habe und offenbare,
versiert sodann zwar im Elemente des Inneren, treibt und erfüllt die Gemeinde;
aber die Innerlichkeit der Andacht des Gemüts und der Vorstellung
ist nicht die höchste Form der Innerlichkeit.

Als diese reinste Form des Wissens ist das freie Denken anzuerkennen,
in welchem die Wissenschaft sich den gleichen Inhalt zum Bewußtsein bringt
und dadurch zu jenem geistigen Kultus wird,
der sich durch systematisches Denken dasjenige aneignet und das begreift,
was sonst nur Inhalt subjektiver Empfindung oder Vorstellung ist."

 

 

Forts.: 2. Zur Einteilung der Kunstformen

 

 

 

 



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