3. Zur Einteilung der symbolischen Kunstform

[Hegel-Originaltext. Auswahl und Anmerkungen [...] von M.Grimsmann und L.Hansen, Apr. 1999
(Textgrundlage: Hegels Vorlesungen über die Ästhtik)
Abkürzungen für Quellangaben siehe Info]

 

    3.1 Unterschied der bewußten Symbolik
          von der unbewußten und der Symbolik der Erhabenheit
    3.2 Unterschied der unbewußten Symbolik von der Symbolik der Erhabenheit
    3.3 Zusammenfassender Vergleich der drei Symbolischen Formen

 

 3.1 Unterschied der bewußten Symbolik
       von der unbewußten und der Symbolik der Erhabenheit

Was die Unterschiede innerhalb der symbolischen Kunstform betrifft,
so kann zunächst die dritte Stufe derselben,
    die bewußte Symbolik der vergleichenden Kunstform
von der ersten und zweiten Stufe,
der unbewußten Symbolik und der Symbolik der Erhabenheit
unterschieden werden.

In der bewußte Symbolik
ist das Nichtgefundensein des passenden natürlichen Ausdrucks
und der Kampf der Bedeutung mit diesem Dasein
für sich herausgetreten und zum Bewußtsein gekommen.

Beide Seiten treten getrennt, für sich selbständig und unabhängig voneinander
vor das Kunstbewußtsein.

Ihre positive Beziehung, worin sie miteinander übereinstimmen,
fällt weder in die Bedeutung noch in den Ausdruck selbst,
sondern in dieses Kunstbewußtsein,
einen sie vergleichenden Betrachter,
der die Angemessenheit beider subjektiv und äußerlich feststellt.

In der Einteilung der symbolischen Kunstform ist hierzu auf Seite 412 Ästh. I zu lesen:

"Das Ende dagegen ist das Verschwinden und Sichauflösen des Symbolischen,
indem der bisher an sich seiende Kampf jetzt ins Kunstbewußtsein gekommen ist
und das Symbolisieren daher zu einem bewußten Abscheiden
der für sich selber klaren Bedeutung
von ihrem sinnlichen, mit ihr verwandten Bilde wird,
jedoch in dieser Trennung zugleich ein ausdrückliches Beziehen bleibt,
das sich aber, statt als unmittelbare Identität zu erscheinen,
nur als eine bloße Vergleichung beider geltend macht,
in welcher die früher ungewußte Unterschiedenheit ebensosehr hervortritt."

Und ebenso im einleitenden Teil des Kapitels: "Die unbewußte Symbolik" (S.418):

"Unter der bewußten Symbolik nämlich ist zu verstehen,
daß die Bedeutung nicht nur für sich gewußt,
sondern ausdrücklich von der äußerlichen Weise, in welcher sie dargestellt wird, unterschieden gesetzt ist.

Die Bedeutung, so für sich ausgesprochen,
erscheint dann - wie in der Erhabenheit -
nicht wesentlich in und als die der Gestalt,
welche ihr auf solche Weise gegeben wird.

Die Beziehung beider aufeinander bleibt aber nicht mehr,
wie auf der vorigen Stufe,
ein in der Bedeutung selber schlechthin begründetes Beziehen,
sondern wird ein mehr oder weniger zufälliges Zusammenbringen,
welches der Subjektivität des Poeten,
dem Vertiefen seines Geistes in ein äußerliches Dasein,
seinem Witze, seiner Erfindung überhaupt angehört..."

Während also in dieser Form
keine positive Beziehung der beiden Seiten in ihnen selbst begründet ist,
und sie als Selbständige voneinander betrachtet und verglichen werden,
so ist in den anderen beiden Formen jeweils nur eine von beiden Seiten,
die Bedeutung oder der Ausdruck,
als Selbständiges, Unabhängiges, für sich Bestehendes gesetzt
und die jeweils andere ist entweder gar nicht bewußt für sich herausgetreten
oder als nur Negatives, Gesetztes, Abhängiges gewußt.

Welche der beiden Seiten nun als die Selbständige dasteht
und in welcher Beziehung sie zur anderen Seite steht,
ergibt den Unterschied dieser beiden Formen.

 

 3.2 Unterschied der unbewußten Symbolik von der Symbolik der Erhabenheit

Das diesen beiden ersten Weisen der symbolischen Kunstform gemeinschaftliche
ist erstens das Prinzip dieser ganzen Sphäre,
das Ringen des Geistes, in den gegebenen natürlichen Erscheinungen,
    z. B. den physikalischen Elementen, den Tieren usw.,
einen ihn angemessen darstellenden Ausdruck zu suchen.

Zweitens ist ihnen, im Unterschied zur dritten Weise dieser Sphäre, gemeinschaftlich
daß Bedeutung und Ausdruck sich nicht als getrennt voneinander geltend machen.

Nur eines von beiden ist selbständig.

 

Ihr Unterschied besteht darin,
das in der unbewußten Symbolik das Selbständige der Ausdruck,
in der Symbolik der Erhabenheit die Bedeutung ist.

In der unbewußten Symbolik, als der Anfang der Kunst überhaupt,
fängt Gott als die absolute Bedeutung überhaupt an,
sich im natürlichen Medium auszudrücken.

Er erscheint nur in diesem Ausdruck.

Er, die Bedeutung, ist nur ein Inneres und Verborgenes und erscheint nicht für sich, sondern ist im Ausdruck, der unmittelbaren oder umgebildeten natürlichen Gestalt, verschwunden und wird darin unbewußt angeschaut.

In dieser unbewußt symbolischen Weise
gelten die das göttliche repräsentierenden Gestalten als die Götter selbst.

Die Zeit, in der Flüsse, Berge, Sonne usw.,
Tiere und verzerrte, groteske Umbildungen tierischer Gestalten
für Götter angesehen worden sind,
sind die geschichtlichen Erscheinungen dieser Form.

Im zurückblickenden Teil der Einleitung zur klassischen Kunstform
heißt es hierzu (Ästh. II S. 14):

"Die sinnlichen Erscheinungen der Natur
- Sonne, Himmel, Gestirne, Pflanzen, Tiere, Gestein, Ströme, Meere -
haben nur eine abstrakte Beziehung auf sich selbst
und sind in den steten Prozeß mit anderen Existenzen hineingezogen,
so daß sie nur der endlichen Vorstellung als selbständig gelten können.

In ihnen tritt die wahre Bedeutung des Absoluten noch nicht heraus.

Die Natur ist freilich heraus, aber nur im Außersichsein;
ihr Inneres ist nicht als Inneres für sich selbst,
sondern ergossen in die bunte Mannigfaltigkeit der Erscheinung
und dadurch unselbständig."

 

In der Symbolik der Erhabenheit dagegen ist die Bedeutung für sich herausgetreten
und das Erhabene, Selbständige gegenüber ihrem Ausdruck,
der als das Negative, von ihr Gesetzte erkannt wird.

Gott als die Macht über seine erschaffene Welt,
der einerseits in dieser seiner Schöpfung seinen Ausdruck findet
    und in ihr immanent ist,
andererseits aber, weil die Schöpfung seinem Wesen nicht entspricht, diese negiert.

Beide Weltanschauungen
bilden die Unterschiede innerhalb der Symbolik der Erhabenheit.

Die erste, positive bildet die Grundlage für den Pantheismus der Kunst,
die zweite, negative die der Kunst der Erhabenheit als solcher.

Im Anschluß an das obige Zitat heißt es zu diesem Unterschied bei Hegel:

"Auf dem Wege zu dieser ihrer (der Bedeutung) Befreiung
vom unmittelbar Sinnlichen und zu ihrer Verselbständigung in sich
begegnen wir der Erhabenheit und Heiligung der Phantasie.

Das absolut Bedeutende nämlich
ist zunächst das denkende, absolute, sinnlichkeitslose Eine,
das sich auf sich als das Absolute bezieht
und in dieser Beziehung das von ihm erschaffene Andere,
    die Natur und Endlichkeit überhaupt,
als das Negative, in sich selbst Haltlose setzt.

Es ist das Allgemeine an und für sich,
vorgestellt als die objektive Macht über das gesamte Dasein,
sei es nun, daß dieses Eine

in seiner ausdrücklich negativen Richtung gegen das Erschaffene
oder in seiner positiven pantheistischen Immanenz in demselben
zum Bewußtsein und zur Darstellung gebracht werde."

 

 3.3 Zusammenfassender Vergleich der drei Symbolischen Formen

Während somit die in der symbolischen Kunstform bestehende
Unangemessenheit von Ausdruck und Bedeutung
sowie der Kampf derselben um jenen
in der unbewußten Symbolik nicht herausgetreten ist,
weil die Bedeutung nicht aus dem Ausdruck herausgetreten ist,
so ist beides in der Kunst der Erhabenheit der Fall.

Die Unangemessenheit des Ausdrucks erscheint dadurch,
daß er zu einem Negativen und von der Bedeutung nur Gesetzten gemacht wird.

In der bewußten Symbolik der vergleichenden Kunstform
ist die Unangemessenheit des Ausdrucks für die Bedeutung nicht nur heraus,
sondern bewußt für ein vergleichendes Subjekt.

Auch stellt hier die Seite der Bedeutung nicht mehr das Absolute,
weil für das vergleichende Subjekt
die Bedeutung nicht mehr über den Ausdruck übergreift,
sondern der Ausdruck als ein Anderes gesetzt ist,
an dem die Bedeutung ihre Grenze hat.

Bei Hegel heißt es zu diesem Punkt
zu Beginn des dritten Kapitels der symbolischen Kunstform (S. 487):

"...als Inhalt ist nicht mehr das Absolute selbst,
sondern irgendeine bestimmte und beschränkte Bedeutung genommen,
und innerhalb der beabsichtigten Scheidung derselben von ihrer Verbildlichung
stellt sich ein Verhältnis her,
das durch ein bewußtes Vergleichen dasselbe tut,
was die unbewußte Symbolik in ihrer Weise bezweckte.

Zum Inhalt aber kann als Bedeutung nicht mehr das Absolute, der eine Herr,
aufgefaßt werden,
weil schon durch das wenn auch nur vergleichende Nebeneinandergestelltsein beider für das Kunstbewußtsein, insofern es diese Form als letzte eigentliche ergreift,
sogleich die Endlichkeit gesetzt ist."

 

 2. Zur Einteilung der Kunstformen          

Forts.: 4. Zum Übergang der symbolischen Kunstform in die klassische  

 

              



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