Bildmeditation zu Magrittes „Hegels Ferien“

von Joachim Kahl Okt. 2007


René Magrittes „Hegels Ferien“(1958)

 

Wir schauen auf ein surrealistisches Stillleben des belgischen Malers René Magritte aus dem Jahre 1958, dem er selbst den Titel „Hegels Ferien“ („Les vacances de Hegel“) gegeben hat. Was sehen wir?

Scheinbar schwerelos schwebt vor uns ein aufgespannter schwarzer Herrenschirm. Oben, wo ein Herrenschirm in der Regel eine Spitze trägt, die ihn auch zum Spazierstock tauglich macht, steht ein nahezu gefülltes Trinkglas. Das ganze Arrangement erhebt sich vor einem leeren Hintergrund, der in einem warmen Rotbraun gehalten ist. Die Großflächigkeit des Hintergrundes lässt das bewusst Inszenierte dieser ungewöhnlichen Kombination zweier alltäglicher Gebrauchsgegenstände deutlich, geradezu plakativ, hervortreten.

Das Bild macht einen ruhigen und harmonischen Eindruck, der durch den symmetrischen Aufbau und durch klassische Proportionen der Geometrie hervorgerufen wird. Der Schirmstil bildet die Mittelachse des Bildes. Die Größenverhältnisse sind in den Maßen des Goldenen Schnitts gestaltet. Der Goldene Schnitt ist eine traditionsreiche wohlproportionierte Teilung einer geraden Strecke in zwei Teile, deren größerer Teil sich zum kleineren Teil verhält wie die ganze Strecke zum größeren Teil. Das heißt hier: die Gesamthöhe vom unteren Rand des Schirmgriffs bis zum oberen Glasrand verhält sich zum sichtbaren Stil wie dieser zum Schirmdach mit Glas zusammen.

Die Ruhe, die das Bild ausstrahlt, wirkt freilich – bei längerem Hinschauen – gefährdet, riskant, da sie sich einem Balanceakt verdankt. Bei einer nur leichten Schieflage des Schirms würde das Glas unweigerlich abrutschen, das Wasser verlieren und vielleicht zerbrechen.

Um uns nach dieser Beschreibung des Bildes seinem Sinn, seinem ideellen Gehalt, schrittweise zu nähern, beziehen wir nun – im Sinne Magrittes – den Titel in die Deutung mit ein. Das Bild trägt den Titel „Hegels Ferien“. Der Name „Hegel“, dessen Werk Magritte kannte und schätzte, steht hier als Chiffre für die Sache der Dialektik. „Ferien“ steht für Muße, für Zeit zum Nachdenken in heiterer, gelöster, unbeschwerter Stimmung. Unternehmen wir also mit René Magritte eine vergnügliche Bildungsreise in die Gefilde der Dialektik. Wir folgen damit einem Kunstverständnis von Aristoteles bis Brecht, in dem sich Belehrung und Unterhaltung miteinander verbinden.

Zwei von Menschenhand gefertigte Gebrauchsgegenstände und das Naturelement Wasser sind auf dem Bild in einer eigenwilligen, verblüffenden, eben surrealistischen Weise zueinander in Beziehung gesetzt. Was verbindet Regenschirm und Wasserglas? Sie verkörpern die beiden gegensätzlichen Grundtätigkeiten, die wir gegenüber dem Wasser ausüben. Wir fangen das Wasser auf, und wir stoßen es ab. Wir nutzen es, und wir schützen uns vor ihm. Wir öffnen uns dem Wasser, und wir bewahren uns vor ihm.

Mit diesem widersprüchlichen Verhalten reagieren wir sinnvoll auf den widersprüchlichen Charakter des Wassers. Es ist Lebensmittel, Lebensquell, nach dem wir dürsten. Und es ist todbringende Gefahrenquelle, vor der wir uns mit Deichen, Wällen, Mauern oder eben Regenschirmen schützen müssen. Wir trinken nicht nur Wasser, wir ertrinken auch im Wasser.

Magritte bedient sich hier eines alten künstlerischen Stilmittels, das im Surrealismus insgesamt zu einer neuen Blüte gelangt ist: einen Teil für das Ganze zu nehmen, „pars pro toto“ einzusetzen. Zwei alltägliche Gebrauchsgegenstände werden zu Sinnträgern, zu Sinnbildern erhoben. Sie stehen nicht mehr nur für sich selbst, sondern verweisen auf einen größeren Zusammenhang. Ein surrealistischer Mikrokosmos verweist auf den realen Makrokosmos. Ein Ausschnitt des Lebens repräsentiert das Ganze des Lebens und liefert insofern eine indirekte Ortsangabe des Menschen in der Welt.

Wo und wie steht der Mensch zur Naturgewalt Wasser? Wasser ist Lebensstoff, Lebenselixier. Im Wasser des Urozeans, der Ursuppe, haben sich die allerersten Organismen gebildet. An den Wassern von Nil, Euphrat und Tigris, des Indus und des Hoangho stand Jahrmilliarden Jahre später die Wiege der menschlichen Zivilisation. Die nachsteinzeitlichen Hochkulturen entwickelten sich als Flusskulturen. In den Flussoasen lernten die Menschen, das Wasser zu regulieren, seine befruchtende Kraft zu nutzen, aber auch, sich gegen die zerstörerische Gewalt von Überschwemmungen zu schützen. Gegenüber den Fluten des Meeres hat der Bau von Dämmen und Kanälen eine noch größere Bedeutung erlangt.

Dasselbe Wasser bringt Leben und Tod – je nach den Umständen. Diesen komplexen Sachverhalt, der die ganze Menschheitsgeschichte umspannt, zu einem Stillleben gebändigt zu haben, ist die geniale Leistung René Magrittes. Sein Bild „Hegels Ferien“ ist kein Sturm im Wasserglas, sondern hier stellt ein Malerphilosoph, der mit allen Wassern gewaschen ist, die zwei Seiten des Wassers, die Ambivalenz des Wassers, kurz die Dialektik des Wassers, dar.

In radikaler Vereinfachung der Bildsprache und eben dadurch in großartiger Verdichtung der Aussage macht er den Kern der Dialektik, den dialektischen Widerspruch, sichtbar: die verschränkte Verschiedenheit in den Dingen selbst. Indem er ein Gefäß zum Auffangen von Wasser oben auf ein Gerät zum Abstoßen von Wasser platziert, erzeugt er einen surrealistischen Verfremdungsund Verwunderungseffekt. Wir werden angeregt, über die Zusammengehörigkeit von Attraktion und Repulsion, über die Einheit des Gegensätzlichen, nachzusinnen.

Magritte verklärt nicht einseitig das Wasser zum nützlichen Element schlechthin, sondern zeigt auch seine Kehrseite, „das Andere“ des Wassers (um mit Hegel selbst zu sprechen), vor dem wir uns – hier sogar im wörtlichen Sinne – abschirmen müssen. Ein solches dialektisches Naturbild täte manchen gut, die heute in ökologischer Begeisterung von einer neuen Harmonie zwischen Mensch und Natur schwärmen und von einer stets friedlichen Koexistenz zwischen ihnen träumen. Doch die Natur ist nicht nur gütige Mutter und weise Lehrmeisterin, sie hat immer auch gewalttätige, ja erbarmungslose Züge! Weder können wir die Natur (als ganze) je beherrschen noch dürfen wir ihr blind vertrauen. Einzelne Naturkräfte können wir uns in bestimmter Hinsicht nutzbar machen. In anderer Hinsicht müssen wir ihnen, um zu überleben, energischen Widerstand entgegensetzen, wie das Wasserbeispiel zeigt.

René Magrittes Bild „Hegel Ferien“ ist ein Stillleben, das es in sich hat. Es bestätigt das deutsche Sprichwort:„Stille Wasser sind tief“. Gezeigt wird nicht weniger und nicht mehr als der Grundvorgang des menschlichen Lebens: der Stoffwechsel zwischen Mensch und Natur, die Wechselwirkung zwischen Subjekt und Objekt. Das einprägsame Bild verbindet das Plakative mit dem Hintergründigen, die Unbeschwertheit einer Urlaubslaune mit der Anstrengung des dialektischen Begriffs.

Lassen wir uns daher nicht betören von der Leichtigkeit, die das Bild ausstrahlt. Die Leichtigkeit des Seins, die wir uns alle ersehnen, gehört zu jenem Leichten, das schwer zu machen ist. Was sich hier als stimmiges Bild vor uns aufbaut und uns begeistert, ist die reife Frucht vieler Vorstudien. Bis Magritte diese Bildidee ausgebrütet und realisiert hatte, gingen ihr hundert bis hundertfünfzig (!) Skizzen voraus, wie er in einem Brief vom 19. Mai 1958 an eine Verehrerin, Mademoiselle Suzi Gablik, verrät.

Freuen wir uns an diesem Meisterwerk des belgischen „Herrn Jedermann“ (monsieur tout le monde), wie sich der Künstler selbst gerne bezeichnete. Danken wir ihm für dieses gelungene Wunschbild eines gelingenden Lebens.




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