Hegel zu Mozart

M.Grimsmann/L.Hansen April 2006


Anläßlich des Mozartjahres haben wir hier zusammengetragen
was wir bei Hegel zu Mozart finden konnten.

In seinen systematischen Ausführungen zur Musik
wird u.a. Mozart von Hegel als Meister wahrhaft idealistischer Musik gelobt:

Musik ist Geist, Seele, die unmittelbar für sich selbst erklingt
und sich in ihrem Sichvernehmen befriedigt fühlt.

Als schöne Kunst nun aber erhält sie von seiten des Geistes her
sogleich die Aufforderung, wie die Affekte selbst so auch deren Ausdruck zu zügeln,
um nicht zum bacchantischen Toben und wirbelnden Tumult der Leidenschaften fortgerissen zu werden
oder im Zwiespalt der Verzweiflung stehenzubleiben,
sondern im Jubel der Lust wie im höchsten Schmerz noch frei und in ihrem Ergusse selig zu sein.

Von dieser Art ist die wahrhaft idealische Musik, der melodische Ausdruck
in Palestrina, Durante, Lotti, Pergolesi, Gluck, Haydn, Mozart.

Die Ruhe der Seele bleibt in den Kompositionen dieser Meister unverloren;
der Schmerz drückt sich zwar gleichfalls aus, doch er wird immer gelöst,
das klare Ebenmaß verläuft sich zu keinem Extrem, alles bleibt in gebändigter Form fest zusammen,
so daß der Jubel nie in wüstes Toben ausartet und selbst die Klage die seligste Beruhigung gibt. (VÄ S.197)


Und im Unter-Abschnitt über das harmonische Zusammenstimmen von Instrumenten im Orchester
hebt Hegel einzig Mozart als großen Meister hervor:

Die Schwierigkeit solcher kunstgemäßen Zusammenstellung ist groß,
denn jedes Instrument hat seinen eigentümlichen Charakter,
der sich nicht unmittelbar der Besonderheit eines anderen Instruments anfügt,
so daß nun sowohl in Rücksicht auf das Zusammenklingen vieler Instrumente der verschiedenen Gattungen
als auch für das wirksame Hervortreten irgendeiner besonderen Art, der Blas- oder Saiteninstrumente z.B.,
oder für das plötzliche Herausblitzen von Trompetenstößen
und für die wechselnde Aufeinanderfolge der aus dem Gesamtchor hervorgehobenen Klänge
große Kenntnis, Umsicht, Erfahrung und Erfindungsgabe nötig ist,
damit in solchen Unterschieden, Veränderungen, Gegensätzen, Fortgängen und Vermittlungen
auch ein innerer Sinn, eine Seele und Empfindung nicht zu vermissen sei.

So ist mir z.B. in den Symphonien Mozarts, welcher auch in der Instrumentierung
und deren sinnvoller, ebenso lebendiger als klarer Mannigfaltigkeit ein großer Meister war,
der Wechsel der besonderen Instrumente oft wie ein dramatisches Konzertieren,
wie eine Art von Dialog vorgekommen, in welchem teils der Charakter der einen Art von Instrumenten
sich bis zu dem Punkte fortführt, wo der Charakter der anderen indiziert und vorbereitet ist,
teils eins dem anderen eine Erwiderung gibt oder das hinzubringt,
was gemäß auszusprechen dem Klange des Vorhergehenden nicht vergönnt ist,
so daß hierdurch in der anmutigsten Weise ein Zwiegespräch des Klingens und Widerklingens,
des Beginnens, Fortführens und Ergänzens entsteht. (VÄ S.176)

 

Dann, im Abschnitt zur modernen Oper, erhält speziell noch Mozarts Zauberflöte mehrfache Würdigung.

Sowohl in Hinblick auf die Gemäßheit ihres Inhalts überhaupt:

Wenn nämlich in der Oper überhaupt schon die Musik die Hauptsache ist,
welche wohl von der Poesie und der Rede ihren Inhalt zugeteilt erhält,
denselben aber frei nach ihren Zwecken behandelt und ausführt,
so ist sie in neuerer Zeit besonders bei uns mehr Luxussache geworden
und hat die Accessoires, die Pracht der Dekorationen, den Pomp der Kleider,
die Fülle der Chöre und deren Gruppierung zu überwiegender Selbständigkeit gebracht. ...

Für die Oper kann man bei der Sinnenpracht des Gesanges
und dem klingenden, rauschenden Chor der Stimmen und Instrumente
diesen für sich heraustretenden Reiz der äußeren Ausstattung und Exekution wohl zulassen.

Denn sind einmal die Dekorationen prächtig, so dürfen es, um ihnen die Spitze zu bieten,
die Anzüge nicht weniger sein, und damit muß dann auch das übrige in Einklang stehen.

Solch einem sinnlichen Pomp, ... entspricht dann als der angemessenste Inhalt
besonders das aus dem verständigen Zusammenhange herausgerissene Wunderbare, Phantastische, Märchenhafte,
von dem uns Mozart in seiner Zauberflöte das maßvoll und künstlerisch durchgeführteste Beispiel gegeben hat. (VÄ S. 517)


Ist solch ein Gehalt gefunden und im Prinzip des Ideals entfaltet, so ist ein Kunstwerk an und für sich objektiv,
sei nun auch das äußerlich Einzelne historisch richtig oder nicht.

Dann spricht auch das Kunstwerk an unsere wahre Subjektivität und wird zu unserem Eigentum.

Denn mag dann auch der Stoff seiner näheren Gestalt nach aus längst entflohenen Zeiten genommen sein,
die bleibende Grundlage ist das Menschliche des Geistes,
welches das wahrhaft Bleibende und Mächtige überhaupt ist
und seine Wirkung nicht verfehlen kann,
da diese Objektivität auch den Gehalt und die Erfüllung unseres eigenen Innern ausmacht.

Das bloß historisch Äußere dagegen ist die vergängliche Seite,
und mit dieser müssen wir uns bei fernliegenden Kunstwerken zu versöhnen suchen
und selbst bei Kunstwerken der eigenen Zeit darüber wegzusehen wissen. ...
und selbst eine Moral, wie Sarastro sie in der Zauberflöte singt,
wird sich jeder zusamt den Ägyptern bei dem inneren Kern und Geiste ihrer Melodien gefallen lassen. (VÄ S. 361)

Als auch näher auf ihren Text bezogen:

Erstens müssen wir auf die Beschaffenheit des Textes,
der sich zur Komposition eignet, einen Blick werfen,
da sich der bestimmte Inhalt der Worte jetzt für die Musik
und deren Ausdruck als von wesentlicher Wichtigkeit erwiesen hat. ...

Am passendsten dagegen für die Musik ist eine gewisse mittlere Art von Poesie,
welche wir Deutschen kaum mehr als Poesie gelten lassen,
für die aber die Italiener und Franzosen viel Sinn und Geschicklichkeit besessen haben:
eine Poesie, im Lyrischen wahr, höchst einfach, mit wenigen Worten die Situation und Empfindung andeutend;
im Dramatischen ohne allzu verzweigte Verwicklung klar und lebendig, das Einzelne nicht ausarbeitend,
überhaupt mehr bemüht, Umrisse zu geben als dichterisch vollständig ausgeprägte Werke. ...

Denn da die Musik sich den Worten anschließen soll,
müssen diese den Inhalt nicht sehr ins einzelne hin ausmalen,
weil sonst die musikalische Deklamation kleinlich, zerstreut
und zu sehr nach verschiedenen Seiten hingezogen wird,
so daß sich die Einheit verliert und der Totaleffekt schwächt.

In dieser Rücksicht befindet man sich beim Urteil
über die Vortrefflichkeit oder Unzulässigkeit eines Textes nur allzuoft im Irrtum.

Wie oft kann man nicht z.B. das Gerede hören, der Text der "Zauberflöte" sei gar zu jämmerlich,
und doch gehört dieses Machwerk zu den lobenswerten Opernbüchern.

Schikaneder hat hier nach mancher tollen, phantastischen und platten Produktion den rechten Punkt getroffen.

Das Reich der Nacht, die Königin, das Sonnenreich, die Mysterien, Einweihungen, die Weisheit, Liebe, die Prüfungen
und dabei die Art einer mittelmäßigen Moral, die in ihrer Allgemeinheit vortrefflich ist,
- das alles, bei der Tiefe, der bezaubernden Lieblichkeit und Seele der Musik,
weitet und erfüllt die Phantasie und erwärmt das Herz. (VÄ S. 206)

 

Auch außerhalb der wissenschaftlichen Arbeiten Hegels
zeugen Quellen von der hohen Schätzung der Mozart´schen Werke durch Hegel.

In einem Brief an eine Freundin bezeichnet Hegel sich als begierig auf Don Juan:

 

Hegel an Nanette Endel 22.3.1797

Ich werde hier in Frankfurt wieder etwas mehr der Welt gleich;
ich gehe die Woche wenigstens einmal in die Komödie,
sah auch neulich die "Zauberflöte", die mit schönen Dekorationen und Kleidungen,
aber schlechtem Gesang gegeben wurde;
morgen wird "Don Juan" gegeben, auf den ich der Musik wegen sehr begierig bin.

Auch genoß er den Figaro, wenn sein Lob auch mehr auf die Sänger ging:

 

Hegel aus Wien an seine Frau am 27.9.1824

Um noch zu Ende zu kommen, so bin ich abends - wo? in Figaros Hochzeit von Mozart gewesen,...
Ich mußte mir gestehen, daß die italienischen Kehlen in dieser gehaltnern Musik
nicht so viele Gelegenheit zu haben schienen, ihre brillianten Touren zu entwickeln,
die es so süß war zu hören,
aber für sich, mit welcher Vollkommenheit wurden die Arien, Duette etc. etc., besonders die Rezitative gegeben,
- letztere sind ganz die eigenen natürlichen Schöpfungen des Künstlers;
- Lablache, welch ein Figaro !
Fodor - Susanne, zu dieser Rolle hätte sie freilich schöner und größer sein müssen,
Sgra. Dardanelli - die Gräfin; ich saß diesmal näher beim Theater als das erstemal, da ich sie sah
- welch eine schöne Frau, ein lieblicher italienischer Kopf, und eine Ruhe, Noblesse in Haltung und Aktion
- sehr lieblicher schöner Anstand, - fast wäre ich in Deinen Fall gekommen und hätte mich in diese Frau verliebt !
sie ist in der Tat höchst anmutig.
Donzelli als Graf - stach ziehmlich gegen sie ab; solche Situationen sind nicht gut für ihn.

 

Aber wie schon D.F. Strauß in einem Brief an F.T. Vischer berichtet,
schätzte Hegel den "Figaro" (Barbier) von Rossini noch mehr:

Hegel aus Wien an seine Frau am 29.9. 1824

... - dann italienisches Theater - "Barbier von Sivilla" von Rossini ! zum zweitenmal;
ich habe nun bereits meinen Geschmack so verdorben,
daß dieser Rossinische "Figaro" mich unendlich mehr vergnügt hat als Mozarts "Nozze" [Hochzeit des Figaro],
- ebenso wie die Sänger unendlich mehr con amore spielten und sangen;
- was ist das herrlich, unwiderstehlich, sodaß man nicht von Wien wegkommen kann.

 

Diese Vorliebe wird auch von seinem Freund Hotho bestätigt
und später wohl auch geteilt:

H.G. Hotho am 10.10.1824

Hier sah ich auch Friedrich von Schlegel,
und unerwartet trat, als volles Gegenbild, für mich wie zum Augen- und Seelentrost,
mein alter Freund und Lehrer Hegel in diesen Kreis herein.

Er kam soeben von Wien, heiter und mitteilend, wie ich ihn bisher noch nicht gesehen hatte,
und völlig berauscht von Rossini, ...
so daß er mich unter 100 Späßen meiner Orthodoxie wegen auslachte,
mit welcher ich fester als je an Gluck und Mozart hing.

Daß dieses Klingeln, Flöten, Trommeln und Rauschen, Tendeln, Sehnen, Kosen und Toben,
daß mich diese ganze pikant langweilige Trivialität rhapsodischer Einfälle [Rossinis] jemals wie ihn erfreuen könnte,
glaubte ich ihn damals trotz seiner ernsten Prophezeiung [noch] nicht...

 

 

 

 



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