Gott zu wissen = Gott zu sein ?

Textauszug aus C.F. Göschels: Aphorismen über Nichtwissen und absolutes Wissen
im Verhältnisse zur christlichen Glaubenserkenntnis, Berlin 1829,S.68ff
mit einem Vorwort von M.Grimsmann/L.Hansen Sep.2005

 

Hegel lehrt:

"Das Sein Gottes und das Wissen Gottes ist eins."

Diese Aussage hat vielfach heftige Empörung hervorgerufen:

So führe die Identität des Seins und Wissens zur Selbstvergötterung,
denn indem ich behaupte, Gott zu wissen, behaupte ich Gott zu sein.

Diese Kritik wird von Carl Friedrich Göschel schlagend widerlegt.

Göschel war Hegel zwar persönlich nicht bekannt,
aber für dieses Buch wollte er ihm "dankbar die Hand drücken".

Göschel:
"Wir müssen also den obigen Einwand des sinnlich abstrakten Vestandes
näher eingehen, und zwar so, daß wir mit Liebe uns nähern,
weil er sich uns nicht nähern will.

Wir müssen ihm folglich erstens
über die Konsequenz unserer Erklärung Rechenschaft geben,
indem es sich fragt, ob darin die Konsequenz des Systems erhalten ist;
wir müssen ihn aber auch zweitens selbst zur Rechenschaft ziehen,
ob er seinerseits in der Anschuldigung der Selbstvergötterung
selbst konsequent und getreu zu Werke gegangen.


Zunächst ist auf jeden Fall darauf zu halten,
daß in unserer Gleichung kein Glied ohne das andere verändert werde,
und wenn eins eine Veränderung erleidet, dieselbe auch dem andern widerfährt.

Um uns dem Ankläger zu nähern,
übersetzen wir unsern Begriff und dessen Fortbewegung
in mathematische Gleichungen:


1. Wissen                       = Sein
2. Wissen Gottes            = Sein Gottes
3. Wissen Gottes in sich  = Sein Gottes in sich
4. Wissen Gottes in mir   = Sein Gottes in mir
5. Wissen meiner in Gott = Sein meiner in Gott.


Zur dritten und vierten Gleichung wäre zu bemerken,
daß sich hierin schon zum Voraus nicht allein der Unterschied des Seins,
sondern auch der Unterschied des Wissens
in Beziehung auf Gott und den Menschen zu Tage legt.

Wie es nicht gleich ist, ob und wie Gott in sich selbst und in mir ist,
so ist es auch nicht dasselbe,
ob und wie er in sich und in mir zum Bewußtsein kommt.
 

In der letzten Gleichung verändert sich das Subjekt des Seins und Wissens,
so daß mit seinem Subjekte das ganze Urteil unvollkommen, unzureichend,
und hiermit ein drittes Glied oder Element erheischt,
welches, wenn es einem Gliede der Gleichung gleich ist,
auch dem andern gleich sein muß.

Es ist nämlich in dem letzten Urteile ausgesprochen,
daß ich nur in sofern in Gott bin, als ich mich in ihm weiß,
und mich nur in ihm weiß, in sofern ich in ihm bin,
sodaß ein Glied von dem anderen abhängig ist und nur beide zugleich sind.

Nun ist aber wieder die Wahrheit, das ich mich in Gott weiß,
von der Vorraussetzung, daß ich Gott selbst weiß, abhängig,
und nichts ist gewisser, als das ich mich selbst nicht erkennen,
noch weniger mich in Gott wissen kann,
wenn ich Gott selbst nicht weiß.

Sich in Gott wissen und Gott wissen
ist sonach der Gestalt miteinander verbunden, und sich gleich gestellt,
daß eins im anderen aufgeht, womit die Identität beider Sätze ausgesprochen ist.

Denn Gott weiß ich nur, insofern ich mich in Gott weiß,
und in Gott weiß ich mich nur, insofern ich Gott weiß.

Ist aber beides identisch, so ist auch Gott wissen und in Gott sein identisch,
weil in Gott sein und sich in Gott wissen identisch sind.

Wer vermag diese drei Glieder: in Gott sein, sich in Gott wissen, Gott wissen,
aus ihrer unzertrennlichen Verbindung zu scheiden ?

Hiermit ist denn bewiesen, daß in Beziehung auf den Menschen
Gott wissen nicht Gott sein, sondern in Gott sein voraussetzt.


Unser Verfahren scheint hiermit gerechtfertigt;
es bleibt noch übrig, daß wir das Verfahren des sinnlichen Verstandes untersuchen,
welches derselbe beobachtet,
indem er aus dem Prinzipe der Identität auf Selbstvergötterung schließt.

Im Denken so schwerfällig, d.h. träge als leichtfertig,
kommt er kurzweg von dem Urteile:

Wissen Gottes = Sein Gottes

zu dem Schlusse:

also Gott wissen = Gott sein

und von da zu dem Endresultate:

Wenn ich Gott zu wissen behaupte,
muß ich Gott selbst zu sein behaupten.


Hier ist nun der Verstand nach seiner eigenen Logik zu überführen,
daß er mitten in dem Unternehmen Andere zurecht zu weisen
Schritt für Schritt irre geht und zu Falle kommt.


Bei dem ersten Schlusse ist das Vorderglied verändert worden,
und das zweite Glied unverändert geblieben,
wodurch jener grobe Mißverstand veranlaßt wird.

Die Veränderung besteht darin,
daß im ersten Gliede Gott auf einmal in den Accusativ tritt,
da er doch im zweiten im Nominativ bleibt.

Wir würden gegen die Veränderung des Vordergliedes nichts zu erinnern haben,
wenn der Nachsatz gleichen Schritt damit hielte, d.h. wenn geschlossen würde

Gott wissen = Gott haben,

welches sich so gleich ist, wie Gott nicht wissen und Gott suchen.


Hiermit wäre der absolute Gegenstand des Wissens und Seins
auch im zweiten Gliede der Gleichung nach Anleitung des ersten Gliedes
in den Accusativ versetzt.

Nun ist zwar noch eine Veränderung hinzugetreten,
die im ersten Gliede wenigstens nicht so sichtlich hervortritt,
indem Sein in Haben sich verwandelt,
das Wissen aber sich nicht verändert hat.

Allein die Verwandlung ist ohne unser Zutun geschehen,
das Haben hat sich dem Sein substituiert,
- ich rede auf Menschenweise - weil das Sein jeden Accusativ von sich weiset.

Haben ist auch ein Sein, aber ein Sein mit dem Accusativ,
ein Sein, das das nicht selbst ist, was es hat,
mithin kein absolutes Sein, kein in Sichsein, das das Leben in sich selbst hat,
sondern bedingtes, Sein im Andern,
Sein in dem absoluten Gegenstande, der es eben bedingt.

Der Begriff: Gott haben schließt von selbst das Gott sein aus,
und das in Gott sein zugleich mit dem Sein Gottes in uns ein.

Wer Gott hat, der ist nicht Gott selbst,
aber er muß, um dennoch zu sein, bedingt sein, in ihm sein,
denn wärest du von ihm getrennt, so wär er nicht dein Gott.

Das Eigentum, das wir uns an ihm zuschreiben,
haben wir nicht bloß dadurch, daß er ist,
sondern damit er er selbst bleibe, erst dadurch, daß wir in ihm sind.

Gott haben ist also in Gott sein,
womit dann das Sein wieder in das Glied der Gleichung tritt,
und hiermit ist unsere in obigem Einwurfe als erschlichen angefochtene Verwandlung
auch von derselben Seite gerechtfertigt,
welche den Einwurf seiner eigenen Inkonsequenz überführt.

Eigentlich ist also der Mensch gar nicht, sondern er hat bloß das Sein;
er weiß auch nicht, sondern er hat bloß das Wissen.

Eigentlich hat wohl das Nichtwissen dasselbe sagen wollen."

   
 












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