Von der Aktualität der Hegelschen Religionsphilosophie

Ein Vortrag, der anläßlich des Hegelkongresses in Jena 2002 (mit dem Thema Wissen und Glauben)von L. Hansen gehalten wurde.
Erschienen im Hegel-Jahrbuch 2003, Akademie-Verlag

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Farblegende:
Zitate aus Hegel (Suhrkamp Werkausgabe)
Zitate aus der
Kongreß-Ankündigung
eigene Bemerkungen, [...]
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In der Ankündigung zum 24. Kongress
der Internationalen Hegel-Gesellschaft (August 2002)
ist zu lesen:

"Fachspezifische Hegel-Analysen,
die Binnenprobleme der Theorie erörtern,
sind nach wie vor gefragt.

Aber mit allem Nachdruck sollen auch
gegenwartsbezogene Fragen diskutiert werden."


So wird ein Unterschied zwischen einer Hegelanalyse
und gegenwartbezogenen Fragen gemacht.

Aber ist es nicht auch denkbar,
daß es gar keinen wesentlichen Unterschied gibt

und beides zusammenfallen kann?

Wie wird in der Kongreßankündigung
die gegenwärtige Situation der Religion beschrieben ?

"
Gleichzeitig diffundiert das religiöse Bewußtsein
in einen Pluralismus, [...]
Und der Monopolanspruch der
christlichen Religion
wird zudem noch in wachsendem Maß in Frage gestellt. [...]"


Vergleichen wir diese Beschreibungen
mit Hegels Kennzeichnung seiner Gegenwart:


"Leicht kann man sich überzeugen,
wenn man betrachtet, was jetzt die kirchlichen Dogmen wirklich gelten,
daß in der allgemeinen Religiosität eine weitgreifende,
beinahe universelle Gleichgültigkeit
gegen sonst für wesentlich gehaltene Glaubenslehren eingetreten ist." [16;45]

"Die Wissenschaft bildet so ein Universum der Erkenntnis,
das für sich Gottes nicht bedarf, außerhalb der Religion liegt
und mit ihr direkt nichts zu schaffen hat." [16;24]

"Wie in der Zeit des römischen Kaisertums [...]
die allgemeine Einheit in der Religion verschwunden war [...]
so ist auch jetzt, da die moralische Ansicht,

die selbsteigene Meinung und Überzeugung
ohne objektive Wahrheit sich zum Geltenden gemacht hat,
die Sucht des Privatrechts und Genusses an der Tagesordnung." [17;342]

"[...] in der allgemeinen Überzeugung die Lehren nicht mehr gelten" [16;47]

"[...] so daß die heilige Kirche keine Gemeinschaft mehr hat
und in Atomezerfällt. "[17;340]

"Es hat da jeder so seinen Gott, Christus usf. Partikularität,
worin jeder so seine individuelle Religion, Weltanschauung usw. hat." [17;335]

"Aus der Schrift sind daher die entgegengesetztesten Meinungen
exegetisch durch die Theologie bewiesen,

und so ist diese sogenannte Heilige Schrift
zu einer wächsernen Nase gemacht worden." 16;37


Angesichts dieser Stellen kann wohl nicht
von einem wesentlichen Unterschied
zwischen der gegenwärtigen Situation und der Hegels
gesprochen werden.

Man mag vielleicht einen Unterschied zu Hegels Zeit darin sehen,
daß sich die Situation der Religion verschärft hat
und daß heute der Staat keinen Zwang mehr
i.B. auf Religiosität ausübt.
("Ende der quasi-religiösen Staatsautorität")

Aber der quantitative Unterschied ist nicht wesentlich,
und wenn es auch die Staats-Autorität zu Hegels Zeit noch gab,
heißt es bei Hegel :

"die Macht des Staates kann hier nichts ausrichten;
dazu hat der Verfall zu tief eingegriffen." [17;343]



In der Kongreßankündigung wird nun die Frage gestellt:

"Läßt sich die gegenwärtige Situation
mit Hegel besser begreifen? "


Hegel begreift die Situation als ein spezifisches Moment eines Prozesses.

Dieser Prozeß entwickelt sich
gemäß Hegels allgemeiner wissenschaftlichen Methode
aus der einfachen Einheit in die Differenz
zur konkreten, den Unterschied enthaltenden Einheit
von Wissen und Glauben.




Diesen Prozeß finden wir vielfach wiederkehrend
in der Phänomenologie, Geschichtsphilosophie
sowie in der Religionsphilosophie
in der Einleitung, im Begriff der Religion
und insbesondere am Ende
im Abschnitt über
"die Realisierung des Geistigen [des christlichen Gedankens]
zur allgemeinen Wirklichkeit"





Dort ist zu lesen:

"a) In der Religion an sich ist das Herz versöhnt. "[17;330]
Der Glaube an Gott und das Wissen von der Welt
befinden sich unmittelbar in Einklang.
Die Wissenschaft gründet sich auf die Kirche (Scholastik).

"b) Das zweite ist, daß die ideale Seite [das Wissen, Denken]
nun sich darin für sich heraushebt. [...]


Diese Freiheit wendet sich nun
gegen die bloße geistlose Äußerlichkeit,
die Knechtschaft [der Autorität der Kirche],

denn die Knechtschaft
ist dem Begriff der Versöhnung, der Befreiung

schlechthin entgegen,
und so tritt das Denken ein, das die Äußerlichkeit,
in welcher Form sie auch erscheine,
zerstört und ihr Trotz bietet.    

Es ist dies das negative und formelle Tun,
das in seiner konkreten Gestalt
die Aufklärung genannt worden,

daß das Denken sich gegen die Äußerlichkeit wendet
und die Freiheit des Geistes behauptet wird,
die in der Versöhnung liegt." [17;333]


Die Aufklärung gewinnt diesen Kampf mit dem Glauben.
Sie entleert dabei den Inhalt der Religion
und reduziert Gott zum unbestimmbaren, höchsten aber leeren Wesen.
 
"Diesseits des leeren Wesens Gottes
steht so die für sich frei, selbständig gewordene Endlichkeit,
die in sich absolut gilt [...].
 
Die weitere Konsequenz ist,
daß nicht nur die Objektivität Gottes so jenseits ist, so negiert ist,
sondern daß alle anderen objektiven,
an und für sich geltenden Bestimmungen [Werte]
für sich verschwinden
,
welche in der Welt als Recht, sittlich usf. gesetzt werden." [17;335]

"Es hat eine Zeit gegeben, [Scholastik]
wo alles Wissen Wissenschaft von Gott gewesen ist.
Unsere Zeit hat dagegen das Ausgezeichnete, von allem und jedem,
von einer unendlichen Menge von Gegenständen zu wissen,
nur nichts von Gott." [16;43]


"c) Was endlich noch zu betrachten, ist,

daß die Subjektivität aus sich entwickelt den Inhalt [der Religion],
aber nach der Notwendigkeit,

- den Inhalt als notwendig
und diesen als objektiv, an und für sich seiend

weiß und anerkennt.  

Das ist der Standpunkt der Philosophie [Hegels],
daß der Inhalt in den Begriff sich flüchtet
und durch das Denken seine Wiederherstellung
und Rechtfertigung erhält."

 

In diesem Prozeß stellt sich die Religion
als durch Aufklärung und Philosophie überwunden dar.

Insbesondere wenn man die geschichtliche Seite:
Scholastik - Aufklärung - Hegel (1830) betrachtet,
scheint die Frage in der Kongreßankündigung:
-
"
Sind moderne ausdifferenzierte Gesellschaften
des westlichen Typs noch auf Religion angewiesen?
Oder ist die Religion ihrer höchsten Bestimmung nach
etwas Abgelegtes?
"-
mit "die Religion ist etwas Abgelegtes" beantwortet werden zu müssen.


Und so ist die Kirche nicht mehr Sachwalterin des Wissens;
sie konnte nicht gegen die Aufklärung bestehen
und wurde des Inhalts ihrer Lehre beraubt.
Und auch wenn ihr Inhalt in der Hegelschen Religionsphilosophie
wiederhergestellt wird,
so hat sie doch ihre eigentümliche Form dabei aufzugeben.


Aber dies ist nur die geschichtliche Seite des Prozesses.
Er ist ebenso gegenwärtig in der Gesellschaft und im Individuum.
Die Religion ist nach dieser
individuellen Seite etwas bleibendes:

"[...] und so bilden sich in Rücksicht auf das Reich des Geistes
drei Stufen oder Stände:
der erste Stand der unmittelbaren, unbefangenen Religion
und des Glaubens,
der zweite der Stand des Verstandes, der sogenannten Gebildeten,
der Reflexion und Aufklärung,
und endlich der dritte Stand, die Stufe der Philosophie. "
[17;342]


Insofern bleibt die Gesellschaft immer auf Religion angewiesen,
da sie der Anfang des Prozesses für jedes Indiviuum ist. (zB. für Kinder)
und
 "[...]
indem die Religion die Wahrheit für alle Menschen ist." 17;230

Ferner ist im Fortgang des Prozesses, der Stufe der Reflexion,
die Religion nicht weggeworfen, sondern aufgehoben, dh. auch erhalten.
Die Aufklärung ist Realisierung der Religion
und das zu Realisierende ist in der Realisation positiv erhalten.
Das Moment der subjektiven Freiheit, des Denkens,
ist an sich im Begriff der Religion enthalten
und wird in der Aufklärung für sich gesetzt.

Und wenn schließlich in der spekulativen Philosophie Hegels
die Form der Vorstellung in der Religion nicht mehr genügt,
so erfährt doch der Inhalt der Religion
seine Rechtfertigung und damit sogar Erhöhung.

Zu dieser Aufhebung heißt es in der Ankündigung zum Kongreß,
Hegels Überzeugung sei es:
"das religiöse Bewußtsein, [...]
müsse über sich selbst aufgeklärt
und in Philosophie aufgehoben werden."

Man muß doch aber feststellen,
daß das religiöse Bewußtsein bereits über sich aufgeklärt wurde und wird.

"Die Aufklärung selbst aber, [...]
ist ebensowenig über sich selbst aufgeklärt." 3;418

Aber, daß die Verstandesrefexion
durch die spekulative Vernunft aufgeklärt wurde,
dies ist bis heute nicht
zur allgemeinen gesellschaftlichen Wirklichkeit geworden.

Über diesen Punkt sich näher zu verständigen,
hieran sollte das philosophische Ineresse unserer Zeit
Anteil nehmen.

Wie die Kirche über ihren Mißstand hinauskommt
"ist nicht die unmittelbar praktische Sache und Angelegenheit
der Philosophie.
"17;344

Aber wir meinen:
würde die Theologie
sich von Hegels denkender Erkenntnis der Dogmen,
die sie selbst aufgegeben hat, belehren lassen,
gewönne sie die intellektuellen Mittel,
sich einer verständigen Reflexions-Skepsis zu erwehren,
und die Überzeugung von der eigenen Sache, die nötig ist,
um sie glaubwürdig (und damit auch wirkungsvoll) zu vertreten.

 

Hat die Philosophie nicht selbst einen Mißstand ?
Welches Ansehen hat sie heute in der Gesellschaft?
Ist sie nicht vielmehr ihrer höchsten Bestimmung (Erkenntnis der Wahrheit) nach etwas Abgelegtes ?
Diffundiert sie nicht auch in einen Pluralismus ohne Methode ?

Steht unsere intellektuelle Gegenwart nicht immernoch
im Zeichen der Aufklärung?

Und ist Hegels Einheit von Glauben und Wissen in der Wissenschaft
nicht immernoch Zukunft ?
 



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