Was wirklich ist, das ist vernünftig

[Hegel-Originaltext. Auswahl und Anmerkungen [...] von M.Grimsmann und L.Hansen, Feb. 1999
Abkürzungen für Quellangaben siehe Info]

 

Was vernünftig ist, das ist wirklich;
und was wirklich ist, das ist vernünftig.
 
 

In dieser Überzeugung steht jedes unbefangene Bewußtsein
wie die Philosophie, und hiervon geht diese
ebenso in Betrachtung des geistigen Universums aus als des natürlichen.
Vorrede PR

[Auch die Religion steht in dieser Überzeugung.]

Die Religion wird es unnötig sein in dieser Beziehung anzuführen,
da ihre Lehren von der göttlichen Weltregierung
diese Sätze zu bestimmt aussprechen.

[Die Religion sagt:
Gott ist die Vernunft.
Er ist der Schöpfer der Welt (Wirklichkeit).
Also ist auch die Wirklichkeit vernünftig (Gott gemäß).]


Diese einfachen Sätze haben [aber auch]
manchen auffallend geschienen und Anfeindung erfahren,
und zwar selbst von solchen,
welche Philosophie und wohl ohnehin Religion zu besitzen
nicht in Abrede sein wollen.

[Die bis heute anhaltende Anfeindung gegen diese Sätze
beruht aber auf der Unkenntnis desse,
was Hegel unter "Wirklichkeit" versteht.]

Was den philosophischen Sinn betrifft,
so ist so viel Bildung vorauszusetzen,
daß man wisse, nicht nur daß Gott wirklich,
- daß er das Wirklichste, daß er allein wahrhaft wirklich ist,
sondern auch, in Ansehung des Formellen,
daß überhaupt das Dasein
zum Teil Erscheinung und nur zum Teil Wirklichkeit ist.
Enz Anm. § 6


["Wirklichkeit" bedeutet bei Hegel also nicht alles Dasein,
sondern nur ein Teil des Daseins.
"Was wirklich ist, das ist vernünftig"
heißt also nicht: alles was ist (da ist, existiert), das ist vernünftig,
sondern nur was wirklich ist, das ist vernünftig,
nicht, was nur Erscheinung ist.]


Die Wirklichkeit ist die Einheit des Wesens und der Existenz;
in ihr hat das gestaltlose Wesen und die haltlose Erscheinung
oder das bestimmungslose Bestehen [Wesen]
und die bestandlose Mannigfaltigkeit [Existenz] ihre Wa
hrheit. WL

[Weder das bloß äußere Sein der Dinge
noch ihr bloß inneres Wesen ist die Wirklichkeit,
sondern das Wesen, das zugleich existiert
oder die Existenz, die ihren Grund in sich selbst hat.

Z.B. in der Natur:
Die Unorganische Natur ist nur Existenz.
Der lebendige Organismus ist eine Existenz,
die sich selbst hervorbringt.

im Geist:
Eine Meinung ist eine bloße zufällige Existenz.
Eine wissenschaftliche Erkenntnis
ist ein in sich selbst begründetes System.]

 

Alles, was nicht diese durch den Begriff selbst gesetzte Wirklichkeit ist,
ist vorübergehendes Dasein, äußerliche Zufälligkeit, Meinung,
wesenlose Erscheinung, Unwahrheit, Täuschung usf.
 Enz § 1 Anm.

 
Im gemeinen Leben nennt man etwa jeden Einfall,
den Irrtum, das Böse und was auf diese Seite gehört,
sowie jede noch so verkümmerte und vergängliche Existenz
zufälligerweise eine Wirklichkeit.
 
Aber auch schon einem gewöhnlichen Gefühl
wird eine zufällige Existenz
nicht den emphatischen Namen eines Wirklichen verdienen;
- das Zufällige ist eine Existenz,
die keinen größeren Wert als den eines Möglichen hat,
die so gut nicht sein kann, als sie ist.
 
Wenn aber ich von Wirklichkeit gesprochen habe,
so wäre von selbst daran zu denken,
in welchem Sinne ich diesen Ausdruck gebrauche,
da ich in einer ausführlichen Logik auch die Wirklichkeit abgehandelt
und sie nicht nur sogleich von dem Zufälligen, was doch auch Existenz hat,
sondern näher von Dasein, Existenz und anderen Bestimmungen
genau unterschieden habe. Enz Anm. § 6



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