Die skandinavische Hegel-Rezeption (1945-1989) -- Fortsetzung

Dieser Text ist eine Vorschau auf Geschichte der Hegelrezeption, Band II, der 2026 bei Reflexivity Press erscheint.

Einordnung

In Marginale Rezeptionen vor 1914 haben wir die Anfänge der skandinavischen Hegel-Rezeption bis 1945 skizziert: die frühe Rezeption in Dänemark durch Heiberg und Kierkegaards kritische Antwort, die schwedische Tradition von Boström bis Hägerström, die norwegischen Anfänge. Dieser Band muss diese Geschichte fortsetzen, auch wenn die skandinavische Rezeption nie die Intensität der deutschen, französischen oder anglo-amerikanischen erreichte.[1]

Die Nachkriegssituation

Die skandinavischen Länder hatten unterschiedliche Kriegserfahrungen: Schweden neutral, Norwegen und Dänemark besetzt, Finnland in einem komplexen Verhältnis zur Sowjetunion. Diese verschiedenen Ausgangspunkte prägten auch die intellektuellen Debatten nach 1945.

In allen skandinavischen Ländern dominierte zunächst die analytische Philosophie – stärker noch als in England oder den USA. Die Uppsala-Schule (Hägerström, Hedenius) in Schweden, die Kopenhagener Gruppe um Jørgen Jørgensen in Dänemark, und die analytisch geprägten Philosophen in Norwegen und Finnland machten die skandinavische Philosophie zu einer Hochburg des logischen Empirismus und der analytischen Metaethik.

In diesem Klima hatte Hegel einen schweren Stand. Er galt als das Gegenteil von allem, was die analytische Philosophie schätzte: spekulativ statt klar, systematisch statt problemorientiert, metaphysisch statt wissenschaftlich.

Gegenströmungen: Existentialismus und Marxismus

Zwei Bewegungen durchbrachen diese Dominanz teilweise: der Existentialismus und der Marxismus. Der Existentialismus – vermittelt durch Kierkegaard, der ja skandinavischer Herkunft war – gewann in den 1950er und 1960er Jahren an Einfluss. Kierkegaard als Anti-Hegelianer war dabei paradoxerweise ein Vermittler zu Hegel: Wer Kierkegaard verstand, musste auch Hegel kennen, gegen den sich Kierkegaard wandte.

Der Marxismus, besonders in Norwegen und Dänemark, brachte ebenfalls Hegel zurück – als Vorläufer von Marx, als Quelle der Dialektik. Die Studentenbewegung von 1968 hatte auch in Skandinavien Auswirkungen, und mit ihr kam ein erneuertes Interesse an kritischer Theorie, Marxismus und damit indirekt an Hegel.

Jon Hellesnes und die norwegische Praxisphilosophie

Der bedeutendste skandinavische Beitrag zur Hegel-Rezeption nach 1945 kam aus Norwegen: Jon Hellesnes (geb. 1939) entwickelte ab den 1970er Jahren eine “Praxisphilosophie”, die Hegel, Marx und Wittgenstein verband.[2]

Hellesnes’ Grundeinsicht: Philosophie ist keine theoretische Kontemplation, sondern Reflexion auf Praxis. Das verband ihn mit dem Pragmatismus (Dewey), mit Marx (die Praxis-Philosophie der Praxis-Gruppe, -> Kapitel 11.5), aber auch mit Hegels Phänomenologie, die ja Gestalten des praktischen Lebens analysiert.

Seine Hegel-Rezeption war selektiv: Er interessierte sich mehr für den Hegel der Phänomenologie als für den der Logik, mehr für den Theoretiker der Bildung als für den Systematiker des Absoluten. Das machte seine Position anschlussfähig für skandinavische Leser, die mit dem “ganzen” Hegel Schwierigkeiten hatten.

Schweden: Die Lund-Schule

In Schweden entwickelte sich an der Universität Lund ein Zentrum der Hegel-Forschung, weniger bekannt als die deutschen, aber produktiv. Ingemar Hedenius (1908-1982), eigentlich ein Vertreter der analytischen Philosophie, setzte sich kritisch mit Hegel auseinander – die Kritik blieb nicht bloß polemisch, sondern führte zu einer ernsthaften Beschäftigung.

Jüngere schwedische Philosophen wie Sven-Olov Wallenstein (geb. 1961) – dessen Hauptwerk allerdings erst nach 1989 erschien – verbanden Hegel mit der französischen Phänomenologie und Ästhetik.

Systematische Bedeutung

Die skandinavische Hegel-Rezeption zeigt: Auch in Kontexten, die Hegel feindlich gesinnt waren, konnte er sich durchsetzen – wenn auch langsamer und selektiver als anderswo. Die Brücke war oft indirekt: durch Kierkegaard, durch Marx, durch den Pragmatismus.

Für die Gesamtgeschichte der Hegel-Rezeption ist Skandinavien eher Randbemerkung als Hauptkapitel. Aber gerade deshalb ist es aufschlussreich: Es zeigt, dass die Hegel-Renaissance kein rein deutsches oder französisches Phänomen war, sondern globale Dimensionen hatte – auch wenn sie verschiedene Formen annahm.


  1. Zur skandinavischen Philosophiegeschichte allgemein: Nils Gilje / Gunnar Skirbekk, A History of Norwegian Philosophy, Oslo 2001 (enthält Abschnitte zur Hegel-Rezeption). ↩︎

  2. Jon Hellesnes, Sosialisering og teknokrati, Oslo: Gyldendal, 1975. Eine Einführung in seine Praxisphilosophie. Auf Deutsch leider kaum rezipiert. ↩︎