Frankreich - Von Kojève zu Althusser
Dieser Text ist eine Vorschau auf Geschichte der Hegelrezeption, Band II, der 2026 bei Reflexivity Press erscheint.
Rekapitulation: Die französische Hegel-Renaissance (1930er-1950er)
Bevor wir Althusser behandeln, ein kurzer Rückblick auf die französische Hegel-Rezeption, die wir in Kapitel 6 ausführlich darstellten:[1]
Alexandre Kojève (1902-1968) hielt 1933-1939 seine berühmten Hegel-Vorlesungen in Paris. Seine These: Hegels “Phänomenologie” ist Anthropologie - die Geschichte des Menschen als Kampf um Anerkennung. Die “Herr-Knecht-Dialektik” ist zentral: Der Mensch wird Mensch durch Arbeit und Kampf.
Kojève interpretierte Hegel existentiell: Das Selbstbewusstsein konstituiert sich durch Negation - Negation der Natur (Arbeit), Negation des Anderen (Kampf). Diese Negation ist Freiheit. Die Geschichte ist der Prozess, in dem Freiheit sich durchsetzt - und mit Napoleon/Hegel ist sie vollendet (“Ende der Geschichte”).[2]
Jean Hyppolite (1907-1968) übersetzte Hegels “Phänomenologie” ins Französische (1939/1941) und schrieb einen monumentalen Kommentar (1946). Seine Lesart war phänomenologischer als Kojèves - näher an Husserl, weniger marxistisch.[3]
Jean Wahl (1888-1974) betonte Hegels Unglückliches Bewusstsein - die Erfahrung der Zerrissenheit, der Nicht-Versöhnung. Gegen die optimistische Lesart (Kojève: Geschichte ist vollendet) setzte Wahl: Das Bewusstsein bleibt zerrissen, die Versöhnung ist prekär.[4]
Diese drei - Kojève, Hyppolite, Wahl - prägten eine ganze Generation französischer Intellektueller: Sartre, Merleau-Ponty, Lacan, Bataille, später Foucault, Derrida, Deleuze. Die französische Philosophie des 20. Jahrhunderts ist ohne Hegel undenkbar.
Louis Althusser (1918-1990) - Der anti-humanistische Marx
Louis Althusser brach radikal mit dieser Tradition. Er sagte: Vergesst Hegel! Der Marx, der zählt, ist der anti-hegelianische Marx.[5]
Wer war Althusser?
Althusser wurde 1918 in Algerien geboren, studierte in Paris, wurde 1948 Lehrer an der École Normale Supérieure (ENS) - der Eliteschule für Philosophen. Er war Mitglied der PCF (seit 1948), orthodox, aber intellektuell brillant.
Persönlich war Althusser tragisch: Er litt unter schweren Depressionen, war mehrfach in psychiatrischer Behandlung. 1980 tötete er in einem psychotischen Schub seine Frau Hélène - er wurde für unzurechnungsfähig erklärt, kam in psychiatrische Klinik. Seine letzten Jahre verbrachte er im Schatten dieser Tat.[6]
Aber in den 1960er Jahren war Althusser die dominierende Figur des französischen Marxismus.
Das Hauptwerk: “Für Marx” und “Das Kapital lesen” (1965)
Althusser publizierte 1965 zwei Bücher gleichzeitig: “Pour Marx” (Für Marx) und “Lire Le Capital” (Das Kapital lesen, zusammen mit Schülern: Balibar, Rancière, Macherey).[7]
Die zentrale These: Es gibt einen “epistemologischen Bruch” zwischen dem jungen Marx (bis ca. 1845) und dem reifen Marx (ab 1845, besonders “Das Kapital” 1867).
Der junge Marx: Noch hegelianisch, humanistisch, idealistisch. Redet von “Entfremdung”, “Wesen des Menschen”, “Gattungswesen”. Das ist Philosophie - spekulativ, nicht wissenschaftlich.
Der reife Marx: Bricht mit Hegel, entwickelt Wissenschaft. Nicht mehr Humanismus (was ist der Mensch?), sondern Strukturanalyse (wie funktioniert der Kapitalismus?). Nicht mehr Subjekt (der entfremdete Arbeiter), sondern Struktur (Produktionsverhältnisse, Klassenkampf, Mehrwert).
Althussers Pointe: Hegel ist nicht Vorläufer von Marx, sondern dessen Gegner. Marx wurde Marx, indem er Hegel verwarf.
Die Kritik an Hegel
Althusser formulierte drei Vorwürfe gegen Hegel:
1. Idealismus: Hegels System ist “Ideen-Geschichte” - der Weltgeist entfaltet sich. Aber die Wirklichkeit besteht nicht aus Ideen, sondern aus materiellen Verhältnissen (Ökonomie, Produktionskräfte, Klassenkämpfe).
2. Teleologie: Hegel behauptet, die Geschichte habe ein Ziel (absolute Wissen, Freiheit). Aber das ist Mystifikation. Die Geschichte hat kein Ziel - sie ist Prozess ohne Subjekt, getrieben von widersprüchlichen Strukturen.
3. Humanismus: Hegels Philosophie ist anthropozentrisch - der Mensch als Subjekt, das sich selbst verwirklicht. Aber der “Mensch” ist keine Substanz, sondern Effekt von Strukturen (Ideologie, Produktionsverhältnisse). Es gibt kein “Wesen des Menschen” - nur historisch spezifische Subjektformen.
Althussers Formel: “Die Geschichte ist ein Prozess ohne Subjekt.” Das ist anti-hegelianisch: Nicht der Weltgeist, nicht der Mensch, nicht die Klasse als bewusstes Subjekt - sondern strukturelle Widersprüche treiben die Geschichte.
Der Einfluss - Und die Kritik
Althussers Werk explodierte: Innerhalb weniger Jahre wurde er international einflussreich. Besonders bei:
1. Der Studentenbewegung (1968): Althusser lieferte theoretische Munition gegen den “humanistischen” Marxismus (Sartre, Garaudy). Die Studenten lasen: Nicht Subjekt-Philosophie, sondern Strukturkritik. Nicht Entfremdung, sondern Klassenkampf.
2. Dem Maoismus: Althussers “anti-humanistischer” Marx passte zur chinesischen Kulturrevolution (1966-1976) - radikale Kritik an Bürokratie, an “Revisionismus”, an Humanismus.
3. Poststrukturalismus: Foucault, Deleuze, später Derrida - alle lasen Althusser. Die Idee, dass Strukturen vor dem Subjekt kommen, dass das Subjekt Effekt ist, nicht Ursache - das prägte die französische Philosophie der nächsten Jahrzehnte.
Aber die Kritik kam schnell:
1. Zu dogmatisch: Althusser blieb PCF-Mitglied, verteidigte (mit Einschränkungen) die Sowjetunion. Das war nach 1968 (Prager Frühling!) schwer haltbar.
2. Zu strukturalistisch: Die Frage: Wenn es kein Subjekt gibt - wer macht dann Revolution? Wenn Geschichte “Prozess ohne Subjekt” ist - warum kämpfen? Althussers Schüler (Rancière, Balibar) brachen mit ihm, weil sie diese Frage nicht beantworten konnten.[8]
3. Der “epistemologische Bruch” ist fraglich: Ist der junge Marx wirklich so hegelianisch? Ist der reife Marx wirklich so anti-hegelianisch? Die Forschung zeigt: Marx blieb sein Leben lang dialektisch - nicht mechanisch-materialistisch, sondern hegelscher, als Althusser zugab.[9]
Systematische Bewertung
Althusser erfasste etwas Wichtiges: Marx ist nicht Humanist im Sinne von “der Mensch hat ein festes Wesen, das entfremdet ist”. Marx zeigt: Das “Wesen” des Menschen ist historisch variabel - es ändert sich mit den Produktionsverhältnissen.
Aber Althusser übertrieb: Man kann nicht Hegel ganz aus Marx herausstreichen. Marx’ “Kapital” ist dialektisch strukturiert - die Entwicklung von der Ware zum Kapital folgt logischen Strukturen, die Hegel expliziert hat (von abstrakt zu konkret, von einfach zu komplex, durch Widersprüche vermittelt).
Die Lehre: Weder einfach “Marx = Hegel materialisiert” (das wäre zu simpel), noch “Marx gegen Hegel” (das wäre falsch). Sondern: Marx transformiert Hegel - behält die Methode, ändert den Gegenstand.
Hinweis: Althusserl wird und noch einmal in Kapitel 18a im Rahmen der systematischen Behandlung des Strukturalismus wiederbegegnen.
Lucien Sève (geb. 1926) - Gegen Althusser: Humanismus ist notwendig
Lucien Sève war Althussers Gegenspieler innerhalb der PCF. Auch er war Parteimitglied, auch er Philosoph - aber er verteidigte den Humanismus gegen Althussers “Strukturalismus”.[10]
Das Hauptwerk: “Marxismus und Persönlichkeitstheorie” (1969)
Sèves wichtigstes Buch: “Marxisme et théorie de la personnalité” (1969) - eine Auseinandersetzung mit Psychologie, Pädagogik, und implizit: mit Althusser.[11]
Die These: Der Marxismus braucht eine Theorie der Persönlichkeit - wie entwickeln sich Menschen? Wie werden sie zu Subjekten? Wie lernen sie, handeln sie, verändern sie sich?
Althusser hatte gesagt: Es gibt kein Subjekt, nur Strukturen. Sève sagt: Nein. Menschen sind nicht nur Effekte von Strukturen - sie sind Akteure, die handeln, lernen, sich entwickeln. Ohne Subjekt keine Praxis, ohne Praxis keine Revolution.
Der Hegel-Bezug
Sève bezieht sich auf Hegel - besonders auf die Bildungstheorie. In der “Phänomenologie” zeigt Hegel: Das Bewusstsein entwickelt sich durch Arbeit und Anerkennung. Der Knecht wird durch Arbeit zum Selbstbewusstsein - nicht automatisch, sondern durch Anstrengung, durch Bildung.
Sève wendet das an: Menschen entwickeln sich durch gesellschaftliche Praxis - Arbeit, Erziehung, Kooperation. Diese Praxis formt die Persönlichkeit. Aber die Persönlichkeit ist nicht passiv (Effekt von Strukturen), sondern aktiv (gestaltet sich selbst).
Das ist gegen Althusser: Der Mensch ist nicht nur strukturiert, sondern selbst-strukturierend. Er ist nicht nur Produkt, sondern auch Produzent.
Die Wirkung
Sève war weniger einflussreich als Althusser - nicht so brilliant, nicht so radikal. Aber er war systematisch wichtiger: Seine Theorie ist kohärenter, näher an Marx, offener für Praxis.
Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion (1991) blieb Sève aktiv - er schrieb über Ethik, über Kommunismus im 21. Jahrhundert. Er starb nicht (er lebt noch, Stand 2025), blieb produktiv bis ins hohe Alter.
Ausführlich in Band 2.1, Kapitel 3. Hier nur Rekapitulation für Kontext. ↩︎
Alexandre Kojève: Introduction à la lecture de Hegel (1947), Paris: Gallimard; dt. Hegel. Eine Vergegenwärtigung seines Denkens, Frankfurt/M.: Suhrkamp, 1975. ↩︎
Jean Hyppolite: Genèse et structure de la Phénoménologie de l’esprit de Hegel, Paris: Aubier, 1946; dt. Genese und Struktur der Phänomenologie des Geistes von Hegel, Frankfurt/M.: Suhrkamp, 1974. ↩︎
Jean Wahl: Le malheur de la conscience dans la philosophie de Hegel (1929), Paris: Rieder; dt. Das Unglück des Bewußtseins in der Philosophie Hegels, München: Kösel, 1951. ↩︎
Zu Althusser: Gregory Elliott: Althusser: The Detour of Theory, London: Verso, 1987; Ted Benton: The Rise and Fall of Structural Marxism, London: Macmillan, 1984. ↩︎
Althusser selbst: L’avenir dure longtemps (1992, posthum), Paris: Stock; dt. Die Zukunft hat Zeit, Frankfurt/M.: Fischer, 1993 - autobiografische Reflexion. ↩︎
Louis Althusser: Pour Marx, Paris: Maspero, 1965; dt. Für Marx, Frankfurt/M.: Suhrkamp, 1968. Louis Althusser u.a.: Lire Le Capital, Paris: Maspero, 1965; dt. Das Kapital lesen, Hamburg: Rowohlt, 1972. ↩︎
Jacques Rancière: La leçon d’Althusser (1974), Paris: Gallimard; dt. Althussers Lektion, Berlin: Merve, 2014 - scharfe Abrechnung mit Althusser. ↩︎
Siehe z.B. Michael Heinrich: Wie das Marxsche Kapital lesen?, Stuttgart: Schmetterling, 2008 - zeigt, dass Marx’ “Kapital” strukturell hegelianisch ist. ↩︎
Zu Sève: [## TODO: LÜCKE: Wenig westliche Sekundärliteratur.] ↩︎
Lucien Sève: Marxisme et théorie de la personnalité, Paris: Éditions sociales, 1969; dt. Marxismus und Theorie der Persönlichkeit, Frankfurt/M.: Marxistische Blätter, 1972. ↩︎