Quantität

Hegel (Seinslogik, zweite Hauptkategorie)

Die Quantität ist die zweite Hauptkategorie der Seinslogik (nach Qualität, vor Maß). Sie ist Sein, dem die Bestimmtheit gleichgültig geworden ist. Während bei der Qualität das "Was?" einer Sache im Vordergrund steht (eine Rose ist rot, nicht blau), fragt die Quantität nach dem "Wieviel?" (wie groß, wie schwer, wie viele?). Das Entscheidende ist: Die quantitative Bestimmung kann sich ändern, ohne dass die Sache ihre Identität verliert - ein Tisch bleibt ein Tisch, ob 1m oder 2m lang. Diese "Gleichgültigkeit" der Quantität ist ihre definierende Eigenschaft --- und zugleich das, was die Quantitätslehre eigentlich ableitet: die **Mathematisierbarkeit**. Dass man von der Beschaffenheit einer Sache absehen und nur ihre Größe betrachten kann, ist kein Ausgangspunkt, sondern ein Resultat der Qualitätslogik. Die Kehrseite ist die Deutungsoffenheit der Mathematik: Weil die Quantität vom Was absieht, kann dieselbe Gleichung ein Pendel und einen Stromkreis beschreiben. Das ist der Grund für die Reichweite der mathematischen Naturwissenschaft und zugleich für ihre Grenze --- was sie erfasst, erfasst sie, indem sie vom Was absieht. Die reine Quantität hat eine Doppelstruktur: Sie ist zugleich kontinuierlich (fließend, teilbar ins Unendliche) und diskret (aus abzählbaren Einheiten bestehend). Diese Spannung zeigt sich im mathematischen Kontinuumsproblem. Als bestimmte Quantität wird sie zum Quantum (einer bestimmten Größe), das sich in extensive Größe (teilbar, addierbar wie Länge, Masse) und intensive Größe (unteilbar, Grad wie Temperatur, Dichte) differenziert. Im quantitativen Verhältnis bezieht sich die Quantität auf sich selbst (im Potenzenverhältnis), wodurch sie zur Qualität zurückkehrt und ins Maß übergeht.

Herkunft

Die Quantität (lat. "quantitas", griech. "posón") ist seit Aristoteles Grundkategorie der Philosophie. Aristoteles unterschied diskrete (Zahl) und kontinuierliche (Linie, Zeit) Quantität. In der mittelalterlichen Philosophie wurde intensitas et remissio qualitatum diskutiert (Intensität und Nachlassen von Qualitäten). Descartes' analytische Geometrie machte alles quantifizierbar. Kant behandelt Quantität als Kategorie (Einheit, Vielheit, Allheit), aber statisch. Hegel dynamisiert: Quantität entwickelt sich aus der Qualität (wenn das "Was?" sich erschöpft, tritt das "Wieviel?" hervor), durchläuft ihre eigenen Formen (kontinuierlich-diskret, extensiv-intensiv, Verhältnis) und schlägt ins Maß um. Die mathematische Behandlung der Quantität (Arithmetik, Analysis) ist für Hegel angewandtes logisches Denken, nicht bloß formales Kalkül.

Bei Hegel

Enz. §99-106; WdL Bd. 1, Lehre vom Sein, Quantität