Vorbereitende Bemerkungen zu Hegels System

aus "Hegels System" von V. Hösle (F. Meiner Verlag 1987)

Hegels System gehört unbestritten zu den geschlossensten Denkentwürfen der Philosophiegeschichte. Ihm gegenüber eine sachliche Einstellung zu finden, ist nicht einfach. Einerseits kann die höchst anspruchsvolle und differenzierte begründungstheoretische Grundstruktur von Hegels Denken, die enzyklopädische Weite seiner Analysen, das oft an Konkretheit kaum zu überbietende Eingehen auf Einzelphänomene leicht dazu verfuhren, sich diesem Denken geradezu bedingungslos auszuliefern. Andererseits legt die Schwierigkeit seiner Sprache, die häufige Dunkelheit seiner Argumentation und die besonders im 20. Jahrhundert zum Lebensgefühl gewordene Überzeugung, die Welt sei alles andere als ein vernünftiges Ganzes, ebenso leicht die umgekehrte Auffassung nahe, Hegels System sei ein an Absurdität nicht zu überbietendes Wahnprodukt menschlicher Selbstüberschätzung. Will man, um Hegels System wirklich gerecht zu werden, sowohl das Extrem intellektueller Selbstaufgabe als auch dasjenige pauschaler Ablehnung vermeiden, so bleibt nur das Verfahren immanenter Kritik übrig — ein Verfahren, das sich weder mit der Versicherung gegenteiliger, aber im Grunde ebenfalls problematisierbarer Ansichten noch mit der bloßen Bestätigung und Wiederholung Hegelscher Gedankenketten begnügt. Hegels Argumentation in einer Sprache, die die des späten 20. Jahrhunderts ist, vorurteilsfrei auf ihre Stichhaltigkeit hin zu überprüfen, durfte der sinnvollste Zugang zu dieser - wie eigentlich zu jeder - Philosophie sein. Ziel vorliegender Untersuchung ist es, in diesem Sinne Hegels System als Ganzes einer kritischen systemtheoretischen Analyse zu unterziehen. Eine solche Analyse ist, scheint mir, immer noch ein Desiderat, obgleich gerade in den letzten zwanzig Jahren grundlegende Beiträge zu einem angemessenen Verständnis der Hegelschen Philosophie geleistet worden sind — Beiträge, die von einer philologischen Erschließung der einzelnen Phasen von Hegels Denkentwicklung bis zu äußerst subtilen Analysen begründungstheoretischer Einzelprobleme bei Hegel reichen. (Ich denke einerseits an die am Bochumer Hegelarchiv entstandenen Arbeiten, andererseits etwa an die Studien D. Henrichs.) Dennoch laßt sich sagen, daß die innere Struktur von Hegels System - etwa der für einen objektiven Idealismus zentrale Zusammenhang von Logik und Realphilosophie – bis heute nur wenig untersucht ist; im wesentlichen ist hier auf B.L. Puntels Buch von 1973 zu verweisen. Dieses Buch befaßt sich freilich nahezu ausschließlich mit Makrostrukturen - wie sich die Grundentscheidungen in Hegels Systemprogramm auf die konkrete Ausarbeitung der einzelnen philosophischen Disziplinen auswirken, ist nicht mehr Thema von Puntels Untersuchung. Wenn hier nun eine Analyse des Hegelschen Systems in seiner Totalität versucht wird, so entspringt die Überzeugung von der Notwendigkeit einer solchen Analyse der Einsicht, daß Hegels Philosophie wie kaum eine andere System, organisches Ganzes, ist. Bei kaum einem anderen Denker ist es so wenig wie bei Hegel möglich, einzelne Aussagen zu isolieren; bei kaum einem anderen Denkgebäude sind die internen Verweisungszusammenhänge dichter und schlüssiger. Schon die bloße Darstellung dieser Zusammenhänge ist aufwendig genug; ihr gilt notwendig ein beträchtlicher Teil vorliegender Arbeit. Allerdings kann sich eine kritische Analyse des Systems mit der bloßen Darstellung nicht begnügen; sie muß versuchen zu prüfen, ob die von Hegel angestrebte innere Kohärenz tatsächlich erreicht ist. Zu diesem Zwecke, genauer: um Notwendigkeit oder Beliebigkeit der Hegelschen Systemkonzeption zu begreifen, scheint es erforderlich zu sein, auf verschiedenen Ebenen zu operieren. Erstens legt es sich nahe, Hegels Systemidee aus inneren Aporien der unmittelbar vorangegangenen Philosophie zu erklären. Auf diese Weise kann zumindest eine relative Rechtfertigung in bezug auf die Vorgänger erreicht werden: In Hegels System werden Probleme angegangen (und vielleicht teilweise auch gelöst), die die Philosophen Kants, Fichtes und Schellings aufgeworfen, aber nicht befriedigend in den Griff bekommen haben. - Über diese historische Herleitung hinaus muß aber zweitens Hegels eigentümliche Argumentationsform, sein formales Begründungsverfahren, herausgearbeitet werden. Konkret muß erklärt werden, ob Hegels Methode von dem Irrationalitätsverdacht befreit werden kann, der ihr oft anhaftet; insbesondere gilt es zu prüfen, ob Hegels Widerspruchstheorie selbst konsistent ist. Drittens muß es darum gehen, den materialen Aufbau von Hegels System auf seine beanspruchte Notwendigkeit hin zu untersuchen. Dazu scheint es nützlich, andere denkbare Konstruktionen als mögliche Konkurrenten durchzuspielen. Besonders naheliegend ist dies, wenn in der Entwicklung des frühen Hegel selbst solche alternativen Entwürfe eine Rolle gespielt haben — Entwürfe, von denen sich m. E. oft genug keineswegs sagen läßt, daß sie in den späteren ohne weiteres »aufgehoben« sind. Obgleich vorliegende Arbeit keineswegs entwicklungsgeschichtlichen Fragen gilt, erfordert das systemtheoretische Interesse immer wieder die Auseinandersetzung mit solchen früheren Entwicklungstufen der Hegelschen Philosophie: Genannt seien hier die tetradisch Systemkonzeption des Jenaer Hegel und die bis in die Nürnberger Zeit beibehaltene, von der späteren und klassisch gewordenen unterschiedene Dreiteilung der Logik, die m. E. Probleme lösen, in die sich der enzyklopädische Systementwurf verstrickt; ihnen wird daher besondere Aufmerksamkeit gewidmet. Aber nicht nur der frühe Hegel erscheint einer systemtheoretischen Betrachtung oft genug als bedenkenswerte Alternative zum Hegel der >Enzyklopädie< - auch die Weiterentwicklungen des Hegelschen Systems in der Hegelschule verdienen unter dieser Hinsicht Aufmerksamkeit. Auch sie werden daher immer wieder als mögliche Alternativen zu jenen Konzeptionen der >Enzyklopädie< erörtert, die sich einer systemtheoretischen Analyse als unbefriedigend darstellen. Viertens aber kann sich eine Überprüfung der Kohärenz von Hegels System nicht bloß auf eine Analyse seiner inneren Struktur reduzieren. Hegel beansprucht, aufgrund der Schlüssigkeit seiner Methode auch Aussagen über die Welt zu machen - dieser Anspruch, die Wirklichkeit zu erfassen gehört zu seinem Begriff des Verhältnisses von Denken und Welt notwendig dazu. Eine Kohärenzanalyse des Hegelschen Systems wäre daher nicht vollständig, wenn sie nicht auch die Frage berücksichtigte, ob und inwiefern Hegels philosophische Theorie der Welt mit letzterer übereinstimmt. Hegels Philosophie wird daher immer wieder mit Aussagen verschiedener Wissenschaften konfrontiert - und zwar auch und gerade der modernen Wissenschaft. Dies mag auf den ersten Blick überraschen, aber da Hegels Philosophie ausdrücklich eine Erkenntnisform anstrebt, die mehr ist als bloß historisch, ist ein solcher Vergleich im Grunde von Hegel selbst gefordert: An ihm bewahrt sich oder scheitert letzten Endes Hegels philosophischer Anspruch. Ein Ergebnis dieser Arbeit wird übrigens sein, daß Hegels Philosophie gerade unter diesem Gesichtspunkt sehr gut abschneidet: Nur wenigen anderen Philosophien sind so viele Prolepsen späterer wissenschaftlicher Entwicklungen und Entdeckungen gelungen wie der Hegelschen - und zwar auf den verschiedensten Wissensgebieten. Mit dem Versuch, Hegels System in Bezug zu setzen zu modernen Ergebnissen, greift die primär systemtheoretische Ausrichtung dieser Studie immer wieder auf systematische Fragestellungen liber. Dies ergibt sich freilich gemäß dem eben Gesagten als unvermeidliche Konsequenz auch und gerade einer systemtheoretischen Analyse und ist keineswegs notwendig ein Übel. Die Auffassung, historische und systematische Arbeit ließen sich haarscharf trennen, ist dem Wesen der Philosophie nicht angemessen; sie ist ohnehin illusorisch in einer Zeit, die wie die unsere eine Spätzeit ist, der die Unbefangenheit eines ursprünglichen, die Tradition kurzerhand beiseite schiebenden und von neuem ansetzenden Denkens versagt ist. Es ist eine Eigentümlichkeit der Philosophiehistorie, daß sie zum systematischen Philosophieren ein ganz anderes Verhältnis hat als etwa die Wissenschaftshistorie zur Wissenschaft: Da der Fortschritt in der Philosophie, wenn es ihn denn gibt, sicher nicht linear ist, kann eine philosophiehistorische Arbeit, die sich nicht auf Doxographie beschrankt, also nicht gerade das außer acht läßt, was eine Philosophie zu mehr als einem Konglomerat von Meinungen macht, für das systematische Denken der Gegenwart durchaus eine Bedeutung gewinnen, die einer entsprechenden Arbeit auf dem Gebiet der Wissenschaftsgeschichte prinzipiell versagt ist. Die verschiedenen Reprisen großer Philosophien im Laufe der Philosophiegeschichte - man denke nur an die zahlreichen Neubelebungen des Platonismus vom Mittleren Platonismus bis zu den neuplatonischen Entwürfen der Spätantike, des Mittelalters und der Renaissance – legen ein beredtes Zeugnis von der Tatsache ab, daß die Philosophie immer wieder von vergangenen Entwürfen Anregungen empfangen hat, die ihr zeitgenössische Philosopheme nicht geben konnten. Eine systemtheoretische Analyse eines vergangenen Systems kann daher auch heute noch zu dem Ergebnis kommen, daß die analysierte Philosophie eine Kohärenz und einen Erklärungswert besitzt, die ihr selbst zeitgenössischen Ansätzen gegenüber eine, wenn auch stets nur partielle Überlegenheit sichert und sie – mit bestimmten Modifikationen, Transformationen usf., die der Abstand der Zeiten immer erforderlich machen wird – zu einem auch für die Gegenwart bedenkenswerten Ansatz macht. Die Möglichkeit eines solchen zugegebenermaßen anspruchsvollen Resultats liegt letztlich in der Konsequenz einer Analyse, die Kohärenz als ein (wenn nicht gar als das entscheidende) Wahrheitskriterium ernst nimmt. Von einer solchen Pointierung kann, so scheint mir, die systematische Diskussion selbst nur profitieren. Der Versuch, den analysierten Autor möglichst stark zu machen, seine Argumentation zur Evidenz zu erheben, die Fruchtbarkeit seines Denkens bei der Interpretation auch aktueller Fragen aufzuzeigen, ja selbst die Bereitschaft, bei ihm nur Angelegtes zu explizieren - und bei welchem großen Philosophen enthielte nicht sein Werk Möglichkeiten, die von ihm selbst nicht zu Ende gedacht wurden! -, kann dazu dienen, ein Gespräch in Gang zu bringen, in dem sich Tragweite und Grenzen der Philosophie des in Rede stehenden Autors gegenüber anderen Ansätzen, sei es heutiger Zeitgenossen, sei es anderer Denker der Vergangenheit, erweist. Die Überzeugung, daß es mehr als ein bloß historisches Interesse sei, das die Auseinandersetzung mit dem eigenen Gegenstand leite, liegt in der Tat einer beträchtlichen Anzahl von Studien gerade zu Hegel zugrunde. Etwa Hegels »Rechtsphilosophie« ist in unserem Jahrhundert immer wieder, von der Binder- bis zur Ritter-Schule, als ein Werk interpretiert worden, das zur Erfassung auch der gegenwärtigen Welt des Sittlichen Beiträge leistet, die in späteren Ansätzen nicht aufgehoben, nicht enthalten sind. Ähnlich ist inzwischen auch zu Hegels Naturphilosophie, besonders durch die Arbeiten D. Wandschneiders, ein Zugang gebahnt worden, der auf ihren Erklärungswert auch und gerade gegenüber dem durch die moderne Wissenschaft geprägten Bild der Natur abzielt. Auch vorliegende Arbeit geht von der Annahme aus, daß es sich gerade bei Hegel lohnt, die historische mit der systematischen Fragestellung zu verknüpfen. Ihr Hauptinteresse gilt freilich, wie schon eingangs betont, im Gegensatz zu den eben genannten systematisch orientierten Arbeiten, die sich auf einzelne Disziplinen der Hegelschen Philosophie konzentrieren, der Struktur des Systems; denn in ihm liegt ja, jedenfalls nach Hegels eigenem Verständnis, die Begründung für die Grundvoraussetzungen der einzelnen Disziplinen. Gerade eine Sichtung des auch heute noch Überzeugenden an Hegel kommt nicht um die Aufgabe herum, die Systemstruktur ins Zentrum der Analyse zu rucken.


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