Spekulative = Vernünftige = Mystische

[Anmerkungen [...] von M.Grimsmann und L.Hansen, Jan. 2003
Abkürzungen für Quellangaben siehe Info]

 

... Weiter ist nun das Spekulative überhaupt
nichts anderes als das
Vernünftige (und zwar das Positiv-Vernünftige),
insofern dasselbe gedacht wird.
 
Im gemeinen Leben pflegt der Ausdruck Spekulation
in einem sehr vagen und zugleich untergeordneten Sinn gebraucht zu werden,
so z. B., wenn von Heirats- oder Handelsspekulationen die Rede ist,
worunter dann nur so viel verstanden wird,
einerseits daß über das unmittelbar Vorhandene hinausgegangen werden soll
und andererseits daß dasjenige, was den Inhalt solcher Spekulationen bildet,
zunächst nur ein Subjektives ist, jedoch nicht ein solches bleiben,
sondern realisiert oder in Objektivität übersetzt werden soll.
 
 
Es gilt von diesem gemeinen Sprachgebrauch hinsichtlich der Spekulationen ...
daß vielfältig von solchen, die sich schon zu den Gebildeteren rechnen,
von der Spekulation auch ausdrücklich
in der Bedeutung eines bloß Subjektiven gesprochen wird,
in der Art nämlich, daß es heißt,
eine gewisse Auffassung natürlicher oder geistiger Zustände und Verhältnisse
möge zwar, bloß spekulativ genommen, sehr schön und richtig sein,
allein die Erfahrung stimme damit nicht überein,
und in der Wirklichkeit könne dergleichen nicht zugelassen werden.
 
Dagegen ist dann zu sagen,
daß das Spekulative seiner wahren Bedeutung nach
weder vorläufig noch auch definitiv ein bloß Subjektives ist,
sondern vielmehr ausdrücklich dasjenige,
welches jene Gegensätze, bei denen der Verstand stehenbleibt
(somit auch den des Subjektiven und Objektiven),
[und auch von Theorie und Erfahrung]
als aufgehoben in sich enthält
und eben damit sich als konkret und als Totalität erweist.
 
Ein spekulativer Inhalt kann deshalb auch
nicht in einem einseitigen Satz ausgesprochen werden.
 
Sagen wir z. B., das Absolute sei die Einheit des Subjektiven und des Objektiven,
so ist dies zwar richtig, jedoch insofern einseitig,
als hier nur die Einheit ausgesprochen und auf diese der Akzent gelegt wird,
während doch in der Tat das Subjektive und das Objektive nicht nur identisch,
sondern auch unterschieden sind.

 
 
Hinsichtlich der Bedeutung des Spekulativen ist hier noch zu erwähnen,
daß man darunter dasselbe zu verstehen hat, was früher,
zumal in Beziehung auf das religiöse Bewußtsein und dessen Inhalt,
als das
Mystische bezeichnet zu werden pflegte.
 
Wenn heutzutage vom Mystischen die Rede ist, so gilt dies in der Regel
als gleichbedeutend mit dem Geheimnisvollen und Unbegreiflichen,
und dies Geheimnisvolle und Unbegreifliche wird dann,
je nach Verschiedenheit der sonstigen Bildung und Sinnesweise,
von den einen als das Eigentliche und Wahrhafte,
von den anderen aber als das dem Aberglauben und der Täuschung Angehörige betrachtet.
 
Hierüber ist zunächst zu bemerken,
daß das Mystische allerdings ein Geheimnisvolles ist
jedoch nur für den Verstand, und zwar einfach um deswillen,
weil die abstrakte Identität das Prinzip des Verstandes,
das Mystische aber (als gleichbedeutend mit dem Spekulativen)
die konkrete Einheit derjenigen Bestimmungen ist, welche dem Verstand
nur in ihrer Trennung und Entgegensetzung für wahr gelten.
 


Wenn dann diejenigen, welche das Mystische als das Wahrhafte anerkennen,
es gleichfalls dabei bewenden lassen,
daß dasselbe ein schlechthin Geheimnisvolles sei,
so wird damit ihrerseits nur ausgesprochen, daß das Denken für sie gleichfalls
nur die Bedeutung des abstrakten Identischsetzens hat
und daß man um deswillen, um zur Wahrheit zu gelangen,
auf das Denken verzichten oder, wie auch gesagt zu werden pflegt,
daß man die Vernunft gefangennehmen müsse.
 
Nun aber ist, wie wir gesehen haben, das abstrakt verständige Denken
so wenig ein Festes und Letztes, daß dasselbe sich vielmehr
als das beständige Aufheben seiner selbst
und als das Umschlagen in sein Entgegengesetztes erweist,
wohingegen das Vernünftige als solches gerade darin besteht,
die Entgegengesetzten als ideelle Momente in sich zu enthalten.
 
Alles Vernünftige ist somit zugleich als mystisch zu bezeichnen,
womit jedoch nur so viel gesagt ist, daß dasselbe über den Verstand hinausgeht,
und keineswegs, daß dasselbe überhaupt
als dem Denken unzugänglich und unbegreiflich zu betrachten sei.
   Enz-L



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