Die Aktualität der Hegelschen Ästhetik


Kapitel 4.aus Prof.Dr. Annemarie Gethmann-Siefert:
"Die Rolle der Kunst in Geschichte und Kultur. Eine Einführung in Hegels Ästhetik" Fink-Verlag 2004



Die Schwierigkeit, die idealistische Ästhetik und damit auch Hegels Ästhetik
als eine noch diskutable Position der Kunstphilosophie der Gegenwart anzuerkennen,
liegt vor allen Dingen an inhaltlichen Vorbehalten.

Die gängige Kritik insbesondere an Hegel ist klar
und trifft eine negative Entscheidung über ihre Aktualität.

Es ist die Kritik an der sogenannten „These vom Ende der Kunst"
und der damit verknüpfte „Klassizismusvorwurf".

Während die These vom Ende der Kunst auf die systematische Dogmatik,
damit auf eine unzureichende philosophische Begründung der Ästhetik abhebt,
richtet sich der „Klassizismusvorwurf" gegen inhaltlich nicht weiter begründete Vorurteile.

Beides zusammen führt zur „philosophischen Entmündigung der Kunst",
die die unmittelbare zeitgenössische Auseinandersetzung mit Hegels Philosophie der Kunst
als problematisch markierte,
die aber umgekehrt in der aktuellen Diskussion
gerade als die Besonderheit und die Tauglichkeit des Hegelschen Konzepts
für die Auseinandersetzung (Kritik und Kommentar) der modernen Kunst gelobt wird (Danto).

Beide Stellungnahmen greifen, wie die Interpretation der Vorlesungen zu zeigen versuchte,
zu kurz und gehen letztlich an der Sache vorbei.

4.1 Die „philosophische Entmündigung der Kunst" (Danto)

Hegel versucht, seine Philosophie als System des absoluten Wissens zu entwickeln.

Ein solches methodisch gesichertes Wissen ist begriffliches,
nicht bildliches oder symbolisches Wissen.

Daher kann der Kunst in der menschlichen Kultur nur eine eingeschränkte Bedeutung zugemessen werden.

Sie bleibt auf dem Boden der Anschauung, erreicht die Klarheit des Begriffs nicht
und ist deshalb für uns (aufgeklärte Menschen)
eine überholte geschichtliche Form der Wahrheitserfahrung und der Begründung (Explikation) von Wahrheit.

In dieser Kritik wird eine etwas genauere Version der These vom Ende der Kunst vorausgesetzt,
nämlich die Annahme, dass die durch Kunst vermittelte Wahrheitserfahrung
zwar weiterhin kulturell wirksam bleibt,
aber durch andere, explizite Formen der Wahrheitsvermittlung überholt wird.

Hegel nennt in der Enzyklopädie zwei weitere Formen der realen Wirksamkeit der Wahrheit,
nämlich die Religion und den modernen Staat, die über die Kunst hinausweisen,
und schließlich die Philosophie als Form des sich selbst wissenden, reflexiven und selbstbewussten Wissens.

Damit scheint Hegel sein eigenes System der Philosophie als Ersatz für die Kunst anzusehen.

Die Philosophie übernimmt die geschichtliche Rolle der Wahrheits-vermittlung,
die vorher der Kunst (und der Religion) zukam.

Hegel müsste also aus systematisch-philosophischen Gründen behaupten,
es gäbe keine für die Gegenwart oder gar für alle Zukunft
interessante geschichtliche Entwicklung der Kunst mehr.

Das wird in der Kritik häufig unterstellt
und besonders an der Bestimmung der Kunst im System der Philosophie,
nämlich in der Enzyklopädie, nachgewiesen.

Hegel schränkt in Aufwertung der Philosophie ungerechtfertigter-weise
die geschichtliche und gesellschaftliche Bedeutung der Kunst auf die Vergangenheit ein.

Eine Philosophie, die ihren eigenen Gegenstand so gering einschätzt und in seiner Bedeutung abwertet,
muss von einem Vorurteil ausgehen und zwar, wie es die Kritiker bei Hegel entdecken,
von einem Vorurteil inhaltlicher Art, das sich nur historisch erklären lässt.

Hegel selbst hat sich in seinen Äußerungen ja auch als Bewunderer dieser vergangenen Kunst entlarvt,
der für die Künste seiner eigenen Gegenwart darum wohl wenig Verständnis aufbringen kann.

In seiner Charakteristik der schönen Götterbilder der griechischen Antike sagt Hegel:
„Schöneres ist und kann nicht werden".

Dieses Urteil entlarvt ihn als „Klassizisten" und stellt ihn in eine Reihe mit jenen Ästhetikern,
die nur im "Blick zurück" eine schöne Kunst entdecken,
für die Gegenwart und die Kunst-entwicklung aber nur defizitäre Abweichungen
von diesem vollendeten Maßstab feststellen können.

In der Sicht der Kritiker verknüpfen sich daher die systematische Begründung der Ästhetik,
die zur These vom „Ende der Kunst" führt,
und das zeittypische Vorurteil, die Annahme, nur schöne Kunst (nämlich die herausragende Kunst der Antike), könne überhaupt Kunst genannt werden,
zu einem Vorurteilsgeflecht.

Eine philosophische Ästhetik, die so unreflektiert den Zeitgeist spiegelt
und ihrem ästhetischen Vorurteil auch noch eine systematische Verfremdung der Kunst hinzufügt,
ist für eine aktuelle, diskutable und noch heute wirksame philosophische Bestimmung der Kunst untauglich.

Hinzukommt das Problem, dass sich in der Druckfassung der Hegelschen Ästhetik zahlreiche Kunsturteile
- insbesondere Verurteilungen der nicht-mehr-schönen Künste
und der Künste mit alltäglichem (prosaischem) Inhalt finden.

Dadurch bestärkt sich das Vorurteil,
Hegel habe nur die schöne, zugespitzt die schöne christliche Kunst gelten lassen.

Die genauere Interpretation des „Individuellen Teils" der Ästhetik,
in der Hegel die „Welt der Künste" philosophisch erschließt,
hat diese Kritik entkräftet.

Für solche kunstrichterlichen Zugriffe
finden sich in den Nachschriften zu Hegels Berliner Ästhetikvorlesungen keine Anhaltspunkte.

Hegel gestaltet die Diskussion über unterschiedliche Kunstwerke jeweils so,
dass ästhetisches Lob oder Verurteilung
im systematischen Kontext der Frage nach der Bedeutung des Kunstwerks
in der geschichtlichen Welt begründet werden.

Während die 1835 in erster Auflage von Hotho publizierte Ästhetik
letztlich als die vollendete Konzeption seiner eigenen „spekulativen Kunstgeschichte" erscheint,
lassen die Vorlesungszeugnisse ein anderes Bild vor dem Auge des Lesers entstehen:
das einer differenzierten und behutsam sich selbst wie das Phänomen
prüfenden philosophischen Reflexion der Bedeutung der Künste für die menschliche Kultur.

Durch die Orientierung an Hegels Berliner Vorlesungen über Ästhetik oder Philosophie der Kunst
und an seinen eigenen Publikationen
lässt sich eine konsistente philosophische Bestimmung der geschichtlichen Funktion der Kunst
und eine Bestimmung des Wesens der Kunst aus dieser geschichtlichen Bedeutung entwickeln.

Durch die phänomenologische Erschließung des geschichtlichen Phänomens
erreicht Hegel eine Bestimmung der Kunst im Rahmen der menschlichen Kultur.

Die Kunst erscheint zu allen Zeiten als unverzichtbares Moment menschlicher Kultur.

Zugleich hat die historisch-kritische Rekonstruktion der Hegelschen Überlegungen
anhand der Ästhetikvorlesungen den Vorteil, dass eine ganze Reihe von Vorurteilen,
durch die die Interpretation und Kritik der Ästhetik bisher belastet war, ausgeräumt werden.

Hier ist zunächst historisch gesehen der Ersatz der dogmatischen Kunstbeurteilung
durch eine Reflexion auf die kulturelle Rolle der Kunst interessant.

4.2 Kunst als Kulturgut - oder die Aktualität der Inhaltsästhetik

Fragt man sich rückblickend, was an Hegels Ästhetik Aktualität behalten oder gewinnen kann,
so scheint es zunächst, als liege die Aktualität dieser Gedanken in ihrer Unzeitgemäßheit.

Im Gegensatz zur gegenwärtigen philosophischen Diskussion um die Kunst
und um die Begründung einer Ästhetik, die durch die Emphase für die autonome Kunst,
für den Künstler als Genie, für eine Sonderwelt der Kunst
(in Galerien, Ausstellungen und letztlich im Museum) neben der Alltagswelt geprägt ist,
nehmen sich Hegels Überlegungen verblüffend nüchtern und simpel aus.

Es wird gefragt nach der Bedeutung der Kunst „für uns".

Nicht der Kenner, sondern jedermann ist durch Kunst angesprochen
und sollte durch sie angesprochen werden.

An die Stelle der emotionsgeladenen ästhetischen Kritik pro und contra,
die sich meist auf die Betonung des Avantgardistischen,
noch nie Dagewesenen, alles Zukünftige Bestimmenden kapriziert,
setzt Hegel die nüchterne Beurteilung der einzelnen Künste und Kunstwerke
durch die Frage, ob sie ihrer kulturellen Rolle einer Weltdeutung „für uns" genügen.

In diesem Zusammenhang diskutiert er erstaunlich unaufgeregt
die unterschiedlichen Gestaltungsgmöglichkeiten von der schönen bis zur häßlichen Kunst.

Es geht weder um Verurteilung von Künstlern als banal, technisch ungenügend, nicht hinreichend neu,
noch um die Auszeichnung ihrer Werke
aufgrund bestimmter - lediglich durch Vorurteile begründeter ästhetischer Qualitäten oder Defizite.

Stattdessen stellt Hegel die Frage, in wie weit die Kunst in der modernen Welt
für den Bürger einer aufgeklärten Gesellschaft relevant sein kann.

Sein Ziel ist es, die kulturelle Funktion der Kunst
auch in der Gegenwart gemäß dem ursprünglich entwickelten Leistungssinn zu gewichten.

Ursprünglich bot die Kunst einer geschichtlichen Gemeinschaft die Möglichkeit,
ein für alle tragendes geschichtliches Selbstbewusstsein
und eine von allen übernommene Handlungsorientierung (die Sittlichkeit)
über die Anschauung vermittelt auszubilden.

Auch in der modernen Welt, also auch heute noch
steht sie unter eben dieser Anforderung geschichtlich-gesellschaftlicher Relevanz.

Nur muss man mit Hegel konzedieren, dass die Kunst
- ebensowenig wie die inhaltlichen Überzeugungen einer bestimmten Mythologie,
selbst der christlichen Religion -
keine Letztgültigkeit mehr beanspruchen darf.

Hegel entfaltet eine Vielheit von Gestaltungsmöglichkeiten,
die alle trotz der Variation dieser kulturellen Aufgabe gerecht werden.

Er geht aus von der schönen Freiheit der Gestaltung Kunst,
die im Humor eine reflexive Brechung enthält und zur Reflexion provoziert.

Daneben stehen unterschiedlichste Formen der nicht-mehr-schönen Künste,
die Hegel nicht wegen minderer Gestaltungsqualität verwirft,
sondern gerade wegen zureichender Leistungsfähigkeit hinsichtlich ihrer kulturellen Funktion auszeichnet.

Setzt man dagegen die gegenwärtige emphatische Parteinahme
für die nicht mehr schöne und gegen die schöne Kunst,
so kann man aus Hegels Art der Argumentation eine Lehre ziehen:

Es geht um die Entwicklung allgemeiner Kriterien der Kunstbeurteilung,
die sich rational vertreten lassen und die gleichzeitig dazu geeignet sind,
eine für jedermann nachvollziehbare Stellungnahme zur Kunst abzugeben.

Allerdings geht es nicht um Kennerurteile,
um Prophetien über zukünftige Chancen und Möglichkeiten der Kunst,
sondern um den Rückbezug der Künste auf die moderne Gesellschaft.

Hier hat die Kunst ihren Ort, hier muss sie ihre Wirkung entfalten
- und Hegel fragt in einer noch für die gegenwärtige Diskussion um die Bedeutung der Kunst
relevanten Art und Weise, wie dies geschehen kann.

Der summierende Rückblick auf die Möglichkeiten, die Hegel hier entwickelt, zeigt,
wie aktuell seine Überlegungen geblieben sind bzw. wie aktuell sie wieder werden sollten,
um die Defizite unserer gegenwärtigen Debatte um die Kunst auszugleichen.

Es geht um eine Diskussion der Möglichkeit der Verknüpfung von Kunst und Reflexion,
d. h. um die Überprüfung, wie weit anschaulich gegebene geschichtliche Wahrheit und Handlungsorientierung allgemein, d.h. für jedermann zugänglich werden kann.

Hier differenziert Hegel zwischen unterschiedlichen Rezeptionsformen,
wobei die Kunstrezeption der Moderne nicht die der griechischen Welt,
nämlich die Identifikation mit einer gegebenen Weltvorstellung,
sondern die der Aufklärung, der reflexiv-kritischen Prüfung solcher Identifikationsvorschläge ist.

In der Verknüpfung von Kunst und Reflexion, so wie Hegel sie darstellt,
liegt daher die Basis für die Bestimmung der spezifischen Funktion der Kunst in der Moderne:

Sie stiftet nicht die Sittlichkeit einer Gemeinschaft,
sondern sie ermöglicht über die Rezeptionshaltung der abwägenden, aber wohlwollenden Prüfung
eine kritische Auseinandersetzung mit den faktischen Gegebenheiten der eigenen geschichtlichen Situation,
der eigenen gesellschaftlichen Bedingtheiten im Blick darauf, wie eine humane Welt sein sollte.

Hegel aktualisiert hier ohne Zweifel die aristotelische Überlegung zum Verhältnis von Kunst und Objektivität.

Aristoteles hatte die platonische Theorie der Nachahmung
entsprechend seiner Änderung der Bestimmung der Erkenntnis
als Aufstieg vom sinnlich Erfassbaren zum Begriff fortbestimmt
zu einer Nachahmung des Bestehenden nicht wie es ist, sondern wie es sein soll.

Diesen Gedanken hat Hegel bereits in seinen frühen Überlegungen
zur „pragmatischen Geschichtsschreibung" implizit wiederholt.

In der Bestimmung der Kunst wird diese aristotelische Konzeption explizit übernommen und begründet.

Die Kunst stellt unsere Welt anschaulich dar, nicht wie sie faktisch ist, sondern wie sie sein könnte und sollte.

Diese Darstellung ist allerdings nicht auf einen bestimmten,
durch Mythologie (und sei es die christliche Religion) letztgültig bestimmten Inhalt fixiert.

Daher zersplittert die Kunst in der Moderne in eine Vielfalt von individuell vorgetragenen,
aber auf Intersubjektivität abgezweckten Weltanschauungs-Vorschlägen.

Die Folge ist, dass bereits die Beschäftigung mit der Vielgestaltigkeit und Vielfalt der Kunst
selbst nicht ohne die Reflexion auskommt,
ob das, was als gesollt vorgeschlagen ist, auch wirklich akzeptiert werden kann.

An Hegels (Schillers) "Bild" verdeutlicht:
Während der Grieche aus der Tragödie mit erleichterter Brust heraussprang,
geht der moderne Mensch "reflexionsschwer" aus der Konfrontation mit der Kunst hervor.

Die Reflexivität ist es aber gerade, die das Monument der Bildung durch Kunst ausmacht.

Kunst bildet nicht inhaltlich zu bestimmten Weltanschauungen,
sondern sie bildet formell zur kritischen Auseinandersetzung mit Weltanschauungsmöglichkeiten.

Was hier in Kürze und gerafft noch einmal zusammengefasst ist,
war an Hegels Beispielen im einzelnen ausführlich dargelegt worden.

Diese Beispiele sind nun keineswegs in dem Sinn aktuell,
dass sie unsere gegenwärtige Kunst und unseren Kunstbetrieb reflektierten.

Auch hier nötigt uns Hegel zu einer erneuten Adaption,
zur Frage nämlich, wie weit sich das gegenwärtige Kunstgeschehen
unter diesem Blick auf die Bedeutung der Kunst „für uns",
d. h. auf die kulturelle Funktion der Kunst und der Künste, darstellen, begreifen
und gegebenenfalls auch kritisieren lässt.

Die Aktualität der Hegelschen Ästhetik liegt also formell gesehen
in ihrer Nötigung zur Reflexion und zum rational-reflexiven Umgang mit der Kunst,
aber auch in einer Anleitung, wie und unter welchen grundlegenden Prämissen dies zu geschehen hat.

 

 




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