Hauptgedanken der Hegelschen Philosophie

Inhalt:

Vorbemerkung
1. Gegenstand und Aufgabe der Philosophie
2. Glaube und Wissen
3. Die erste Bedingung des philosophischen Studiums
4. Die Ewigkeit ist gegenwärtig
5. Es gibt nur eine Wahrheit
6. Es gibt nur eine Philosophie
7. Die Philosophie als System der Wissenschaft

  

Vorbemerkung

"Der Anfang der Bildung...wird immer damit gemacht werden müssen,
Kenntnisse allgemeiner Grundsätze und Gesichtspunkte zu erwerben,
sich nur erst zu dem Gedanken der Sache überhaupt heraufzuarbeiten,..." (Vorrede PdG)

Wenn dieser Satz im allgemeinen gilt, so gilt er auch für die Philosophie.

Nun besteht aber gerade bei der Philosophie in unserer Zeit
am wenigsten Einigkeit darüber, was denn überhaupt die allgemeinen Grundsätze
und Gesichtspunkte dieser Disziplin seien.

Dieser Mißstand, daß sich die heutige Philosophie
nicht einmal über die Antworten auf grundlegenste Fragen wie,
was der Gegenstand, das Ziel, die Methode usw.,
geschweige denn, was das Resultat der Philosophie sei, einig ist,
trägt sicherlich nicht zum guten Ruf der Philosophie als Wissenschaft bei.

Am wenigsten wohl die Auffassung,
man müsse sich überhaupt nicht über solche Fragen verständigen und einigen
und könne mit einer Untersuchung über irgend etwas
auf irgendeine Weise sogleich anfangen.

Diese Arbeit ist ein Auszug aus dem, was Hegel auf einige dieser grundlegenen,
und damit auch für das Studium der Philosophie Hegels,
ersten und wichtigsten Fragen geantwortet hat.

Es ist ein sehr begrenzter Auszug, denn Hegel hat uns,
nicht zuletzt wegen der Priorität solcher Fragen,
in den Vorreden, Einleitungen
sowie in etlichen Anmerkungen und Zusätzen seines eigentlichen systematischen Werks, eine sehr Ausführliche Vorstellung nicht nur darüber gegeben,
was er unter Philosophie versteht,
sondern ist auch weitläufig auf mögliche Gegenreden eingegangen,
die man von vornherein gegen das, was er im allgemeinen sagt, haben könnte.

All das aber, wie Hegel selber häufig betont,
was er in diesen einführenden Schriften vorab sagt
und damit auch in dieser Arbeit gesagt wird,
hat für sich keinen Anspruch auf Wissenschaftlichkeit, ist nicht für sich bewiesen,
sondern ist nur Versicherung, deren gegenteilige Versicherung gleiches Recht hätte.

Der eigentliche wissenschaftliche Beweis dessen, was dort einleitend behauptet wird, findet sich allein im systematischen Werk Hegels.

Es mag ungewohnt scheinen, so häufig den Namen Gott in dieser Arbeit zu finden.

Denn es soll sich schließlich um eine philosophische
und keine theologische Arbeit handeln.

Es ist aber einerseits gerade ein Bestreben dieser Arbeit,
die enge Verwandtschaft von Philosophie und Theologie zu zeigen.

Auf der anderen Seite führt die Verwendung des Ausdrucks Gott
wiederum den Nachteil herbei,
daß damit sogleich eine konkrete fromm-religiöse Vorstellung unterstellt wird,
wie etwa die Vorstellung eines gütigen Vaters im Himmel.

Mit diesem Ausdruck ist aber hier zunächst nicht mehr ausgesprochen
als die Bedeutung, die man vor Augen hat,
wenn im philosophischeren Sprachgebrauch vom Absoluten
oder vom reinen Sein die Rede ist.

Hegel verwendet diese Ausdrücke in seinen einführenden Schriften,
in denen es, wie gesagt, zunächst darum geht, die Bedeutung des Ganzen zu gewinnen, häufig ersteinmal synonym.

"Wenn also im Ausdrucke des Absoluten oder Ewigen oder Gottes
(und das unbestrittenste Recht hätte Gott, daß mit ihm der Anfang gemacht werde),
wenn in deren Anschauung oder Gedanken mehr liegt als im reinen Sein,
so soll das, was darin liegt, ins Wissen als denkendes, nicht vorstellendes,
erst [später] hervortreten." (Logik)

  

1. Gegenstand und Aufgabe der Philosophie

Die Frage also ist: was versteht Hegel unter Philosophie?
oder, genauer gefragt: womit hat sie sich, laut Hegel, zu beschäftigen?

Hegel fragt dies und antwortet darauf sehr bestimmt:

"Die erste Frage ist: was ist der Gegenstand unserer Wissenschaft?

Die einfachste und verständlichste Antwort auf diese Frage ist die,
daß die Wahrheit dieser Gegenstand ist.

Wahrheit ist ein hohes Wort und die noch höhere Sache.

Wenn der Geist und das Gemüt des Menschen noch gesund sind,
so muß diesem dabei sogleich die Brust höher schlagen." (Enz-L)

Der Gegenstand oder Inhalt der Philosophie ist also die Wahrheit,
"und zwar im höchsten Sinne - in dem, daß Gott die Wahrheit
und er allein die Wahrheit ist." (Enz-L)

Gott aber ist der Gegenstand der Religion.

Philosophie und Religion sind also, was den Inhalt ihrer Beschäftigung betrifft, dasselbe.

"Gott zu erkennen durch die Vernunft ist die höchste Aufgabe der Wissenschaft". (Enz-L)

Daß die Religion Gott oder die Wahrheit zum Gegenstande ihrer Beschäftigung hat,
ist unmittelbar einzusehen.

Daß Gott aber das Interesse der Philosophie sein soll,
wird nicht so unmittelbar angenommen und versteht sich nicht von selbst.

Eher wird gerade das Gegenteil vermutet,
nämlich daß die Philosophie Gott zu bezweifeln habe
oder davon ausgehen müsse oder es gar bewiesen habe,
daß Gott, die absolute, endgültige Wahrheit nicht zu finden sei.

Man meint, wenn nun aber dennoch die Philosophie
Gott oder die Wahrheit zum Inhalt ihrer Beschäftigung mache,
so sei sie keine Wissenschaft,
denn die Wissenschaft habe sich nur mit Realem, tatsächlich Existierendem,
wirklich Seiendem, nicht mit Vagem, vielleicht existierenden,
vielleicht aber auch nicht existierenden zu beschäftigen. (wie Gott)

So betrachtet sind der Glaube an Gott, die Religion einerseits
und die Philosophie, die Wissenschaft und Erkenntnis andererseits
strickt voneinander getrennt,
denn sie sind nicht nur nach der Art und Weise der Behandlung ihres Inhalts,
    d. h. nach der Form,
sondern auch nach ihrem Inhalt selbst voneinander unterschieden.

Für Hegel ist Gott oder die Wahrheit nicht nur nichts Vages, vielleicht Existierendes.

Die Wahrheit oder Gott ist nicht nur existend und wirklich,
sondern das im eigentlichen Sinne Existierende und Wirkliche.

Die vergänglichen, endlichen Dinge hingegen
sind nicht das wahrhaft eigentlich Seiende, eben weil sie vergehen und ein Ende haben.

Die Wahrheit oder Gott aber ist das Unvergängliche, Bleibende in dieser Vergänglichkeit.

Und das Bleibende ist das wahrhafte Sein.

"Darauf kommt es an, in dem Scheine des Zeitlichen und Vorübergehenden
die Substanz, die immanent, und das Ewige, das gegenwärtig ist, zu erkennen." (RP)

Hierin also, die endlichen Dinge nicht als das wahrhaft Seiende,
sondern vielmehr Gott, dies Ewige und Bleibende,
als das wahrhaft Seiende anzuerkennen und zu betrachten,
stimmen Philosophie und Religion überein.

So heißt es bei Hegel:

"Jede Philosophie und die Religion ist wesentlich Idealismus
und der Idealismus der Philosophie besteht darin,
das Endliche nicht als ein wahrhaft Seiendes anzuerkennen.

Eine Philosophie, welche dem endlichen Dasein als solchem
wahrhaftes, letztes, absolutes Sein zuschriebe," wie z. B. die Physik,
"verdiente den Namen Philosophie nicht." (Logik)

  

2. Glaube und Wissen

Wenn so für Hegel Philosophie und Religion zwar denselben Inhalt haben,
so sind sie doch der Form nach unterschieden.

Ihre Frage ist zwar dieselbe aber ihre Antworten sind verschieden.

Worin liegt diese Verschiedenheit näher?

Die Religion geht aus von Gott als im Sinne eines Gegenstandes.

Ein Gegenstand ist etwas unmittelbar Vorhandenes und steht gegen etwas anderes.

So gilt für die Religion oder besser für den religiöse Menschen zunächst Gott
als unmittelbar vorhanden und dem Menschen äußerlich gegenüberstehend.

"Die Stellung der Religion ist diese:

Die Wahrheit, die durch sie", die Religion, "an uns kommt, ist äußerlich gegeben.

Man behauptet, die Offenbarung des Wahren sei eine dem Menschen gegebene,
er habe sich darin in Demut zu bescheiden;
die menschliche Vernunft könne für sich selbst nicht darauf kommen.

Die Wahrheiten der Religion sind;
man weiß nicht, woher sie gekommen;
der Inhalt ist als gegebener, der über und jenseits der Vernunft sei.

Dies ist positive Religion.

Irgend durch einen Propheten, göttlichen Abgesandten ist die Wahrheit verkündet." (VP)

So beantwortet die Religion die Frage nach Gott
auf eine ebenso äußerliche gegenständliche Weise für die Anschauung und Vorstellung
in Bildern, Geschichten, einzelnen geschichtlichen Begebenheiten und Gleichnissen,
einer Art, die das Gefühl, den Glauben und die Phantasie des Menschen ansprechen.


Die Philosophie und die Wissenschaft
spricht darüber hinaus den menschlichen Verstand an, sein Denken,
seinen Trieb, Gott nicht nur zu fühlen,
sich Gott nicht nur äußerlich als einen gegebenen vorzustellen,
sondern ihn einerseits zu verinnerlichen und zu erkennen,
andererseits aus sich selbst hervorzubringen.

"Wenn unser auf die Autorität der Kirche gestütztes religiöses Bewußtsein
uns darüber belehrt, daß Gott es ist,
welcher durch seinen allmächtigen Willen die Welt erschaffen hat,
und daß er es ist, der die Gestirne in ihren Bahnen lenkt
und aller Kreatur ihr Bestehen und Gedeihen verleiht,
so bleibt dabei doch auch das Warum zu beantworten,
und die Beantwortung dieser Frage ist es überhaupt,
welche die gemeinschaftliche Aufgabe der Wissenschaft,
sowohl der empirischen als auch der philosophischen, bildet." (Enz-L)

Somit stehen sich Religion und Philosophie, Glauben und Wissen aber nicht entgegen, sondern die Philosophie geht nur weiter als die Religion.

"Die Wissenschaft versteht das Gefühl und den Glauben".

Die Philosophie geht vielmehr
aus dem eigenen inneren Trieb wahrhafter Religion selbst hervor.

Denn wahrhafte Religion ist, nicht beim bloßen Glauben an Gott,
dem äußerlichen Gefühl, daß es Gott gibt, stehenbleiben zu wollen,
sondern ihn zu rechtfertigen und zu erkennen.

"Allerdings muß die Wahrheit - es sei auf welcher Stufe sie selbst stehe -
zuerst in äußerlicher Weise an die Menschen kommen,
als sinnlich vorgestellter, gegenwärtiger Gegenstand;
wie Moses Gott im feurigen Busch erblickte
und sich die Griechen den Gott in Marmorbildern
oder sonstigen Vorstellungen zum Bewußtsein gebracht haben.

Das Weitere ist, daß es bei dieser äußerlichen Weise nicht bleibt
und nicht bleiben soll - in der Religion wie in der Philosophie.

Solche Gestalt der Phantasie oder geschichtlicher Inhalt (wie Christus)
soll für den Geist ein Geistiges werden;
so hört er auf, ein Äußerliches zu sein,
denn die äußerliche Weise ist die geistlose.

Wir sollen Gott »im Geist und in der Wahrheit« erkennen.

Gott ist der allgemeine, der absolute, wesentliche Geist." (VP)

>Ihr sollt werden wie unser einer< sagte Gott zu Adam in der Schöpfungsgeschichte.

Etwas zu glauben heißt auch, es zu wissen.

Den
n wenn ich an etwas glaube,
bin ich mir dessen, was ich glaube, unmittelbar gewiß.

Der Glaube ist also Gewißheit.

Von etwas die Gewißheit zu haben, ist eine Weise es zu wissen.

Der Unterschied von Glauben und Wissen ist darum kein absoluter,
so als sei Glauben nicht Wissen und Wissen nicht Glauben.

Der Unterschied von Glauben und Wissen fällt vielmehr in das Wissen selbst,
d. h. in den Unterschied,
ob das Wissen ein unmittelbares ist oder ein vermitteltes.

Der Glaube ist nur unmittelbares, gefühltes Wissen.

Er soll durch das Denken vermitteltes,
d. h. gesichertes, gerechtfertigtes, reflektiertes Wissen werden.

Alles, was überhaupt für den Menschen ist, ist Wissen und im Wissen.

Sich etwas vorzustellen, was außerhalb des Wissens läge,
wäre eine abstrakte leere Vorstellung und unmöglich,
denn als Vorgestelltes wird es gewußt.

Worauf es aber wesentlich ankommt
ist die Art und Weise, wie ein bestimmter Inhalt gewußt wird.

Man kann viele einzelne und auch richtige Kenntnisse
über die verschiedensten Gegenstände der Wirklichkeit haben
und sich dabei sehr gelehrt und gebildet zeigen.

Diese bloße Gelehrsamkeit bleibt etwas Unbefriedigendes, denn:

"Das Bekannte überhaupt ist darum, weil es bekannt ist, nicht erkannt." (Phän)

Das Bekannte erkennen heißt,
die einzelnen Kenntnisse in ihrem notwendigen Zusammenhang zu begreifen,
und darauf kommt es an.

Der Glaube an Gott, der Glaube an die Wahrheit,
d. h. also das unmittelbare Wissen Gottes und der Wahrheit
ist, wie gesagt, die Religion.

Das vermittelte Wissen aber, die Rechtfertigung und Erkenntnis Gottes,
das Ziel wahrhafter Religion, ist die Philosophie
"- dies ist die wahrhafte Theodizee, die Rechtfertigung Gottes in der Geschichte.

Nur die Einsicht kann den Geist
mit der Weltgeschichte und der Wirklichkeit versöhnen,
daß das, was geschehen ist und alle Tage geschieht,
nicht nur nicht ohne Gott,
sondern wesentlich das Werk seiner selbst ist." (VG)

So, als innerer Unterschied des Wissens,
ist der Glaube der Erkenntnis aber nicht entgegen-, sondern vorausgesetzt.

Der Glaube oder die innere Überzeugung ist kein Hindernis,
sondern Motivation, den geglaubten Inhalt zu erkennen und zu beweisen.

Wie Kepler nur deshalb die Gesetze der Himmelsmechanik gefunden hat,
weil er überzeugt war,
daß in der Bewegung der Himmelskörper ein ewiges Gesetz Gottes waltet.

Nur diese Überzeugung hat ihn motiviert,
nach diesen Gesetzen sein halbes Leben lang zu suchen.

Es ist der innere Trieb des Menschen,
seine eigene innere Überzeugung beweisen und rechtfertigen zu wollen.

Sokrates sagt, es ist keine Schande, nicht zu wissen
aber es ist eine Schande, nicht lernen zu wollen.

So ist es keine Schande, nicht erkannt oder gerechtfertigt zu haben
aber es ist wohl eine, nicht erkennen, nicht Rechenschaft ablegen zu wollen,
denn das, was den Menschen vom Tier unterscheidet, ist das Denken,
nicht das bloße Fühlen.

Häufig wird aber das Gefühl
für das wahrhaftigere innere des Menschen angesehen,
obwohl doch das Denken das eigentlich menschliche ist.

 

3. Die erste Bedingung des philosophischen Studiums

Zum Philosophieren gehört also nicht nur zu glauben,
daß es die Wahrheit und Gott gibt,
sondern auch zu glauben, daß die Wahrheit und Gott zu erkennen ist
und auch in der Philosophie bereits erkannt und dargestellt ist.

Daß die Wahrheit nicht nur erkannt werden kann,
sondern daß sie von der Philosophie erkannt und dargestellt wird
heißt auch, daß die Philosophie nicht nur das Ziel hat, die Wahrheit zu finden,
sondern das sie die Wahrheit auch gefunden hat.

"Die Wissenschaft sucht nicht die Wahrheit,
sondern ist in der Wahrheit und die Wahrheit selbst
." (Pro)

So sagt Hegel in seiner Antrittsrede zum Lehramt in Berlin zu seinen Studenten:

"Ich darf wünschen und hoffen, daß es mir gelingen werde,
auf dem Wege, den wir betreten, Ihr Vertrauen zu gewinnen und zu verdienen;
zunächst aber darf ich nichts in Anspruch nehmen als dies,
daß Sie Vertrauen zu der Wissenschaft, Glauben an die Vernunft,
Vertrauen und Glauben zu sich selbst mitbringen.

Der
Mut der Wahrheit, Glauben an die Macht des Geistes
ist die erste Bedingung des philosophischen Studiums;
der Mensch soll sich selbst ehren und sich des Höchsten würdig achten.

Von der Größe und Macht des Geistes kann er nicht groß genug denken;
das verschlossene Wesen des Universums hat keine Kraft in sich,
welche dem Mute des Erkennens Widerstand leisten könnte;
es muß sich vor ihm auftun
und seinen Reichtum und seine Tiefen ihm vor Augen legen
und zum Genusse bringen." (PG)

Wenn es heißt, daß man zur Wissenschaft Glauben und Vertrauen mitbringen soll,
so heißt dies nicht, man dürfe keinen Zweifel haben
oder man solle nicht kritisch denken.

Hegel fordert wohl Zweifel und Kritik,
nur sollen sie nicht das Erste sein, wenn man an eine Sache herantritt.

Erst soll ich die Sache, sei es nun die Philosophie oder irgend eine andere,
kennen und sie richtig aufgefaßt haben, bevor ich sie kritisiere oder bezweifle.

Gehe ich von Anfang an mit einer negativen Haltung
oder mit einem schlechten Willen an die Sache,
wird es mir nicht gelingen, sie, wie sie ist, kennenzulernen.

Aber weil es
"das leichteste ist, was Gehalt und Gediegenheit hat, zu beurteilen,"
aber "schwerer, es zu fassen,
"
ist man mit seiner Beurteilung und der Aburteilung schneller
und ist dann damit fertig, bevor man es eigentlich gefaßt hat.

"Das schwerste," aber ist, heißt es noch abschließend,
"was beides vereinigt, seine Darstellung hervorzubringen." (Phän)

Die Reihenfolge für die Entwicklung der Sache und ihrer Erkenntnis
muß also lauten: zuerst auffassen;
dann beurteilen, kritisieren, bezweifeln;
als Drittes ist dann aber auch wieder die Kritik zu kritisieren
und den Zweifel zu bezweifeln.


"Die Pflicht, das Geschwätz zurückzuhalten,
ist eine wesentliche Bedingung für jede Bildung.

Man muß damit anfangen, Gedanken anderer auffassen zu können;
es ist das Verzichtleisten auf eigene Vorstellung,
und dies ist überhaupt die Bedingung zum Lernen, Studieren." (VP)

Wenn somit die Kritik nicht von vornherein gegen die Sache zu richten ist,
so ist wohl aber zunächst Kritik an sich selbst,
an das eigene Denken und Vorurteile zu üben.

Die Kritik muß dann, wenn sie zuerst auftritt,
darin bestehen, mit den falschen Vorurteilen seiner Zeit aufzuräumen.

Und da man die Vorurteile der öffentlichen Meinung seiner Zeit,
weil man damit groß geworden ist, verinnerlicht und sich zu eigen gemacht hat
und selber damit operiert,
ist die Kritik zunächst wesentlich gegen sich selbst zu richten.

"In der öffentlichen Meinung ist alles Falsche und Wahre,...
die Unabhängigkeit von der öffentliche Meinung
ist die erste formelle Bedingung zu etwas Großem und Vernünftigem
(in der Wirklichkeit wie in der Wissenschaft)." (RP)

Gerade die Philosophie erfährt häufig die Verachtung,
daß auch solche, die sich mit ihr nicht bemüht haben,
die Einbildung aussprechen, sie verstehen von Haus aus,
was es mit der Philosophie für eine Bewandtnis habe,
und seien fähig, ohne die Philosophie zu erlernen, zu philosophieren
und über sie zu urteilen.

Man gibt zu, daß man die anderen Wissenschaften
studiert haben müsse, um sie zu kennen,
und daß man erst vermöge einer solchen Kenntnis berechtigt sei,
ein Urteil über sie zu haben.

Man gibt auch zu, daß, um ein Handwerk zu verfertigen,
man dies gelernt und geübt haben müsse.

Nur zum Philosophieren soll dergleichen Studium, Lernen und Bemühung
nicht erforderlich sein.

"Die schlimmste der Verachtungen ist diese,
daß jeder, wie er so steht und geht, über die Philosophie überhaupt
Bescheid zu wissen und abzusprechen imstande zu sein überzeugt ist." (RP)

Diese Verachtung begründet sich daraus,
zu meinen, in seinem eigenen Bewußtsein, Denken und Gewissen
unmittelbar selbst den Maßstab und die Geschicklichkeit dafür zu besitzen,
die Resultate der Philosophie angemessen zu beurteilen
und selbst zu philosophieren.

Man wird aber zugeben, daß, selbst um einen Schuh zu verfertigen,
man dies gelernt und geübt haben müsse,
obgleich jeder an seinem Fuße den Maßstab dafür und Hände
und in ihnen die natürliche Geschicklichkeit
zu dem erforderlichen Geschäfte besitze.

Richtig zu denken heißt somit auch nicht,
viele eigene eigentümliche Ideen und Einfälle zu produzieren.

Dies wäre nur subjektives, eigenes Denken.

Es geht aber darum, nicht sich, sondern die Sache zu denken,
sich in ihren Prozeß zu vertiefen und sich darin zu vergessen,
d. h. seine eigenen Vorstellungen von der Sache,
eben weil sie nicht die Sache selbst sind, draußen zu lassen.

"Sich des eigenen Einfallens in den immanenten Rhythmus der Begriffe
entschlagen
,
in ihn nicht durch die Willkür und sonst erworbene Weisheit eingreifen,
diese Enthaltsamkeit ist selbst ein wesentliches Moment
der Aufmerksamkeit auf den Begriff." (Phän)

"Indem ich denke, gebe ich meine subjektive Besonderheit auf,
vertiefe ich mich in die Sache, lasse das Denken für sich gewähren;
und ich denke schlecht, indem ich von dem Meinigen etwas hinzutue." (Enz-L)

Im Denken ist es demnach wie in der Liebe.

Denn das erste Moment in der Liebe ist
der Wille, nicht mehr nur für mich selbst und egoistisch sein zu wollen,
sondern mein Selbst aufzugeben.

Das zweite ist die Hingabe meines Selbsts an einen anderen Menschen,
so daß ich aber drittens im anderen und in der Einheit mit ihm
mein eigentliches Selbst bereichert wiedergewinne.

So ist es ebenso mit dem Denken.

Ich soll mein eigenes, subjektives Denken aufgeben
und mein Denken der Sache hingeben.

Dadurch gewinnt das Denken sich selbst als wahrhaftes zurück.

Denn es ist so in Einheit mit der Sache
und somit wahrhafte Erkenntnis der Sache.

Erst diese Identität von Denken und Sein ist das Wahre.

Wenn also gefordert wird, daß man sich des eigenen Einfallens entschlagen soll,
so ist damit keineswegs knechtische Unterwürfigkeit gemeint.

Im Gegenteil:

"Es ist ein großer Eigensinn, der Eigensinn, der dem Menschen ehre macht,
nichts in der Gesinnung anerkennen zu wollen,
was nicht durch den [objektiven] Gedanken gerechtfertigt ist,
- und dieser Eigensinn ist das Charakteristische der neueren Zeit,
ohnehin das eigentümliche Prinzip des
Protestantismus. (RP)

 

4. Die Ewigkeit ist gegenwärtig

Zu den falschen Vorurteilen,
welche für Hegel den Eingang in die Philosophie versperren
und darum vor dem Eingang in sie abzulegen sind,
gehört, wie gesagt,
    neben der Meinung, das Denken sei nur ein von der Sache selbst entferntes
    subjektives Produzieren von Einfällen,
u. a. die Meinung,
der Glaube und das Wissen, die Religion und die Wissenschaft
seien einander absolut entgegensetzt.

Ferner die feste Meinung,
daß es entweder die eine, absolute Wahrheit nicht gäbe
oder aber, wenn es sie gäbe, dennoch die Erkenntnis der Wahrheit unmöglich sei.

Dieser Zweifel am Erkennen besteht u. a. darin, daß man meint, Gott, die Wahrheit
sei seiner Schöpfung, der Welt, dem Menschen ein fernes Jenseits.

Hier im Diesseits, in der Welt, sei alles endlich, vergänglich, zeitlich.

Dort aber, jenseits unserer Welt, sei das Unendliche und Ewige.

Der Mensch gehöre der Welt an und sei darum selbst endlich und beschränkt.

Er könne nicht über das Endliche übergreifen, nicht zum Unendlichen werden.

Das Endliche, der Mensch, stehe fest auf einer Seite,
das Unendliche, Gott, fest auf der anderen
und zwischen ihnen sei eine unüberwindbare Grenze.

Hegel sagt aber, daß schon von seiner Grenze zu wissen heißt, über sie hinaus zu sein.

Die Ansicht, das Endliche sei hier, das Unendliche dort,
ist nicht die wahre Ansicht der Wahrheit als der Unendlichkeit.

Eine Unendlichkeit nämlich, die an der Endlichkeit ihre Grenze hätte,
d. h. durch eine außer ihr seiende Endlichkeit begrenzt wäre,
wäre selbst nur endlich.

Denn endlich zu sein bedeutet, ein Ende zu haben,
durch etwas anderes begrenzt zu sein.

Die Unendlichkeit aber hat kein Ende,
hat keine Grenze oder Schranke außerhalb ihrer selbst
und hat somit auch nichts unter, vor oder neben sich,
welches sie begrenzte oder beschränkte.

Sie ist das Unbegrenzte und Unbeschränkte.

Die wahre Unendlichkeit ist deshalb nicht über
oder hinter oder neben der Endlichkeit zu suchen,
sondern in der Endlichkeit selbst.

Gott oder die Wahrheit als die Unendlichkeit
ist deswegen auch nicht eine der endlichen Welt und dem Menschen fernes Jenseits, sondern in dieser Welt, im Menschen selbst zu finden.

Der Mensch hat in die Welt und in sich selbst zu blicken,
wenn er die Wahrheit erkennen will
und er kann sie erkennen, weil sie in der Welt und in ihm selbst ist.

Es kommt wie gesagt darauf an
"in dem Scheine des Zeitlichen und Vorübergehenden die Substanz, die immanent,
und das Ewige, das gegenwärtig ist, zu erkennen." (RP)

Und: "Die Ewigkeit wird nicht sein, noch war sie; sondern sie ist." (PN)

Die Ewigkeit oder Gott ist also gegenwärtig und wirklich in der Welt.

Die Welt ist selbst die Existenz und Offenbarung Gottes.

Die Welt ist nicht gottverlassen, nicht, wie sie nicht sein soll.

Die Aufgabe der Philosophie ist deswegen auch nicht,
eine Welt zu konstruieren, zu erdenken, wie sie bloß sein soll aber nicht ist.

Sie hat keine Utopie auszumalen, wie die Welt einmal gut und wahr werden könnte, sondern sie hat die Welt zu erkennen wie sie ist
und aufzuweisen und darzustellen, daß die Welt wie sie ist auch sein soll.

Die Philosophie ist die wissenschaftliche Darstellung der Welt als Offenbarung Gottes.

"Es ist leichter, den Mangel an Individuen, an Staaten, an der Weltleitung einzusehen
als ihren wahrhaften Gehalt.

Denn beim negativen Tadeln
steht man vornehm und mit hoher Miene über der Sache,
ohne in sie eingedrungen zu sein,
d. h. sie selbst, ihr Positives erfaßt zu haben....

- Die Einsicht nun, zu der, im Gegensatz jener Ideale, die Philosophie führen soll,
ist, daß
die wirkliche Welt ist, wie sie sein soll,
daß das wahrhafte Gute, die allgemeine göttliche Vernunft
auch die Macht ist, sich selbst zu vollbringen.

Dieses Gute, diese Vernunft in ihrer konkretesten Vorstellung ist Gott.

Gott regiert die Welt, der Inhalt seiner Regierung, die Vollführung seines Plans
ist die Weltgeschichte.

Diesen will die Philosophie erfassen;
denn nur was aus ihm vollführt ist, hat Wirklichkeit,
was ihm nicht gemäß ist, ist nur faule Existenz.

Vor dem reinen Licht dieser göttlichen Idee, die kein bloßes Ideal
ist, verschwindet der Schein,
als ob die Welt ein verrücktes, törichtes Geschehen sei.

Die Philosophie will den Inhalt, die Wirklichkeit der göttlichen Idee erkennen
und die verschmähte Wirklichkeit rechtfertigen.

Denn die Vernunft ist das Vernehmen des göttlichen Werkes." (VG)

"Das unbefriedigte Streben verschwindet,
wenn wir erkennen, daß der Endzweck der Welt
ebenso vollbracht ist, als er sich ewig vollbringt.

Dies ist überhaupt die Stellung des Mannes,
während die Jugend meint, die Welt liege schlechthin im argen
und es müsse aus derselben erst ein ganz anderes gemacht werden." (Enz-L)

Das Gesagte ist aber nicht in der Weise mißzuverstehen
als male die Philosophie die Welt als eine nur schöne und heile aus
und leugne dabei das Böse, Schlechte, Falsche, überhaupt das Negative.

Im Gegenteil nur durch das Negative gelangt man zum Wahren:

"Er", der Verstand, "gewinnt seine Wahrheit nur,
indem er in der absoluten Zerrissenheit sich selbst findet.

Diese Macht ist er nicht als das Positive, welches von dem Negativen wegsieht,
wie wenn wir von etwas sagen, dies ist nichts oder falsch,
und nun, damit fertig, davon weg zu irgend etwas anderem übergehen;
sondern er ist diese Macht nur,
indem er dem Negativen ins Angesicht schaut, bei ihm verweilt." (Phän)

Das Falsche steht nicht im Gegensatz zum Wahren,
sondern das Wahre enthält das Falsche als Aufgehobenes in sich.

Das Falsche oder Negative, welches negiert oder aufgehoben ist,
ist nicht bloß verschwunden,
sondern ist vielmehr als Moment in eine höhere Einheit eingegangen.

In dieser Einheit ist es, obgleich es negiert ist, zugleich auch aufbewahrt.

Das Wort "Aufheben"
hat a
uch im Sprachgebrauch diese beiden entgegengesetzten Bedeutungen,
einmal des Negierens oder Endemachens,
zum andern aber auch des Aufbewahrens und Behaltens.

In unserem endlichen Leben
können wir es gewöhnlich nicht erleben oder sehen,
daß der unendliche Zweck wahrhaft erreicht wird.

Diese Ohnmacht ist aber eine Täuschung.

Die Vollführung des unendlichen Zwecks und Erkennens
ist so nur, die Täuschung aufzuheben, als ob er noch nicht vollführt sei.

Das Gute, das absolut Gute, vollbringt sich ewig in der Welt,
und das Resultat ist die Erkenntnis, daß es schon vollbracht ist
und nicht erst auf uns zu warten braucht.

Diese Täuschung als ob die Vernunft nicht sei, ist es, in der wir leben,
aber zugleich ist sie allein das Betätigende, worauf das Interesse in der Welt beruht.

Man muß sogar sagen, daß die Wahrheit oder Gott, als das Ganze,
dieser Prozeß ist, sich selbst jene Täuschung zu machen,
sich ein Anderes gegenüber zu setzen,
und seine Tätigkeit darin besteht, diese Täuschung aufzuheben.

Nur aus diesem Irrtum und seiner Überwindung geht die Wahrheit hervor,
und hierin liegt die Versöhnung mit dem Irrtum und mit der Endlichkeit.

Das Anderssein oder der Irrtum, als aufgehoben,
ist selbst ein notwendiges Moment der Wahrheit,
welche nur ist, indem sie sich zu ihrem eigenen Resultat macht.

Es kommt Hegel überhaupt darauf an,
daß das Wahre nicht als eine Seite des Gegensatzes genommen wird.

Das Wahre ist vielmehr das Ganze
und das heißt, es ist die Einheit des Gegensatzes.

Diese konkrete Einheit zu fassen, ist für den Verstand,
    insofern er nur reiner, abstrakter Verstand ist,
    der das Gefühl nicht versteht, nicht Vernunft ist,
allerdings unmöglich.

"In diesem Dialektischen, wie es hier genommen wird,
und damit in dem Fassen des Entgegengesetzten in seiner Einheit
oder des Positiven im Negativen besteht das Spekulative
.

Es ist die wichtigste, aber für die noch ungeübte, unfreie Denkkraft schwerste Seite." (Logik)

 

5. Es gibt nur eine Wahrheit

Ebenso wie die Wahrheit das Ganze,
also nicht eine Seite des Gegensatzes, sondern die Einheit des Gegensatzes ist,
ist es ein weiterer Hauptsatz der Hegelschen Philosophie,
daß es nur eine einzige Wahrheit, nicht mehrere Wahrheiten gibt.

Dies scheint sich zunächst zu widersprechen, insofern man sagt,
daß die Wahrheit als das Ganze doch beide Seiten des Gegensatzes enthalten müsse.

Somit hätten wir nicht eine Wahrheit, sondern mindestens eine doppelte,
nämlich beide Seiten des Gegensatzes.

Man muß aber dem entgegnen und sagen, daß der Unterschied der Wahrheit
dem, daß die Wahrheit nur eine ist, nicht widerspricht,
insofern er kein äußerer, sondern ein innerer Unterschied ist.

Die Wahrheit ist zwar eine aber sie ist nicht einfach
im Sinne von abstrakt und unbestimmt,
sondern sie ist bestimmt oder konkret,
d. h. sie hat den Unterschied oder Gegensatz innerhalb ihrer selbst,
sie ist in sich selbst unterschieden, hat aber kein Unterschied außerhalb ihrer selbst.

"Die Wahrheit aber ist Eine;
dieses unüberwindliche Gefühl oder Glauben hat der Instinkt der Vernunft." (VP)

"Allein dieser Satz, daß die Wahrheit nur eine ist, ist selbst noch abstrakt und formell;
und das Wesentlichste ist vielmehr, zu erkennen,
daß die eine Wahrheit nicht ein nur einfacher abstrakter Gedanke oder Satz ist;
vielmehr ist sie ein in sich selbst Konkretes." (VP)

Der nächste wichtige Satz ist, daß die eine in sich konkrete Wahrheit
zunächst nicht als Konkretes erscheint,
sondern sich aus sich selbst entwickelt und sich konkretisiert.

Entwickeln heißt, daß die zunächst nur inneren, ideellen Unterschiede
dann auch heraustreten in das Dasein.

Die Wahrheit, Gott bleibt nicht ein in sich Verschlossenes,
welches verborgen bleibt hinter dem Dasein und der Wirklichkeit.

Sondern sie entfaltet sich, zeigt sich,
manifestiert ihre Unterschiede und läßt sie frei existieren.

Sie ist nicht nur die Möglichkeit des Daseins, nicht nur ein Vermögen,
sondern hat selbst Dasein und setzt selbst die Wirklichkeit.

Die Entwicklung der Wahrheit ist mit der Entwicklung der Pflanze zu vergleichen.

Im Keim der Pflanze ist zwar schon die ganze Pflanze,
alle ihre Unterschiede wie Wurzel, Stengel, Blätter usw. enthalten, aber nur innerlich.

Sie sind auch nicht in Miniatur im Keim enthalten, sondern ideell, d. h. nur an sich.

Die Entwicklung des Keimes zur Pflanze ist, daß die ideellen Unterschiede heraustreten.

Es entsteht nichts Neues, sondern das was an sich ist, tritt hervor.

  

6. Es gibt nur eine Philosophie

Die Philosophie als die Erkenntnis der Wahrheit
ist die Erkenntnis dieser Entwicklung der Wahrheit.

Die Wahrheit ist sich nicht vorzustellen als etwas totfestes,
was es unmittelbar gibt und sich nicht verändert,
sondern sie ist Resultat ihres eigenen Entwicklungsprozesses.

"Es ist von dem Absoluten zu sagen, daß es wesentlich Resultat,
daß es erst am Ende das ist, was es in Wahrheit ist;
und hierin eben besteht seine Natur,
Wirkliches, Subjekt oder Sichselbstwerden zu sein."(Päno)

Dieses Sichselbstwerden der Wahrheit oder des Absoluten
erkennt die Philosophie und stellt es dar.

Wie das Absolute, was die Philosophie darstellt ist auch sie selbst Entwicklung;
d. h. sie ist nicht unmittelbar die Erkenntnis und Darstellung der Wahrheit,
sondern sie hat sich ebenso, und zwar auch geschichtlich, entwickelt.

Der Gang der Philosophiegeschichte ist,
daß sie die Wahrheit, die innerlich in der Welt ist,
in einem Gang von Stufen herausgesetzt
und für das Bewußtsein gegenständlich gemacht hat.

Die Änderung vom Zustand der Innerlichkeit in den Zustand der Äußerlichkeit,
"macht die ungeheure Änderung des Zustandes aus.

Alles Erkennen, Lernen, Wissenschaft, selbst Handeln
beabsichtigt weiter nichts, als das, was innerlich, an sich ist,
aus sich herauszuziehen und sich gegenständlich zu werden."

Jede Philosophie in dieser Geschichte
der Vergegenständlichung oder Bewußtwerdung der Wahrheit
ist eine Stufe dieser Entwicklung.

Sowohl die Entwicklung selbst,
als auch jede solche Stufe, jede Philosophie in dieser Geschichte ist notwendig,
d. h. folgt notwendig aus der vorigen
und ist notwendige Voraussetzung für die nachfolgende Philosophie.

Man kann auch sagen, daß eine bestimmte Philosophie in der Geschichte
die ihr vorhergehende Philosophie widerlegt,
daß sie die Widerlegung der vorigen Philosophie ist.

Ebenso wird eine bestimmte Philosophie von der ihr nachfolgenden widerlegt.

Die Widerlegung der früheren Philosophie durch die spätere
ist aber nicht so vorzustellen, daß die widerlegte, frühere Philosophie
ganz und gar die Falsche wäre und sich im Irrtum befunden habe.

Sondern sie war nur nicht die letzte, höchste
in der fortschreitenden Entwicklung der Erkenntnis der Wahrheit.

Das Prinzip einer früheren Philosophie ist nicht falsch
aber es ist auch nicht die ganze Wahrheit,
sondern es ist ein Moment der Wahrheit.

Die auf sie folgende Philosophie ist ihr nicht entgegengesetzt,
sondern ist ihre Weiterentwicklung,
so daß sie das Prinzip der früheren als widerlegtes aber aufgehobenes,
also aufbewahrtes in sich enthält.

Alle früheren Prinzipien sind also nicht vergangen und vergessen,
sondern, weil sie Momente der Wahrheit sind, selbst wahr und ewig.

"Es ist die Grundbestimmung der Entwicklung, daß eine und dieselbe Idee
- es ist nur eine Wahrheit - aller Philosophie zugrunde liegt
und daß jede spätere ebenso die Bestimmtheiten der vorhergehenden enthält und ist.

Es ergibt sich daraus die Ansicht für die Geschichte der Philosophie,
daß wir in ihr, ob sie gleich Geschichte ist, es nicht mit Vergangenem zu tun haben.

Der Inhalt dieser Geschichte sind die wissenschaftlichen Produkte der Vernünftigkeit,
und diese sind nicht ein Vergängliches.

Was in diesem Feld erarbeitet worden, ist das Wahre,
und dieses ist ewig, existiert nicht zu einer Zeit und nicht mehr zu einer andern." (VP)

In der Philosophiegeschichte,
als diese in der Zeit fortschreitende Entwicklung der Erkenntnis der Wahrheit,
ist also die erste Philosophie die einfachste und ärmste.

Die letzte Philosophie aber ist die höchste, wahrste und reichste,
indem sie die Prinzipien aller vorigen Philosophien als Momente in sich enthält.

"Es kann deswegen heutigentags keine Platoniker, Aristoteliker, Stoiker, Epikureer"
[oder Kantianer] "mehr geben.

Sie wieder erwecken,
den gebildeteren, tiefer in sich gegangenen Geist darauf zurückbringen zu wollen,
würde ein Unmögliches, ein ebenso Törichtes sein,
als wenn der Mann sich Mühe geben wollte, Jüngling,
der Jüngling wieder Knabe oder Kind zu sein,
obgleich der Mann, Jüngling und Kind ein und dasselbe Individuum ist." (VP)

Dazu, daß die neueste Philosophie die reichste und entwickeltste ist, behauptet Hegel,
"daß man sich nicht hüten muß, dies, was in der Natur der Sache ist, zu sagen,
daß die Idee, wie sie in der neuesten Philosophie gefaßt und dargestellt ist,
die entwickeltste, reichste, tiefste ist." (VP)

Nun heißt dies aber wiederum auch nicht, man hätte sich nur an das zu halten,
was in neuester Zeit unter dem Namen Philosophie veröffentlicht wurde.

Denn nicht alles, was sich Philosophie nennt, ist auch wirkliche Philosophie,
sondern nur als System aller vorigen Prinzipien der Philosophie,
als System des notwendigen Zusammenhanges aller Prinzipien der Wahrheit
ist sie wirkliche, eigentliche Philosophie und Wissenschaft.
(vgl. Wittgenstein, Adorno, Heidegger, Habermaß, usw.?!)

"...Versicherungen über das Wahre -, kann nicht für die Art und Weise gelten,
in der die philosophische Wahrheit darzustellen sei.

Die wahre Gestalt, in welcher die Wahrheit existiert,
kann allein das wissenschaftliche System derselben sein." (Päno)

Hegel beansprucht für sein philosophisches System,
das letzte vorherige wahre philosophische System widerlegt,
d. h. seinen Mangel aufgezeigt und beseitigt zu haben
und damit alle Prinzipien der Wahrheit zu enthalten.

Diejenigen, die in den verschiedenen Philosophien in der Geschichte
nur erkennen wollen, daß sie voneinander verschieden
und einander widersprechend sind und nicht auch identisch,
übersehen, daß all die Philosophien, wenn sie auch verschieden sind,
doch gemeinsam haben, überhaupt Philosophie zu sein.

Hegel vergleicht sie,
die die Gemeinschaftlichkeit und den Zusammenhang der Philosophien leugnen,
mit einem "pedantischen Kranken, dem der Arzt Obst zu essen anrät
und dem [man] Kirschen oder Pflaumen oder Trauben vorsetzt,
der aber in einer Pedanterie des Verstandes nicht zugreift,
weil keine dieser Früchte Obst sei, sondern Kirschen oder Pflaumen oder Trauben." (VP)

Sie sehen in der Vielzahl der Philosophischen Systeme
nichts als ein Vorrat von subjektiven sich gegenseitig widersprechenden Meinungen
und erkennen nicht ihren systematischen Zusammenhang.

"Sie", die Meinung, "begreift die Verschiedenheit philosophischer Systeme
nicht so sehr als die fortschreitende Entwicklung der Wahrheit,
als sie in der Verschiedenheit nur den Widerspruch sieht." (Päno)

Es gibt viele voneinander verschiedene Meinungen.

Die Wahrheit aber ist nichts von etwas Anderem Verschiedenes und nichts Einseitiges.

Sie ist das Allgemeine und Objektive.

Es kann nicht mehrere Wahrheiten geben, wie es mehrere Meinungen gibt.

"Die Zufälligkeit", und die Meinung ist geistige Zufälligkeit,
"muß man mit dem Eintritt in die Philosophie aufgeben." (VP)

"Was kann unnützer sein, als eine Reihe bloßer Meinungen kennenzulernen,
was langweiliger?

Schriftstellerische Werke, welche Geschichten der Philosophie in dem Sinne sind,
daß sie die Ideen der Philosophie in der Weise von Meinungen aufführen und behandeln, braucht man nur leicht anzusehen, um zu finden,
wie dürr, langweilig und ohne Interesse das Alles ist.

Eine Meinung ist eine subjektive Vorstellung, ein beliebiger Gedanke,
eine Einbildung, die ich so oder so und ein anderer anders haben kann.

Eine Meinung ist mein;
sie [ist] nicht ein in sich allgemeiner, an und für sich seiender Gedanke.

Die Philosophie aber enthält keine Meinungen;
es gibt keine philosophischen Meinungen." (VP)

Wenn die Philosophie eine Sammlung von Meinungen wäre,
so wäre sie keine Wissenschaft,
denn der Wissenschaft geht es um objektive Gedanke,
d. h. auch um Gedanken, die durch verständiges Denken nachvollziehbar sein müssen.

Deswegen ist "in der Wissenschaft der Inhalt wesentlich an die Form gebunden," (RP)
d. h. auch an eine objektiv nachvollziehbare verständige Methode.

Verständig zu sein heißt bestimmt zu sein
und "erst was vollkommen bestimmt ist, ist zugleich exoterisch, begreiflich
und fähig, gelernt und das Eigentum aller zu sein.

Die verständige Form der Wissenschaft
ist der allen dargebotene und für alle gleichgemachte Weg zu ihr,
und durch den Verstand zum vernünftigen Wissen zu gelangen,
ist die gerechte Forderung des Bewußtseins, das zur Wissenschaft hinzutritt;
denn der Verstand ist das Denken, das reine Ich überhaupt;
und das Verständige ist das schon Bekannte und das Gemeinschaftliche
der Wissenschaft und des unwissenschaftlichen Bewußtseins,
wodurch dieses unmittelbar in jene einzutreten vermag." (Päno)

"- Diejenigen" aber, welche einer objektiven Methode und damit
"des Beweisens und Deduzierens in der Philosophie entübrigt sein zu können glauben, zeigen, daß sie von dem ersten Gedanken dessen, was Philosophie ist, noch entfernt sind, und mögen wohl sonst reden,
aber in der Philosophie haben die kein Recht mitzureden, die ohne Begriff reden wollen." (RP)

 

 7. Die Philosophie als System der Wissenschaft

Hegel behauptet nun, die endgültige objektive Methode für die Philosophie,
    für die Wissenschaft aller Wissenschaften,
in seiner "Wissenschaft der Logik" aufgestellt
und in den übrigen Teilen seines "Systems der Wissenschaft",
der "Phänomenologie des Geistes", der "Wissenschaft der Natur"
und der "Wissenschaft des Geistes", angewendet zu haben.

"Das System der Wissenschaft ist eine neue Bearbeitung der Philosophie,
nach einer Methode aufgestellt, welche noch, wie ich hoffe,
als die einzig wahrhafte, mit dem Inhalt identische anerkannt werden wird." (Enz-L)

Die Philosophie Hegels beansprucht als dies System der Wissenschaft
nicht nur die wahrhafte Methode und die Prinzipien aller vorigen Philosophien,
sondern auch die Prinzipien aller besonderen Wissenschaften in sich zu enthalten,
d. h. die Wissenschaft aller Wissenschaft zu sein.

Die heutige Philosophie sieht sich dagegen
eher als eine besondere Wissenschaft neben anderen besonderen Wissenschaften.

Näher gilt sie als eine Geisteswissenschaft, d. h. nicht als eine Naturwissenschaft.

Man zählt sie zu den übrigen Geisteswissenschaften,
wie etwa die Psychologie, die Soziologie usw.
und setzt sie auf gleiche Stufe mit ihnen
als hätte sie, wie die anderen, einen ihr eigentümlichen besondern Gegenstandsbereich.

Ebenso scheidet man sie, als Geisteswissenschaft, von der Naturwissenschaft ab,
als seien der Geist und die Natur völlig Verschiedene.

Wenn die Philosophie so sich selbst von anderen Wissenschaften ausschließt
und nicht das Ganze als seinen Gegenstand behauptet,
welcher besondere Gegenstand bliebe ihr eigentümlich,
der nicht Gegenstand einer anderen besonderen Wissenschaft wäre?

Die Antwort im Sinne Hegels ist,
daß die Philosophie keinen besonderen, beschränkten Gegenstand hat,
sondern das Allgemeine, Ganze, Absolute.

Ihre Aufgabe ist, die Wissenschaft (Theorie) wesentlich als ein Ganzes zu begreifen,
wie sie das Universum (Praxis), sowohl das geistige als auch das natürliche,
als ein Ganzes zu begreifen hat.

Und sie hat die besonderen Wissenschaften
als organische Teile dieses einen Ganzen darzustellen,
wie sie die natürlichen und geistigen Dinge (Fakten, Tatsachen)
als organische Teile dieses einen ganzen Universums darzustellen hat.

Hegels System der Wissenschaft
ist das Bild der organischen Vernünftigkeit des Universums.

Es besteht zunächst aus zwei Teilen.

Der erste Teil ist als Einleitung zu verstehen
und bildet die Hinführung unseres unwissenschaftlichen,
mit Unwahrheit und Täuschung behafteten Bewußtseins
zur Wissenschaft und der Wahrheit, - die "Phänomenologie des Geistes".

Den zweiten Teil bildet die eigentliche Darstellung des Universums als eines vernüftigen.

Sie zerfällt in drei Teile:
1. In die Wissenschaft des reinen Denkens, d. h. die Logik,
2. in die Wissenschaft der Natur,
3. in die Wissenschaft des Geistes.

Jeder dieser Teile zerfällt wiederum in drei Teile
und von diesen wiederum jeder in drei usw.,
so daß jeder Teil eine besondere Wissenschaft begründet,
je tiefer hinab, desto besonderer und spezieller
aber so, daß der Zusammenhang zum Ganzen immer bestehen bleibt.

Wenn von organischen Teilen hier die Rede ist, so ist dies nur ein vorläufiges Bild,
das verwendet wird, um die Sache der Vorstellung näher zu bringen,
d. h. um sie zu beschreiben.

Ein Bild, welches der Sache selbst nicht völlig gerecht wird,
denn die Vernünftigkeit des Universums besteht in mehr,
als nur ein organischer Körper zu sein.

Gott ist nicht nur lebendig, sondern wesentlich Geist.

Ein anderes Bild, welches die Sache eher trifft
aber auch deswegen schwerer vorzustellen ist,
ist die christliche Anschauung der Dreieinigkeit Gottes
als des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes.
(dh. des Menschengeistes, es gibt keinen anderen!)

In dieser Anschauung ist die Wahrheit adäqauter
nicht als aus Teilen bestehend vorgestellt,
sondern Gott als der Dreieinige ist in jedem seiner drei Momente selbst das Ganze.

Der Unterschied der Momente besteht nur darin,
daß das Ganze in verschiedener Bestimmtheit, gleichsam in einem anderen Licht, erscheint.

Die Wahrheit oder Gott ist in der Dreieinigkeit vorgestellt
als ein ewiger Prozeß seiner selbst.

Er besteht darin, daß Gott sich von sich selbst unterscheidet
oder sich als das Andere seiner selbst setzt
und aus diesem Anderen zu sich selbst zurückkehrt.

Die drei Momente dieses Prozesses sind:

1. Gott als der Vater,
sozusagen vor der Erschaffung der Welt,
- dies ist der Inhalt der Wissenschaft der Logik.

"Dieses Reich ist die Wahrheit, wie sie ohne Hülle an und für sich selbst ist.

Man kann sich deswegen ausdrücken, daß dieser Inhalt
die Darstellung Gottes ist, wie er in seinem ewigen Wesen
vor der Erschaffung der Natur und eines endlichen Geistes ist." (Logik)

Dieses Reich der Logik oder reinen Denkens
umfaßt alle Bestimmtungen des Denkens, die sogenannten Kategorien.

Diese Kategorien dürfen aber nicht nur
als subjektive oder menschliche Kategorien gefaßt werden,
sondern als absolute Bestimmungen des Gedankens Gottes.
(Die man also doch wissen kann!)

 

2. Gott als der Sohn. d. h. die Schöpfung, die Welt,
die eigentlich, da Gott das Ganze ist, nichts anderes ist als er selbst
aber doch als das Andere seiner selbst gesetzt ist,
- der Inhalt der Wissenschaft der Natur
(näher: die Mechanik, die Physik und die Biologie...).

3. Gott als Geist.

Das Zurückgekehrtsein Gottes aus dem Andere zu sich selbst,
- der Inhalt der Wissenschaft des Geistes,
welche näher die Lehre von der Seele, dem Bewußtsein, der Psychologie,
dem Recht und der Freiheit
sowie der Kunst, der Religion und der Philosophie enthält.



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