Womit beschäftigt sich die Philosophie ?
Und wie beschäftigt man sich mit Philosophie ?

[Hegel-Originaltext. Auswahl und Anmerkungen [...] von M.Grimsmann und L.Hansen, Sep. 1998
Abkürzungen für Quellangaben siehe Info]

 

Die erste Frage ist: was ist der Gegenstand unserer Wissenschaft?

Die einfachste und verständlichste Antwort auf diese Frage ist die,
daß die Wahrheit dieser Gegenstand ist.

Wahrheit ist ein hohes Wort und die noch höhere Sache.

Wenn der Geist und das Gemüt des Menschen noch gesund sind,
so muß diesem dabei sogleich die Brust höher schlagen.         
Enz §19 Zusatz1

 

[Bei der Aussicht mit der Wahrheit bekannt gemacht zu werden
gerät ein geistig noch gesunder Mensch also
in eine freudige Erwartungshaltung. Dagegen... ]

Ungebildete Menschen gefallen sich im Räsonieren und Tadeln,
denn Tadel finden ist leicht,
schwer aber, das Gute und die innere Notwendigkeit desselben zu kennen.

Beginnende Bildung fängt immer mit dem Tadel an,
vollendete aber sieht in jedem das Positive.

[z.B.] In der Religion ist ebensobald es schnellgesagt,
dies oder jenes sei Aberglauben,
aber es ist unendlich schwerer, die Wahrheit davon zu begreifen.        
 
Enz §268 Zusatz

 

[Beginnende Bildung fängt häufig mit dem Tadel an,
da es am einfachsten ist, etws, z.B. eine Wahrheit, zu bewerten,
irgendeine meist abfällige Meiung darüber zu fällen;
eine gehaltvolle Äußerung zu verstehen ist schon schwieriger
doch am anstrengensten ist es, etwas bestandhabendes Aussagekräftiges zu schaffen
denn dafür bedarf es sowohl einer korrekten Aufnahme, als auch eines Urteils
also...]
Das leichteste ist, was Gehalt und Gediegenheit hat, zu beurteilen,
schwerer [
ist], es zu fassen,
das schwerste [
ist], was beides
vereinigt, seine Darstellung hervorzubringen.
Vorrede Phän

[Und weil es eben schwer ist, das Gehaltvolle zu fassen
und deswegen ohne es zu fassen
geradewegs zur Beurteilung übergegangen wird,
erfährt besonders die Philosophie...]

häufig die Verachtung,
daß auch solche, die sich mit ihr nicht bemüht haben,
die Einbildung aussprechen, sie verstehen von Haus aus,
was es mit der Philosophie für eine Bewandtnis habe,
und seien fähig, wie sie so in einer gewöhnlichen Bildung,
    insbesondere von religiösen Gefühlen aus,
gehen und stehen, zu philosophieren und über sie zu urteilen.

Man gibt zu, daß man die anderen Wissenschaften
studiert haben müsse, um sie zu kennen,
und daß man erst vermöge einer solchen Kenntnis
berechtigt sei, ein Urteil über sie zu haben.

Man gibt zu, daß, um einen Schuh zu verfertigen,
man dies gelernt und geübt haben müsse [...]

Nur zum Philosophieren selbst soll dergleichen Studium,
Lernen und Bemühung nicht erforderlich sein.
 

[Um Schuhe herzustellen reicht es nicht aus
daß jeder Füße als Maßstab und Hände als Werkzeug besitzt
-dies wird zugegeben
aber es wird oft nicht zugegeben,
daß man auch sein Denken erst ausgebildet haben muß,
um die Philosophie verstehen zu können.

Bevor man also qualifiziert über Philosophie mitstreiten kann, hat man zunächst...]
... die Pflicht, das Geschwätz zurückzuhalten.

[Denndas Geschwätz zurückzuhalten...]
Dies, kann man überhaupt sagen,
ist eine wesentliche Bedingung für jede Bildung.

 ...

 Man muß damit anfangen, Gedanken anderer auffassen zu können;
es ist das Verzichtleisten auf eigene Vorstellungen,
und dies ist überhaupt die Bedingung zum Lernen, Studieren.
 

Man pflegt [gewöhnlich] zu sagen, daß der Verstand ausgebildet werde
durch Fragen,
Einwendungen
und Antworten usf.;
es wird aber hierdurch in der Tat nicht der Verstand gebildet,
sondern äußerlich gemacht.

Die Innerlichkeit des Menschen wird in der Bildung erweitert, erworben;
dadurch, daß er an sich hält,
durch das Schweigen wird er nicht ärmer an Gedanken,
an Lebhaftigkeit des Geistes.

Er erlernt vielmehr dadurch die Fähigkeit, aufzufassen,
und erwirbt die Einsicht, daß seine Einfälle, Einwendungen nichts taugen;
- dadurch daß die Einsicht wächst, daß solche Einfälle nichts taugen,
gewöhnt er sich ab, sie zu haben.

[und damit wird sein Kopf frei die Worte der Philosophie
in ihren bestimmten Bedeutungen aufzufassen;
die Wahrheit,]
das Absolute, das Erkennen usf. sind [nämlich]Worte ,
welche eine
Bedeutung voraussetzen,
um die zu erlangen
es [aber] erst[imStudium der Philosophie] zu tun ist.
VP Einl

 

[Unwissende, die um ihr Nicht-Wissen nicht wissen,
bilden sich meist ein, die Wahrheit schon erkannt zu haben,
(sogar auch die, daß es gar keine Wahrheit gibt)

Aber Unwissende, die um ihr Nicht-Wissen wissen,
für Menschen, die lernen wollen,
ist es keine Schande etwas nicht von selbst gewußt zu haben,
sie brauchen nicht ihr Unwissen durch blinde, willkürliche Aburteilungen zu verstecken
sondern sie...]

... haben noch den Mut, Wahrheit zu verlangen,
und das Reich der Wahrheit ist es,
in welchem die Philosophie zu Hause ist,
welches [R
eich]sie erbaut und dessen wir durch ihr Studium teilhaftig werden.

...

Ich darf wünschen und hoffen, daß es mir gelingen werde,
auf dem Wege, den wir betreten, Ihr Vertrauen zu gewinnen und zu verdienen;
zunächst aber, [
aber zunächst , am Anfang]
darf ich nichts in Anspruch nehmen
als [d.h. außer]
dies, daß Sie Vertrauen zu der Wissenschaft,
[
d.h.]
Glauben an die Vernunft,
[und auch]
Vertrauen und Glauben zu sich selbst mitbringen.
 

[denn...]
Der Mut der Wahrheit, [zu] Glauben an die Macht des Geistes
ist die
erste Bedingung
des philosophischen Studiums;
der Mensch soll sich selbst ehren und sich des Höchsten würdig achten.

Von der Größe und Macht des Geistes
kann
der Mensch
nicht groß genug denken;
das verschlossene Wesen des Universums hat keine Kraft in sich,
welche dem Mute des Erkennens Widerstand leisten könnte;
es muß sich vor ihm auftun
und seinen Reichtum und seine Tiefen ihm vor Augen legen
und zum Genusse bringen
.
Berliner Antrittsrede

 

 

Autoritäten folgen oder Selbstdenken?

 

[Einerseits ist also gefordert, das Geschwätz zurückzuhalten
und sich die eigenen Einfälle, die eigenen Gedanken, aus dem Kopf zu schlagen,
s
ich also der Autorität anderer hinzugeben.

Andererseits ist aber scheinbar genau das Gegenteil gefordert,
nämlich Vertrauen zu sich selbst mitzubringen,
Vertrauen zu seinem eigenen Denken.

Was ist nun gefordert?

Sich den Gedanken anderer, der Autorität, anzuvertrauen
oder seinem eigenen Denken?


Zu diesem Selbstdenken schreibt Hegel: ]


Es ist ein
großer Eigensinn,
der Eigensinn, der dem Menschen Ehre macht,
nichts in der Gesinnung anerkennen zu wollen,
was nicht durch den Gedanken gerechtfertigt ist,
- und dieser Eigensinn ist das Charakteristische der neueren Zeit, ...

[Aber...]
Dieses Recht, so hoch, so göttlich es ist,
wird aber
in Unrecht verkehrt, wenn nur dies für Denken gilt
und das Denken nur dann sich frei weiß,
insofern es vom Allgemein-Anerkannten und Gültigen abweiche
und sich etwas Besonderes zu erfinden gewußt habe.

...als ob die Freiheit des Denkens und des Geistes überhaupt
sich nur durch die Abweichung,
ja Feindschaft gegen das öffentlich Anerkannte beweise, ...
Vorrede PR

 

Es ist [überhaupt und besonders bei den Pädagogen]ein Vorurteil ... geworden,
daß das
Selbstdenken
in dem Sinn entwickelt und geübt werden solle,
... als ob das
Lernen
[und das Auffassen Gedanken anderer]
dem Selbstdenken entgegengesetzt sei,
[und dieses Vorurteil ist falsch]
da in der Tat das Denken sich nur an einem solchen Material üben kann,
das keine Geburt und Zusammenstellung der Phantasie
... sondern ein [objektiver und allgemeingültiger]
Gedanke
ist,
und ferner ein [solcher objektiver, allgemeingültiger] Gedanke
nicht anders gelernt werden kann
als dadurch, daß er
selbst gedacht
wird.
Über den Vortrag der Philosophie auf Universitäten (Schreiben 1816)


Man kann den Ausdruck Selbstdenken häufig hören,
als ob damit etwas Bedeutendes gesagt wäre.

In der Tat[ist damit aber nichts gesagt; denn es]kann keiner für den anderen denken,
so wenig als essen und trinken;
jener Ausdruck ist daher ein Pleonasmus [doppelt gemoppelt].
Enz §23 Anm.

 

Nach einem gemeinen Irrtum scheint einem Gedanken
nur dann der Stempel des Selbstgedachten aufgedrückt zu sein,
wenn er abweichend von den Gedanken anderer Menschen ist, ...
- sonst ist daraus die Sucht, daß
jeder sein eignes System haben willentsprungen,
und daß ein Einfall für desto origineller und vortrefflicher gehalten wird,
je abgeschmackter und verrückter er ist,
weil er ebendadurch die Eigentümlichkeit
und Verschiedenheit von dem Gedanken anderer am meisten beweist.    
Über den Vortrag der Philosophie auf Universitäten (Schreiben 1816) 

 

[So nähert man sich der Wissenschaft]...nämlich mit dem Vorsatze,
in der Wissenschaft auf die Autorität [hin]

sich den Gedanken anderer nicht zu ergeben,
sondern alles selbst zu prüfen und
nur der eigenen Überzeugung zu folgen
oder, besser noch, alles selbst zu produzieren
und nur die eigene Tat für das Wahre zu halten. ...

Jener Vorsatz stellt die Bildung in der einfachen Weise des Vorsatzes
als unmittelbar
abgetan
und geschehen vor; ...

[Zwar ist] der eigenen Überzeugung folgen allerdings mehr,
als sich der
Autorität ergeben;
aber durch die Verkehrung des Dafürhaltens aus Autorität
in Dafürhalten aus eigener Überzeugung
ist nicht notwendig der Inhalt desselben geändert
und an die Stelle des Irrtums Wahrheit getreten.

Auf die Autorität anderer oder aus eigener Überzeugung
im Systeme des Meinens und des Vorurteils zu stecken,
unterscheidet sich voneinander allein durch die Eitelkeit,
welche der letzteren Weise beiwohnt.

Einl. Phän

 
Der freie Mensch ist [weder eitel und auch] nicht neidisch,
sondern anerkennt das gern, was groß und erhaben ist,
und freut sich, daß es ist.
Einl. VG

 

[Überhaupt geht es darum, das ewig Wahre zu erkennen,
nicht eine neue Wahrheit zu erfinden; so gilt, daß...]

das Neue nicht wahr und das Wahre nicht neu
ist;  
 
Über den Vortrag der Philosophie auf Universitäten (Schreiben 1816)

 

Was wir [Hegel] produzieren [ist also nichts völlig neues,
sondern] setzt wesentlich ein Vorhandenes [Wahres und Bewährtes] voraus;
was unsere [Hegels] Philosophie ist,
existiert wesentlich nur in diesem Zusammenhang
[mit dem Bewährten und Wahren aus der Vergangenheit]
und ist aus ihm mit Notwendigkeit hervorgegangen.  

So ist unsere Stellung ebenso, die Wissenschaft, die vorhanden ist,
zuerst zu fassen und sie uns zu eigen zu machen, und dann sie zu bilden
[auszubilden, fortzuentwickeln].
Einl. VP (1820)

 

[Die Rechte Weise, sich seiner Wissenschaft zu nähern,
ist also weder bloßer Autoritätsglaube
noch alle Autoritäten verwerfender Eigensinn.

Sondern selbstdenkender Nachvollzug seiner Wissenschaft.

Wenn so vorgegangen wird...]
kann [man] hoffen, [daß seine Wissenschaft] sich

durch die innere Wahrheit der Sache Eingang zu verschaffen wissen werde.
Vorrede Phän

 

 

 



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