Phänomenologie als Einleitung des Systems

[Hegel-Originaltext. Auswahl und Anmerkungen [...] von M.Grimsmann und L.Hansen, Sep. 2002
Abkürzungen für Quellangaben siehe Info]

 

[Immerwieder kann man auf die Behauptung treffen,
Hegel hätte die PhäG verworfen
und die Enzyklopädie sei an deren Stelle gesetzt worden.
Daß diese Deutung falsch ist,
daß die PhäG eindeutig als Einleitung zum System bestimmt wird
sollen u.a. die folgenden Textauszüge zeigen.]



 


aus Hegels Selbstanzeige zur Phänomenologie:
Sie Phänomenologie betrachtet
die Vorbereitung zur Wissenschaft aus einem Gesichtspunkte,
wodurch sie eine neue, interessante,
und die erste Wissenschaft der Philosophie ist.
...

Die letzte Wahrheit finden sie zunächst in der Religion
und dann in der Wissenschaft[Hegels System],
als dem Resultate des Ganzen.
 ...

Ein zweiter Band wird das System der Logik als spekulativer Philosophie
und der zwei übrigen Teile der Philosophie,
die Wissenschaften der Natur und des Geistes enthalten.

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Vorrede Phänomenologie:
[Die Phänomenologie ist]
die verständige Form der Wissenschaft
ist der allen dargebotene und für alle gleichgemachte Weg zu ihr,
und durch den Verstand zum vernünftigen Wissen zu gelangen,
ist die gerechte Forderung des Bewußtseins, das zur Wissenschaft hinzutritt;
denn der Verstand ist das Denken, das reine Ich überhaupt;
und das Verständige ist das schon Bekannte und das Gemeinschaftliche
der Wissenschaft und des unwissenschaftlichen Bewußtseins,
wodurch dieses unmittelbar in jene einzutreten vermag.

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WdL:
- Auf diesem sich selbst konstruierenden Wege [Hegels Methode]
allein, behaupte ich,
ist die Philosophie fähig, objektive, demonstrierte Wissenschaft zu sein.
 
- In dieser Weise habe ich das Bewußtsein
in der Phänomenologie des Geistes darzustellen versucht.
 
Das Bewußtsein ist der Geist als konkretes,
und zwar in der Äußerlichkeit befangenes Wissen;
aber die Fortbewegung dieses Gegenstandes beruht allein,
wie die Entwicklung alles natürlichen und geistigen Lebens,
auf der Natur der reinen Wesenheiten, die den Inhalt der Logik ausmachen.
 
Das Bewußtsein, als der erscheinende Geist, welcher sich auf seinem Wege
von seiner Unmittelbarkeit und äußerlichen Konkretion befreit,
wird zum reinen Wissen, das sich jene reinen Wesenheiten selbst,
wie sie an und für sich sind, zum Gegenstand gibt.
 
Sie sind die reinen Gedanken, der sein Wesen denkende Geist.
 
Ihre Selbstbewegung ist ihr geistiges Leben
und ist das, wodurch sich die Wissenschaft konstituiert
und dessen Darstellung sie ist.
 
Es ist hiermit die Beziehung der Wissenschaft,
die ich Phänomenologie des Geistes nenne, zur Logik angegeben.
 
- Was das äußerliche Verhältnis betrifft,
so war dem ersten Teil des Systems der Wissenschaft °,
der die Phänomenologie enthält,
ein zweiter Teil zu folgen bestimmt,
welcher die Logik und die beiden realen Wissenschaften der Philosophie,
die Philosophie der Natur und die Philosophie des Geistes, enthalten sollte
und das System der Wissenschaft beschlossen haben würde.
 
° Fußnote [von Hegel]
(Bamberg und Würzburg bei Göbhard 1807.)
Dieser Titel wird der zweiten Ausgabe, die auf nächste Ostern erscheinen wird,
nicht mehr beigegeben werden.
- An die Stelle des im folgenden erwähnten Vorhabens eines zweiten Teils,
der die sämtlichen anderen philosophischen Wissenschaften enthalten sollte,
habe ich seitdem die Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften,
voriges Jahr in der dritten Ausgabe, ans Licht treten lassen. [Anm. 1831]
[also ab da: PhdG: Einleitung zum System; Enz: System]
 
Aber die notwendige Ausdehnung,
welche die Logik für sich erhalten mußte, hat mich veranlaßt,
diese besonders ans Licht treten zu lassen;
sie macht also in einem erweiterten Plane
die erste Folge zur Phänomenologie des Geistes aus.
 
Späterhin werde ich die Bearbeitung der beiden genannten
realen Wissenschaften der Philosophie folgen lassen.
 
...
 
In der Phänomenologie des Geistes habe ich das Bewußtsein
in seiner Fortbewegung von dem ersten unmittelbaren Gegensatz
seiner und des Gegenstandes
bis zum absoluten Wissen dargestellt.
 
Dieser Weg geht durch alle Formen des Verhältnisses
des Bewußtseins zum Objekte durch
und hat den Begriff der Wissenschaft zu seinem Resultate.
 
Dieser Begriff bedarf also
(abgesehen davon, daß er innerhalb der Logik selbst hervorgeht)
hier keiner Rechtfertigung, weil er sie daselbst erhalten hat;
und er ist keiner anderen Rechtfertigung fähig
als nur dieser Hervorbringung desselben durch das Bewußtsein,
dem sich seine eigenen Gestalten alle in denselben
als in die Wahrheit auflösen.
 
Der Begriff der reinen Wissenschaft und seine Deduktion
wird in gegenwärtiger Abhandlung also insofern vorausgesetzt,
als die Phänomenologie des Geistes nichts anderes
als die Deduktion desselben ist.
 
Das absolute Wissen ist die Wahrheit aller Weisen des Bewußtseins,
weil, wie jener Gang desselben es hervorbrachte,
nur in dem absoluten Wissen
die Trennung des Gegenstandes von der Gewißheit seiner selbst
vollkommen sich aufgelöst hat
und die Wahrheit dieser Gewißheit
sowie diese Gewißheit der Wahrheit gleich geworden ist.
 
 
Die reine Wissenschaft setzt somit die Befreiung
von dem Gegensatze des Bewußtseins voraus.
 
Sie enthält den Gedanken,
insofern er ebensosehr die Sache an sich selbst ist,
oder die Sache an sich selbst,
insofern sie ebensosehr der reine Gedanke ist.
 
Als Wissenschaft ist die Wahrheit
das reine sich entwickelnde Selbstbewußtsein
und hat die Gestalt des Selbsts,
daß das an und für sich Seiende gewußter Begriff,
der Begriff als solcher aber das an und für sich Seiende ist.
 
Dieses objektive Denken ist denn der Inhalt der reinen Wissenschaft.
 
...
 
Es ist in der Einleitung bemerkt,
daß die Phänomenologie des Geistes die Wissenschaft des Bewußtseins,
die Darstellung davon ist,
daß das Bewußtsein den Begriff der Wissenschaft,
d. i. das reine Wissen, zum Resultate hat.
 
Die Logik hat insofern
die Wissenschaft des erscheinenden Geistes [PhdG]
zu ihrer Voraussetzung, welche die Notwendigkeit und damit
den Beweis der Wahrheit des Standpunkts, der das reine Wissen ist,
wie dessen Vermittlung überhaupt enthält und aufzeigt.
 
In dieser Wissenschaft des erscheinenden Geistes
wird von dem empirischen, sinnlichen Bewußtsein ausgegangen,
und dieses ist das eigentliche unmittelbare Wissen;
daselbst wird erörtert, was an diesem unmittelbaren Wissen ist.
 
Anderes Bewußtsein, wie der Glaube an göttliche Wahrheiten,
innere Erfahrung, Wissen durch innere Offenbarung usf.,
zeigt sich bei geringer Überlegung sehr uneigentlich
als unmittelbares Wissen aufgeführt zu werden.
 
In jener Abhandlung ist das unmittelbare Bewußtsein
auch das in der Wissenschaft Erste und Unmittelbare,
somit die Voraussetzung;
in der Logik aber ist dasjenige die Voraussetzung,
was aus jener Betrachtung [PhdG] sich als das Resultat erwiesen hatte,
- die Idee als reines Wissen.
 
Die Logik ist die reine Wissenschaft,
d. i. das reine Wissen in dem ganzen Umfange seiner Entwicklung.
 
Diese Idee aber hat sich in jenem Resultate dahin bestimmt,
die zur Wahrheit gewordene Gewißheit zu sein, die Gewißheit,
die nach der einen Seite dem Gegenstande nicht mehr gegenüber ist,
sondern ihn innerlich gemacht hat, ihn als sich selbst weiß,
- und die auf der andern Seite das Wissen von sich
als von einem, das dem Gegenständlichen gegenüber
und nur dessen Vernichtung sei, aufgegeben [hat],
dieser Subjektivität entäußert und Einheit mit seiner Entäußerung ist.
 
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aus der Propädeutik:
Geisteslehre als Einleitung in die Philosophie
 
§ 1
Eine Einleitung in die Philosophie hat vornehmlich
die verschiedenen Beschaffenheiten und Tätigkeiten des Geistes zu betrachten,
durch welche er hindurchgeht, um zur Wissenschaft zu gelangen.
 
Indem diese geistigen Beschaffenheiten und Tätigkeiten
in einem notwendigen Zusammenhange stehen,
[macht] diese Selbsterkenntnis gleichfalls eine Wissenschaft aus.
 
§ 2
Die Geisteslehre betrachtet den Geist
nach den verschiedenen Arten seines Bewußtseins
und nach den verschiedenen Arten seiner Tätigkeit.
 
Jene Betrachtung kann die Lehre von dem Bewußtsein,
diese die Seelenlehre genannt werden.
 


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Phän: 

In dem Begriffe, der sich als Begriff weiß, [Wissenschaft]
treten hiermit die Momente früher auf als das erfüllte Ganze,

dessen Werden die Bewegung jener Momente ist.
In dem Bewußtsein dagegen [Phän] ist das Ganze, aber unbegriffene,
früher als die Momente.
...
Umgekehrt entspricht jedem abstrakten Momente der Wissenschaft
eine Gestalt des erscheinenden Geistes überhaupt.

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PG:
 


Von dem hier zu betrachtenden Fortschreiten [des Geistes in der Wissenschaft]
ist dasjenige zu unterscheiden und davon ausgeschlossen,

welches Bildung und Erziehung ist. [Phäno]
Dieser Kreis bezieht sich nur auf die einzelnen Subjekte als solche,
daß der allgemeine Geist in ihnen zur Existenz gebracht werde.


In der philosophischen Ansicht des Geistes als solchen [dagegen]
wird er selbst als nach seinem Begriffe sich bildend und erziehend betrachtet

und seine Äußerungen als die Momente seines Sich-zu-sichselbst-Hervorbringens,
seines ((Sich-)) Zusammenschließens mit sich,
wodurch er erst wirklicher Geist ist. §387Anm.  
 
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[Wenn man somit nicht von einer Verwerfung der PhäG sprechen kann
und sie als Einleitung zum System verstehen muß,
warum erklärt Hegel sie dennoch
für einen unerfreulichen und überflüssigen Weg ? ]

Enz §78:

...Ebenso sind alle anderen Voraussetzungen oder Vorurteile
bei dem Eintritt in die Wissenschaft aufzugeben,
sie mögen aus der Vorstellung oder dem Denken genommen sein;
denn es ist die Wissenschaft,
in welcher alle dergleichen Bestimmungen erst untersucht und,
was an ihnen und ihren Gegensätzen sei, erkannt werden soll.
 
Der Skeptizismus,
als eine durch alle Formen des Erkennens durchgeführte, negative Wissenschaft,
würde sich als eine Einleitung darbieten,
worin die Nichtigkeit solcher Voraussetzungen dargetan würde.
[PhäG ? warum "würde", sie gibt es doch ?]  

Aber er würde nicht nur ein unerfreulicher,
sondern auch darum ein überflüssiger Weg sein,
weil das Dialektische selbst ein wesentliches Moment
der affirmativen Wissenschaft ist, wie sogleich bemerkt werden wird.
 
Übrigens hätte er die endlichen Formen
auch nur empirisch und unwissenschaftlich
zu finden und als gegeben aufzunehmen.
 
Die Forderung eines solchen vollbrachten Skeptizismus
ist dieselbe mit der, daß der Wissenschaft das Zweifeln an allem,
d. i. die gänzliche Voraussetzungslosigkeit an allem vorangehen solle.
 
Sie ist eigentlich in dem Entschluß, rein denken zu wollen,
durch die Freiheit vollbracht, welche von allem abstrahiert
und ihre reine Abstraktion, die Einfachheit des Denkens, erfaßt.



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