Was die Phänomenologie uns heute zu sagen hat

Von Thomas Sören Hoffmann
2. Dezember 2006, Neue Zürcher Zeitung



Was Hegels «Phänomenologie des Geistes» uns heute zu sagen hat:

Nicht jede Bescheidenheit ist eine Zierde.

Wenn Philosophie den Anspruch aufgibt, die Wirklichkeit geistig zu durchdringen
und den Geist als Wirkliches zu erweisen, bringt sie sich um ihr Bestes.

Das kann ein Rückblick auf Hegel und seine «Phänomenologie des Geistes» lehren.

Wohlverwahrt im Tresor des Bochumer Hegel- Archivs findet sich heute
ein Porträtstich des Meisters der neueren Dialektik,
auf den dieser eigenhändig eine programmatische Widmung gesetzt hat.

Der betreffende Stich von Friedrich Wilhelm Bollinger, wohl um 1818 entstanden,
hatte ein verschollenes Gemälde von der Hand Christian Xellers,
des schwäbischen Landsmanns des Philosophen, zur Vorlage,
das zu den besten Hegel-Bildnissen gezählt haben dürfte,
die zu Lebzeiten des Abgebildeten noch entstanden.

Wir wissen heute nicht mehr, wem das signierte Bochumer Widmungsexemplar zugedacht war.

Aber wir wissen, dass es sich bei der durchaus markanten Aufschrift um ein Selbstzitat handelt,
das der Heidelberger Antrittsvorlesung vom Herbst 1816 entnommen ist.

Dieses Zitat, in dem Hegel sich, wie es scheint, mindestens ebenso gut wie durch Xeller dargestellt sah, lautet:

«Das zuerst verborgene und verschlossene Wesen des Universums hat keine Kraft,
die dem Mute des Erkennens Widerstand leisten könnte; es muss sich vor ihm auftun
und seinen Reichtum und seine Tiefen ihm vor Augen legen und zum Genusse geben.»

HEHRE WORTE

Das sind gewiss hehre Worte, denen in der Vorlesung andere ihrer Art vorangehen, etwa die folgenden:

«Der Mut der Wahrheit, der Glaube an die Macht des Geistes ist die erste Bedingung der Philosophie.
Der Mensch, da er Geist ist, darf und soll sich selbst des Höchsten würdig achten;
von der Grösse und Macht seines Geistes kann er nicht gross genug denken.
Und mit diesem Glauben wird nichts so spröde und hart sein, das sich ihm nicht eröffnete.»

Aus dem Munde von Hegels Fachkollegen - Hegelianer, soweit noch vorhanden, nicht ausgenommen -
wird man heute in aller Regel ähnlich optimistische Töne nicht mehr vernehmen.

Die Ansprüche an die Philosophie, die Ansprüche an den Geist wie auch den Menschen überhaupt,
tönen heute weit bescheidener als bei Hegel der Fall.

Dennoch sind die zitierten Worte nicht eben ungeeignet, die Erinnerung an einen Denker anzuleiten,
der vor zweihundert Jahren sein erstes grosses Hauptwerk, die «Phänomenologie des Geistes», vollendete,
der in seinen letzten Lebensjahren zum Berliner Publikumsmagneten wurde
und der vielen Zeitgenossen als Philosoph par excellence galt.

Einer der erhaltenen Berichte über Hegels letzte Vorlesungsstunde,
gehalten am 11. November 1831 und die Zuhörer offenbar sehr bewegend, gipfelt in der Feststellung:

«Wenn die moderne Philosophie sich personifizierte, sie müsste Hegels Gestalt und Physiognomie annehmen.»

Hegel als Inbegriff der «modernen Philosophie» - was ist von dieser Version zu halten?

Eine Antwort ergibt sich möglicherweise bereits, wenn man sich der «Phänomenologie» zuwendet,
deren Neubearbeitung Hegel bis zuletzt beschäftigt hat
und die, wie gesagt, die «Vorrede» ausgenommen, vor zweihundert Jahren fertiggestellt worden ist:
ein Buch, das sehr bald auch einen eigenen Nimbus besass,
so dass von ihm Kenntnis genommen zu haben bis tief ins 20. Jahrhundert hinein
für jeden europäischen Intellektuellen Standard war.

Schon die Entstehung des Textes besass ihre Dramatik:
nicht enden wollende Schwierigkeiten mit dem Verleger, steigende Zeit- und Geldnot des Autors,
Abänderungen der Konzeption während des Schreibens,
zuletzt eine quälende Unsicherheit über den Verbleib des einen und einzigen Manuskripts,
das trotz dem Krieg im Lande der Post anvertraut worden war
- wenige philosophische Leittexte dürften unter so tumultuarischen Umständen entstanden sein
wie Hegels «Phänomenologie».

IM SCHNITTPUNKT

Immer wieder hat man dann auch die von Eduard Gans geprägte dramatische Formulierung reproduziert,
Hegel habe sein Buch «unter dem Donner der Schlacht von Jena» vollendet.

In der Tat ist eine entsprechende Erinnerung nicht nur aus biografischen,
sondern auch aus philosophischen Gründen nicht unpassend gewählt.

Denn nach Hegel ist seine «Phänomenologie» selbst das Produkt einer
«Zeit der Geburt und des Übergangs zu einer neuen Periode»,
ist sie das Dokument eines weltgeschichtlichen Umbruchs,
ja der gedankliche Schlüssel zu der «Erscheinung der neuen Welt»,
die sich nicht nur, aber doch immerhin auch mit den napoleonischen Kanonen gemeldet hat.

Das Bemerkenswerte daran ist, dass hier zum ersten Mal in der Geschichte der Philosophie
ein Autor mit Nachdruck beansprucht, ein Werk im Schnittpunkt von epochalem
und wissenschaftlichem Selbstbewusstsein verfasst zu haben;
dass ein Denker sich selbst als Sprachrohr nicht etwa nur des Seins oder der Wahrheit,
sondern ebenso sehr auch der Zeit und ihrer mentalen Lage versteht.

Die Substanz ist Subjekt, wie Hegel sagt, das Sein ist Zeit:
Hegels noch stets provokante These ist schon hier, lange vor der späteren Rechtsphilosophie,
dass es ein überhaupt relevantes Denken, das sich nicht selbst als seiner Zeit eingeschrieben,
als ihren «Grundtext» denkend, begreift, nicht gibt.

Mit Hegel zerbricht die überkommene Vorstellung von der «zeitlosen» Wahrheit als Ziel aller Philosophie.

Nicht, dass das Denken sich einfach abhängig macht von der Zeit;
nicht, dass es einfach ihr «Spiegelbild» wäre
und nicht im Letzten etwas mit dem Licht zu tun hätte, in dem die Spiegelbilder erscheinen.

Aber das Denken marginalisiert nicht einfach die Zeit, es kapituliert nicht vor ihr,
und es verachtet auch nicht die Aufgabe, die ihm jeweils mit ihr und damit ganz konkret schon gestellt ist.

Seine zentrale Aufgabe ist dabei stets, das sich Verschliessende in ein Durchschautes,
das Unerkannte in die Erkenntnis,
die Strukturen und Gestalten der Unfreiheit in eine Freiheitsgegenwart zu verwandeln
- kurz: «das zuerst verborgene und verschlossene Wesen des Universums»
samt «seinem Reichtum und seinen Tiefen» sich «vor Augen zu legen und zum Genusse zu geben».

Die «Phänomenologie» erzählt in diesem Sinne die Geschichte eines zu sich selber kommenden Bewusstseins, das einen Weg des Erkennens und Sich-selbst-Erkennens als den Weg zu maximaler Freiheit geht.

Und die Pointe ist, dass dieser Weg nicht in zeitlosen, möglichen Welten,
sondern in der wirklichen Zeit, dass er mitten in unserer Geschichte verläuft.

Mit dem Weg des Bewusstseins, den Hegel nachgeht, hängt dann zusammen,
was man Hegels «Dynamisierung der Wahrheit» nennen kann,
d. h. seine Überwindung einer einfachen, statischen Wahr-falsch-Unterscheidung,
mit deren Hilfe wir, wie der gesunde Menschenverstand meint, einfach die Welt abbilden.

Hegel hat die Philosophie gelehrt, das Wahre und Falsche nicht ohne strikten Kontextbezug zu denken.

So wie wir eine gegebene Aussage nur dann beurteilen können,
wenn wir die Grammatik, in der sie getan ist, stets mit in Rechnung stellen,
so verstehen wir auch die Grundaussagen einer historisch fernen Epoche, einer fremden Kultur,
die eines anderen philosophischen Standpunktes nicht,
wenn wir uns über die einfache Aussage hinaus nicht auf die «Grammatik» dieser Epoche,
auf Kultur oder Philosophie einzulassen vermögen.

OFFENE WIRKLICHKEIT

Jede nur unmittelbare Auseinandersetzung um «wahr» oder «falsch», so Hegel, wäre hier sinnlos
- so sinnlos, wie es etwa wäre zu sagen, der theoretisch wahre Satz vom Embryo als «blossem Zellhaufen»
sei wahrer als die ebenfalls «wahre» praktische Bestimmung,
die den Embryo schon als Mitglied der Anerkennungsgemeinschaft und daher als Person antizipiert.

Mehrere «Wahrheiten» zuzulassen, zielt jedoch nicht auf den Relativismus;
es meint eben nicht, dass alle Auseinandersetzung um das Gute und Wahre zu suspendieren sei:

Das Ziel bleibt das Höchstmass an Freiheit,
bleibt das sich nicht mehr als Fremdkörper in den Universen von Kultur und Natur wissende Bewusstsein.

Und da ist schliesslich Hegels neuer Begriff des Geistes,
den die «Phänomenologie» ja schon im Namen führt.

Was meint Hegel mit «Geist»,
dem Wort, das er als Erster leitmotivisch in die Debatten der Idealisten geworfen hat,
das jedoch auch zu einer ganzen Reihe von Missverständnissen geführt hat?

Die einfachste Antwort ist:

Mit «Geist» ist nichts anderes als eine sich nicht verschliessende,
sondern partizipationsoffene Wirklichkeit gemeint.

Geist ist immer sowohl, was Partizipation zulässt, wie auch das, woran wir schon partizipieren.

Sprache zum Beispiel ist «Geist», und geistig sind wir selbst in einem Masse,
wie wir im Sprechen der Sprache uns die Welt, die Wahrheit, die Zeit, uns selbst den anderen erschliessen.

Recht ist Geist, insofern es uns die äusseren Verhältnisse erschliesst und lebbar macht;
Kunst, Religion und Wissenschaft sind es ebenso,
da es in ihnen um Selbsterkenntnis des Menschen im sinnlichen und der Vernunft zugänglichen Universum geht.

Geist ist Verhältnismacht;
und da nur das, was sich zu sich wie zu anderem wirklich zu verhalten vermag, auch «das Wirkliche» ist,
so lehrt die «Phänomenologie», ist «das Geistige allein das Wirkliche».

Die Heidelberger Antrittsvorlesung Hegels hat davon gesprochen,
dass «der Mensch, da er Geist ist, sich selbst des Höchsten würdig achten» soll.

Es ist vielleicht nicht zuletzt dieser Appell an eine in der Natur unseres geistigen Daseins gegründete Würde,
die Hegel auch zweihundert Jahre nach der Vollendung der «Phänomenologie»
zu einem Schlüsseldenker der Moderne, wenigstens aber zu einem gültigen Orientierungspunkt
gerade auch für eine immer wieder zur Geistlosigkeit neigende Zeit macht.

Denn das Vergessen der Würde des Geistes, für das es tausend Namen gibt,
hat am Ende weniger mit Bescheidenheit als mit fehlendem Mut des Erkennens zu tun.

Die Erinnerung an Hegel hat in dem Masse Sinn,
wie sie ein Ansporn zu sein vermag, es mit dem Erkennen wieder neu zu versuchen.

Der Autor lehrt Philosophie an der Universität Bonn.
Letzte Buchpublikation: «Georg Wilhelm Friedrich Hegel. Eine Propädeutik» (2004).



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