Implizite Reflexion (auch: reflexio concomitans)
Unsere Methodik (Terminologie von Heinrichs)
Das Vollziehen von Denkstrukturen in der Praxis, ohne diese Strukturen explizit zu durchschauen oder begrifflich zu erfassen. Wir **wenden logische Kategorien an**, aber reflektieren nicht bewusst darauf, **wie** wir denken. Wir urteilen, schließen, unterscheiden - aber die Strukturen, die wir dabei nutzen, bleiben im Hintergrund unseres Bewusstseins. Nicht nachträgliche Reflexion auf etwas Vorhandenes, sondern die begleitende Struktur jedes Vollzugs selbst.
Herkunft
Thomas von Aquin prägt den Begriff *reflexio concomitans* (begleitende Reflexion) für das Mitwissen des Verstandes bei jedem Erkenntnisakt. Heinrichs macht dies 1976 (*Reflexion als soziales System*) zum Grundbegriff seiner Reflexionslogik: Die implizite Reflexion ist nicht-zirkulär, weil sie nicht diskursiv ist.
Bei Hegel
Hegel selbst nutzt diese Terminologie nicht explizit, aber die Sache ist zentral für seine Methode: Die Seinslogik arbeitet weitgehend in impliziter Reflexion - wir entdecken unmittelbare Bestimmungen (Qualität, Quantität, Maß), ohne die Vermittlungen zu durchschauen, die sie konstituieren. Der Übergang zur Wesenslogik ist der Übergang zur expliziten Reflexion auf diese Vermittlungen.
Querverweise
Explizite Reflexion · Reflexion · Reflexionsbestimmungen · Performativ/Performativität · Selbstanwendung · Spirale · Wendeltreppe · Sein · Unmittelbar/Vermittelt · Selbstanwendung
Beispiele
- Ein Chemiker beobachtet Neutralisationsreaktionen und erkennt Muster - er vollzieht bereits die Logik der Affinität, ohne sie systematisch zu durchdringen - Ein Kind lernt sprechen und wendet grammatische Regeln korrekt an - aber es kann diese Regeln noch nicht explizit formulieren - Sie prüfen beim Lesen automatisch auf Wahrheit - Sie vollziehen die Wahrheitsfrage, ohne über ihre logische Struktur nachzudenken
Systematische bedeutung
Die implizite Reflexion ist der **Ausgangspunkt** jeder philosophischen Analyse. Wir beginnen nie bei "Null" - wir beginnen immer schon mitten im Vollzug von Denkstrukturen. Die Aufgabe der Philosophie ist es, diese implizit vollzogenen Strukturen zur expliziten Reflexion zu bringen.
In der logik-struktur (sein-wesen-begriff)
- **Sein:** Implizite Reflexion dominiert - wir vollziehen, ohne zu durchschauen - **Wesen:** Übergang - die Reflexion wird sich ihrer selbst bewusst - **Begriff:** Explizite Reflexion - systematisches Begreifen der Strukturen
Praktische relevanz
Wenn Sie ein Problem durchdenken, nutzen Sie bereits komplexere Strukturen, als Ihnen bewusst ist. Die Kunst besteht darin, diese impliziten Reflexionen **einzuholen** - sie nachträglich explizit zu machen und so Ihr Denken zu schärfen.
Der vorgriff-fall
Das Maß-Kapitel (Kap. 3) nutzt chemische Kategorien in impliziter Reflexion - Hegel vollzieht die Logik der Affinität, ohne sie systematisch zu entwickeln. Erst im Chemismus-Kapitel (Kap. 15) wird diese Logik zur expliziten Reflexion gebracht. Das ist kein Fehler, sondern zeigt die reale Ordnung des Denkens: Implizite Reflexion geht expliziter voraus.