Kraft und Äußerung
Hegel (Wesenslogik, zweites wesentliches Verhältnis)
Das zweite der drei wesentlichen Verhältnisse (Kap. 6.8), zwischen Ganzem/Teilen und Innerem/Äußerem. Die Kraft ist ein Prinzip, das die Erscheinungen hervorbringen soll; ihre Äußerung ist, worin sie sich zeigt.
Herkunft
Newtons Kraftbegriff; Molières Spott (*Le Malade imaginaire*, 1673); Hegels Kritik der leeren Verdopplung
Bei Hegel
Enz. §§136-141; WdL Bd. 2 (Erscheinung)
Querverweise
Grund · Erscheinung · Inneres und Äußeres · Tautologie · Ideologiekritik
Die kritik
Kraft und Äußerung haben denselben Inhalt in verschiedener Form. Deshalb kollabiert das Verhältnis leicht zur Tautologie: "Das Opium macht schläfrig, weil es eine Schlafkraft hat" (Molières *virtus dormitiva*) verdoppelt das Phänomen, statt es zu erklären. Dasselbe bei "er kann rechnen, weil er rechenbegabt ist" oder "der Stein fällt, weil er Schwere hat".
Die differenzierung, auf die es ankommt
Nicht jede Rede von Kräften ist leer. Wer sagt, ein Kind sei mathematisch begabt, benennt ein Muster, das verschiedene Leistungen verbindet und künftige erwarten lässt --- das ist mehr als eine Verdopplung. Die Frage lautet deshalb nicht, ob von Kräften die Rede sein darf, sondern was mit der Rede geschieht: Wird das Muster nur *behauptet* oder auch *aufgewiesen*? Dient es als *erster Schritt* zur Erklärung --- dann legitim und oft unvermeidlich --- oder als *Ersatz* für sie?
Die ideologiekritische anwendung
Wo "Begabung" systematisch erklärt, warum bestimmte Kinder scheitern, individualisiert die Kategorie gesellschaftliche Verhältnisse --- was durch Verhältnisse produziert wird, erscheint als natürliche Eigenschaft.