Rettung der Phänomene
Allgemein-philosophisch
Ein methodisches Prinzip: Eine Theorie hat das, was sich zeigt, zu erklären und nicht wegzuerklären. Griechisch *sozein ta phainomena*, die Erscheinungen retten. Wer ein Phänomen für bloße Täuschung erklärt, hat es nicht erklärt, sondern die Aufgabe aufgegeben. Seine Herkunft ist die antike Astronomie. Überliefert ist es bei Simplikios, der es in seinem Kommentar zu Aristoteles' Schrift Über den Himmel auf Platon zurückführt: Platon habe den Astronomen die Aufgabe gestellt, anzugeben, durch welche gleichförmigen und geordneten Kreisbewegungen sich die beobachteten Bahnen der Planeten retten ließen. Die unregelmäßig erscheinenden Schleifen am Himmel sollten also nicht bestritten, sondern aus einer Ordnung begriffen werden. Die Epizykel des Ptolemäus sind der berühmteste Versuch --- und an ihnen zeigt sich zugleich die Grenze des Prinzips: Ein Modell, das jedes Phänomen rettet, weil es sich beliebig erweitern lässt, rettet keines mehr. Die Lesart dieses Kommentars: Hegel nennt das Prinzip nicht so und folgt ihm durchgehend. Das Wesen ist bei ihm nicht das, was sich hinter der Erscheinung verbirgt, sondern das, was in ihr herauskommt; deshalb darf keine Kategorie dadurch gewonnen werden, dass man das Erscheinende für nichtig erklärt. Dasselbe gilt für den Gang der Logik: Jede Bestimmung geht an ihrer eigenen Unhaltbarkeit zugrunde und wird dabei nicht gestrichen, sondern als Moment aufbewahrt. Die Aufhebung ist die Rettung der Phänomene in der Form der Logik. Weiterführung: Im Wahrheitsbuch gehört das Prinzip zum Detektiv-Prinzip: Alle echten Beobachtungen müssen in der Erklärung ihren Platz finden, und was sich noch nicht erklären lässt, wird aufbewahrt statt weggeworfen ([[wahrheit:8]]); beim Paradigmenwechsel wird es zur entscheidenden Regel, weil eine neue Theorie alle Beobachtungen erklären muss, die die alte erklärte, und dazu die, an denen die alte scheiterte ([[wahrheit:19]]).
Nicht gemeint
Nicht bloß die instrumentalistische Fassung, die Pierre Duhem aus derselben Tradition herausgelesen hat (*Sozein ta phainomena*, 1908): Ein Modell müsse die Beobachtungen nur rechnerisch wiedergeben, gleich ob es wahr ist. Das Prinzip verlangt hier mehr --- dass die Erklärung das Erscheinende als Erscheinung einer Sache begreift.
Bei Hegel
"Das Wesen muß erscheinen. [...] Das Wesen ist daher nicht hinter oder jenseits der Erscheinung, sondern dadurch, daß das Wesen es ist, welches existiert, ist die Existenz Erscheinung" (Enz. §131; TWA 8, 261).
Querverweise
Detektiv-Prinzip; Wahrheitsbuch; Erscheinung; Phänomen; Wesen; Schein; Aufhebung; Emergenz
Nicht gemeint
Nicht bloß die instrumentalistische Fassung, die Pierre Duhem aus derselben Tradition herausgelesen hat (*Sozein ta phainomena*, 1908): Ein Modell müsse die Beobachtungen nur rechnerisch wiedergeben, gleich ob es wahr ist. Das Prinzip verlangt hier mehr --- dass die Erklärung das Erscheinende als Erscheinung einer Sache begreift.
In den ersten auflagen
1817 §§ 80-81
Im kommentar zu hegels logik
[[kleine-logik:3.6]], [[kleine-logik:6.1]], [[kleine-logik:8.5]]