Ljubljana als philosophisches Zentrum

Dieser Text ist eine Vorschau auf Geschichte der Hegelrezeption, Band III, der 2026 bei Reflexivity Press erscheint.

In den 1980er Jahren, als Jugoslawien noch existierte, entstand in Ljubljana, der Hauptstadt Sloweniens, eine philosophische Schule, die international Einfluss gewinnen sollte. Das Zentrum war keine Universität, sondern eine Zeitschrift — “Problemi” — und ein lockeres Netzwerk von Denkern, die Hegel mit Lacan lasen und beide mit Marx.[1]

Die Protagonisten waren: Slavoj Žižek, der zum internationalen Star werden sollte; Mladen Dolar, der eine Philosophie der Stimme entwickelte; Alenka Zupančič, die eine lacanianische Ethik begründete; und der ältere Rastko Močnik, der für die marxistische Dimension zuständig war.

Was sie verband, war eine Lesart von Hegel, die radikal anders war als die Frankfurter oder die Pittsburgh-Lesart. Für sie war Hegel kein Denker der Versöhnung, sondern der Negativität. Die Dialektik führte nicht zur harmonischen Synthese, sondern zum produktiven Widerspruch. Der Geist war nicht die Überwindung der Entfremdung, sondern ihre Einsicht in ihre Notwendigkeit.

Diese Lesart war durch Lacan vermittelt. Jacques Lacan, der französische Psychoanalytiker, hatte Hegel — via Kojève — als den Denker des Begehrens gelesen. Das Subjekt bei Lacan war gespalten, zerrissen, nie mit sich identisch. Es begehrte, was es nicht haben konnte; es war konstituiert durch einen Mangel, der nie gefüllt werden konnte. Das war für die Slowenen auch Hegels Position — gegen alle Lesarten, die Hegel als Denker der Totalität und Vollendung verstanden.


  1. Zur Geschichte der Ljubljana-Schule siehe Rex Butler & Scott Stephens (Hrsg.), Interrogating the Real: Slavoj Žižek, London: Continuum, 2005, Einleitung. ↩︎