Die historisch-politische Hegel-Verteidigung: D'Hondt und Losurdo

Dieser Text ist eine Vorschau auf Geschichte der Hegelrezeption, Band II, der 2026 bei Reflexivity Press erscheint.

Einordnung: Eine Gegenströmung

Während Althusser, Della Volpe und Colletti Hegel aus dem Marxismus herausdrängen wollten, entstand eine Gegenströmung: die historisch-politische Hegel-Verteidigung. Ihre These: Hegel war nicht der reaktionäre preußische Staatsphilosoph, als den ihn die Kritiker (von Haym bis Popper) darstellten, sondern ein progressiver Denker, der die Französische Revolution philosophisch verarbeitete und unter den Bedingungen der Restauration seine wahren Überzeugungen verschleiern musste.

Diese Richtung steht in der Tradition Joachim Ritters (siehe Kapitel 3.1), radikalisiert sie aber: Wo Ritter Hegel als Denker der Versöhnung von Revolution und Tradition las, lesen D’Hondt und Losurdo ihn als verdeckten Revolutionär. Und wo Ritter Hegel entpolitisierte, repolitisieren sie ihn - aber von links.

Jacques D’Hondt (1920-2012) - Hegel der verkappte Jakobiner

D’Hondt war die zentrale Figur der französischen Hegel-Forschung nach Hyppolite. Schüler von Hyppolite und Ricœur, Widerstandskämpfer im Zweiten Weltkrieg (Mitglied von Combat, 1943-45 als Zwangsarbeiter nach Deutschland deportiert), gründete er 1970 das Centre de Recherche et de Documentation sur Hegel et Marx in Poitiers und präsidierte die Société française de philosophie (1981-1991).

Sein Lebenswerk kreist um eine These: Hegel war ein politischer Denker, der unter Zensurbedingungen schrieb und seine wahren Überzeugungen verschleiern musste. Die frühen Werke entwickeln diese These:

“Hegel philosophe de l’histoire vivante” (1966): Hegel als Geschichtsphilosoph, der die Geschichte nicht teleologisch abschließt, sondern als lebendigen Prozess begreift.

“Hegel secret” (1968): Die verborgenen Quellen von Hegels Denken - seine Verbindungen zu Freimaurern, Jakobinern, liberalen Reformern. D’Hondt zeigt, dass Hegel in einem Netzwerk progressiver Intellektueller stand und seine Sympathien für die Französische Revolution nie aufgab.

“Hegel en son temps” (1968): Hegels prekäre Situation im restaurativen Preußen. Die Rechtsphilosophie erschien unter Zensurbedingungen (Karlsbader Beschlüsse 1819); vieles musste verschleiert werden. D’Hondt rekonstruiert Hegels Protektoren (Hardenberg, Schulze) und Feinde (Fries, die Demagogenverfolger).

“De Hegel à Marx” (1972): Die Kontinuität von Hegel zu Marx - nicht als Bruch, sondern als Weiterentwicklung.

“L’idéologie de la rupture” (1978): Gegen Althusser gerichtet - die These eines epistemologischen Bruchs zwischen dem jungen und dem reifen Marx ist selbst Ideologie, die die Kontinuität verdeckt.

Das Spätwerk krönt diese Forschungen: “Hegel. Biographie” (1998) ist die erste umfassende Hegel-Biographie in französischer Sprache. Sie versammelt die Ergebnisse von dreißig Jahren Forschung: ein Hegel, der nicht in bronzene Klischees passt, sondern lebendig, widersprüchlich, politisch engagiert erscheint.

Die systematische Bedeutung: D’Hondt zeigt, dass die Trennung von Philosophie und Politik bei Hegel unmöglich ist. Wer Hegels politische Überzeugungen ignoriert, versteht auch seine Philosophie nicht. Die Logik ist nicht weltfremd - sie reflektiert die Erfahrung der Revolution und ihrer Widersprüche.

Domenico Losurdo (1941-2018) - Hegel als Denker der Moderne gegen ihre Kritiker

Losurdo, italienischer Philosoph und Kommunist, radikalisierte D’Hondts Ansatz. Sein Projekt: Hegel gegen die liberale Kritik verteidigen - aber zugleich den Liberalismus selbst kritisieren.

“Hegel und die Freiheit der Modernen” (1992, dt. 1999): Die zentrale These: Hegel ist nicht der Feind der modernen Freiheit, sondern ihr konsequentester Verteidiger. Die liberalen Kritiker (von Haym bis Popper) projizieren auf Hegel, was sie selbst verdrängen: Die bürgerliche Gesellschaft ist nicht die Verwirklichung der Freiheit, sondern ein Widerspruch, der der Vermittlung durch den Staat bedarf.

Losurdo rekonstruiert Hegels Position zu den zentralen Fragen der Moderne: Menschenrechte (die Hegel gegen ihre abstrakte Fassung verteidigte, nicht gegen sie selbst), Privateigentum (das Hegel begrenzte, nicht vergötterte), Krieg (den Hegel nicht verherrlichte, sondern als Notwendigkeit unter bestimmten Bedingungen analysierte), Kolonialismus (den Hegel ambivalent beurteilte, nicht durchweg legitimierte).

Das Ergebnis: Die liberale Hegel-Kritik ist selbst ideologisch. Sie wirft Hegel vor, was der Liberalismus selbst verdrängt - die Gewalt, die der bürgerlichen Gesellschaft zugrunde liegt. Hegel benennt diese Gewalt; die Liberalen verstecken sie.

“Hegel und das deutsche Erbe” (1989): Gegen die These, Hegel sei Vorläufer des deutschen Nationalismus oder gar des Nationalsozialismus. Losurdo zeigt: Hegel war Kosmopolit, Bewunderer Napoleons, Kritiker des deutschen Provinzialismus. Die “preußische Legende” ist eine Erfindung seiner Gegner.

“Controstoria del liberalismo” (2005, dt. “Freiheit als Privileg”): Die Kehrseite der liberalen Freiheitsgeschichte - Sklaverei, Kolonialismus, Ausschluss von Frauen, Arbeitern, Kolonisierten. Hegel erscheint hier als kritischer Beobachter dieser Widersprüche, nicht als ihr Apologet.

“Il linguaggio dell’Impero” (2007): Die Sprache des Imperiums - wie der Westen seine Herrschaft ideologisch legitimiert. Hegels Kritik der “abstrakten” Menschenrechte wird aktualisiert: Menschenrechte als Vorwand für imperiale Intervention.

Die Verbindung zu Kapitel 19: Losurdos These vom Faschismus als “Kolonialismus nach innen” (siehe Der Zusammenbruch der alten Ordnung) steht in diesem Zusammenhang. Die koloniale Gewalt, die Europa nach außen projizierte, wurde im Faschismus nach innen gewendet. Hegel hätte das analysieren können - seine Kritik der bürgerlichen Gesellschaft enthält die Instrumente dafür.

Die systematische Gemeinsamkeit

Was verbindet D’Hondt und Losurdo?

Erstens: Beide verteidigen Hegel gegen seine liberalen Kritiker - aber von links, nicht von rechts. Hegel ist nicht der konservative Staatsphilosoph, sondern der kritische Analytiker der bürgerlichen Gesellschaft und ihrer Widersprüche.

Zweitens: Beide betonen die historisch-politische Kontextualisierung. Philosophie entsteht nicht im luftleeren Raum, sondern unter bestimmten politischen Bedingungen. Wer Hegel ohne die Französische Revolution, ohne die Restauration, ohne die Zensur liest, versteht ihn nicht.

Drittens: Beide sehen Kontinuität zwischen Hegel und Marx - gegen die Althusser’sche Bruchthese. Marx radikalisiert Hegel, er widerlegt ihn nicht.

Viertens: Beide sind marxistische Intellektuelle, die sich dem Zeitgeist widersetzten. Als der Marxismus in der Krise war (nach 1968, nach 1989), hielten sie an ihm fest - aber in origineller, nicht-orthodoxer Form.

Die Linie zu Klaus Vieweg

Diese Tradition setzt sich fort in der Gegenwart. Klaus Vieweg (geb. 1953), Professor in Jena, hat mit “Hegel: Der Philosoph der Freiheit” (2019) eine große Hegel-Biographie vorgelegt, die in der Tradition von D’Hondt und Losurdo steht: Hegel als Denker der Freiheit, nicht als Apologet des Staates; als Erbe der Französischen Revolution, nicht als preußischer Reaktionär.

Vieweg wird in Band III ausführlicher behandelt. Hier sei nur vermerkt: Die Linie Ritter -> D’Hondt/Losurdo -> Vieweg zeigt, dass die politische Hegel-Interpretation lebendig bleibt - gegen die verbreitete Entpolitisierung oder Dämonisierung.

Systematische Bedeutung

Was bleibt von D’Hondt und Losurdo?

Erstens: Die Warnung vor der Enthistorisierung. Wer Hegel nur als Systematiker liest, verfehlt die politische Dimension seines Denkens.

Zweitens: Die Kritik der liberalen Hegel-Kritik. Viele Vorwürfe gegen Hegel (Staatsvergötzung, Nationalismus, Totalitarismus) sind Projektionen, die mehr über die Kritiker aussagen als über Hegel.

Drittens: Die Verbindung von Hegel-Verteidigung und Kapitalismuskritik. Hegels Analyse der bürgerlichen Gesellschaft - ihrer Widersprüche, ihrer Tendenz zur Selbstzerstörung - ist nicht überholt. Sie kann aktualisiert werden.

Viertens: Die Frage nach der Verschleierung. Wenn Hegel unter Zensurbedingungen schrieb - wie lesen wir ihn dann? Diese hermeneutische Frage bleibt offen.