Kommentar zur Logik, Kapitel 1

Organisierendes Prinzip der Seinslogik

Die Seinslogik entwickelt alle Formen unmittelbarer Bestimmtheit — Bestimmungen, die scheinbar für sich stehen, ohne durch Beziehungen vermittelt zu sein. Der rote Faden dieses Buches ist die Wahrheitsfrage: Jede Kategorie wird hier daraufhin befragt, was sie zur Klärung von “Was ist Wahrheit?” beiträgt. Am Ende erweist sich alle scheinbare Unmittelbarkeit als vermittelt — und genau das treibt den Übergang zur Wesenslogik. [KF]

Die Bewegungsform ist das Übergehen: Jede Kategorie erweist sich als instabil und schlägt in ihr Anderes um. Das Sein verschwindet im Nichts, die Qualität verschwindet in der Quantität. Das Übergehen ist eindimensional — A wird zu B wird zu C.

Dieses Buch fasst das Übergehen zugleich als eine Weise, das Andere zu haben: Das Andere ist da, aber das Erste verschwindet in ihm, oder beide bleiben einander gleichgültig. Hegel fasst am Ende der Logik zusammen, wie sich die Formen des Fortgangs unterscheiden: “Die abstrakte Form des Fortgangs ist im Sein ein Anderes und Übergehen in ein Anderes, im Wesen Scheinen in dem Entgegengesetzten, im Begriffe die Unterschiedenheit des Einzelnen von der Allgemeinheit, welche sich als solche in das von ihr Unterschiedene kontinuiert und als Identität mit ihm ist” (Enzyklopädie Bd. 1, § 240). Man kann die ganze Logik an dieser Frage entlang lesen: Wie hat eine Kategorie ihr Anderes? Die Kapitel 4a, 8a und 15a nehmen den Faden auf. [KF]

Hegel fasst die Seinslogik selbst in einem Satz: “Das Sein ist der Begriff nur an sich; die Bestimmungen desselben sind seiende, in ihrem Unterschiede Andere gegeneinander, und ihre weitere Bestimmung (die Form des Dialektischen) ist ein Übergehen in Anderes” (Enzyklopädie Bd. 1, § 84). Der Satz nennt die Bewegungsform und das, worauf sie hinausläuft: Was der Begriff hier “nur an sich” ist, wird im Fortgang gesetzt. Hegel hält jedes große Gelenk mit derselben Formel fest. “Die Wahrheit des Seins sowie des Nichts ist daher die Einheit beider; diese Einheit ist das Werden” (§ 88). Ebenso ist das Wesen die Wahrheit des Seins (§ 112 Anm.), der Grund die Wahrheit von Identität und Unterschied (§ 121), die Freiheit die Wahrheit der Notwendigkeit (§ 158), der Begriff “die Wahrheit des Seins und des Wesens” (§ 159).

Diese Formel ist der Faden, an dem dieses Buch die Wahrheitsfrage verfolgt. “Wahr” heißt in ihr nicht, dass eine Aussage zutrifft, sondern dass eine Bestimmung ist, was die vorige nur sein sollte. Die Begriffslogik macht daraus ausdrücklich den Maßstab der Angemessenheit (Kap. 8a.2). [KF]