Kommentar zu Hegel und Marx, Kapitel 18

Form und Substanz

An dieser Stelle ist eine Unterscheidung nötig, ohne die sich über Marx’ Hegelianität nicht reden lässt.

Auf der Ebene der Form ist Marx Hegelianer, und zwar ohne Einschränkung. Die Entwicklung von der Ware zum Kapital folgt der Struktur der Wesenslogik. Deren tragender Satz lautet: „Das Wesen muß erscheinen“ (Enz. § 131). Es steht nicht hinter der Erscheinung, sondern zeigt sich in ihr — nur nicht auf den ersten Blick und nicht sogleich in einer Form, die ihm entspricht (Die Erscheinung, Die Erscheinung). Der Wert erscheint zunächst inadäquat, dann in äußerlicher Gestalt als Geld, schließlich in seiner eigenen Form als sich verwertender Wert. Die Kreisläufe des zweiten Bandes lassen sich als Schlusssystem darstellen (Kap. 16). Die Analyse des Fetischs wendet die Struktur auf das Bewusstsein an: Was als Eigenschaft von Dingen erscheint, ist ein gesellschaftliches Verhältnis — dieselbe Bewegung, mit der Hegel die sinnliche Gewissheit auflöst.

Auf der Ebene der Substanz — der Frage, woraus der Wert besteht — liegt der Fall anders. Marx’ These, abstrakte menschliche Arbeit sei die einzige Quelle des Werts, war schon zu seiner Zeit strittig und ist es geblieben. Das Problem zeigt sich in seinem eigenen Werk. Die Darstellung des ersten Bandes ist geschlossen, solange man von der Konkurrenz vieler Kapitale absieht. Sobald der dritte Band sie einbezieht, muss Marx einräumen, dass die Preise sich nicht nach der Wertsubstanz richten, und das Verhältnis beider wird zu einer Frage, die er nicht löst. Sie ist bis heute ungelöst.

Die Unterscheidung erlaubt, die methodische Leistung zu würdigen, ohne die inhaltlichen Thesen zu übernehmen. Die Formanalyse — dass hinter der scheinbaren Unmittelbarkeit eine gesellschaftliche Vermittlung steckt — bleibt gültig. Was die Vermittlung ist, kann anders bestimmt werden als über eine Wertsubstanz; ausgeführt ist das in Kapitalismus – eine Einführung, Kapitel 6, wo der Tauschwert aus den Kostenposten als Aneignungspositionen entwickelt wird, in Kapitalismus – eine Einführung, Kapitel 10 zur Frage, woher das Mehr kommt, und in Kapitalismus – eine Einführung, 10a, wo sich entscheidet, was aus dem Verzicht auf die Substanz folgt. Teil V kommt darauf zurück: Die Form lässt sich halten, auch wo die Substanz fällt.