Kommentar zu Hegel und Marx, Kapitel 23
4. Was nicht trägt
Wer die Werkzeuge nimmt, sollte wissen, welche Stücke im Kasten unbrauchbar sind. Vier davon sind so folgenreich, dass sie einzeln benannt werden müssen.
Die Wertsubstanz. Die Vorstellung, der Wert sei eine in der Ware steckende Menge vergegenständlichter Arbeitszeit, erklärt einiges und scheitert an zu vielem. Ein Bild kostet Millionen, das ein mittelmäßiger Maler in derselben Zeit nicht anders hergestellt hätte. Dasselbe Medikament kostet in einem Land ein Vielfaches dessen, was es in einem anderen kostet, bei gleichem Herstellungsaufwand. Ein Grundstück am Meer kostet ein Vielfaches eines gleich großen im Binnenland, obwohl niemand das Land hergestellt hat. Ricardo hat diese Fälle als seltene Güter behandelt und ausgenommen; Marx ist ihm darin gefolgt. In der heutigen Wirtschaft sind sie die Regel: Software, Patente, Marken, Netzwerke, Plattformen — überall dort, wo rechtlich hergestellte Knappheit den Preis bestimmt, greift die Substanzfassung nicht.
Was bleibt, wenn man sie fallen lässt, ist mehr als das, was man aufgibt. Der Wert ist dann keine Sache in den Dingen, sondern eine rechtlich verfasste Form, in der produktive Beiträge in Aneignungsverhältnisse übersetzt werden. Marx’ eigentliches Erkenntnisziel — zu zeigen, wie Aneignung bei formaler Gleichheit und freiem Vertrag zustande kommt — bleibt davon unberührt. Die Substanz war sein Instrument für diese Frage, nicht die Frage selbst. Die drei Schritte, die an ihre Stelle treten, stehen in [[kapitalismus-einfuehrung:6]], [[kapitalismus-einfuehrung:10]] und [[kapitalismus-einfuehrung:10a]]: die Ableitung des Tauschwerts aus rechtlich gesicherten Aneignungspositionen, die Frage nach der Herkunft des Überschusses, und die Trennung der Herstellungsfrage von der Gerechtigkeitsfrage, aus der folgt, dass aus dem Beitrag zur Herstellung für niemanden ein Eigentumstitel folgt.
Die Geldtheorie. Marx hielt Geld für eine besondere Ware, die als allgemeines Äquivalent dient, und dachte dabei an Gold. Das hatte historische Berechtigung, solange die Währungen gedeckt waren. Seit die Deckung aufgehoben ist, funktioniert das Weltwährungssystem ohne sie; wäre das Metall wesentlich gewesen, hätte es zusammenbrechen müssen. Geld ist eine Rechtsbeziehung — ein umlaufender Schuldschein, dessen Geltung daher kommt, dass Steuern in ihm zu zahlen sind. Georg Friedrich Knapp hat das früh gesehen und Geld ein Geschöpf der Rechtsordnung genannt. Für den Gebrauch ist das folgenreich: Auch das Medium der Bewegung vom Geld zum mehr Geld ist gemacht und könnte anders sein.
Das revolutionäre Subjekt. Marx erwartete, dass die Industriearbeiterschaft durch ihre Stellung im Produktionsprozess zur Einsicht und zur gemeinsamen Handlungsfähigkeit kommen werde. Diese Erwartung hat sich in der Form nicht erfüllt. Die Umwälzungen fanden nicht in den industriellen Zentren statt, die er im Blick hatte. Das Problem liegt aber nicht bei der Empirie allein, sondern in der Denkform: Sie fasst die Veränderung als Tat einer vorab bestimmbaren Gruppe. Wer so denkt, sucht das Subjekt und übersieht, dass die Ordnung von allen vollzogen wird, die in ihr arbeiten.
Die Verblendungsannahme. Aus der Bestimmung des Bewusstseins als Sublimat der Verhältnisse ist in Teilen der Tradition der Grundsatz geworden, alles Denken sei Ideologie und als solche zu entlarven. Das hat eine Folge, die selten bemerkt wird. Wer den Maßstab seiner Kritik in den geschädigten Interessen der Betroffenen sucht, setzt voraus, dass diese Interessen klar vorliegen. Sind aber die Verhältnisse so beschaffen, dass sie bis in die Bedürfnisse hineinreichen — und die Analyse des Konsums zeigt, dass sie es sind —, dann ist der Maßstab selbst erklärungsbedürftig. Welche Interessen? Die vorgefundenen, die geformt sind? Oder die, welche Menschen hätten, wenn sie ihre Zwecke geprüft hätten? Wer über diese Frage hinweggeht, nimmt die Präferenzen als gegeben — und steht damit auf demselben Boden wie die Ökonomie, die er kritisiert.
Dazu kommt eine methodische Folge, die den Werkzeuggebrauch unmittelbar betrifft. Wer die Ideologieannahme voranstellt, hat im Voraus festgelegt, was ihm nicht widersprechen kann: Ein gutes Argument der Gegenseite ist dann nicht Gegenbefund, sondern raffiniertere Ideologie. Damit ist die Prüfung außer Kraft, um derentwillen man Werkzeuge überhaupt gebraucht.
Zu ergänzen wären die sechs methodologischen Sätze aus Teil III. Sie sind keine falschen Behauptungen über die Welt, sondern Selbstbeschreibungen eines Verfahrens, das anders arbeitet, als sie sagen. Wer sie für die Methode hält, bekommt einen Standpunkt statt einer Untersuchung.