Das Ende der deutsch-amerikanischen Kultur
Dieser Text ist eine Vorschau auf Geschichte der Hegelrezeption, Band I, der 2026 bei Reflexivity Press erscheint.
Eine oft übersehene Folge des Ersten Weltkriegs war die vollständige Auslöschung der deutsch-amerikanischen Kultur in den Vereinigten Staaten - ein Vorgang, der auch für die Hegel-Rezeption Konsequenzen hatte.
Die deutsche Präsenz vor 1914
Die Deutschen waren, wenn man die Nationen einzeln zählt, die größte Einwanderungsgruppe in den USA. Besonders in Pennsylvania und im gesamten nördlichen Mittleren Westen - Wisconsin, Minnesota, Illinois, Ohio - bildeten sie eine bedeutende Bevölkerungsgruppe. Es gab deutschsprachige Gebiete, in denen Deutsch die Alltagssprache war, deutschsprachige Schulen (öffentliche wie private), Hunderte deutschsprachiger Zeitungen, deutsche Theater, Gesangvereine, Turnvereine.
Die Deutsch-Amerikaner galten als vorbildliche Einwanderer: fleißig, gebildet, ordentlich. Sie hatten großen Einfluss auf die amerikanische Kultur - von der Weihnachtstradition über das Bier bis zur Kindergarten-Pädagogik (das Wort selbst ist deutsch). Die amerikanische Philosophie war stark von der deutschen geprägt: Die St. Louis-Hegelianer (siehe Kapitel 10.2) publizierten ihre Zeitschrift zunächst zweisprachig, viele amerikanische Philosophen hatten in Deutschland studiert.
Die Zerstörung ab 1917
Mit dem Kriegseintritt der USA (April 1917) schlug die Stimmung um. “Deutsches” wurde verdächtig, dann verhasst. Die anti-deutsche Hysterie erreichte bizarre Ausmaße: Sauerkraut wurde in “liberty cabbage” umbenannt, Hamburger in “liberty steak”, deutsche Schäferhunde in “Alsatian dogs”. Deutsche Bücher wurden verbrannt, deutschsprachige Zeitungen verboten oder zur Einstellung gezwungen, der Deutschunterricht an öffentlichen Schulen abgeschafft.
Die Deutsch-Amerikaner reagierten mit vollständiger Assimilation. Innerhalb einer Generation verschwand das Deutsche als Alltagssprache. Familien, die seit Generationen Deutsch gesprochen hatten, wechselten zum Englischen. Namen wurden anglisiert (Schmidt zu Smith, Müller zu Miller). Die kulturelle Infrastruktur - Vereine, Zeitungen, Theater - brach zusammen und wurde nicht wieder aufgebaut.
Die Folgen für die Hegel-Rezeption
Diese kulturelle Auslöschung hatte auch philosophische Konsequenzen. Die Verbindung zwischen amerikanischer und deutscher Philosophie, die über die Deutsch-Amerikaner vermittelt worden war, riss ab. Der amerikanische Hegelianismus, der in St. Louis und Cincinnati noch zweisprachig operiert hatte, verlor seine kulturelle Basis.
Die Generation, die nach 1917 aufwuchs, las Hegel - wenn überhaupt - nur noch auf Englisch, in Übersetzungen, ohne die kulturelle Vertrautheit mit dem deutschen Denken. Die analytische Philosophie, die nach dem Krieg dominant wurde, profitierte von diesem Bruch: Sie war explizit anti-deutsch, anti-idealistisch, anti-hegelianisch.
Die Ironie: Gerade als die Deutsch-Amerikaner verschwanden, kamen die deutschen Emigranten. Die Frankfurter Schule, die Bauhaus-Künstler, die Wissenschaftler - sie fanden in Amerika keine deutsch-amerikanische Kultur mehr vor, in die sie sich hätten einfügen können. Sie blieben Emigranten, Fremde, auch wenn sie amerikanische Staatsbürger wurden. Die Brücke, die es einmal gegeben hatte, war zerstört.