Verstand vs. Vernunft , Teil 2: “Sei doch vernünftig..”

  1. Die Problemstellung:

1a)

Kinder wollen von zuhause ausziehen, etwas gekauft bekommen, abends in die Disco, mit jemandem zusammenziehen usw. usw:

Was antworten die besorgten Eltern, nach oder statt gutem Zureden?

“Kannst du nicht vernünftig sein ?”

1b)

Friedensbewegte wollen lieber keine Raketen, Wendländer kein Atommüll, Gewerkschafter mehr Lohn.

Angenommen, sie lassen sich in Diskussionsveranstaltungen nicht von den “mächtigen” Politikern bzw. Managern überzeugen, welche Kritik wird ihnen dann vorgeworfen ?

Richtig, ihre Unvernunft (oft gepaart mit ihrer “Emotionalität”):

 “Nehmen Sie doch Vernunft an”, “Lassen Sie uns doch vernünftig [bzw. "ohne Emotionen"] darüber reden”.

1c)

Gerade im politischen, argumentieren daraufhin viele, dass die Politiker und Manager eher ihrerseits unvernünftig seien (“Wahnsinn”).

1d)

Jedoch bekommt die “Vernunft”, die so als Waffe gegen das eigene Anliegen eingesetzt wird, bei vielen, gerade den Kritischen/Misstrauischen auch einen verdächtigen Klang, als etwas Gefährliches, mit dem die Mächtigen ihnen unangenehmes “abbügeln”, also als etwas besser zu Kritisierendes (Kritische Theorie, Dekonstruktivismus).

1e)

Wie bemerkt, werden in ähnlichem Zusammenhang auch die “irrationalen” Gefühle und Ängste, die “emotionsgeladene” Debatte bemängelt, ein Diskussionsstil, wo sich noch besser die asymmetrische Machtstellung (solche Kritiken erlauben sich normalerweise nur die wirklichen oder eingebildeten Mächtigen) heraushören lässt.

1f)

Wollen die Adressaten dieser Kritik bei ihrer Position bleiben, so werden sie auch hier wohl eher kritisch gegenüber dem so geäußerten Maßstab und entwickeln möglicherweise ein Weltbild von dem guten Gefühlgegenüber dem kalten Verstand (beliebtes Thema in der künstlerischen Darstellung in Roman und Film, aber auch im gefühlvollen Gespräch unter Freunden).

1g)

Diese Vernunftkritik wird etwa in der kritischen Theorie, in manchen Feministischen und wissenschaftskritischen Werken, wie auch in mancher esoterischer und psychotherapeutischer Literatur theoretisch untermauert. Einleuchten lässt man / frau sich dies wohl vor allem Aufgrund der oben dargestellten Erfahrungen.

2. Auflösung

Wer den Artikel “Verstand vs. Vernunft” aufmerksam gelesen hat, wird vielleicht bemerkt haben, dass gerade die in 1. geschilderte Vernunft-kritische Position, selbst “Vernunft” im Sinne meiner letzten Mail zugesprochen werden kann. schließlich wird ja in dieser Kritik die Maßstäbe, hier die Vernunft, nicht unhinterfragt angewandt sondern selbst geprüft / kritisiert.

Scheinbar wird sogar schon ein dialektischer Dreischritt erreicht:

2aa - Kritische Position

2ac

Zu klären wäre nur noch, wie sich dies mit dem im 1.Teil Dargestellten verträgt, was ist an der Forderung “Vernunft anzunehmen” “rational”, und was ist auf der anderen Seite daran zu kritisieren?

2b) An dem unter 2a)) gezeigten Dreischritt fallen zwei Mängel auf:

2ba)

erstens ist die erste Position dieses Dreischrittes selbst eine Kritik, kann also kaum der erste Schritt sein.

2bb)

Zweitens ist im Ergebnis dann auch die 2.Position, die Kritik der Ausgangsposition, nur bestritten, nicht aber auch positiv aufgehoben (in dem Wortsinne, wie man etwa von Newtons Mechanik sagen kann, sie sei in Einsteins Theorie sowohl negativ (Kritik) als auch positiv (enthalten) aufgehoben).

2c)

Zur besseren Übersicht zunächst mal ein Plan, wie ich diese Mängel beseitigen möchte:

Um den Einwand 2bb)) zu behandeln, soll zunächst einmal dieKritik der Kritik argumentativ beleget werden (2ca))).

Dabei wird die Nicht-Berücksichtigung der Ausgangsposition in 2ab) als Grund für (2ba)) und damit als Kritik an 2ab) festgemacht werden (2ca)).

Daraufhin kann dann unter Berücksichtigung dieser Kritik der Originaleinwand 2ab nun inhaltlich gefüllt, so dass am Ende allebehandelten Positionen aufgehoben werden können (2cb)).

Dies wird im folgenden skizzenhaft ausgeführt:

2ca)

Das Negative an “Sei doch vernünftig”

Jede Position, hier die (angebliche) Unvernunft, das Gefühl, dort die (angebliche) Vernunft, das “Rationelle”, kann die andere Position mit gleichem Recht als Nicht-Ich, etwas-anderes-als-meine-Position, kritisieren.

In diesem Sinne nennt Hegel die 2.Position, “negative Vernunft”:

Beide Positionen kritisieren sich also, zeigen sich gegenseitig ihre Grenzen und damit ihre Einseitigkeit auf.

Darin wird die Grenze bereits “an sich” überschritten:

Der Appell, so wie er in geäußert wird ist zu formal. Es wird gar keine “bestimmte Negation” der kritisierten Position versucht (also etwa irgend ein möglicher Fehler / Mangel aufgezeigt, über den sich dann diskutieren ließe), geschweige denn wird gezeigt, wie in einem höheren Standpunkt der kritisierte Standpunkt “aufgehoben” ist.

Unterstellt eigene Seite ist überlegen, Aufhebung, widerspricht sich aber darin, dass Argument nicht gesagt werden kann (eigene Schwäche wird dabei durch Ablenkungsangriff - anderer will / kann angeblich nicht diskutieren / verstehen - verdeckt, siehe dazu auch der Kritik der Meinung](meinung.htm))[2cb) Das positive an “Sei doch vernünftig”

berücksichtigen des rationalen der beiden Standpunkte, “echte” Aufhebung

Der Appell “Sei doch vernünftig” lässt sich durchaus im Sinne der in der letzten Mail erörterten Unterscheidung fruchtbar machen:

Das Rationale an diesem Appell (von dem besprochenen Unterschied aus) ist hier wohl, dass der / die Adressat(in) einen beschränkten Standpunkt (ihr Interesse, ihre moralischen / religiösen / politischen usw. Einstellungen) relativieren sollen, sie sollen auch die anderen Aspekte zur Kenntnis nehmen (speziell die entgegengesetzten Interessen / Einstellungen der anderen, die Regeln / Erfolgsbedingungen unserer Gesellschaft usw.).

Jedoch kann dies umgedreht auch von der anderen Position mit dem selben Recht gefordert werden.

Von den Inhalten, die sich hier gegenüber stehen, hängt es ab, wie die Aufhebung dann aussieht:

2cb1 - ist in der Position der Erwachsenen (..,Manager usw.) tatsächlich die kritische Position bereits angemessen aufgehoben, so ist die Kritik an der Kritik berechtigt. Dies sollte dann aber auch argumentativ gezeigt werden.

Umgekehrt sollten immer auch die guten Gründe für diese Wirklichkeit, Tradition, Gesetze usw. gesucht werden, bevor diese (nur aus Unkenntnis oder bloß weil anders) verworfen werden (siehe 2cb2](#2cb2)).[2cb2 - handelt es sich in Wirklichkeit einfach um eine Gegenposition, so war die Kritik der Kritik nur Rethorik / geheuchelt.

Hier wäre dann die “echte”, beide Standpunkte aufhebende “Vernunfts”position zu finden. Dies kann durchaus massive Änderungen im Praktischen einschließen.

Es ist also keineswegs immer damit getan, sich am Ende mit der Wirklichkeit abzufinden.

2cb3 - in der Praxis werden häufig auch Mischpositionen vorkommen, so dass es weise ist, nicht vorschnell / einseitig aus Anzeichen für 2cb1 bzw., 2cb2 zu schließen, dass damit der andere Fall ausgeschlossen ist.

Hier wird es erst richtig interessant.

z.B. ist ja etwa der Witz an der marxistischen Kritik, dass diese durchaus anerkennt, dass die Interessen der Lohnarbeiter im “Kapital” aufgehoben sind, und dass die Interessen der Staatsbürger im Staate “aufgehoben” sind (und sogar dass dieses Verhältnis Staatsbürger zu seinem Staat bereits eine Korrektur von manchen Problemen im vorhergehenden Verhältnis enthält).

Auf einer höheren / tieferen Ebene (Kritik der im Kapital vorausgesetzten Kategorien) wird dann diese Aufhebung dafür dann aber um so grundlegender in Frage gestellt..

[hier noch weiterarbeiten. Auch hierzu ließe sich ja wieder eine Gegenposition finden usw. usw. Nebenbei seht ihr dabei, dass es viel Arbeit ist, aus so etwas später einen verständlichen Text zu machen ]

Siehe auch: