Ein Vortrag, der anläßlich des Hegelkongresses in Jena 2002 (mit dem Thema Wissen und Glauben) von M.Grimsmann gehalten wurde.

————————– Farblegende: unsere eigenen Aussagen, Anmerkungen.. Zitate aus Hegel (Suhrkamp Werkausgabe) Zitate aus der Kongreß-Ankündigung Zitate aus Dieter Wandschneiders (Grundzüge einer Theorie der Dialektik, Kap. 3.3; Klett-Cotta 1995) ————————–

In der Ankündigung zum Kongreß wird die Frage gestellt:

"ob Hegels spekulative Philosophie der Subjektivität noch zu retten bzw. was ihr womöglich – trotz aller Bankrotterklärungen – abzugewinnen ist. [..] ob und inwiefern Hegels spekulativer Metaphysikheute noch Geltungskraft zugesprochen werden kann."

Einer Wissenschaft ohne Methode fehlt der Maßstab, um diese Frage zu beantworten.

Eine Wissenschaft ohne Methode ist keine wissende Wissenschaft, sondern steht im Felde der subjektiven Überzeugung - also des Glaubens.

Hegels Anspruch war es, die Philosophie zu einer exakten Wissenschaft zu erheben, d.h. ihr eine Methode zu geben, um sie aus dem* „schmählichen Verfall," ** d.h. aus einer chaotischen Menge von beliebigen Meinungen herauszuführen.

“Es ist klar, daß keine Darstellungen für wissenschaftlich gelten können, welche nicht den Gang dieser Methode gehen und ihrem einfachen Rhythmus gemäß sind, denn es ist der Gang der Sache selbst.” 5;50

“- Auf diesem sich selbst konstruierenden Wege allein, behaupte ich, ist die Philosophie fähig, objektive, demonstrierte Wissenschaft zu sein.”5;17

“Daran mitzuarbeiten, daß die Philosophie der Form der Wissenschaft näherkomme - dem Ziele, ihren Namen der Liebe zum Wissen ablegen zu können und wirkliches Wissen zu sein -, ist es, was ich mir vorgesetzt.”  3;14

*Zwar genießt Hegel wohl auch neben Verschmähung und Befeindung einige Anerkennung, er wird als großer Denker gerühmt, bedeutender Einfluß wird ihm zugesprochen.

Urteilt man aber nach Hegels eigenem Anspruch, “die Philosophie zur Wissenschaft zu erheben,” so muß man bei der aktuellen Anerkennung in philosophischen Fachkreisen und nach dem gegenwärtigen Interesse an Hegels Wissenschaft feststellen, daß Hegel nicht einmal bei seinen Befürwortern durchgreifende Geltungskraft besitzt, denn nirgendwo hat seine Methode Einzug gehalten.

Um aber über die Erfüllung dieses Anspruchs ernsthaft wissenschaftlich urteilen zu können, ist das erste Erfordernis, Hegels Methode nachvollziehen zu können.

Aber schon hier bleibt die Prüfung stecken, denn einen vollständigen Nachvollzug gibt es bis heute nicht. (So ist die heutige Stellung zu Hegel eher eine Glaubensfrage als eine immanente Fachdebatte zum bestimmten Wissen seines Systems.)

Von allgemein anerkannten Resultaten einer Hegel-Forschung kann keine Rede sein.

Für diesen Nachvollzug ist ein Erfordernis, sich über die Methode im allgemeinen sowie dann über die spezifischen Vorkommnisse der Momente in der Kette der Systembestimmungen zu verständigen. * Wir greifen einige allgemeine Bestimmungen des methodischen Dreischritts heraus:  

**** 1. Verstand Identität einfache Einheit Unmittelbarkeit Position —————————- 2.  Dialektik Unterschied,Differenz Gegensatz Vermittlung 1. Negation —————————- 3. Spekulation Ident. v. Ident. u. Unt. konkrete Einheit Widerspruch Negation der Negation

yes

*Passen die einzelnen Triaden des Systems zu dem allgemeinen Dreischritt?

Fangen wir am Anfang an zu prüfen.

Zunächst finden wir das Sein zuerst bestimmt als:

"In seiner unbestimmten Unmittelbarkeit ist es nur sich selbst gleich" 5;82 Dann das Sein und das Nichts:[

“daß das Sein als solches nicht ein Festes und Letztes, sondern vielmehr als dialektisch in sein Entgegengesetztes umschlägt, welches, gleichfalls unmittelbar genommen, das Nichts ist.” Enz §87

] Das Werden:[

“Das Werden ist als die erste konkrete zugleich die erste wahrhafte Gedankenbestimmung.  [..]” 8;192

"Das Sein im Werden als eins mit dem Nichts, so das Nichts [als] eins mit dem Sein sind nur Verschwindende; das Werden fällt durch seinen Widerspruch in sich in die Einheit, in der beide aufgehoben sind, zusammen; sein Resultat ist somit das Dasein. Werden ist der wahre Ausdruck des Resultats von Sein und Nichts, als die Einheit derselben; es ist nicht nur die Einheit des Seins und Nichts, sondern ist die Unruhe in sich, - die Einheit, die nicht bloß als Beziehung-auf-sich bewegungslos, sondern durch die Verschiedenheit des Seins und Nichts, die in ihm ist,

in sich gegen sich selbst ist."      Enz § 89 ]

[“Das Dasein entspricht dem Sein der vorigen Sphäre;” 5;117

“Das Dasein ist das einfache Einssein des Seins und Nichts.  Es hat um dieser Einfachheit willen die Form von einem Unmittelbaren.” 5;116  ]

Die Qualität als Realität und Negation:  [

“Die Qualität als seiende Bestimmtheit gegenüber der in ihr enthaltenen, aber von ihr unterschiedenen Negation ist Realität.”Enz § 91

] Das Etwas:[

“Etwas ist seiend als die Negation der Negation; denn diese ist das Wiederherstellen der einfachen Beziehung auf sich; - aber ebenso ist damit Etwas die Vermittlung seiner mit sich selbst.”5;124  ]

Nach dieser ersten oberflächlichen Betrachtung ergeben sich einige Entsprechungen der Momente mit der Methode: 

Beziehung auf sich einfache Einheit Unmittelbarkeit —————————- Dialektik Unterschied Gegensatz —————————- konkrete Einheit Widerspruch verm. Unmittelbarkeit

                               Sein


                   Sein                      Nichts


                             Werden

einfache Einheit Unmittelbarkeit —————————-

Unterschied

Negation der Negation verm. Unmittelbarkeit

                               Dasein


                 Realität                   Negation

                                  Etwas

* Aber schon über das Werden herrscht Uneinigkeit.

So behauptet zB. Dieter Wandschneider, das Werden sei falsch: * "In diesem Sinn erscheint es mir zwingend zu sein, die Kategorie ‚Werden’ an dieser Stelle fallenzulassen   und >X< stattdessen mit Hegels Kategorie ‚Dasein’ zu identifizieren.

[Die Synthese hat sich gerade als die Verbindung von Äquivalenz und Gegensatz beider ergeben. Bestimmend ist hier also wieder eine Seinshinsicht, und durch die neue synthetische Kategorie >X< ist somit eine neue Seinsart charakterisiert.

Und es [Werden] ist zudem ein Übergehen und nicht die bloße Verbindung von >Sein< und >Nichtsein< (als entgegengesetzt und äquivalent), also eine viel reichere Struktur als die an dieser Stelle geforderte Synthese von >Sein< und >Nichtsein<. "] 

*Der Gedanke, daß die erste Synthese die einfachste sein müßte, wird von uns geteilt aber dennoch sind wir über die an diese Stelle geforderte Struktur anderer Auffassung.

Wir müssen also fragen:

Was sind die Erfüllungsbedingungen für die erste Synthese „X" (1.1.1.1.3.), aus den wir entscheiden könnten, ob Werden oder Dasein paßt ? Die erste Synthese als “der erste wahrhafte Gedanke” kann doch so einfach nicht sein, sondern müßte bestimmt sein die Totalität der Momente in sich selbst zu haben.

So finden wir auch im Werden die drei Momente der Methode wieder:

Zuerst die Einheit des Seins und Nichts: [

“Ihre Wahrheit ist also diese Bewegung des unmittelbaren Verschwindens des einen in dem anderen: das Werden;” 5;83

] Dann Entstehen und Vergehen:  [ "Nach dieser ihrer Unterschiedenheit sie aufgefaßt, ist jedes in derselben als Einheit mit dem anderen. Das Werden enthält also Sein und Nichts als zwei solche Einheiten,

deren jede selbst Einheit des Seins und Nichts ist;" 5;112

“- Sie heben sich nicht gegenseitig, nicht das eine äußerlich das andere auf, sondern jedes hebt sich an sich selbst auf und ist an ihm selbst das Gegenteil seiner.” 5;112

] Als drittes die Auflösung des Werdens “Ihr Verschwinden ist daher das Verschwinden des Werdens oder Verschwinden des Verschwindens selbst.” 5;113

Unmittelbarkeit *

                   Einheit des Sein und Nichts

          Enstehen                                 Vergehen

                      Auflösung des Werdens

 

Das erste Moment des Werdens könnte man noch als mit Wandschneiders Bestimmung der Synthese “bloße Verbindung von Sein und Nichtsein” übereinstimmend betrachten, in der sich das Verschwinden in der von ihm geforderten Weise der Unmittelbarkeit, dh. des Seins, darstellt. "- Sein in Nichts und Nichts in Sein - nicht übergeht,sondern übergegangen ist." 5;83

*Aber das darüber hinaus im zweiten und dritten Moment explizit gesetzte Verschwinden zunächst von Sein und Nichts und dann das des Werdens selbst, wird von Wandschneider als eine äußere, nicht immanente Reflexion abgelehnt.

" *Die Thematisierung des antinomischen Umschlags als solchen gehörte zur Methodenreflexion und ist an dieser Stelle der Kategorienentwicklung verfahrensmäßig also noch gar nicht zu leisten.  [..] und der Rekurs darauf hat insofern den Charakter ‚äußerer’,  d.h. verfahrensmäßig nicht relevanter Reflexion.

Hegels Gedanke, daß Sein und Nichts als Momente der synthetischenKategorie ihreUnterschiedenheit verloren hätten,[..] als nicht zutreffend zurückzuweisen."

Wir behaupten dagegen: Die bloße Verbindung von unterschieden bleibenden Bestimmungen ist ein bloßes Zusammenfassen; also das wäre gerade eine äußerliche Reflexion.

"Die Synthesis, welche das Interesse ausmacht, muß nicht als eine Verknüpfung von äußerlich schon vorhandenen Bestimmungen genommen werden, [..]

Werden ist diese immanente Synthesis des Seins und Nichts; aber weil der Synthesis der Sinn von einem äußerlichen Zusammenbringen äußerlich gegeneinander Vorhandener am nächsten liegt, ist mit Recht der Name Synthesis, synthetische Einheit außer Gebrauch gesetzt worden." 5;100

“Schon der Ausdruck Synthesis leitet leicht wieder zur Vorstellung einer äußerlichen Einheit und bloßen Verbindung von solchen, die an und für sich getrennt sind.” 5;261

*Und indem damit ihr Unterschied veschwindet, das Verschwinden aber auf ihrem Unterschied beruht, verschwindet auch das Werden selbst und macht so aus sich den Übergang in das Dasein.

Wenn Wandschneider eine Übergangsstruktur des Werdens ablehnt, wäre zu Fragen, wie dann überhaupt ein immanenter Fortgang der Methode gedacht werden kann. *

“Der weitere Schritt von der subjektiven Dialektik des Zenon ist, daß diese Dialektik selbst objektiv werden muß, [als Werden]d.h. diese Bewegung selbst als das Objektive gefaßt werde. [..] Heraklit faßt nun das Absolute selbst als diesen Prozeß, als Dialektik selbst auf.” 18;319 - Alles fließt (alles Objektive; dies ist keine äußere Reflexion) - die Physik konnte auch noch kein ruhendes Dasein als Grund ausmachen.

Das dritte Moment, als Widerspruch-Struktur, ist aber klar vom ersten Moment des Seinscharakters, der Ruhe, dem Zusammengefallensein des Widerspruchs, dem dann das Dasein entspricht, zu unterscheiden.

“Werden [..] ist nicht nur die Einheit von Sein und Nichts,sondern ist die Unruhe in sich [..], in sich gegen sich selbst" Enz§89”Die konkrete Einheit kann nur so gefaßt werden, daß sie Prozeß ist und die lebendige Bewegung."      18;422

"Dies Vergehen und Sichwiedererzeugendes Raums in Zeit und der Zeit in Raum, [..] ist die Bewegung. - Dies Werden ist aber selbst ebensosehr das in sich Zusammenfallen seines Widerspruchs, die unmittelbar identische daseiende Einheit beider, dieMaterie."Enz §261

siehe auch: Vortrag: Werden ist falsch