.. Bildungslosigkeit läßt verschlossene Gemüter, je unentwickelter sie ist, nur desto steifer und hartnäckiger an dem festhalten, was sie, mag es auch noch so einseitig sein, gleich ihrer ganzen Individualität nach in Anspruch genommen hat.

Solch eine Eintönigkeit in sich wortlos zusammengefaßter Menschen

liegt vornehmlich in deutschen Charakteren, welche daher in ihrer Verschlossenheit leicht störrisch, widerborstig, knorrig, unzugänglich und in ihren Handlungen und Äußerungen vollkommen unsicher und widersprechend erscheinen.         

(aus der Ästhetik)

Der Deutschen gedenken die Deutschen gewöhnlich zuletzt, entweder aus Bescheidenheit oder weil man das Beste für das Ende aufspart.

Wir sind als tiefe, jedoch nicht selten unklareDenker bekannt; wir wollen die innerste Natur der Dinge und ihren notwendigen Zusammenhang begreifen; daher gehen wir in der Wissenschaft äußerst systematisch zu Werke; nur verfallen wir dabei mitunter in den Formalismus eines äußerlichen, willkürlichen Konstruierens.

Unser Geist ist überhaupt mehr als der irgendeiner anderen europäischen Nation nach innen gekehrt.Wir leben vorzugsweise in der Innerlichkeit des Gemüts und des Denkens.

In diesem Stilleben, in dieser einsiedlerischen Einsamkeit des Geistes beschäftigen wir uns damit, bevor wir handeln, erst die Grundsätze, nach denen wir zu handeln gedenken, sorgfältigst zu bestimmen.

Daher kommt es, daß wir etwas langsam zur Tat schreiten, mitunter in Fällen, wo schneller Entschluß notwendig ist, unentschlossen bleiben und, bei dem aufrichtigen Wunsche, die Sache recht gut zu machen, häufig gar nichts zustande bringen.

Man kann daher mit Recht das französische Sprichwort: “le meilleur tue le bien”, auf die Deutschen anwenden [“das Bessere ist der größte Feind des Guten”].

Alles, was getan werden soll, muß bei denselben durch Gründe legitimiert sein.

Da sich aber für alles Gründe auffinden lassen, wird dies Legitimieren oft zum bloßen Formalismus, bei welchem der allgemeine Gedanke des Rechts nicht zu seiner immanenten Entwicklung kommt, sondern eine Abstraktion bleibt, in die das Besondere von außen sich willkürlich eindrängt.

Dieser Formalismus hat sich bei den Deutschen auch darin gezeigt, daß sie zu weilen Jahrhunderte hindurch damit zufrieden gewesen sind, gewisse politische Rechte bloß durch Protestationen sich zu bewahren.

Während aber auf diese Weise die Untertanen sehr wenig für sich selbst taten, haben sie andererseits oft auch äußerst wenig für die Regierung getan.

In der Innerlichkeit des Gemütes lebend, haben die Deutschen zwar immer sehr gern von ihrer Treue und Redlichkeit gesprochen, sind aber oft nicht zur Bewährung dieser ihrer substantiellen Gesinnung zu bringen gewesen, sondern haben gegen Fürsten und Kaiser die allgemeinen staatsrechtlichen Normen nur zur Verhüllung ihrer Ungeneigtheit, etwas für den Staat zu tun, unbedenklich und unbeschadet ihrer vortrefflichen Meinung von ihrer Treue und Redlichkeit, gebraucht.

Obgleich aber ihr politischer Geist, ihre Vaterlandsliebe meistenteils nicht sehr lebendig war, so sind sie doch seit früher Zeit von einem außerordentlichen Verlangen nach der Ehre einer amtlichen Stellung beseelt und der Meinung gewesen, das Amt und der Titel mache den Mann, nach dem Unterschied des Titels könne die Bedeutsamkeit der Personen und die denselben schuldige Achtung fast in jedem Fall mit vollkommener Sicherheit abgemessen werden; wodurch die Deutschen in eine Lächerlichkeit verfallen sind, die in Europa nur an der Sucht der Spanier nach einer langen Liste von Namen eine Parallele findet.

(Enz. Zusatz §394)