————————– Farblegende: Zitate aus Hegel (Suhrkamp Werkausgabe) Zitate aus der Kongreß-Ankündigung eigene Bemerkungen, [..] ————————–

*In der Ankündigung zum 24. Kongress der Internationalen Hegel-Gesellschaft (August 2002) ist zu lesen:

] So wird ein Unterschied zwischen einer Hegelanalyse und gegenwartbezogenen Fragen gemacht. Aber ist es nicht auch denkbar, daß es gar keinen wesentlichen Unterschied gibt und beides zusammenfallen kann? *

*Vergleichen wir diese Beschreibungen mit Hegels Kennzeichnung seiner Gegenwart:

] "Die Wissenschaft bildet so ein Universum derErkenntnis, das für sich Gottes nicht bedarf, außerhalb derReligion liegt und mit ihr direkt nichts zu schaffen hat."[16;24] "Wie in der Zeit des römischen Kaisertums [..] die allgemeine Einheit in der Religion verschwundenwar [..] so ist auch jetzt, da die moralische Ansicht, die selbsteigene Meinung und Überzeugung ohne objektive Wahrheit sich zum Geltenden gemachthat, die Sucht des Privatrechts und Genusses an derTagesordnung." [17;342] "[..] in der allgemeinen Überzeugung die Lehren nicht mehrgelten" [16;47]

“[..] so daß die heilige Kirche keine Gemeinschaft mehr hat und in Atome zerfällt. ”[17;340] “Es hat da jeder so seinen Gott, Christus usf. Partikularität, worin jeder so seine individuelle Religion, Weltanschauung usw. hat.” [17;335] "Aus der Schrift sind daher die entgegengesetztesten Meinungen exegetisch durch die Theologie bewiesen, und so ist diese sogenannte Heilige Schrift zu einer wächsernen Nase gemacht worden."16;37 * Angesichts dieser Stellen kann wohl nicht von einem wesentlichen Unterschied zwischen der gegenwärtigen Situation und der Hegels gesprochen werden.

Man mag vielleicht einen Unterschied zu Hegels Zeit darin sehen, daß sich die Situation der Religion verschärft hat und daß heute der Staat keinen Zwang mehr i.B. auf Religiosität ausübt. * (“Ende der quasi-religiösen Staatsautorität”)*

Aber der quantitative Unterschied ist nicht wesentlich, und wenn es auch die Staats-Autorität zu Hegels Zeit noch gab, heißt es bei Hegel :*

“die Macht des Staates kann hier nichts ausrichten;dazu hat der Verfall zu tief eingegriffen.” [17;343] In der Kongreßankündigung wird nun die Frage gestellt:

“Läßt sich die gegenwärtige Situation mit Hegel besser begreifen?”

*Hegel begreift die Situation als ein spezifisches Moment eines Prozesses.

Dieser Prozeß entwickelt sich gemäß Hegels allgemeiner wissenschaftlichen Methode aus der einfachen Einheit in die Differenz zur konkreten, den Unterschied enthaltenden Einheit von Wissen und Glauben.

Dort ist zu lesen:

“a) In der Religion an sich ist das Herz versöhnt.”[17;330]

Der Glaube an Gott und das Wissen von der Welt befinden sich unmittelbar in Einklang. Die Wissenschaft gründet sich auf die Kirche (Scholastik). "b) Das zweite ist, daß die ideale Seite [das Wissen, Denken]nun sich darin für sich heraushebt. [..]Diese Freiheit wendet sich nun

gegen die bloße geistlose Äußerlichkeit,die Knechtschaft [der Autorität der Kirche],denn die Knechtschaftist dem Begriff der Versöhnung, der Befreiung

schlechthin entgegen,und so tritt das Denken ein, das die Äußerlichkeit,

in welcher Form sie auch erscheine,zerstört und ihr Trotz bietet.    Es ist dies das negative und formelle Tun,das in seiner konkreten Gestaltdie Aufklärung genannt worden,

daß das Denken sich gegen die Äußerlichkeit wendetund die Freiheit des Geistes behauptet wird,die in der Versöhnung liegt." [17;333]

Die Aufklärung gewinnt diesen Kampf mit dem Glauben. Sie entleert dabei den Inhalt der Religion und reduziert Gott zum unbestimmbaren, höchsten aber leeren Wesen. [ "Diesseits des leeren Wesens Gottes steht so die für sich frei, selbständig gewordene Endlichkeit, die in sich absolut gilt [..].

Die weitere Konsequenz ist, daß nicht nur die Objektivität Gottes so jenseits ist, so negiert ist, sondern daß alle anderen objektiven, an und für sich geltenden Bestimmungen [Werte] für sich verschwinden, welche in der Welt als Recht, sittlich usf. gesetzt werden." [17;335]“Es hat eine Zeit gegeben, [Scholastik] wo alles Wissen Wissenschaft von Gott gewesen ist. Unsere Zeit hat dagegen das Ausgezeichnete, von allem und jedem, von einer unendlichen Menge von Gegenständen zu wissen, nur nichts von Gott.” [16;43]"c) Was endlich noch zu betrachten, ist,]

daß die Subjektivität aus sich entwickelt den Inhalt [derReligion], aber nach der Notwendigkeit,- den Inhalt als notwendigund diesen als objektiv, an und für sich seiend

weiß und anerkennt.  Das ist der Standpunkt der Philosophie [Hegels],

daß der Inhalt in den Begriff sich flüchtet und durch das Denken seine Wiederherstellung und Rechtfertigung erhält."

In diesem Prozeß stellt sich die Religion als durch Aufklärung und Philosophie überwunden dar.

Insbesondere wenn man die geschichtliche Seite: Scholastik - Aufklärung - Hegel (1830) betrachtet, scheint die Frage in der Kongreßankündigung: - “Sind moderne ausdifferenzierte Gesellschaften des westlichen Typs noch auf Religion angewiesen? Oder ist die Religion ihrer höchsten Bestimmung nach etwas Abgelegtes?”- mit “die Religion ist etwas Abgelegtes” beantwortet werden zu müssen. Und so ist die Kirche nicht mehr Sachwalterin des Wissens; sie konnte nicht gegen die Aufklärung bestehen und wurde des Inhalts ihrer Lehre beraubt. Und auch wenn ihr Inhalt in der Hegelschen Religionsphilosophie wiederhergestellt wird, so hat sie doch ihre eigentümliche Form dabei aufzugeben.

*Ferner ist im Fortgang des Prozesses, der Stufe der Reflexion, die Religion nicht weggeworfen, sondern aufgehoben, dh. auch erhalten. Die Aufklärung ist Realisierung der Religion und das zu Realisierende ist in der Realisation positiv erhalten. Das Moment der subjektiven Freiheit, des Denkens, ist an sich im Begriff der Religion enthalten und wird in der Aufklärung für sich gesetzt.

Und wenn schließlich in der spekulativen Philosophie Hegels die Form der Vorstellung in der Religion nicht mehr genügt, so erfährt doch der Inhalt der Religion seine Rechtfertigung und damit sogar Erhöhung.

Zu dieser Aufhebung heißt es in der Ankündigung zum Kongreß, Hegels Überzeugung sei es: * “das religiöse Bewußtsein, [..] müsse über sich selbst aufgeklärt und in Philosophie aufgehoben werden.”

Man muß doch aber feststellen, daß das religiöse Bewußtsein bereits über sich aufgeklärt wurde und wird. " Die Aufklärung selbst aber, [..]ist ebensowenig über sich selbst aufgeklärt." 3;418

*Aber, daß die Verstandesrefexion durch die spekulative Vernunft aufgeklärt wurde, dies ist bis heute nicht zur allgemeinen gesellschaftlichen Wirklichkeit geworden.

Über diesen Punkt sich näher zu verständigen, hieran sollte das philosophische Ineresse unserer Zeit Anteil nehmen. *

Wie die Kirche über ihren Mißstand hinauskommt " ist nicht die unmittelbar praktische Sache und Angelegenheit der Philosophie." 17;344

Aber wir meinen: würde die Theologie sich von Hegels denkender Erkenntnis der Dogmen, die sie selbst aufgegeben hat, belehren lassen, gewönne sie die intellektuellen Mittel, sich einer verständigen Reflexions-Skepsis zu erwehren, und die Überzeugung von der eigenen Sache, die nötig ist, um sie glaubwürdig (und damit auch wirkungsvoll) zu vertreten.

*Hat die Philosophie nicht selbst einen Mißstand ? Welches Ansehen hat sie heute in der Gesellschaft? Ist sie nicht vielmehr ihrer höchsten Bestimmung (Erkenntnis der Wahrheit) nach etwas Abgelegtes ? Diffundiert sie nicht auch in einen Pluralismus ohne Methode ?

Steht unsere intellektuelle Gegenwart nicht immernoch im Zeichen der Aufklärung?

Und ist Hegels Einheit von Glauben und Wissen in der Wissenschaft nicht immernoch Zukunft ?  *