2. Zur Einteilung der Kunstformen

[Hegel-Originaltext. Auswahl und Anmerkungen [...] von M.Grimsmann und L.Hansen, Jun. 1999
(Textgrundlage: Hegels Vorlesungen über die Ästhtik)
Abkürzungen für Quellangaben siehe Info]

 

Aus dem im ersten Abschnitt umrissenen Begriff der Kunst
ergibt sich für die bestimmten Formen der Kunst,
    der symbolischen, der klassischen und der romantischen,

ihre Gemeinschaftlichkeit,
nämlich daß in diesen Formen Gott, der Geist oder die absolute geistige Bedeutung,
überhaupt einen Ausdruck, und zwar einen sinnlichen, natürlichen, gefunden hat.

 

Der Unterschied dieser drei Formen besteht hingegen darin,
ob die absolute Bedeutung den ihr angemessenen natürlich-sinnlichen Ausdruck gefunden hat oder nicht
oder aber, weil die Angemessenheit nicht vollkommen sein kann,
über die Natürlichkeit des Ausdrucks hinaus zur Geistigkeit gegangen ist.

Das Suchen entspricht der symbolischen, das Finden der klassischen
und das Darüberhinaussein des sinnlichen Ausdrucks der romantischen Kunstform.

Bei Hegel lautet es zu dieser Unterschiedlichkeit der Formen der Kunst
auf den Seiten 107-114 Ast. I:

"Die erste Kunstform ist deshalb mehr ein bloßes Suchen der Verbildlichung
als ein Vermögen wahrhafter Darstellung.

Die Idee hat die Form noch in sich selber nicht gefunden
und bleibt somit nur das Ringen und Streben danach.

Wir können diese Form im allgemeinen die symbolische Kunstform nennen....

In der zweiten Kunstform nun, welche wir als die klassische bezeichnen wollen,
ist der zwiefache Mangel der symbolischen getilgt.

Die symbolische Gestalt ist unvollkommen,
weil einerseits in ihr die Idee
nur in abstrakter Bestimmtheit oder Unbestimmtheit ins Bewußtsein tritt
und andererseits dadurch die Übereinstimmung von Bedeutung und Gestalt
stets mangelhaft und selber nur abstrakt bleiben muß.

Als Auflösung dieses gedoppelten Mangels ist die klassische Kunstform
die freie adäquate Einbildung der Idee
in die der Idee selber eigentümlich ihrem Begriff nach zugehörige Gestalt,
mit welcher sie deshalb in freien, vollendeten Einklang zu kommen vermag.

Somit gibt erst die klassische Form
die Produktion und Anschauung des vollendeten Ideals
und stellt dasselbe als verwirklicht hin..."

Auch wenn hier von adäquater Einbildung der Idee in die Gestalt,
von vollendetem Einklang und von vollendetem Ideal die Rede ist,
so darf nicht übersehen werden,
daß diese Vollendung der Adäquatheit nur eine relative ist,
denn das Sinnliche und Geistige kann sich nicht absolut entsprechen,
sondern nur das Geistige dem Geistigen.

Dies wird bei der Bestimmung der dritten Kunstform (S.111) noch einmal deutlich:

"Die romantische Kunstform
hebt die vollendete Einigung der Idee und ihrer Realität wieder auf
und setzt sich selbst, wenn auch auf höhere Weise,
in den Unterschied und Gegensatz beider Seiten zurück,
der in der symbolischen Kunst unüberwunden geblieben war.

Die klassische Kunstform nämlich hat das Höchste erreicht,
was die Versinnlichung der Kunst zu leisten vermag,
und wenn an ihr etwas mangelhaft ist,
so ist es nur die Kunst selber und die Beschränktheit der Kunstsphäre.

Diese Beschränktheit ist darin zu setzen, daß die Kunst überhaupt
das seinem Begriff nach unendliche konkrete Allgemeine, den Geist,
in sinnlich konkreter Form zum Gegenstande macht
und im Klassischen
die vollendete Ineinsbildung des geistigen und des sinnlichen Daseins
als Entsprechen beider hinstellt...."

Auf Seite 114 heißt es dann noch einmal zusammenfassend:

"Dies wäre im allgemeinen
der Charakter der symbolischen, klassischen und romantischen Kunstform
als der drei Verhältnisse der Idee zu ihrer Gestalt im Gebiete der Kunst.

Sie bestehen im Erstreben, Erreichen und Überschreiten des Ideals
als der wahren Idee der Schönheit."

 

Es ist also für die folgende Einteilung der symbolischen Kunstform festzuhalten,
das in ihr die geistige Bedeutung
noch um die ihr entsprechende natürliche Gestalt ringt.

Diese Begriffsbestimmtheit der symbolischen Kunstform
ist nun wieder das für alle ihre Unterformen gemeinschaftliche Prinzip.

Bei Hegel findet sich dieser Gedanke auf Seite 411 Ästh. I:

"Die ganze symbolische Kunst läßt sich in dieser Rücksicht
als ein fortlaufender Streit der Angemessenheit von Bedeutung und Gestalt auffassen, und die verschiedenen Stufen sind nicht sowohl verschiedene Arten des Symbolischen, sondern Stadien und Weisen ein und desselbigen Widerspruchs."

 

1. Zum Begriff der Kunst

Forts. : 3. Zur Einteilung der symbolischen Kunstform



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