Kommentar zur Naturphilosophie, Kapitel 13
Die Fehlerliste — und warum sie kürzer ist als der Ruf
M. J. Petry, der Hegels Naturphilosophie übersetzt und Stelle für Stelle gegen die Wissenschaft der Zeit gehalten hat, zieht eine Bilanz, die nüchterner ausfällt als erwartet: Die tatsächlichen Fehler seien wenige und weit gestreut — „few and far between“. Angesichts des Rufs dieses Werkes lohne es, sie klar zu verzeichnen.[1]
Was er verzeichnet: Der Wurf wird nie zum einfachen Fall (§ 266 Zus.). Die mittlere Entfernung des Mondes ist nicht das Sechzigfache des Erddurchmessers (§ 270 Zus.). Hegel bestreitet die Achsendrehung der Monde, obwohl es dafür gute Belege gab (§ 279 Anm.). Und er unterschätzt die Schallgeschwindigkeit im Boden grob (§ 300 Zus.).
Zwei Beobachtungen dazu sind wichtiger als die Liste.
Erstens die Textkritik. Beim ersten Fehler merkt Petry an, die Stelle stamme aus Michelets Zusatz und sei aus dem Jenaer Notizbuch von 1805/06 genommen. Sie steht also nicht in Hegels gedrucktem Text und gibt einen zwanzig Jahre älteren Stand wieder. Das gilt für einen Teil der berüchtigten Stellen: Die Zusätze sind Herausgeberarbeit aus heterogenem Material.
Zweitens die Quelle des zweiten Fehlers. Petry vermutet, Hegel sei durch Newtons eigene Formulierung in die Irre geführt worden (Principia, Buch III). Der Fehler stammt also aus der Physik, gegen die er polemisiert.
Und Petry stellt den Fehlerbefund ausdrücklich gegen Benedetto Croces Urteil von 1906, Hegel habe die Naturwissenschaften verworfen und sich zugleich an ihre Rockschöße gehängt. Croces Kritik nennt er unwissend und schlecht begründet — was ein Übersetzer sagen darf, der jede Stelle geprüft hat. [KF]
M. J. Petry, Hegel’s Philosophy of Nature, Bd. 1, Einleitung des Herausgebers. ↩︎