Kommentar zur Logik, Kapitel 7
Der Übergang und die neue Bewegungsform
Die Wesenslogik der großen Logik beginnt mit dem Satz: “Die Wahrheit des Seins ist das Wesen” (TWA 6, 13). Nach Kap. 4.5 heißt das: Wenn Sie jede scheinbar unmittelbare Bestimmung konsequent durchdenken, stoßen Sie auf Vermittlungsstrukturen — nicht hinter der Oberfläche, sondern in ihr. Hegel besteht darauf: Das Wesen sei “nicht hinter der Erscheinung”, es sei “heraus”.[1] Das Wesen ist nicht ein Ding hinter Dingen, sondern die Vermittlungsstruktur, die allem Erscheinenden innewohnt. “Das Wesen ist das Scheinen seiner in sich selbst” (TWA 6, 22) — übersetzt: Was als bloße Oberfläche erscheint (der Schein), ist nicht weniger als das Wesen, sondern die Art und Weise, wie das Wesen sich zeigt. Der Schein ist nicht Täuschung, sondern Manifestation. Wie das Lächeln nicht hinter der Freude verborgen ist, sondern die Freude ist, die sich zeigt. Hegel sagt es im Kolleg in vier Worten: “Dem Wesen ist der Schein wesentlich.” Und ausführlicher: “Dem Wesen ist das Unwesentliche nicht unwesentlich; es ist nur durch seine negative Beziehung auf das Sein.”[2] Das Wesen hat nichts, woraus es bestünde, als sein Verhältnis zu dem, was es nicht ist.
Was geschieht, wenn man das vergisst, führt Hegel an einem Beispiel vor, das den ganzen Einsatz der Wesenslogik sichtbar macht. Nehme man das Wesen für sich — “das in sich identische, wo alle andern Bestimmungen verschwinden” —, so bleibe nur “das einfache Scheinen”. Sein Urteil darüber: “Das ist nur caput mortuum, man weiß damit noch sehr wenig von Gott.”[2:1] Der Ausdruck stammt aus der Alchemie und bezeichnet den wertlosen Rückstand nach der Destillation. Ein Wesen, von dem alle Bestimmungen abgezogen sind, ist genau das: der Rückstand, nicht das Ergebnis.
Vollziehen Sie den Unterschied: In der Seinslogik ging Sein in Nichts über — eines verschwand, das andere kam. Versuchen Sie jetzt etwas anderes: Denken Sie Identität. Um Identität zu denken, müssen Sie wissen, wovon etwas identisch ist — also brauchen Sie Unterschied. Aber der Unterschied ist nur Unterschied von einer Identität. Keines verschwindet! Beide bleiben, beide brauchen einander, beide scheinen ineinander wie in einem Spiegel. Darin liegt, in der Gewichtung dieses Kommentars, der wichtigste methodische Einschnitt des gesamten Werks. [KF]
Dass die Wesenslogik zugleich der schwierigste Teil ist, sagt Hegel im Kolleg ohne Beschönigung: “Das ist der schwerste Theil der Logik, weil hier nicht diese Ruhepuncte sind in diesen Categorien.” Und er gibt den Grund an: “Sein, Dasein, ist unmittelbares, ruhendes, hier ist aber immer zweierlei, ein identisches mit sich und zugleich seine Beziehung auf ein Anderes, das ist die Schwierigkeit.”[3] Wer sich in diesem Teil schwerer tut als in der Seinslogik, liegt also richtig — die Kategorien lassen sich nicht mehr einzeln festhalten.
Ein sprachliches Merkmal begleitet den Wechsel. Im Sein hieß es ist: Etwas ist rot, ist groß, ist ein Haus. In der Wesenslogik tritt, wie Hegel bemerkt, “die Categorie des Habens” ein: Das Ding hat Eigenschaften, die Substanz hat Akzidenzen.[3:1] Das Haben trennt und verbindet zugleich — die Eigenschaft ist nicht das Ding, gehört ihm aber; sie hat ihr Sein “an einem Andern, es wird gehabt”. Achten Sie im Folgenden auf dieses Wort; wo es auftaucht, ist eine Reflexionsstruktur im Spiel. [KF]
Das Korrespondenzproblem
Der Wechsel vom Übergehen zum Scheinen berührt eine alte Frage der Erkenntnistheorie, die hier vorweg eingeordnet sei. Die klassische Frage “Wie kommt mein Gedanke (Innen) zur Welt (Außen)?” lässt sich, so der Vorschlag dieses Kommentars, als Reflexionsverhältnis auflösen. Hegel selbst behandelt Inneres und Äußeres als Verhältnis des Wesens (Enzyklopädie Bd. 1, §§ 138-141), nicht als Frage der Erkenntnistheorie, und vom Widerstand als Kriterium spricht er nicht. Die Weiterführung: Innen und Außen sind keine fertigen Gegensätze, sondern konstituieren sich wechselseitig anhand des Widerstands. Das Widerständige der Erfahrung ist das Unterscheidungskriterium. Korrespondenz erweist sich als Sonderfall der Kohärenz — nämlich Kohärenz mit den widerständigen Erfahrungsmomenten. Ausgeführt ist das in Die Wahrheit über Wahrheit, Kapitel 11. [KF]
Vollziehen Sie das: Versuchen Sie, die Grenze zwischen Innen und Außen scharf zu ziehen. Wo endet Ihr Denken, wo beginnt die Welt? Jeder Versuch einer scharfen Grenzziehung scheitert — aber die Unterscheidung zwischen dem, was Sie manipulieren können, und dem, was Ihnen widersteht, wird sofort deutlich. [KF]
Die drei Reflexionsformen
Die Reflexion durchläuft drei Formen. Wer sie versteht, hat einen Schlüssel zu vielen Dreiergestalten bei Hegel, wenn auch nicht zu allen (siehe unten, “Reichweite — und eine Warnung”). [KF]
Setzende Reflexion: Die Reflexion geht nicht von einem Gegebenen aus. Sie ist “die Bewegung, die, indem sie die Rückkehr ist, erst darin das ist, das anfängt oder das zurückkehrt” (TWA 6, 25). Das Unmittelbare, von dem sie anzufangen scheint, setzt sie erst — und setzt es zugleich als das voraus, woher sie kommt: “Die Reflexion also findet ein Unmittelbares vor, über das sie hinausgeht und aus dem sie die Rückkehr ist. Aber diese Rückkehr ist erst das Voraussetzen des Vorgefundenen” (TWA 6, 26). Setzen und Voraussetzen sind eine Bewegung. Darum erscheint das Gesetzte als Vorausgesetztes: Was die Reflexion hervorbringt, tritt ihr als etwas gegenüber, von dem sie ausgegangen sei. Für sich genommen bleibt diese Bewegung leer, denn was sie findet, ist nur ihr eigenes Gesetztsein — daher, in der Zuordnung dieses Kommentars (Kap. 8.1), die Nähe zur Tautologie, zum “A = A”, das nicht falsch ist, aber nichts sagt.
Äußere Reflexion: Nimmt man das Vorausgesetzte als selbständig, entsteht die äußere Reflexion. Sie findet ein Gegebenes vor und bringt Bestimmungen an es heran, die ihm äußerlich bleiben: “Was die äußerliche Reflexion an dem Unmittelbaren bestimmt und setzt, sind insofern demselben äußerliche Bestimmungen” (TWA 6, 28). Das ist der Naturwissenschaftler, der ein Schema an die Natur anlegt, und die Frage, warum gerade dieses, bleibt ohne Antwort. Hegel ordnet hier auch Kants reflektierende Urteilskraft ein, die zum gegebenen Besonderen das Allgemeine sucht.
Bestimmende Reflexion: Was die äußere Reflexion tut, widerlegt ihre Voraussetzung. Das Gegebene, von dem sie “als von einem Fremden anzufangen schien, ist erst in diesem ihrem Anfangen” (TWA 6, 29). Korrigiert wird die Trennung, nicht die Unterscheidung: Die äußere Reflexion ist “nicht äußere, sondern ebensosehr immanente Reflexion der Unmittelbarkeit selbst” (TWA 6, 29). Die Bestimmungen, die sie anlegt, erweisen sich als die eigenen Bestimmungen der Sache. Ihr Ergebnis sind die Reflexionsbestimmungen — Identität, Unterschied, Widerspruch und zuletzt der Grund —, die nun als feste, selbständige Wesenheiten auftreten (Kap. 5.6).
Kein Vorgang im Kopf. Die Reihe lässt sich als Erkenntnisweg lesen: erst leeres Denken, dann die Begegnung mit einem fremden Stoff, zuletzt die Verbindung beider. So gelesen würde die Wesenslogik zur Erkenntnispsychologie. Hegel schließt das ausdrücklich aus: Die Rede sei “weder von der Reflexion des Bewußtseins noch von der bestimmteren Reflexion des Verstandes […], sondern von der Reflexion überhaupt” (TWA 6, 30). Die Beispiele aus dem Erkennen veranschaulichen; die Struktur ist die des Wesens selbst: Was unmittelbar schien, erweist sich als gesetzt, und was gesetzt ist, tritt als Unmittelbares auf.
Warum genau drei? Hegel begründet die Zahl nicht eigens; sie ergibt sich aus dem Gang der Sache. Nachträglich lässt sich sagen, was sie trägt: Die setzende Reflexion für sich bleibt leer, die äußere für sich bodenlos — zwei allein sind keine stabile Bestimmung. Und die Reihenfolge ist nicht vertauschbar: Der Fremdbezug setzt den Selbstbezug voraus, die Einheit beide. [KF]
Ob es eigentlich drei sind oder mehr, ist dabei eine schlechtere Frage, als sie klingt. Jedes der drei Momente lässt sich weiter gliedern, und dann werden es fünf, sieben oder neun; wer das mittlere Moment aufspaltet, weil dort zwei entgegengesetzte Standpunkte stehen, kommt auf vier. Das sagt Hegel selbst: Das Dritte könne “auch als Viertes gezählt und statt der Triplizität die abstrakte Form als eine Quadruplizität genommen werden” (TWA 6, 564). Wo es sich um Arten handelt — die Organe eines Tiers, die Teile einer Maschine —, können es beliebig viele sein. Die Dreizahl bezeichnet die Form der Bewegung, nicht die Anzahl der Glieder; sie durch eine andere Zahl zu ersetzen ist ebenso möglich wie folgenlos, solange die Bewegung dieselbe bleibt. Woran sich eine Gliederung tatsächlich messen lässt, entwickelt Systematisches Denken, Kapitel 12. [KF]
Reichweite — und eine Warnung. Dieselbe Dreiergestalt kehrt an mehreren Stellen wieder: in den Methodenmomenten (verständig, dialektisch, spekulativ), in der Gliederung von Seins-, Wesens- und Begriffslogik. Das macht die Reflexionsformen zu einem brauchbaren Zugang. [KF]
Aber nicht zum einzigen. Es gibt in der Hegel-Forschung die Neigung, eine Grundoperation zum Schlüssel für alles zu machen. Kandidaten gibt es viele: die drei Methodenmomente, die drei Reflexionsformen, das An-sich und Für-sich der Phänomenologie, die Reflexionsbestimmungen, die Begriffsmomente A-B-E, den Schluss, die Folge von Mechanismus, Chemismus und Teleologie, die Idee des Lebens. Jeder dieser Ansätze kann zeigen, dass die ganze Logik nach seinem Muster lesbar ist, und keiner ist falsch. Nur wird dabei dreierlei leicht übersehen: dass die Operationen sich selbst erst entwickeln (wer eine spätere zum Schlüssel für das Frühere macht, liest rückwärts), dass sie einander nicht decken (die Reflexionsarten sind nicht dasselbe wie die Methodenmomente), und dass ihre Gewichtung sich verschiebt — in der Seinslogik steht das Übergehen im Vordergrund, in der Wesenslogik das Scheinen, in der Begriffslogik das Sich-Entwickeln. [KF]
Die praktische Seite dieser Struktur — wie man zwischen leerer Selbstbezüglichkeit, äußerlich herangetragenen Kategorien und einer Ordnung, die aus der Sache folgt, unterscheidet — entwickelt Systematisches Denken, Kapitel 15 als Unterschied von lebendiger und mechanischer Systematik.
Die Reflexionsbestimmungen — Die Grammatik des Wesens
Hier entwickelt Hegel die “Gesetze des Denkens” nicht als statische Axiome, sondern als dynamische Prozesse. Jede Reflexionsbestimmung hat Doppelcharakter: Als Gesetztsein verweist sie auf andere; als Reflexion-in-sich erscheint sie selbständig.
A. Identität: “A = A” braucht Unterschied, um bestimmt zu sein.
Vollziehen Sie das: Denken Sie “A = A”. Halten Sie den Gedanken fest. Was denken Sie tatsächlich? Der Satz scheint evident, aber er sagt nichts. Um zu verstehen, was A ist, mussten Sie A bereits von Nicht-A unterscheiden. Wer “A = A” sagt, hat schon differenziert — A als Subjekt und A als Prädikat sind nicht dasselbe. Hegel macht daraus ein formales Argument; es steht bereits im gedruckten Text: “Die Form des Satzes widerspricht ihm schon selbst, da ein Satz auch einen Unterschied zwischen Subjekt und Prädikat verspricht, dieser aber das nicht leistet, was seine Form fordert” (Enzyklopädie Bd. 1, § 115 Anm.). Im Kolleg sagt er es knapper: “Selbst die Form des Satzes ist hier im Widerspruche, denn das ist erfordert, einen Unterschied des Subjects und des Praedicats zu machen.”[4]
Christian Iber hat die Pointe dieser Kritik als einen Widerspruch zwischen Sagen und Meinen herausgearbeitet. Wer den Identitätssatz verteidigt, beruft sich darauf, “die Identität sei nicht die Verschiedenheit, sondern die Identität und die Verschiedenheit seien verschieden”. Gemeint ist damit, die Identität sei für sich isoliert etwas Wahres. Gesagt wird aber, dass sie von der Verschiedenheit verschieden sei — also dass sie an ihr selbst eine Verschiedenheit hat.[5] Der Verstand widerlegt sich nicht durch das, was er behauptet, sondern durch die Art, wie er es behaupten muss. Die Identitätsaussage setzt die Differenz voraus, die sie leugnen will — und zwar schon dadurch, dass sie ein Satz ist.
Zum Satz vom Widerspruch genügt ihm ein Beispiel: Man denke sich “irgend ein existirendes Ding”, so sei dieses “zugleich es selbst und ein anderes — z. B. George IV ist König von England”.[4:1] Derselbe Mensch ist er selbst und ein Amt.
Hegels Einwand richtet sich dabei nicht gegen die Denkgesetze, sondern gegen ihre Form: “Es ist überflüssig, daß man daraus die Form von Gesetzen macht. Diese Gesetze sind unwahr, denn jede solche Form wird für sich als wesentlich ausgesprochen, dies ist aber einseitig.”[4:2] Was sie sagen, ist richtig; falsch ist, jedes für sich als das Ganze zu nehmen. Und er fügt die Bedingung hinzu, unter der die Identität gilt: “Wenn ich sage das absolute ist Identitaet so ist dies ganz richtig, nur muß damit der Unterschied nicht aufgehoben werden” — genau das sei der Vorwurf gegen das Identitätssystem. Praktisch folgt daraus, in der Weiterführung dieses Kommentars: Konsistenz ist notwendig, aber Begriffe entwickeln sich; wer die Identität verabsolutiert, landet beim Essentialismus. [KF]
B. Unterschied in zwei Stufen (Enzyklopädie Bd. 1, §§ 117-119): (1) Verschiedenheit — der unmittelbare, äußerliche, gleichgültige Unterschied; an ihr treten Gleichheit und Ungleichheit als Vergleich durch ein Drittes auf. (2) Gegensatz — der wesentliche, sich auf sich beziehende Unterschied: Positiv und Negativ bestimmen sich wechselseitig.
Vollziehen Sie das: Denken Sie Licht — ohne jeden Gedanken an Dunkelheit. Unmöglich. Die Begriffe sind polar aufeinander bezogen: Jeder ist nur durch sein Anderes bestimmt. Das ist nicht Schwäche des Denkens, sondern Struktur der Bestimmtheit selbst.
Schon die Verschiedenheit verlangt beides: Wer nur eine Schreibfeder von einem Kamel unterscheidet, zeigt keinen Scharfsinn, und wer nur Buche und Eiche vergleicht, auch nicht. “Wir verlangen somit beim Unterschied die Identität und bei der Identität den Unterschied” (Enzyklopädie Bd. 1, § 118 Zusatz). Für den Gegensatz sind Hegels eigene Beispiele die ärmsten: “Die trivialsten Beispiele — von oben und unten, rechts und links, Vater und Sohn […] — enthalten alle den Gegensatz in Einem” (TWA 6, 76). Sechs Meilen nach Westen und sechs nach Osten heben sich auf, und doch bleibt der Weg (§ 119 Anm.; TWA 6, 60). Vermögen und Schulden sind nicht zwei Arten von Vermögen: “Was bei dem einen, als Schuldner, ein Negatives ist, dasselbe ist bei dem anderen, dem Gläubiger, ein Positives” (§ 119 Zusatz 1). Welche Seite positiv heißt, ist gleich; “man könnte deshalb das Positive auch das Negative nennen”. Und der Magnet zeigt, dass die Seiten nicht auf zwei Dinge verteilt werden können: “Schneidet man einen Magnet auseinander, so hat man nicht an dem einen Stück den Nordpol und am anderen den Südpol” (ebd.).
C. Widerspruch: Positives und Negatives sind jedes für sich und doch nur im anderen; das Negative hat “seine Beziehung auf sich, sein Positives, nur im Anderen” (Enzyklopädie Bd. 1, § 120). Hegel zieht daraus den Schluss: “Beide sind somit der gesetzte Widerspruch, beide sind an sich dasselbe. […] Sie gehen hiermit zu Grunde” (ebd.). Der Widerspruch ist kein Fehler des Denkens, sondern die Wahrheit des Gegensatzes: “Alle Dinge sind an sich selbst widersprechend” (TWA 6, 74). Stehen bleiben darf man beim Widerspruch nicht. Hegel nennt es lächerlich zu sagen, der Widerspruch lasse sich nicht denken, und fügt hinzu: “Das Richtige in dieser Behauptung ist nur dies, daß es beim Widerspruch nicht sein Bewenden haben kann und daß derselbe sich durch sich selbst aufhebt” (Enzyklopädie Bd. 1, § 119 Zusatz 2). Sein Ergebnis ist der Grund. Die Unterscheidung von produktivem Widerspruch, der zur Entwicklung treibt, und destruktivem, der lähmt, ist eine Weiterführung dieses Kommentars; Hegel trifft sie so nicht. [KF]
D. Grund: Das Wortspiel “zu Grunde gehen” trägt die Sache. Was an seinem Widerspruch zugrunde geht, geht in seinen Grund zurück, in die Einheit, in der Identität und Unterschied nicht mehr getrennt stehen. Der Grund ist “die Einheit der Identität und des Unterschiedes; die Wahrheit dessen, als was sich der Unterschied und die Identität ergeben hat” (Enzyklopädie Bd. 1, § 121). Drei Formen: Formeller Grund — Tautologie, erklärt nichts (Molières virtus dormitiva). Realer Grund — verschieden vom Begründeten, aber allein nicht hinreichend. Warum er nicht hinreicht, sagt Hegel im Haupttext: “Der Grund hat noch keinen an und für sich bestimmten Inhalt, noch ist er Zweck, daher ist er nicht tätig noch hervorbringend”. Daraus folgt: “Ein Grund kann daher für alles gefunden und angegeben werden”, und ein guter Beweggrund “kann etwas bewirken oder auch nicht”. Wirksam wird er erst “durch die Aufnahme in einen Willen, der ihn erst zum tätigen und einer Ursache macht” (§ 122 Anm.). Die große Logik zeigt dasselbe am realen Grund. Welche Bestimmung eines Dinges als Grund gilt, ist unbestimmt; “die Wahl ist daher zwischen ihnen frei”, und es wird “ein Anderes zugleich erfordert”, das eine Bestimmung erst zum Grund macht (TWA 6, 105). Dieses Dritte kehrt in der Wirklichkeitslehre als Tätigkeit wieder (§ 148; Kap. 7.4). Vollständiger Grund (so die Wissenschaft der Logik, TWA 6, 108 f.) — die Einheit von formellem und realem Grund; erst in der Lehre von der Bedingung heißt es: “Wenn alle Bedingungen einer Sache vorhanden sind, so tritt sie in die Existenz” (TWA 6, 119). Den “zureichenden Grund” deutet Hegel anders: Das Prädikat sei “entweder müßig” oder führe über die Kategorie des Grundes hinaus zum Zweck, also zum Begriff (Enzyklopädie Bd. 1, § 121 Zusatz; vgl. TWA 6, 108). Doppelbewegung: analytisch (vom Begründeten zum Grund) und synthetisch (vom Grund zum Begründeten).
Existenz, Ding und Materien
Der Grund ist Grund nur, “insofern es Grund von Etwas, von einem Anderen ist” (Enzyklopädie Bd. 1, § 121 Anm.). Sind alle Bedingungen beisammen, so bleibt die Sache nicht im Grund, sondern tritt heraus. Hegel nennt das Herausgetretene die Existenz: “Die Existenz ist die unmittelbare Einheit der Reflexion-in-sich und der Reflexion-in-Anderes” (§ 123). Das Existierende ist darum nie bloß Begründetes; die Existierenden bilden “eine Welt gegenseitiger Abhängigkeit und eines unendlichen Zusammenhangs von Gründen und Begründeten” (ebd.). Als in sich reflektiertes Existierendes ist es das Ding, das Eigenschaften hat.
Vollziehen Sie das: Denken Sie alle Eigenschaften von Gold weg — Farbe, Dichte, Leitfähigkeit, Schmelzpunkt. Was bleibt? Nichts. Gold ist die Einheit seiner Eigenschaften. Das “Ding an sich” (ohne Eigenschaften) ist ein leeres Abstraktum.
Hegels Warnung vor fiktiven Materien: Wärmestoff, elektrische und magnetische Materie seien “bloße Fiktionen des Verstandes” (Enzyklopädie Bd. 1, § 126 Zusatz) — hypostasierte Eigenschaften, keine echten Stoffe. Das Zerlegen in Stoffe hat nach Hegel sein Recht in der unorganischen Natur, beim Kochsalz oder beim Granit; beim Organismus versagt es, weil dessen Glieder nur in ihrer Vereinigung bestehen (ebd.). Aber: Die Form der Verbindung ist ebenso real wie die Materien. Dass beim Wasser Eigenschaften aus der Verbindung emergieren, ist ein heutiges Beispiel dieses Kommentars, nicht Hegels; er selbst gibt dem Chemiker für das Unorganische recht. [KF]
Das Ding ist so ein Widerspruch: Es soll die Einheit sein, in der die Materien zu Eigenschaften herabgesetzt sind, und besteht doch aus Materien, die selbständig sind. Hegel: “Das Ding ist so, die wesentliche Existenz als eine sich in sich selbst aufhebende zu sein, ist Erscheinung” (Enzyklopädie Bd. 1, § 130).
Nachschrift Libelt, Kolleg 1828, zu § 131: GW 23.2, S. 507. ↩︎
Nachschrift Libelt, Kolleg 1828, zu §§ 112 und 114: GW 23.2, S. 498. ↩︎ ↩︎
Nachschrift Libelt, Kolleg 1828, zu § 115: GW 23.2, S. 500. ↩︎ ↩︎ ↩︎
Christian Iber, Metaphysik absoluter Relationalität. Eine Studie zu den beiden ersten Kapiteln von Hegels Wesenslogik, Berlin/New York 1990, zum Abschnitt über die Identität. Ibers Kommentar folgt der Wissenschaft der Logik; dieser Kommentar folgt der Enzyklopädie, deren Architektur die reichere ist. Die Sache ist in beiden Fassungen dieselbe — Hegel führt das Argument in Enz. § 115 Anm. und in WdL, TWA 6, 41 f. ↩︎