Kommentar zur Logik, Kapitel 9
Wirklichkeit als Einheit von Innerem und Äußerem
Wirklichkeit ist mehr als bloßes Dasein (Seinslogik) oder Existenz (Erscheinungslogik). Wirklichkeit ist das, was wirkt — von wirken. Ein Schatten existiert, aber er ist kaum wirklich. Ein Irrtum existiert, aber hat keine dauerhafte Wirklichkeit. Hegel: “Die Wirklichkeit ist die unmittelbar gewordene Einheit des Wesens und der Existenz oder des Inneren und des Äußeren” (Enzyklopädie Bd. 1, § 142). Das Wirkliche ist darum “dem Übergehen entnommen, und seine Äußerlichkeit ist seine Energie”; sein Dasein ist “nur die Manifestation seiner selbst, nicht eines Anderen” (§ 142 Anm.). Ob das Wirkliche auch notwendig ist, ist damit noch nicht entschieden; das entwickeln erst Möglichkeit, Zufälligkeit und Bedingung.
Möglichkeit und Notwendigkeit
Formelle Möglichkeit: “Alles ist möglich, was sich nicht widerspricht.” Inhaltsleer. Hegels Kritik: “Es gibt daher kein leereres Reden als das von solcher Möglichkeit und Unmöglichkeit” (Enzyklopädie Bd. 1, § 143 Anm.). Je weniger einer “die bestimmten Beziehungen der Gegenstände kennt”, desto mehr ergeht er sich in leeren Möglichkeiten; Hegels Beispiel ist das politische Gebiet “mit den sogenannten Kannengießern” (§ 143 Zusatz). Die Übertragung auf Kinder stammt von diesem Kommentar: Ihre große Fantasie verdankt sich weniger besonderer Kreativität als der Unkenntnis der Hindernisse. [KF]
Hegel zieht daraus im Kolleg eine praktische Folgerung, die den Abschnitt erdet. Die leere Möglichkeit sei “eine trivialste Reflexionsform, und eine leerheit des Verstandes, sich damit herumzutreiben” — und sie befalle besonders den, der scharfsinnig und vorsichtig sein wolle und dabei “auf die Vorstellung kommt, es sei noch andres möglich, man könne es sich auch noch anders denken”. Im Praktischen sehe das so aus: “Menschen die sich nicht entschließen können, haben nur eine Möglichkeit. Wenn man niemals handeln will, ausser ganz gewiß seiner Sache zu sein, könnte man wenig thun.”[1]
Das Heilmittel nennt er gleich dazu — kein Appell zur Entschlossenheit: Die leere Möglichkeit “kommt hervor, wenn man nicht hineingegangen ist in den Inhalt”. Wer sich in die Sache vertieft, verliert die Zahl der Möglichkeiten nicht aus Mut, sondern aus Kenntnis.
Die Umkehrung: Je mehr wir über die Welt wissen, desto mehr Unmöglichkeiten kennen wir — das ist kein Verlust, sondern Gewinn an Realitätssinn.[2] [KF]
Zusammen-Passbarkeit (Kompossibilität): Der Begriff stammt von Leibniz; Hegel führt ihn nicht. Nicht nur “Ist A möglich?”, sondern “Können A und B zusammen möglich sein?” Denken Sie an zwei Wünsche, die sich gegenseitig ausschließen: “Ich will maximal sparen” und “Ich will luxuriös leben.” Formal ist jeder für sich möglich, aber zusammen sind sie unvereinbar. Die dialektische Frage: Lässt sich der Widerspruch in höherer Form auflösen (etwa: langfristig klug investieren)? Ethische Konsequenz: Der Gerechtigkeitstest ist im Kern ein Zusammen-Passbarkeits-Test — kann das, was ich für mich will, zusammen bestehen mit dem, was alle anderen für sich wollen? Vertiefung: Strukturelles Beispiel: Kapitalakkumulation und ökologische Nachhaltigkeit als strukturell erzeugte Unvereinbarkeit — nicht individuell lösbar, erfordert Strukturtransformation. [KF] Ausgeführt in Kapitalismus transformieren.
Die Zufälligkeit. Zwischen der formellen und der realen Möglichkeit steht bei Hegel eine Kategorie, die leicht übersprungen wird und ohne die der Übergang nicht folgt. Das Wirkliche, das nur den Wert einer Möglichkeit hat, ist “ein Zufälliges, und umgekehrt ist die Möglichkeit der bloße Zufall selbst” (Enzyklopädie Bd. 1, § 144).
Etwas, das möglich ist und wirklich wird, ohne dass sich angeben ließe, warum gerade es und nicht das Gegenteil, heißt zufällig. Das Zufällige ist die Einheit von Möglichkeit und Wirklichkeit in ihrer unmittelbaren Form: Es ist, aber es könnte auch nicht sein.
Diese Bestimmung hebt sich selbst auf. Denn das Zufällige ist nicht grundlos — es hat Bedingungen, und wo alle Bedingungen vorliegen, tritt es notwendig ein. Zufällig heißt also nicht: ohne Grund. Hegel: Das Zufällige ist “ein solches, welches den Grund seines Seins nicht in sich selbst, sondern in anderem hat” (§ 145 Zusatz).
Eine Verwechslung liegt nahe, die Hegel zu Laplace machen würde. Der Satz besagt nicht, dass alles determiniert sei und wir nur nicht weit genug schauten — als wäre Zufälligkeit bloß unser Nichtwissen. Sie ist bei Hegel eine wirkliche Bestimmung der Wirklichkeit, nicht eine Lücke in unserer Kenntnis. Hegel warnt selbst davor, das Zufällige so zu verstehen, “als ob das Zufällige bloß unserer subjektiven Vorstellung angehöre” (§ 145 Zusatz). Ob etwas zufällig ist, “kommt daher auf den Inhalt an” (§ 145). Gesagt ist: Das Zufällige hat Bedingungen, ohne dass diese seine Bestimmtheit schon aus seinem eigenen Begriff notwendig machten. Die Notwendigkeit entsteht nicht dadurch, dass wir lange genug suchen, sondern dadurch, dass der ganze Bedingungszusammenhang als ein sich selbst vermittelnder begriffen wird.
Rosenkranz hat für die Kehrseite — dass eine Winzigkeit alles entscheiden kann — eine Reihe gefunden: “Eine Secunde, Ein Tag, Eine Linie, Ein Zoll, Ein Wort, Ein Stein, Ein Funke, Ein Blutfleck, Eine Sünde u. s. w., dies Eine reicht gerade hin, im Zusammentreffen mit diesen Umständen, diesen Dingen, diesen Personen und Begebenheiten eben diese und keine andere Wirklichkeit zu erzeugen.”[3]
Seine Diagnose: Gerade weil eine winzige Veränderung alles anders hätte kommen lassen, scheine eine solche Verbindung zufällig. “Allein diese Möglichkeit ist die Täuschung der bloßen Möglichkeit.” Was eingetreten ist, ist für Rosenkranz eingetreten, weil alle Bedingungen zusammenkamen; die anderen Möglichkeiten waren nie welche. Hegel geht, wie das Folgende zeigt, nicht so weit.
Hegel gibt dem Zufälligen dabei eine Würde: “Das zufällige hat hohen Werth, es ist eine Existenz, nicht abhängig von einem andren, sondern unmittelbar.” Sein Beispiel ist das Organische — ihm sei wesentlich, sich selbst zu erhalten, “in sich ein Princip des Lebens zu haben, nicht von einem andren abzuhängen”. Und er zieht den Schluss: “in wiefern wir dem nothwendigen, als dem abhängigen, das zufällige als das unabhängige entgegensetzen, daher ist das zufällige frei, nicht determinirt durch ein andres”.[4]
Das steht quer zur geläufigen Erwartung, Hegel wolle den Zufall wegerklären. Er sieht darin vielmehr die erste, noch unentwickelte Gestalt von Selbständigkeit — und damit die Spur, der die Logik bis zur Freiheit folgt. Wer das Zufällige nur als Mangel an Erklärung nimmt, verliert den Faden, der zu 7.11 führt. Ein weiterer Zusammenhang kann die Bedingungen eines zufälligen Geschehens sichtbar machen — damit ist seine Zufälligkeit aber nicht in bloßes Nichtwissen aufgelöst. Zufällig bleibt, was unter gegebenen Bedingungen sein oder auch nicht sein kann, sofern seine bestimmte Gestalt nicht aus seinem eigenen Begriff folgt. Und deshalb geht die Zufälligkeit in die Notwendigkeit über: nicht weil der Zufall verschwände, sondern weil das Zufällige als Bedingung eines Anderen gesetzt ist (Enzyklopädie Bd. 1, § 146). [KF]
Praktisch: Wer sagt das war Zufall, sagt damit häufig etwas über die Reichweite seiner Betrachtung. Aber nicht immer — und die Unterscheidung ist zu machen: Manches ist zufällig, weil wir den Zusammenhang nicht übersehen; anderes bleibt zufällig, auch wenn wir ihn übersehen, weil seine bestimmte Gestalt nicht aus seinem Begriff folgt. Das ist kein Determinismus — es bleibt offen, ob sich jeder Zusammenhang vollständig fassen lässt. Aber es verbietet, den Zufall als Erklärung zu nehmen. [KF]
Reale Möglichkeit: Das Zufällige ist ein Vorausgesetztes, dessen Dasein zugleich “die Möglichkeit eines Anderen” ist, “die Bedingung” (§ 146). Die reale Möglichkeit fragt nach diesen konkreten Bedingungen. Eine Eichel hat DNA + Zellmaschinerie (Grund), braucht Erde, Wasser, Licht (Bedingungen). Sind alle Bedingungen beisammen — nicht als Liste, die man abhakt, sondern als System, das sich schließt —, dann muss die Sache eintreten. Eine Bedingung ist dabei beides: “zufälliger, äußerlicher Umstand, der ohne Rücksicht auf die Sache existiert”, und doch “in Rücksicht auf die Sache” (§ 148). Die Sache gehört selbst dazu: “Wenn alle Bedingungen vorhanden sind, muß die Sache wirklich werden, und die Sache ist selbst eine der Bedingungen” (§ 147). Welche Notwendigkeit damit erreicht ist, sagt die große Logik: “Was daher real möglich ist, das kann nicht mehr anders sein; unter diesen Bedingungen und Umständen kann nicht etwas anderes erfolgen.” Aber: “Diese Notwendigkeit aber ist zugleich relativ. — Sie hat […] an dem Zufälligen ihren Ausgangspunkt” (TWA 6, 210 f.).
Vollziehen Sie das: Denken Sie an eine Erkenntnis, die sich für Sie geschlossen hat — ein Aha-Moment, wo alles zusammenpasste. Was war der Moment des Schließens? War es das Hinzukommen einer letzten Evidenz — oder das Schließen eines ganzen Zusammenhangs, in dem sich die Evidenzen plötzlich wechselseitig trugen? Genau dieses Schließen ist der Umschlag von wahrscheinlich wahr zu muss so sein. [KF]
“Die Sache selbst.” Hegel spricht von der “Sache” vor allem an zwei Stellen: beim Hervorgang aus dem Grund in die Existenz (TWA 6, 119; Kap. 5.6) und in der realen Möglichkeit, wo Bedingung, Sache und Tätigkeit die Momente der Notwendigkeit sind (Enzyklopädie Bd. 1, § 148). Die folgende Deutung, die auch an die “Sache selbst” der Phänomenologie anknüpft, ist die dieses Kommentars. Vollziehen Sie das: In einem Streit sagt jemand: “Kommen wir zur Sache.” Was meint er? Nicht eine bestimmte Perspektive, sondern das, worüber alle Perspektiven reden — den gemeinsamen Bezugspunkt. “Die Sache selbst” ist das, was sich durch alle subjektiven Darstellungen hindurch als das zeigt, worum es eigentlich geht. Sie ist weder das Innere (die verborgene Essenz) noch das Äußere (die Oberfläche), sondern die Einheit beider: das, was sich in der Sache zeigt, und die Sache, die sich zeigt. Das ist das Wahrheitsprinzip der Wesenslogik: Wahrheit ist nicht etwas Verborgenes, das wir suchen müssen, sondern das, was sich im redlichen Umgang mit den Phänomenen von selbst ergibt. [KF]
Substanz und Kausalität
Wo alle Bedingungen beisammen sind, ist die Sache notwendig; und das Notwendige ist nicht mehr ein Einzelnes unter Bedingungen, sondern der Zusammenhang, in dem Bedingung, Sache und Tätigkeit ineinander umschlagen. Hegel: “Das Notwendige ist in sich absolutes Verhältnis” (Enzyklopädie Bd. 1, § 150), in seiner unmittelbaren Form das von Substantialität und Akzidentalität. Die Substanz ist darum kein totes Substrat, sondern “die Totalität der Akzidenzen, denen sie sich als deren absolute Negativität, d. i. als absolute Macht und zugleich als den Reichtum alles Inhalts offenbart” (§ 151): Macht, die ihre wechselnden Eigenschaften setzt und zurücknimmt. In der Heidelberger Vorlesung von 1817 sagt Hegel, was mit “Macht” gemeint ist: “Nur die Substanz hat Macht in der Welt. […] Aller Gedanke alle Ideen und alle Gesetze alles was Gewalt ausübt in der Welt ist nur Macht welche Substanz ist.”[5] Macht heißt hier zunächst nicht Zwang, sondern: dass etwas trägt; dass Hegel “alles was Gewalt ausübt” einbezieht, hält aber die Seite fest, die Theunissen als Herrschaft liest (Kap. 4a). Spinoza als dunkler Hintergrund: Seine eine Substanz (Deus sive Natura) löst das Descartes-Problem — statt zwei getrennter Substanzen (Ausdehnung, Denken), die eine Zirbeldrüse zusammenfügen muss, fasst Spinoza beide als Attribute derselben einen Substanz. Was Descartes trennt und Leibniz nur über eine vorherbestimmte Übereinstimmung (prästabilierte Harmonie) zusammenbringt, ist bei Spinoza von vornherein eins. Innerhalb jedes Attributs gibt es unendlich viele Modi — die einzelnen Dinge (dieser Tisch, jener Gedanke). Wie Hegel Spinoza behandelt, ändert sich zwischen der ersten und der letzten Vorlesung. 1817 in Heidelberg heißt es knapp: “Die Spinozistische Philosophie ist ein wahrer Standpunkt von dem man ausgehen kann”, aber “der Spinozismus bleibt bey der Substanz stehen und wird so einseitig”.[5:1] 1831, im letzten Kolleg vor seinem Tod, setzt Hegel anders an — er verteidigt Spinoza zuerst: “Im Spinozismus kommt derselbe Mißverstand vor, man sagt: er sey Pantheismus und Atheismus.” Erst danach die Grenze: “das ist allerdings nicht genug, denn Gott ist substanzielles Subjekt, der substanzielle Geist”.[6]
Der Einwand bleibt derselbe, aber er steht am Ende statt am Anfang. Wer eine Position überschreiten will, muss sie zuerst gegen ihre schlechten Kritiker in Schutz nehmen. [KF]
Hegels Kritik. Zuerst das Stärkste, was für Spinoza spricht: Seine Substanz ist nicht träge. Gottes Macht ist sein Wesen selbst (Ethik I, Lehrsatz 34), und als natura naturans bringt die Substanz die Modi hervor. Hegel bestreitet das nicht; er nennt die Substantialität selbst “die absolute Formtätigkeit und die Macht der Notwendigkeit” (Enzyklopädie Bd. 1, § 151). Sein Einwand zielt darauf, woher die Unterschiede kommen: Die beiden Attribute seien “empirisch aufgenommen”, und “diese ganze Bewegung aber geht außer dem Absoluten vor” (TWA 6, 196). Spinoza erklärt, dass es Modi gibt (sie folgen aus der Natur Gottes wie die 180° aus dem Dreieck), aber nicht, wie die eine Substanz sich in viele Modi differenziert — woher die innere Dynamik kommt, die aus dem einen Unendlichen die vielen endlichen Dinge werden lässt. Die Substanz hat Modi, aber sie erzeugt sie nicht aus einer inneren Tätigkeit. Sie ruht in ewiger Selbstidentität. Hegels Erweiterung: Die Substanz muss Subjekt werden — sie muss sich tätig differenzieren, nicht bloß Modi haben. Die Differenzierung ist kein Defekt, sondern die Art, wie die Substanz sich realisiert.
Die Kausalität — Drei Stufen
Der Übergang: Die Substanz setzt als Macht ihre Akzidenzen und unterscheidet sich damit von dem, was sie setzt. Wird dieser Unterschied festgehalten, so ist das Verhältnis Kausalität (Enzyklopädie Bd. 1, § 152): “Die Substanz ist Ursache, insofern sie […] sich als das Negative ihrer selbst setzt und so eine Wirkung hervorbringt” (§ 153). Die Macht, die setzt, ist schon Ursache. Die Frage “Warum geschieht es?” kommt nicht von außen an die Substanz heran; sie liegt in ihr.
1. Formale Kausalität: Ursache -> Wirkung als abstrakte Relation. Die Ursache ist nur Ursache, sofern sie wirkt: “in der Wirkung ist erst die Ursache wirklich und Ursache” (§ 153 Anm.). Und die Wirkung enthält nichts, was nicht in der Ursache war. Dem Inhalt nach ist das eine Wiederholung; Hegels Beispiel: “der Regen macht naß” ist ein analytischer Satz, denn “dasselbe Wasser, was der Regen ist, ist die Feuchtigkeit” (TWA 6, 225). Humes skeptischer Einwand: Wir sehen nie die Verursachung, nur die zeitliche Folge. Beliebig ist das Kausaldenken für ihn damit nicht: Die Gewohnheit ist ein unvermeidlicher Zug der menschlichen Natur, ohne den wir nicht handeln könnten (Untersuchung über den menschlichen Verstand, Abschnitt 5). Hegel gibt Hume recht, dass Allgemeinheit und Notwendigkeit “nicht in der Wahrnehmung angetroffen werden” (Enzyklopädie Bd. 1, § 47 Anm.; vgl. § 39), folgert daraus aber nicht, sie seien bloß subjektiv. In der Kausalitätslehre selbst antwortet er Hume nicht eigens; die Antwort, die sich aus seinem Gang ergibt, lautet: Die Kausalität muss sich entwickeln. [KF]
2. Bestimmte (endliche) Kausalität: Sobald Ursache und Wirkung verschiedene Dinge sind, wird es schwierig. “Der Sturm hat den Baum umgeworfen” — aber was ist der Sturm? Ein Komplex aus Druckunterschieden, Temperaturen, Bodenfeuchte; die eine Ursache zerfällt bei genauem Hinsehen in unendlich viele Bedingungen. Die Ursache verliert sich in der Wirkung — sie geht in sie ein und ist dann verbraucht. Das Streichholz ist verbrannt, nachdem es die Kerze angezündet hat. Hegel hält dagegen fest: “Die Ursache ist aber damit nicht verschwunden” (§ 153 Anm.); der Satz “Die Ursache erlischt in ihrer Wirkung” gehört in der großen Logik zur formellen Kausalität (TWA 6, 224). Jede Wirkung wird zur Ursache der nächsten (Dominoeffekt): A verursacht B, B verursacht C, ad infinitum. Das ist die schlechte Unendlichkeit der Kausalität — der endlose Regress. Praktisch bedeutet das: Wenn jemand fragt “Was war die Ursache?”, ist die ehrliche Antwort immer: “Es gibt nicht die Ursache, sondern ein Netz von Bedingungen.” Wer auf der einen Ursache besteht, vereinfacht ideologisch. [KF]
3. Wirkung und Gegenwirkung (bei Hegel der Übergang zur Wechselwirkung): Die Ursache bleibt in der Wirkung erhalten — sie verliert sich nicht. Denkbilder: Die Sonne strahlt und wird nicht verbraucht (in menschlichen Zeitmaßstäben). Der Lehrer unterrichtet und wird dadurch nicht dümmer, sondern klüger. Diese Bilder illustrieren die logische Struktur, beweisen sie aber nicht — der Beweis liegt im Durchdenken der Kausalitätsstufen selbst. Die entscheidende Wendung: Die Wirkung reagiert auf die Ursache zurück. Der Schüler verändert den Lehrer. Die Wirkung wird zur Ursache der Ursache -> Wechselwirkung.
Der Übergang: Warum bleibt es nicht bei der Reihe A verursacht B verursacht C? Weil die Wirkung auf die Ursache zurückwirkt, und zwar notwendig. Hegel begründet das damit, dass die Wirkung auf etwas geschieht, das selbst Bestand hat: Es ist “eine andere Substanz vorhanden, auf welche die Wirkung geschieht”, und “als Substanz ist sie ebenso aktiv, […] reagiert” (§ 154). Julie Maybee beschreibt den Schritt genau: Die Ursache muss auf die Wirkung einwirken, um die Unmittelbarkeit aufzuheben, welche die Wirkung in ihrer Reaktion gewonnen hat. Die Reaktion bewahrt diese Unmittelbarkeit — sie zeigt, dass die Wirkung wirklich etwas Eigenes hatte — und tilgt sie zugleich, weil die Wirkung danach nicht mehr unabhängig dasteht.[7]
Damit ist die Reihe nicht verlängert, sondern geschlossen: Was als Zweites auftrat, wirkt auf das Erste zurück und macht es zu dem, was es ist.
Wechselwirkung — Höchste Form der Wesenslogik
Vollziehen Sie das: Nehmen Sie eine scheinbar einseitige Kausalbeziehung — “die Erziehung formt das Kind.” Stimmt. Aber: Das Kind formt auch die Erziehenden. Und welches Kind es ist, bestimmt, welche Erziehung stattfindet, die wiederum bestimmt, welches Kind entsteht. Es gibt kein festes Erstes und Zweites — beide konstituieren sich im Prozess wechselseitig. Sobald Sie das einmal gesehen haben, finden Sie rein einseitige Kausalität nirgends mehr.
In der Wechselwirkung sind A und B einander wechselseitig konstituierend: Jedes Moment ist sowohl bestimmend als auch bestimmt, beide sind nur in dieser Wechselbestimmung. Theorie formt Beobachtung, Beobachtung korrigiert Theorie. Sprache formt Denken, Denken verändert Sprache. Angebot und Nachfrage bestimmen sich gegenseitig — es gibt keinen Marktpreis, der unabhängig von beiden existiert.
Was die Wechselwirkung nicht leistet: Sie erkennt sich nicht. Ein Zusammenhang wechselseitiger Bestimmung weiß nichts von sich — das gehört bereits auf die Seite des Begriffs (vgl. 7.11). Was heißt das konkret? Ein Paar, das versteht, dass es sich wechselseitig formt, kann diese Formung bewusst gestalten. Eine Wissenschaft, die versteht, dass Theorie und Empirie sich wechselseitig bestimmen, kann diesen Prozess methodisch organisieren. [KF]
Die Wahrheit der Notwendigkeit ist die Freiheit
Hegel selbst lässt die Freiheit aus der Wechselwirkung hervorgehen: “Dieser reine Wechsel mit sich selbst ist hiermit die enthüllte oder gesetzte Notwendigkeit” (Enzyklopädie Bd. 1, § 157), und “Diese Wahrheit der Notwendigkeit ist somit die Freiheit” (§ 158). Gemeint ist nicht der Wechsel zwischen zwei gegebenen Dingen, sondern die Ursache, die in der Wirkung sich selbst setzt; einen gegebenen Inhalt bloß unter dem Gesichtspunkt der Wechselwirkung zu betrachten, nennt Hegel “ein durchaus begriffloses Verhalten” (§ 156 Zusatz). Er sagt auch, was fehlt: Die Seiten müssen “als Momente eines Dritten, Höheren, erkannt werden, welches dann eben der Begriff ist”. Sitten und Verfassung Spartas bestimmen sich gegenseitig. Begriffen sind sie aber erst, wenn sie und alle übrigen Seiten dieses Volkes “als in diesem Begriff begründet erkannt werden” (ebd.). Das Maß der Freiheit legt Hegel an die Glieder an: Frei sind sie als “Momente eines Ganzen […], deren jedes in der Beziehung auf das andere bei sich selbst ist”. Vorher ist die Identität der Notwendigkeit “noch nicht für die vorhanden, welche der Notwendigkeit unterworfen sind” (§ 158 Zusatz). Hier ist ein Kurzschluss zu vermeiden, der naheliegt. Man könnte sagen: Wenn A durch B bestimmt wird und B durch A, dann bestimmt das System A–B sich selbst, und das sei die Freiheit. Das trifft nicht, und der Gegenbeweis ist leicht zu haben: Ein Thermostat, ein Räuber-Beute-System, jeder Regelkreis bestimmt sich wechselseitig. Daraus folgt keine Freiheit und kein Begriff. [KF]
Was die Wechselwirkung wirklich leistet, ist ein negatives Ergebnis, und es ist erheblich: Die feste Differenz von Ursache und Wirkung verschwindet. Jedes Glied ist beides, und damit ist gezeigt, dass die Bestimmung nicht von außen kommt — die einseitige Fremdbestimmung ist aufgehoben. Mehr nicht. Die Einheit des Zusammenhangs liegt vor, aber sie ist, so die Lesart dieses Kommentars, nur vorgefunden, nicht als eigene gesetzt. Hegels Wortlaut geht weiter: Die Wechselwirkung sei “selbst dies, jede der gesetzten Bestimmungen auch wieder aufzuheben” (Enzyklopädie Bd. 1, § 156); die Lesart hält daran fest, dass erst der Begriff diese Setzung als seine eigene weiß. [KF]
Der Begriff fasst dieselbe Einheit positiv: als Selbstbestimmung, die ihre Unterschiede nicht bloß vorfindet, sondern als ihre eigenen Momente setzt und in ihnen bei sich bleibt.
Julie Maybee hat für diesen Unterschied eine Formel, die ihn greifbar macht: Bisher wurde die Einheit von unten bestimmt — durch die Elemente, die sie umfasst. Jetzt erzeugt sie ihre Bestimmung von oben, durch ihre eigene Tätigkeit.[8] Genau darin liegt der Unterschied zum Regelkreis: Dieser wird durch seine Glieder definiert, der Begriff definiert sie. Hegel sagt es im Kolleg knapp: Die Notwendigkeit sei “blind, hat keinen zwek in sich, der begriff ist allein das Klare, Durchsichtige, sich verstehende” (Nachschrift Kehler, Kolleg 1825: GW 23.1, S. 382). [KF]
Erst damit ist die Freiheit erreicht. Hegel bestimmt sie im Kolleg von 1825, und es ist nicht Ungebundenheit: “bei mir selbst zu sein, aber nicht auf abstracte Weise, sondern in dem Inhalt der bestimmung bei mir zu sein, den Inhalt als dem meinigen gemäß, in der besonderheit, bestimmtheit, bei mir zu sein.”[9] Frei ist nicht, wer keine Bestimmung hat, sondern wer sich in seiner Bestimmung wiedererkennt — “in der besondrung, Negation, Unterschied von sich, unmittelbar bei sich selbst zu sein” (ebd.). Drei Stufen: Blinde Notwendigkeit (Gesetze wirken, werden nicht verstanden — der Stein fällt), erkannte Notwendigkeit (warum es so sein muss wird eingesehen — der Physiker versteht die Gravitation), freie Notwendigkeit (das denkende Wesen erkennt, dass es selbst die Strukturen vollzieht — der Philosoph erkennt, dass er die Kategorien anwendet, nicht bloß erleidet). Freiheit ist danach nicht Willkür. Die geläufige Formel, sie sei Einsicht in die Notwendigkeit (Engels hat sie Hegel zugeschrieben), trifft etwas: “Blind ist die Notwendigkeit nur, insofern dieselbe nicht begriffen wird” (Enzyklopädie Bd. 1, § 147 Zusatz). Sie greift aber zu kurz, wenn Einsicht als bloßes Zusehen verstanden wird: Sie ist die Weise, das Notwendige als das eigene zu haben — die Verhältnisweise des Begriffs (Kap. 8a.2). Hegel nennt sie an dieser Stelle “die Befreiung, welche nicht die Flucht der Abstraktion ist, sondern in dem anderen Wirklichen […] sein eigenes Sein und Setzen zu haben” (Enzyklopädie Bd. 1, § 159 Anm.). [KF]
Vorlesungen über die Wissenschaft der Logik, Nachschrift Kehler, Kolleg 1825: GW 23.1, S. 372 f. ↩︎
Aber Vorsicht: Nicht das Nichtwissen bringt in Schwierigkeiten, sondern das sichere Wissen von Dingen, die nicht so sind — der Satz wird meist Josh Billings zugeschrieben, oft auch Mark Twain, und eine sichere Zuschreibung gibt es nicht. Alte können Dinge wissen, die nicht mehr stimmen. Paradigmenwechsel stellen die Axiome des bisherigen Erklärungsmusters in Frage — was gestern als unmöglich galt, ist heute Realität. Die wissenschaftssoziologische Einsicht (Planck/Kuhn): Neues setzt sich oft erst durch, wenn die Anhänger des Alten weggestorben sind. Das lässt sich, in der Weiterführung dieses Kommentars, als S³-Struktur des Lebens lesen (Kap. 16): Selbstdifferenzierung — das Wissen gliedert sich in Schulen und Paradigmen; Selbsterhaltung — jedes Paradigma reproduziert sich durch Ausbildung und Institutionen; Selbstaufhebung — der einzelne Wissenschaftler stirbt, aber die Wissenschaft erneuert sich gerade dadurch. Die Sterblichkeit der Wissenschaftler ist nicht nur bedauerlicher Umstand, sondern Bedingung der Möglichkeit von Paradigmenwechseln. [KF] ↩︎
Rosenkranz, System der Wissenschaft, Königsberg 1850, § 147 (S. 79). ↩︎
Nachschrift Kehler, Kolleg 1825: GW 23.1, S. 372. ↩︎
Vorlesungen über die Wissenschaft der Logik, Nachschrift Good, Kolleg Heidelberg 1817: GW 23.1, S. 108 f. ↩︎ ↩︎
Nachschrift Karl Hegel, Kolleg Berlin 1831 — Hegels letzte Logik-Vorlesung, im Vorbegriff: GW 23.2, S. 692. ↩︎
Maybee, Picturing Hegel, zum Übergang zur Wechselwirkung: “The Cause must work on the Effect to sublate the immediacy that the Effect developed in reaction to the Cause.” ↩︎
Julie E. Maybee, Picturing Hegel. An Illustrated Guide to Hegel’s Encyclopaedia Logic, Lanham 2009, zum Übergang zum Begriff: “Because the One cause is no longer defined from the bottom-up but instead generates its own definition from the top-down, it can no longer be defined simply as the One cause anymore.” ↩︎
Vorlesungen über die Wissenschaft der Logik, Nachschrift Kehler, Kolleg 1825: GW 23.1, S. 381 f. ↩︎