Kommentar zur Logik, Kapitel 8
Vom Schein zur Erscheinung
Schein ist nicht dasselbe wie Erscheinung. Der Schein ist die Art, wie das Wesen sich von sich aus zeigt — noch bevor wir die Erscheinung als eigene Kategorie haben. Der Schein ist nicht falsch, und er ist nicht die Oberfläche von etwas, das darunter verborgen läge: Das Unmittelbare hat im Wesen nur kein eigenes Bestehen mehr, es ist bloß gesetzt. Die Erscheinung dagegen besteht, aber nicht in sich selbst, sondern in einem Anderen (Enzyklopädie Bd. 1, § 131 Zus.). Der Schein gehört zum Wesen. Wer ihn einfach durchstreicht, verliert das Wesen mit. Die kritische Frage ist nicht “Schein oder Wesen?”, sondern: Wie zeigt sich das Wesen?
Von hier aus der Satz (§131): “Das Wesen muß erscheinen.” Das Wesen ist sein Erscheinen. Wer hinter den Erscheinungen ein eigentliches Wesen sucht, das sich nie zeigt, sucht ein Nichts. Misstrauen Sie Theorien, die behaupten, die wahre Wirklichkeit sei prinzipiell unsichtbar, nur Eingeweihten erkennbar. Das Wesen manifestiert sich — sonst ist es kein Wesen.
Erscheinung ist also nicht Täuschung, sondern reale Manifestation. Die Erscheinung ist “das Wesen in seiner Existenz” (TWA 6, 147). Im Kolleg sagt Hegel es ohne Umschweife: “Das Wesen ist selbst in seinem Scheine, es ist heraus, es ist nicht hinter der Erscheinung. Das, was erscheint, ist das Wesen.”[1]
Und er treibt es bis zur theologischen Konsequenz, weil dort am meisten auf dem Spiel steht: “Gott erscheint in der Welt, sie ist sein ewiger Schein […] Gott ist kein Gott, wenn er nicht erscheint.”[1:1] Wer ein Wesen annimmt, das sich grundsätzlich nicht zeigt, hat kein verborgenes Wesen, sondern gar keines.
Das Erscheinende hat seinen Grund in einem Anderen, das seinerseits erscheint; die Erscheinung geht “zu einer unendlichen Vermittlung des Bestehens durch die Form” fort (Enzyklopädie Bd. 1, § 132). Aber diese Vermittlung ist zugleich Beziehung auf sich: Die Welt der Erscheinung hat ihre Form in sich selbst, und diese Form ist “nach ihrer entwickelten Bestimmtheit das Gesetz der Erscheinung” (§ 133). Das Gesetz ist also die bleibende Ordnung im Wechsel — nicht außerhalb der Erscheinungen, sondern in ihnen. Die folgende Abstufung nach Strenge ist eine Ergänzung dieses Kommentars, nicht Hegels:
| Typ | Charakter | Beispiele |
|---|---|---|
| Naturgesetze | Strikt, ausnahmslos | Gravitation, Thermodynamik |
| Soziale Gesetzmäßigkeiten | Tendenziell, mit Ausnahmen | Angebot/Nachfrage, Macht korrumpiert |
| Psychologische Muster | Statistisch gültig | Wiederholung verstärkt Lernen |
Hegel bestimmt das Gesetz der Erscheinung so: “wenn etwas so ist, so ist ein anderes, Eines kann ohne das andere nicht sein, es ist der innere Zusammenhang, die bestimmte Beziehung aufeinander”. Und ein Gesetz zu begreifen heiße, “in einer Inhaltsbestimmung, die ihre andere zugleich weiß”.[2]
Sein Beispiel dafür ist kein Naturgesetz, sondern ein rechtliches — und es erhellt zugleich, warum seine Straftheorie so aussieht, wie sie aussieht: Das Verbrechen sei “die negation des vernünftigen Willens”, ein an und für sich Nichtiges; die Strafe sei “die manifestirte Handlung als Nichtigkeit”. Deshalb liege “in einer Bestimmung des Verbrechens, die Strafe, die als ein anderer Zustand erscheint. Das ist Gesetz.”[2:1] Nicht der Richter verknüpft Tat und Strafe; die Verknüpfung liegt in der Tat. Damit ist in der Logik angelegt, dass Hegels Straflehre keine Abschreckungstheorie sein kann. Entschieden wird es an der Angemessenheit. Wer abschrecken will, behandelt den Täter wie eine Ursache, auf die man mit einer Gegenursache einwirkt. Hegel nennt die Anwendung des Kausalitätsverhältnisses auf das geistige Leben aber “unstatthaft” (TWA 6, 228), und die Rechtsphilosophie sagt, was dagegen gilt: Die Strafe, die aus der Tat selbst genommen wird, ehrt den Verbrecher “als Vernünftiges”. Diese Ehre wird ihm nicht zuteil, “wenn er nur als schädliches Tier betrachtet wird, das unschädlich zu machen sei, oder in den Zwecken der Abschreckung und Besserung” (Grundlinien der Philosophie des Rechts, § 100 Anm.). Die Logik liefert die Kategorien; das Verdikt folgt aus dem Befund, dass der Täter ein vernünftiges Wesen ist. [KF]
Hegel sagt auch, was dem Gesetz fehlt, und zwar am Fallgesetz. Raum und Zeit sind darin verbunden, aber ihre Beziehung ist “nur erst eine unmittelbare und damit innere oder noch nicht notwendige”. Das Gesetz wird aus der Erfahrung gefunden, und es “erfordert noch einen Beweis […]; diesen Beweis und seine objektive Notwendigkeit enthält das Gesetz als solches nicht” (TWA 6, 155). Umgekehrt bleibt die Erscheinung reicher: “die Erscheinung ist daher gegen das Gesetz die Totalität, denn sie enthält das Gesetz, aber auch noch mehr” (ebd.). Das Gesetz hat also Allgemeinheit, aber noch keine Notwendigkeit. Diese Lücke treibt die Wesenslogik weiter, bis zur Frage, was nicht anders sein kann (Kap. 7.4). Das steht nur in der Wissenschaft der Logik; die Enzyklopädie übergeht es (vgl. Kap. 8.9).
Nicht jede Regelmäßigkeit ist ein Gesetz im strengen Sinn. Aber auch tendenzielle Muster sind erkenntnisrelevant. [KF]
Inhalt und Form
Hegel bestimmt das Verhältnis als Umschlagen: “der Inhalt nichts ist als das Umschlagen der Form in Inhalt, und die Form nichts als Umschlagen des Inhalts in Form” (Enzyklopädie Bd. 1, § 133 Anm.). Dieser Kommentar ordnet es in drei Stufen zunehmender Adäquatheit: (1) Äußerliche Form — als ob die Form dem Inhalt aufgeprägt wäre. (2) Adäquate Form — Entsprechung. (3) Absolute Form — Selbstgestaltung des Inhalts. Die Methode ist nicht neutral gegenüber dem Inhalt — das Wie der Wahrheitssuche gehört zur Wahrheit selbst (performatives Prinzip). [KF]
Die drei wesentlichen Verhältnisse
Wenn Inhalt und Form ineinander umschlagen, ist die Erscheinung ein Verhältnis: Ein und derselbe Inhalt besteht in selbständigen Existenzen, die nur in ihrer Beziehung aufeinander sind, was sie sind (Enzyklopädie Bd. 1, § 134). Hegel entwickelt drei Formen dieses Verhältnisses, deren jede die Selbständigkeit der Seiten weiter zurücknimmt:
1. Ganzes und Teile: Statisch, wechselseitig, aber tautologisch — beide verweisen nur aufeinander. Mal scheint das Ganze das Erste (Sprache vor Wörtern), mal die Teile (Mauer aus Ziegeln). Wahrheit: Beide gleichursprünglich. Grenze: Das Zusammen der Teile ist “das Gegenteil und Negation des Teiles” (§ 135); das Denken springt zwischen beiden Seiten hin und her. Was sich in diesem Hin und Her gleich bleibt, ist schon negative Beziehung auf sich: ein Eines, das sich zum Unterschied abstößt und daraus zu sich zurückkehrt. Das ist die Kraft (§ 136).
2. Kraft und Äußerung: Dynamisch, scheint mehr zu erklären als Ganzes/Teile — wir haben jetzt ein Prinzip, das die Erscheinungen hervorbringt. Aber die kritische Frage: Erklärt die Kraft wirklich etwas? Das bekannte Beispiel stammt nicht von Hegel, sondern aus Molières Der eingebildete Kranke: Das Opium macht schläfrig, weil es eine Schlafkraft hat — hier ist das Phänomen nur verdoppelt, nicht erklärt. Hegels eigenes Beispiel ist die Planetenbewegung, als deren Grund “die anziehende Kraft der Erde und Sonne gegeneinander angegeben” wird (TWA 6, 99); die Erklärung einer Erscheinung aus einer Kraft sei “eine leere Tautologie” (Enzyklopädie Bd. 1, § 136 Anm.). Kraft und Äußerung haben denselben Inhalt in verschiedener Form. Kraft-Erklärungen werden, so die Weiterführung dieses Kommentars, problematisch, wenn sie (a) tatsächlich leere Verdopplungen sind (“Er kann rechnen, weil er rechenbegabt ist”), (b) die Frage vorschnell beenden (“Er ist halt begabt” — wo Weiterfragen nötig wäre), oder © ideologisch verwendet werden (Begabung individualisiert gesellschaftliche Probleme). [KF]
Aber nicht jede Rede von Kräften ist leer, und die Unterscheidung ist wichtiger als die Kritik. Wer sagt “dieses Kind ist mathematisch begabt”, verdoppelt nicht bloß; er benennt ein Muster, das verschiedene Leistungen verbindet und künftige erwarten lässt — schnelles Erfassen von Strukturen, selbständige Übertragung auf Neues, Ausdauer bei Schwierigem. Das ist mehr als “es kann rechnen, weil es rechnen kann”. [KF]
Die Frage lautet deshalb nicht, ob von Kräften die Rede sein darf, sondern was mit der Rede geschieht: Wird das Muster nur behauptet oder auch aufgewiesen? Dient es als erster Schritt zur Erklärung — dann ist es legitim und oft unvermeidlich — oder als Ersatz für sie? Wer jede Kraft-Rede als Scheinerklärung abtut, verfehlt, dass Wissenschaft regelmäßig so beginnt: Erst wird ein Zusammenhang benannt, dann wird er aufgeklärt. Einen Anhalt hat das bei Hegel selbst: Wir erkennen “in der als Gesetz aufgefaßten Totalität der Äußerung zugleich die Kraft selbst” (Enzyklopädie Bd. 1, § 136 Zusatz 2). [KF]
Die Erscheinung kollabiert hier gleichwohl leichter zur Tautologie als bei Ganzes/Teile, und zwar aus einem Grund, der in der Sache liegt: Kraft und Äußerung haben denselben Inhalt in verschiedener Form. Was die Kraft leistet, ist nicht Erklärung, sondern die Ankündigung, dass eine zu finden wäre. Wo diese Ankündigung eingelöst wird, war die Kategorie nützlich; wo sie als Einlösung genommen wird, ist sie das Gegenteil. [KF]
Warum auf die Kraft das Verhältnis von Innerem und Äußerem folgt, begründet Hegel mit einer leicht überlesenen Beobachtung: Die Kraft äußert sich nicht von selbst. “Die Kraft bedarf daher der Sollizitation von außen, wirkt blind” (§ 136 Anm.). Was sie anstößt, ist aber wieder eine Kraft, die angestoßen werden muss. So bleibt “entweder wieder den unendlichen Progreß oder die Gegenseitigkeit des Sollizitierens und des Sollizitiertwerdens” (§ 136 Zusatz 1). Die große Logik zieht die Konsequenz: “Jede von beiden erhält also den Anstoß von der anderen” (TWA 6, 177), und so hebt sich “der Unterschied der selbständigen Kräfte” auf (TWA 6, 179). Hinter der Äußerung steht kein verborgenes Vermögen, sondern ein Wechselspiel, das ganz in den Äußerungen liegt. Was die Kraft “in Wahrheit äußert”, ist, “daß ihre Beziehung auf Anderes ihre Beziehung auf sich selbst ist”; oder: “die Kraft äußert dies, daß ihre Äußerlichkeit identisch ist mit ihrer Innerlichkeit” (TWA 6, 178).
Hegel zieht aus derselben Identität des Inhalts den Übergang. Die Äußerung ist die Vermittlung, durch die die Kraft erst Kraft ist; “ihre Wahrheit ist darum das Verhältnis, dessen beide Seiten nur als Inneres und Äußeres unterschieden sind” (§ 137).
3. Inneres und Äußeres: Vollständig wechselseitig. Hegels These: “Was innerlich ist, ist auch äußerlich vorhanden und umgekehrt; die Erscheinung zeigt nichts, was nicht im Wesen ist, und im Wesen ist nichts, was nicht manifestiert ist” (Enzyklopädie Bd. 1, § 139).
§ 140 gibt die Kehrseite: “Was daher nur ein Innerliches ist, ist auch damit nur ein Äußerliches, und was nur ein Äußerliches ist, ist auch nur erst ein Innerliches.” Die Anmerkung wendet das auf den Menschen an. Ist er “nur in Absichten, Gesinnungen tugendhaft” und sein Äußeres damit nicht identisch, “so ist eins so hohl und leer als das andere”. Solange Begriff, Zweck und Gesetz “nur erst innere Anlagen, reine Möglichkeiten sind”, bleiben sie selbst ein Äußerliches (ebd.). So kehrt es in der Wirklichkeitslehre wieder: Die Möglichkeit ist “das, was vorhin das Innere hieß” (§ 143 Anm.). Den Einwand der Heuchelei nimmt Hegel im Kolleg auf (§ 140 Zusatz): Der Mensch könne “sich zwar im einzelnen verstellen und manches verbergen”, “nicht aber sein Inneres überhaupt, welches im decursus vitae unfehlbar sich kundgibt”. Es müsse gesagt werden, “daß der Mensch nichts anderes ist als die Reihe seiner Taten”. Der Satz gilt also für das Ganze eines Lebens, nicht für die einzelne Handlung.
Vollziehen Sie das: Betrachten Sie einen Menschen — was ist sein innerer Charakter? Woher wissen Sie das? Aus Handlungen, Worten, Gesten — dem Äußeren. Versuchen Sie, sich einen Charakter vorzustellen, der sich nie in Handlungen zeigt. Was bleibt? Nichts Bestimmtes. Der Charakter ist die Weise, wie jemand handelt, spricht, sich verhält — nicht etwas Verborgenes dahinter.
Zusammenfassung — die drei Verhältnisse, als Erkenntnisweg gelesen: Diese Lesart ist eine Anwendung dieses Kommentars; Hegel entwickelt die Verhältnisse als Bestimmungen des Wesens, nicht als Schritte des Erkennens (vgl. Kap. 5.5, “Kein Vorgang im Kopf”). [KF]
| Verhältnis | Was es leistet | Grenze |
|---|---|---|
| Ganzes/Teile | Beschreibung der Struktur | Keine Erklärung |
| Kraft/Äußerung | Versuch der Erklärung | Kollabiert zur Tautologie |
| Inneres/Äußeres | Einheit von Beschreibung und Erklärung | Noch zwei Seiten eines Verhältnisses; ihre Identität ist erst die Wirklichkeit (§ 141) |
Kant-Kritik: Kant will mit dem Ding an sich keine zweite Welt behaupten, sondern eine Grenze ziehen: Der Begriff des Noumenon ist für ihn ein Grenzbegriff, der die Anmaßung der Sinnlichkeit einschränkt (Kritik der reinen Vernunft, B 310 f.), und gerade diese Grenze hält den Raum für die Freiheit offen. In Hegels Kategorien wird daraus ein Inneres, das sich prinzipiell nicht äußert. Hegels Einwand: (1) Was nach Abzug aller Bestimmungen übrig bleibt, ist “das völlige Abstraktum, das ganz Leere, bestimmt nur noch als Jenseits” (Enzyklopädie Bd. 1, § 44 Anm.). Das Gemeinte hat also keinen Inhalt außer der Verneinung unserer Bestimmungen, und diese Leere ist “selbst nur das Produkt des Denkens” (ebd.). Eine Schranke weiß man nur, “indem man zugleich darüber hinaus ist” (§ 60 Anm.). Einen Ort behält das Unerkannte trotzdem: Die Natur der Kraft sei “allerdings ein Unbekanntes”, solange “die Notwendigkeit des Zusammenhangs ihres Inhalts […] noch mangelt” (§ 136 Anm.). Die Behauptung, das Ansich der Kräfte sei unerkennbar, enthalte “eine richtige Ahnung der Endlichkeit dieses Verhältnisses” (§ 136 Zusatz 2), aber kein Jenseits. (2) Ein Inneres, das sich nie äußert, ist nichts Bestimmtes. Keine wahre Welt hinter Erscheinungswelt — Wahrheit ist im Erscheinen.
Damit hebt sich das letzte Verhältnis selbst auf. Inneres und Äußeres haben denselben Inhalt; ihre Unterscheidung ist nur noch eine Form, die verschwindet, sobald man sie festhalten will. Hegel: “Durch die Äußerung der Kraft wird das Innere in Existenz gesetzt; dies Setzen ist das Vermitteln durch leere Abstraktionen; es verschwindet in sich selbst zur Unmittelbarkeit, in der das Innere und Äußere an und für sich identisch und deren Unterschied als nur Gesetztsein bestimmt ist. Diese Identität ist die Wirklichkeit” (Enzyklopädie Bd. 1, § 141).