Kommentar zur Logik, Kapitel 16
Organisierendes Prinzip der Objektivität
In der Lesart dieses Kommentars zeigt die Objektivitätslehre, wie die kategorialen Strukturen der subjektiven Begriffslogik (A-B-E, Urteil, Schluss) sich in der Wirklichkeit manifestieren — nicht als Anwendung des Begriffs auf eine fremde Welt, sondern als Erfahrung, dass Objektivität selbst strukturiert ist und dem denkenden Zugriff Widerstand leistet, der zugleich produktiv ist. [KF]
Hegel gibt im Kolleg von 1825 ein Kriterium, an dem sich die ganze Stufung ablesen lässt — und es ist einfach. Es geht um das Maß der Identität zwischen Begriff und Objekt: “Im chemismus und mechanismus ist zu viel Identisch, in der außerlichen Zweckmäßigkeit zu wenig; in der Idee ist das die Einheit.”[1]
Im Mechanismus und Chemismus ist der Begriff, wie er sagt, “versenkt in die Objectivität, aber nicht für sich” — er ist ganz in den Dingen, aber nirgends als er selbst zu finden. Bei der äußeren Zweckmäßigkeit ist es umgekehrt: Der Zweck steht dem Material gegenüber, beide bleiben getrennt. Erst im Lebendigen ist der Begriff “auch versenkt, aber auch für sich, die Seele, der für sich existirende begriff, der ausgegossen ist in das, was als Materiatur erscheint, aber für sich als unterschieden von derselben ist”.[1:1]
Der gedruckte Text gibt denselben Maßstab in anderer Form. Gemessen wird daran, wie die Einheit des Begriffs in den Objekten vorkommt: im Mechanismus “nur als innere oder als äußere”, im Chemismus, indem “jene Einheit sich als immanentes Gesetz der Objekte selbst zeigt”, in der Teleologie als “der subjektive Begriff, aber gesetzt als an und für sich selbst bezogen auf die Objektivität, als Zweck” (TWA 6, 408). Die Objektivität wird dabei an den Formen gemessen, die der subjektive Begriff schon durchlaufen hat. Vom Mechanismus sagt Hegel, die Objektivität sei hier “noch nicht als Urteil gesetzt” (TWA 6, 409); der absolute Mechanismus ist “ein Dreifaches von Schlüssen” (Enzyklopädie Bd. 1, § 198); und die teleologische Beziehung “ist der Schluß” (§ 206). Was die Kapitel 9, 10 und 11 als Formen entwickelt haben, kehrt hier als Maß wieder, an dem Objekte mehr oder weniger Begriff sind. Und Hegel nennt schon im Plan, wohin das führt: Der Zweck ist der Begriff, der gesetzt ist, “seinen Mangel, subjektiv zu sein, durch sich aufzuheben”, und so wird “die zunächst äußere Zweckmäßigkeit durch die Realisierung des Zwecks zur inneren und zur Idee” (TWA 6, 408).
Wer die folgenden Kapitel mit dieser Frage liest — zu viel Identität, zu wenig, oder gerade recht? — hat den Leitfaden. Die Stufenfolge ist keine Rangliste der Gegenstände, sondern eine Reihe von Fehlmaßen, die sich korrigieren. In der Logik laufen sie bis zur Idee durch. In der Natur nicht: Dort wird das Maß nie ganz erreicht, denn auch der Organismus stirbt, und die Gattung besteht nur als Wiederholung der Einzelnen (Was die Logik liefert). [KF]
Drei Grundformen bilden eine Stufenfolge zunehmender Selbstbezüglichkeit. Die Zuordnung zu Sein, Wesen und Begriff in der Tabelle ist eine Lesehilfe dieses Kommentars; Hegels eigener Maßstab ist der gedruckte, die Formen des subjektiven Begriffs. [KF]
| Form | Entsprechung | Kennzeichen | Beziehungstyp |
|---|---|---|---|
| Mechanismus | ≈ Seinslogik | Äußerlichkeit, Gleichgültigkeit | A und B berühren sich, bleiben unverändert |
| Chemismus | ≈ Wesenslogik | Konstitutive Beziehung, Affinität | A ist nur durch B, was es ist |
| Teleologie | ≈ Begriffslogik | Zweckmäßige Selbstorganisation | A organisiert B nach eigenem Plan |
Jede Form manifestiert sich auf drei Ebenen (unbelebte Natur, Leben, Geist) und doppelt: als System, also als verfestigte Struktur, und als Vollzug, als lebendiger Prozess. Die Unterscheidung stammt von Johannes Heinrichs.[2]
Damit lässt sich eine Streitfrage der Sozialtheorie neu stellen. Niklas Luhmann beschreibt die Gesellschaft als System von Kommunikationen, das sich selbst fortsetzt; die Menschen gehören als Bewusstseine und Organismen zu seiner Umwelt, als Personen kommen sie in der Kommunikation vor. Jürgen Habermas hält dagegen an der Lebenswelt fest, in der Handelnde sich verständigen, und sieht sie durch die systemischen Medien Geld und Macht bedroht; er fasst die Gesellschaft deshalb schon selbst zweistufig, als System und als Lebenswelt (Theorie des kommunikativen Handelns, Bd. 2). Er trennt beide aber als Bereiche der Gesellschaft. Wenn System und Vollzug dagegen zwei Weisen sind, in denen dieselbe Struktur erscheint, ist die Alternative falsch gestellt: Was als System beschreibbar ist, wird im Vollzug hervorgebracht, und was im Vollzug geschieht, verfestigt sich zu Systemen. [KF]
Methodische Warnung: Die drei Formen sind keine starren Schubladen. Ein reales System lässt sich fast immer unter allen drei Formen beschreiben, je nachdem, welche Ebene man betrachtet. Und: Funktionieren ist nicht Legitimität. Dass ein System als Mechanismus reibungslos läuft, sagt nichts darüber, ob es denen angemessen ist, die in ihm vorkommen. Das zeigt keine Strukturanalyse, die nur fragt, wie etwas zusammenhängt. Es zeigt sich an der Frage, ob eine Sache unter der Kategorie behandelt wird, die ihr zukommt (Kap. 8a.2). [KF]
Die Stufenfolge der Objektivität ist dafür aufschlussreich, denn sie ist auch eine Folge von Weisen, das Andere zu haben. Im Mechanismus bleibt das Andere gleichgültig; es wird gestoßen und stößt zurück. Im Chemismus ist man auf das Andere angewiesen und geht mit ihm in ein Produkt ein, in dem beide erlöschen. Im Zweck wird das Andere Mittel. Wer einen Menschen bloß als Teil einer Maschine, bloß als Reaktionspartner oder bloß als Mittel behandelt, behandelt ihn unter einer dieser Weisen. Jede von ihnen ist ärmer als die, die ihm zukommt. Reichere Weisen bringen erst das Leben und das Wollen (Kap. 16 und 17). [KF]
Vorlesungen über die Wissenschaft der Logik, Nachschrift Kehler, Kolleg 1825, zu § 154: GW 23.1, S. 397. ↩︎ ↩︎
Johannes Heinrichs, Reflexion als soziales System. Zu einer Reflexions-Systemtheorie der Gesellschaft, Bonn 1976; ders., Logik des Sozialen, Hamburg 2005. Die Anwendung auf den Streit zwischen Habermas und Luhmann ist die Folgerung dieses Kommentars, nicht Heinrichs’ eigene Formulierung. [KF] ↩︎