Kommentar zur Logik, Kapitel 18

Die neue Stufe: Konstitutive Beziehung

Vorweg eine Bemerkung Hegels, die erklärt, warum dieses Kapitel überhaupt eigens steht: Der Chemismus sei “eine Kategorie der Objektivität, welche in der Regel nicht besonders hervorgehoben, sondern mit dem Mechanismus in eins zusammengefaßt” werde — unter dem gemeinsamen Namen des mechanischen Verhältnisses (Enzyklopädie Bd. 1, § 200 Zus.). Genau dagegen richtet sich die Unterscheidung. Wer beide zusammenwirft, verliert den Unterschied zwischen einer Beziehung, die die Dinge unberührt lässt, und einer, die sie zu dem macht, was sie sind.

Im Chemismus ist A nur durch B, was es ist. Was eine Säure ist, zeigt sich in einer bestimmten Reaktionsrelation — nicht daran, dass gerade eine Base zugegen wäre, sondern daran, dass die Bestimmung ohne den Bezug auf ein Gegenüber nicht anzugeben ist. Die Verschiedenheit ist nicht gleichgültig, sondern konstitutiv. Die drei Kennzeichen:

Begriff Bedeutung Beispiel
Affinität Tendenz zur Verbindung Säure “sucht” Base
Konstitutive Beziehung Beziehung gehört zum Wesen Ohne Base keine Säure
Qualitative Transformation Aus Verbindung entsteht Neues Salz ist nicht “Säure plus Base”

Heinrichs’ Doppelperspektive — System und Vollzug: Jede chemische (und jede höhere) Struktur manifestiert sich doppelt:

Als System Als Vollzug
Ökosystem, Markt, Sprache Fressen/Gefressenwerden, Tausch, Gespräch
Die Institution “Universität” Die konkrete Vorlesung
Die Grammatik Der Sprechakt

Diese Unterscheidung stellt einen klassischen Streit der Sozialphilosophie neu: Manche betonen den Vollzug (wie Menschen miteinander handeln), andere das System (wie Institutionen sich selbst erhalten). Die stärkste Fassung der ersten Seite bestreitet nicht, dass es Systeme gibt: Habermas beschreibt die Gesellschaft selbst zugleich als System und als Lebenswelt; sein Einwand ist, dass Geld und Macht Handlungen koordinieren, ohne über Verständigung zu gehen, und in Bereiche eindringen, die auf Verständigung angewiesen sind. Die Antwort dieses Kommentars: Beides sind Manifestationsweisen derselben Strukturen — nicht Gegensätze, sondern komplementäre Perspektiven. Weder ist das System kälter als der Vollzug, noch der Vollzug wahrer als das System; wo ein System sich gegen seinen Vollzug verselbständigt, ist das ein Befund über dieses System, nicht über Systeme überhaupt. [KF]

Das chemische Objekt — Die Differenten

Das chemische Objekt hat seine Bestimmtheit nicht mehr außer sich, sondern als “immanente Bestimmtheit, welche seine Natur ausmacht”. Als gesetzte Totalität des Begriffs ist es aber der Widerspruch dieser Totalität und seiner bestimmten Existenz und darum “das Streben, ihn aufzuheben und sein Dasein dem Begriffe gleich zu machen” (Enzyklopädie Bd. 1, § 200). In der Lesart dieses Kommentars ist der Maßstab aus Kap. 8a.2 hier zum ersten Mal im Objekt selbst am Werk. [KF] Die Differenten sind einseitige Extreme, die aufeinander bezogen sind. Jedes ist unvollständig, auf Ergänzung angewiesen.

Ebene Beispiele Charakteristik
Unbelebte Natur Säure/Base, Nordpol/Südpol Polarität, nur im Verhältnis bestimmt
Leben Organe (Herz-Lunge-Kreislauf), Geschlechter, Räuber/Beute Funktionale Bezogenheit
Geist Vater/Kind, Käufer/Verkäufer, Arzt/Patient Konstitutive Rollen — nur paarweise existent

Stekelers Lesart: Der Chemismus ist die Logik personaler Rollen.[1] Hegel nennt das chemische Schema die “formale Grundlage” der “geistigen Verhältnisse der Liebe, Freundschaft usf.” (TWA 6, 428) und ordnet ihm die Person zu, allerdings als “eine solche sich erst nur auf sich beziehende Basis” (TWA 6, 429). Stekeler liest daraus, es gehe “um personale Rollen und Status”, “wie z. B. Vater, Lehrer, Soldat oder Bürger zu sein”. Ich bin nur Vater durch mein Kind, Lehrer nur durch die Schüler. Der methodologische Individualismus bestreitet das in seiner besten Fassung nicht; er verlangt nur, dass auch Rollen über das Handeln Einzelner erklärt werden. Getroffen ist er, wo er Personen als isolierte Atome ansetzt, die nachträglich in Beziehung treten. Dass die Person in ihren Rollen nicht aufgeht, hält Hegel mit der “Basis” fest; wie sie ein Anderes hat, das selbst ein Ich ist, zeigt Kap. 18.2. [KF]

Der chemische Prozess — Neutralisation und Emergenz

Drei Momente: Die einseitigen Extreme (Differenten vor der Reaktion), der Prozess der Neutralisation (Transformation selbst), das neutrale Produkt (qualitativ Neues). Hegel liest den Prozess als Schluss: “der Begriff, das konkrete Allgemeine, schließt sich durch die Differenz der Objekte, die Besonderung, mit der Einzelheit, dem Produkte, und darin nur mit sich selbst zusammen” (Enzyklopädie Bd. 1, § 201).

Vollziehen Sie das: Warum schmeckt Salz nicht nach Natrium? Natrium (heftig reagierend, stark ätzend) + Chlor (giftig) -> Kochsalz (essbar, lebensnotwendig). Die Atome sind noch da, aber ihre Eigenschaften sind verschwunden — ein Bild der Aufhebung, das Hegel allerdings sogleich einschränkt: Das Neutrale bleibt “ein trennbares” (Kap. 14.5). Das Ganze ist nicht Summe der Teile, sondern etwas qualitativ Anderes.

Ebene Beispiele Charakteristik
Unbelebte Natur Säure-Base-Reaktion, Legierung, Verbrennung Qualitative Transformation
Leben Stoffwechsel, Paarung, Brutpflege Assimilation, Fortpflanzung
Geist Echter Dialog, argumentative Synthese, diplomatischer Kompromiss Neues Verständnis entsteht, das keiner vorher hatte

Correvon 1824 hält fest, was den Chemismus vom Mechanismus trennt — eine wesenslogische Bestimmung: “Im Chemismus sind die Momente als selbständige Totalität zugleich gesetzt als nicht selbständige Totalität sein könnend; so ist er der gesetzte Widerspruch der im Mechanismus nur an sich war.”[2]

Im Mechanismus war der Widerspruch vorhanden, aber verborgen: Die Körper sind selbständig und hängen doch zusammen, ohne dass ihnen das etwas ausmacht. Im Chemismus ist derselbe Widerspruch gesetzt — Säure und Base sind, was sie sind, nur durch ihr Gegenteil, an dem sie zugrunde gehen. Deshalb ist der Chemismus nicht bloß eine reichere Beziehung, sondern die zur Erscheinung gekommene Wahrheit der ärmeren.

Der Mangel des Chemismus — Das Produkt ist tot

Die Neutralisation ist zugleich Erfüllung und Vernichtung der Differenten. Die Säure findet ihre Base — und hört auf, Säure zu sein. Das Produkt ist eine tote Einheit: Die lebendige Spannung ist untergegangen. Das Salz ist gleichgültig geworden — ein Rückfall in den Mechanismus! Das System braucht ständig äußere Zuführung von Energie und neuen Differenten, um den Prozess aufrechtzuerhalten. Hegel bestimmt das Produkt genauer, und die Bestimmung ist besser als das Wort “tot”: Es “ist dem Begriffe wohl gemäß, aber das begeistende Prinzip der Differentiierung existiert in ihm als zur Unmittelbarkeit zurückgesunkenem nicht; das Neutrale ist darum ein trennbares” (Enzyklopädie Bd. 1, § 202). Das Salz ist nicht toter Stoff, sondern trennbar — es hält nur, solange nichts es angreift, weil ihm fehlt, was es zusammenhielte.

Der Übergang: Man kann sagen, dem System fehle ein organisierendes Prinzip. Das ist richtig, aber es ist eine Mangelbeschreibung — und Hegels Grund ist positiv. Beide chemischen Prozesse, die Reduktion des Differenten zum Neutralen und die Differenzierung des Neutralen, zeigen “ihre Endlichkeit in dem Übergehen in Produkte, worin sie aufgehoben sind”. Umgekehrt erweist der Prozess die vorausgesetzte Unmittelbarkeit der Objekte als nichtig. Und daraus: “Durch diese Negation der Äußerlichkeit und Unmittelbarkeit, worein der Begriff als Objekt versenkt war, ist er frei und für sich gegen jene Äußerlichkeit und Unmittelbarkeit gesetzt, — als Zweck” (§ 203).

Julie Maybee beschreibt denselben Schritt von der Funktion her: Im Chemismus tritt die Einheit der Momente hervor — aber nur als Begriff, noch nicht als Gegenstand. Das neutrale Produkt ist der erste Fall, in dem diese Einheit beides leistet, was sie leisten muss: gliedern und zusammenhalten.[3]

Der Zweck entsteht also nicht, weil etwas fehlt, sondern weil der Begriff aus der Versenkung heraustritt — er war im Mechanismus und Chemismus ganz in den Objekten, und indem sich deren Selbständigkeit als nichtig zeigt, ist er wieder für sich. Damit greift das Kriterium von Kehler: Hier war “zu viel Identisch”, und die Identität löst sich.

Vertiefung: Die Spiralstruktur

Hegel nutzte bereits im Maß-Kapitel (Kap. 3) chemische Begriffe — Affinität, Neutralisation, Wahlverwandtschaft — deren systematischer Ort erst hier ist. Ist das ein Zirkel? Die Spiralstruktur löst das Problem: (1) Erste Windung (Maß): Wir erfahren die Struktur der Affinität — in impliziter Reflexion. Wir nutzen chemische Begriffe, ohne ihren systematischen Ort zu kennen. (2) Zweite Windung (Wesen): Wir reflektieren auf die Vermittlungsstrukturen — erkennen, dass Beziehungen konstitutiv sein können. (3) Dritte Windung (Chemismus): Wir begreifen systematisch, was wir anfangs nur implizit vollzogen haben. Das Spätere war im Früheren bereits wirksam — aber nicht als Fehler, sondern als Ausdruck der Grundstruktur allen Denkens: Die Spirale implizit->explizit ist die Bewegung des Begreifens selbst. [KF]

Gegenprobe zum folgenden Beispiel: Hegels Chemismus ist an der Chemie seiner Zeit entwickelt — Säure und Base, Affinität, Wahlverwandtschaft. Die heutige Chemie erklärt das durch Elektronenkonfigurationen und beschreibt nichts, was von sich aus auf ein Anderes gerichtet wäre. Wer moderne Beispiele einsetzt, muss also zeigen, dass die logische Struktur unabhängig von der überholten Physik gilt. [KF]

Stekeler-Weithofer hält dagegen, und sein Einwand ist stärker als der Verdacht: Es gebe auch nach der Entwicklung der modernen Atomtheorie “absolut keinen guten Grund, an eine volle Mechanisierbarkeit der von Hegel unter den Titel Chemismus gebrachten Prozesse der Chemie, des Elektromagnetismus und der erst später durch Maxwell voll entwickelten Elektrodynamik zu glauben”.[4] Und für die nächste Stufe: Die Biologie stütze sich in ihren Darstellungs- und Erklärungsformen “notwendigerweise auf gegebene teleologische Formen autopoietischer Selbsterhaltung”.

Damit ist die Reihe nicht überholt, sondern in den Wissenschaften noch am Werk: Die Physik beschreibt mechanisch, die Chemie kommt damit nicht aus, die Biologie braucht Zweckformen. Was Hegel als logische Stufung entwickelt, findet sich als Arbeitsteilung der Naturwissenschaften wieder. Die Gegenseite hat ein starkes Argument: Die Quantenmechanik erklärt die chemische Bindung im Prinzip, und Dirac hielt 1929 die Gesetze, die der ganzen Chemie zugrunde liegen, für vollständig bekannt. Strittig ist, ob dieses Prinzip die Erklärungsformen der Chemie ersetzt oder nur unterlegt; der Reduktionsversuch, alles auf die erste Stufe zurückzuführen, ist der Streitpunkt geblieben, nicht das Ergebnis. [KF]

DNA als paradigmatisches Beispiel

Strukturparallele, kein naturwissenschaftlicher Beweis: Die DNA zeigt Chemismus in reinster Form: Adenin paart mit Thymin, Guanin mit Cytosin — in der RNA tritt an Thymins Stelle Uracil. Die Paarung ist hochspezifisch, aber sie ist eine Bindungsbeziehung, kein Erkennen; Fehlpaarungen kommen vor und werden repariert. Die Beziehung ist konstitutiv — die DNA-Stränge sind füreinander da, jeder ist die Ergänzung des anderen. Aus dieser Spezifität entsteht Information. Die Beziehung selbst wird zur Substanz. Die DNA ist weder nur chemisch noch nur mechanisch — sie zeigt den Übergang zur Teleologie: Die Information organisiert nachfolgende Prozesse (Proteinsynthese), erinnert also an einen inneren Zweck. Aber das ist noch keine Teleologie im logischen Sinn: Die Struktur wirkt, ohne dass ein Zweck einem Material gegenübergesetzt wäre, und innere Zweckmäßigkeit im strengen Sinn gibt es erst im Leben. Bewusstsein entscheidet das nicht — der Schritt zur Teleologie verlangt die Trennung von Zweck und Material, die hier gerade fehlt (Kap. 15.1). Das Beispiel stammt von diesem Kommentar, nicht von Hegel. [KF]

Moderne Anwendung: Schnittstellen als technischer Chemismus. Die chemischen Prinzipien zeigen sich auch in der Informationstechnologie: USB-A und USB-B sind füreinander da wie Säure und Base — sie haben spezifische Affinität zueinander. Inkompatible Anschlüsse reagieren nicht miteinander. Ein Adapter wirkt wie ein Katalysator: Er ermöglicht die Verbindung, ohne selbst verbraucht zu werden. Und wenn zwei Computersysteme über kompatible Schnittstellen verbunden werden, entsteht Netzwerkfähigkeit — eine qualitativ neue Eigenschaft, die in keinem der Einzelsysteme enthalten war. Chemische Prinzipien (qualitative Affinität, katalytische Vermittlung, emergente Neuheit) wirken weit über die Chemie hinaus. Zugleich zeigen sowohl die DNA als auch die Schnittstellen, warum der Chemismus nicht das letzte Wort sein kann: Beide verweisen auf Zwecke — aber woher kommen die Zwecke? Das führt zur Teleologie. [KF]


  1. Ebd., S. 715 (zu WdL 149 | 227). ↩︎

  2. Nachschrift Correvon, Kolleg 1824: GW 23.1, S. 300. ↩︎

  3. Maybee, Picturing Hegel, zum Übergang zum Chemismus: “U as the totality or unity of S and P has now come into view, but only as a concept (i.e. as inner) and not yet as object.” ↩︎

  4. Ebd., S. 740 f. Auf S. 720 f. weist Stekeler darauf hin, dass Hegel selbst von einer Analogie spricht, wenn er vom Chemismus zur Vermittlung geistiger Inhalte und zur Herstellung personaler Beziehungen übergeht. ↩︎