Kommentar zur Logik, Kapitel 21

Die drei S³-Prozesse

Was die Objektivitätsformen getrennt zeigten, wird im Leben zur sich selbst erhaltenden Einheit. Drei Prozesse, die keine biologischen Beschreibungen sind, sondern systematische Rekonstruktionen dessen, was lebendig in allen Bereichen heißt. Hegel gliedert das Leben sukzessiv — lebendiges Individuum, Lebensprozess, Gattung; sie hier als drei parallel wirksame Prozesse zu fassen, ist eine Umformung, die über seinen Text hinausgeht. [KF]

Hegel beginnt mit einer Bestimmung, die die ganze Begriffslogik aufnimmt: “Das Lebendige ist der Schluß, dessen Momente selbst Systeme und Schlüsse (§ 198, 201, 207) in sich sind, welche aber tätige Schlüsse, Prozesse, und in der subjektiven Einheit des Lebendigen nur ein Prozeß sind” (Enzyklopädie Bd. 1, § 217). Er unterscheidet dann den Prozess des Lebendigen innerhalb seiner, in dem es sich seine Leiblichkeit zum Objekt macht (§ 218), den Prozess mit der unorganischen Natur, die es sich assimiliert (§ 219), und den Gattungsprozess (§§ 220-221). Mechanismus, Chemismus und Zweck kehren hier als Momente eines einzigen Prozesses wieder.

Selbstdifferenzierung — das Lebendige gliedert sich von innen in funktional aufeinander bezogene Teile, und zwar von einem Zentrum her, das die Gliederung trägt: Die Seele ist für Hegel “der für sich existirende begriff”, der in das Materielle ausgegossen und doch von ihm unterschieden ist (Kap. 12a). Wo kein solches Zentrum angebbar ist, liegt Gliederung vor, aber keine Selbstdifferenzierung. Ein Organismus erzeugt seine eigenen Organe — Herz, Lunge, Leber —, die nur im Zusammenspiel lebensfähig sind. Das ist die Besonderung nach innen (Kap. 9) in lebendiger Form: Das Ganze gliedert sich in Teile, die als Mittel für das Ganze zusammenarbeiten. Das Herz ist nur Herz im Organismus; der Organismus lebt nur durch seine Organe. Für Organisationen: Eine Abteilung, die nur für sich selbst arbeitet, ist kein echtes Organ mehr. Ebenso gliedert sich eine lebendige Sprache von innen in ihre Funktionsteile: Subjekt, Prädikat, Objekt — Teile, die nur im Satzganzen ihre Funktion haben. (Nicht zu verwechseln mit der Besonderung nach außen in verschiedene Arten — Dialekte wären Besonderungen des Allgemeinen. Selbstdifferenzierung meint die innere Gliederung.) [KF]

Zur Besonderung nach außen: Das Lebendige zeigt auch das Gattung/Arten-Verhältnis. Das Allgemeine (die Gattung) realisiert sich in verschiedenen Arten. Ein Hund ist nur Hund als Exemplar seiner Gattung; die Gattung ist nur wirklich in konkreten Hunden. Für Erkenntnis: Wahre Einsichten entstehen durch persönliche Aneignung des kollektiven Wissens — weder bloß subjektive Meinung noch anonyme Wissenschaft. [KF]

Selbsterhaltung — das Lebendige erhält sich gegen die Umwelt und durch sie. Das ist das Organismus/Umwelt-Verhältnis: Es assimiliert Fremdes (Nahrung, Information, Kritik) und verwandelt es in Eigenes. Die Selbsterhaltung ist nicht Abschottung, sondern produktiver Austausch mit dem Anderen. Ein Organismus metabolisiert Nahrung, eine Demokratie verarbeitet Dissens, eine Wissenschaft assimiliert Anomalien. Die Identität bleibt erhalten, obwohl das Material ständig wechselt — ein Großteil der Moleküle Ihres Körpers wird im Lauf der Jahre ausgetauscht, aber Sie bleiben Sie. [KF]

Selbstaufhebung — das Lebendige geht über sich hinaus. Der Einzelorganismus stirbt, die Gattung reproduziert sich. Eine Theorie wird durch eine bessere ersetzt, bewahrt aber das Gültige. In Hegels Begriff der Aufhebung gelesen: negieren (der Einzelne vergeht), bewahren (die Gattung bleibt), erheben — bei Hegel nicht eine Entwicklung der Gattung, sondern das Hervorgehen des Geistes: “Der Tod der nur unmittelbaren einzelnen Lebendigkeit ist das Hervorgehen des Geistes” (Enzyklopädie Bd. 1, § 222). Dass die Gattung selbst sich entwickelt, sagt Hegel nicht (Kap. 16.3). Selbstaufhebung ist nicht Selbstzerstörung, sondern Selbsttranszendenz. [KF]

Die doppelte Spiegelung: Das Leben zeigt unmittelbar, was die Logik begrifflich entwickelt. Umgekehrt expliziert die Logik, was das Leben vollzieht. Hegel entwickelt diese Struktur am Lebendigen, und dort gilt sie. Ob sie auch Institutionen, Theorien oder Begriffe trägt, ist eine eigene Frage (16.4). Sie ist nicht das Grundmodell der Idee überhaupt, und ihre Kriterien gelten immer nur relativ auf ein angegebenes Ganzes: Wer sagt, ein Teil diene dem Ganzen, muss sagen, welchem. Rückbezug auf die Begriffslogik: Die S³-Prozesse sind die Besonderung nach innen und außen (Kap. 9) in ihrer lebendigen Form. Selbstdifferenzierung realisiert Besonderung nach innen (Organe) und nach außen (Arten). Selbsterhaltung zeigt, dass beides nur im Austausch mit dem Anderen lebendig bleibt. Selbstaufhebung zeigt, dass das Lebendige über jede einzelne Realisierung hinausgeht. Was in der Begriffslogik noch abstrakt war, wird hier konkret. [KF]

Wie das Lebendige sein Anderes hat

Das Leben hat sein Anderes, indem es sich es aneignet. Die äußere Welt hat für das Lebendige “nur den Wert eines Negativen und Unselbständigen”, und in seinem Selbstgefühl hat es “diese Gewißheit von der an sich seienden Nichtigkeit des ihm gegenüberstehenden Andersseins” (TWA 6, 480). Mechanische und chemische Prozesse bleiben in ihm wirksam, aber da das Leben ihre Wahrheit ist, “greift es über sie über, durchdringt sie als ihre Allgemeinheit” (TWA 6, 482).

Das Übergreifen hat sein Recht, und Hegel begründet es immer mit einem Gefälle: das Lebendige über das Unorganische, der Mensch über die Natur. Es findet seine Grenze dort, wo das Gefälle fehlt. Wer einen Menschen so behandelt, wie das Lebendige mit seinem Stoff umgeht, ihn einverleibt, verbraucht, sich anverwandelt, gebraucht eine Weise, das Andere zu haben, die diesem Anderen nicht angemessen ist. [KF]

Die Gattung zeigt eine reichere Weise. Hier ist das Andere “ein anderes lebendiges Individuum”; die Form ist “unmittelbar gegenseitig” (TWA 6, 484). Das Lebendige findet sich zum ersten Mal in einem Anderen, das ist wie es selbst. Aber die Individuen gehen in der Gattung unter. Die Gegenseitigkeit ist da, die Freiheit der Vielen noch nicht (Kap. 18.2). [KF]

Der erweiterte Lebensbegriff

Die S³-Struktur ist nicht auf Biologie beschränkt, aber sie hat Grenzen. Die Übertragung in der folgenden Tabelle geht über Hegel hinaus (Kap. 16.4). [KF]

System Selbstdifferenzierung Selbsterhaltung Selbstaufhebung Status
Organismus Organe, Gewebe Stoffwechsel, Immunsystem Fortpflanzung, Tod Paradigma
Wissenschaft Teildisziplinen, Methoden Verarbeitung von Anomalien Paradigmenwechsel Analogie
Gesellschaft Arbeitsteilung, Institutionen Recht, Polizei, Kultur Reform, Revolution Analogie
Ökosystem Nischen, Nahrungsketten Gleichgewicht Evolution Grenzfall

Wichtige Einschränkung: Systeme sind Ermöglichungsbedingungen für die Selbstbeziehung lebender und geistiger Subjekte — sie sind nicht selbst Subjekte. Die Verwechslung von System und Subjekt hat politische Konsequenzen: Wer die Wirtschaft wie einen Organismus behandelt, vergisst, dass es die Menschen sind, die leben — nicht die Wirtschaft. Hegel nennt den Staat selbst einen Organismus: “Dieser Organismus ist die Entwicklung der Idee zu ihren Unterschieden und zu deren objektiver Wirklichkeit” (Grundlinien der Philosophie des Rechts, § 269). Aber die konkrete Freiheit besteht bei ihm darin, “daß die persönliche Einzelheit und deren besondere Interessen sowohl ihre vollständige Entwicklung” haben wie das Allgemeine anerkennen (ebd., § 260). Die Einschränkung trifft also die Rede von der Wirtschaft als Subjekt; mit Hegels Staatsbegriff ist sie vereinbar, sofern man ihn von § 260 her liest. [KF]

Was die Logik über das Leben leistet — und was nicht

Was hier entwickelt wird, ist keine Biologie. Die Logik fragt: Was muss ein System strukturell sein, um Leben zu heißen? Sie fragt nicht, wie die DNA funktioniert, wie Arten sich entwickeln oder wie der Stoffwechsel arbeitet.

Was sie leistet sind Strukturbedingungen: Selbstbeziehung statt bloßem Für-Anderes-Sein, Selbstdifferenzierung, die Einheit bleibt, Selbsterhaltung in Auseinandersetzung mit der Umwelt, Selbstaufhebung durch Erzeugung von Neuem. Diese Bedingungen gelten für jedes mögliche Leben — nicht nur für irdisches, kohlenstoffbasiertes. [KF]

Was sie nicht leistet: welche Elemente Leben braucht, welche Arten es gibt, wie Evolution abläuft, wie lange ein Organismus lebt. Das sind empirische Fragen.

Hegel selbst hält die Grenze nicht immer ein, und das ist offen zu sagen. Seine Naturphilosophie enthält empirische Behauptungen, die überholt sind — er lehnt die Atomtheorie ab und kennt keine Evolution der Arten, sondern versteht die Stufenfolge der Lebendigen als begriffliche, nicht als geschichtliche Ordnung. Die logische Struktur ist davon unabhängig: Dass ein Lebendiges sich selbst differenziert, erhält und aufhebt, gilt auch dann, wenn die Aufhebung stammesgeschichtlich verläuft und nicht bloß in der Gattung. Man kann Hegels Logik des Lebens übernehmen und seine Naturphilosophie verwerfen. [KF]

Warum Hegel die Evolution ablehnte — und warum seine Logik sie trägt. Der Grund war nicht Unkenntnis: Lamarck hatte 1809 veröffentlicht, Hegel kannte ihn. Der Grund war systematisch, und Hegel nennt ihn selbst: Die Stufen der Natur gehen auseinander hervor, “aber nicht so, daß die eine aus der andern natürlich erzeugt würde, sondern in der inneren, den Grund der Natur ausmachenden Idee. Die Metamorphose kommt nur dem Begriff als solchem zu, da dessen Veränderung allein Entwicklung ist” (Enzyklopädie Bd. 2, § 249). Dieser Kommentar liest darin zusätzlich einen Einwand, der nur die eine Hälfte der damaligen Theorien trifft. Bei Lamarck steht an erster Stelle ein innerer Trieb zur Vervollkommnung; erst an zweiter stehen Gebrauch und Nichtgebrauch und die Vererbung erworbener Eigenschaften. Dort wird die Veränderung von außen angestoßen — äußere Verursachung, also genau das, was Hegel am Mechanismus kritisiert: eine Beziehung, in der die Sache nichts von sich aus tut. [KF]

Der Einwand traf die Theorien seiner Zeit. Darwins Mechanismus von 1859 ist anders gebaut, und er hat die Struktur der Selbstaufhebung: Bewahren — die Vererbung gibt weiter, was sich gehalten hat; Überwinden — Variation und Mutation erzeugen Differenz aus dem Bestand selbst; Erheben — die Selektion setzt durch, was trägt. Der tragende Unterschied liegt in der Variation: Sie entsteht aus dem Bestand selbst, in der Reproduktion, und wird nicht von der Umwelt hervorgebracht. Die Selektion entscheidet dann, was sich hält. Damit hat die Entwicklung ihren Anfang im Lebendigen und nicht außerhalb seiner — genau das, was Hegel an den Anpassungstheorien vermisste. [KF]

Ein zweiter Grund, aus den Vorlesungen — und er wiegt schwerer. Hegels Gattungsbegriff ist selbst unveränderlich gedacht; ausgeführt ist die Evolutionsfrage in Die Evolutionsfrage. Im Kolleg von 1829: “Die Individuen sterben ab. Diese bluhme ist nur jetzt. Diese eiche hat vielleicht 1000 jahre gestanden : aber diese 1000 jahre sind nur jetzt, das allgemeine ist die gattung : Eichen : Bluhme.”[1] Und noch deutlicher an anderer Stelle: “Die Individuen werden geboren und vergehen, die Gattung ist das Bleibende in ihnen, das in Allem Wiederkehrende.”[2]

Damit ist die Selbstaufhebung des Lebens bei Hegel innerhalb der Gattung gedacht: Das Individuum geht unter, die Art bleibt. Bei Darwin ist es die Art selbst, die sich verändert — und genau das kann Hegels Gattungsbegriff nicht fassen, weil die Gattung bei ihm das ist, wogegen der Wechsel abgemessen wird.

Das ist ein Einwand gegen die bequeme Auskunft, Hegels Logik habe die Evolution vorweggenommen. Seine Struktur bewahren–überwinden–erheben trifft den Darwinschen Mechanismus, aber sie trifft ihn an einer Stelle, an der Hegel selbst das Bleibende ansetzt. Wer die Übernahme will, muss den Gattungsbegriff ändern: Die Gattung wird von der Konstante, an der das Vergehen gemessen wird, zu dem, was sich durch das Vergehen hindurch verändert. [KF]

Hegels Logik erlaubt also, was seine Position ablehnte — aber nicht kostenlos. Der Preis ist eine Korrektur an der Stelle, wo er das Allgemeine für unbeweglich hielt. [KF]

Trägt die Struktur über das Biologische hinaus?

Hegel wendet das Kriterium selbst an, und zwar am nächstliegenden Fall: an den Stufen des Lebendigen. Dabei zeigt sich, dass die drei Prozesse nicht überall gleich entwickelt sind — bei der Pflanze fallen sie zusammen, beim Tier stehen sie als unterschiedene da. Durchgeführt ist der Vergleich in Pflanze und Tier.

Das ist ein Befund, kein Einwand: Die Struktur liegt vor, aber die Momente sind noch nicht auseinandergetreten. Damit hat jede Übertragung ein Muster — die Frage ist nicht nur, ob alle drei Momente vorliegen, sondern ob sie unterschieden sind. [KF]

Die Übertragung der drei Prozesse auf Theorien, natürliche Zusammenhänge und technische Systeme (16.5) wirft eine Frage auf, die zuerst zu beantworten ist: Wird hier eine biologische Struktur überdehnt?

Die Struktur kommt aus dem Leben — das ist ihr Herkunftsbereich, und Hegel entwickelt die Idee des Lebens, nicht Systemtheorie. Jede Anwendung auf Nicht-Biologisches geht über seine Aussagen hinaus und ist als Erweiterung zu kennzeichnen. Die Frage ist also nicht, ob man übertragen darf, sondern wann die Übertragung trägt.

Sie trägt nicht als Identität: Eine Theorie lebt nicht, wie ein Organismus lebt. Sie zeigt aber dieselbe Struktur — sie gliedert sich in Prinzipien, Methoden und Anwendungen, behauptet sich gegen Kritik und nimmt Einwände auf, und sie wird von neuen Theorien überwunden, die sie bewahren. Wo eines dieser drei Momente fehlt, ist die Übertragung abzubrechen: Ein Verwaltungsapparat, der sich nicht mehr erneuert, ist nicht ein sterbender Organismus, sondern ein Mechanismus, der weiterläuft. [KF]

Drei Anwendungen — wo die Struktur trägt und wo nicht

Die drei Prozesse sind ein Prüfinstrument. Drei Fälle, in denen die Frage nach dem Leben heute gestellt wird, und was die Prüfung ergibt. [KF]

Eine Theorie. Sie gliedert sich in Prinzipien, Methoden und Anwendungen (S¹), behauptet sich gegen Kritik und nimmt Einwände auf (S²), wird von neuen Theorien überwunden, die sie bewahren (S³). Alle drei Momente liegen vor — die Übertragung trägt, und sie erklärt, warum eine Theorie, die keine Einwände mehr aufnimmt, nicht stark, sondern erstarrt ist. [KF]

Ein natürlicher Zusammenhang. Ein Ökosystem, die Erde als ganze: Hier liegt die Selbsterhaltung unstrittig vor, die Selbstaufhebung langfristig, und die Selbstdifferenzierung endet bei funktionaler Gliederung, ohne ein Zentrum zu erreichen. Die Übertragung trägt also halb — und die Prüfung sagt genau, an welchem Moment sie abbricht. Das ist der Ertrag, auf den es hier ankommt: nicht die Antwort, ob die Erde lebt, sondern die Stelle, an der sich die Frage entscheidet. Die Fälle selbst — Gaia, die Ökosysteme, die Viren als Grenzfall von der anderen Seite — sind in Gaia, Ökosysteme, Viren ausgeführt, weil sie dort an Hegels eigener Bestimmung der Erde hängen. [KF]

Ein technisches System. Denken Sie nicht an heutige Sprachmodelle, sondern an ein System, das sich selbst repariert, aus Erfahrung lernt und Varianten erzeugt. Selbsterhaltung: funktional ja. Selbstaufhebung: falls die Varianten selbständig werden, ja — eine Kopie allein ist keine.

Bei der Selbstdifferenzierung liegt der Bruch, genauer zu benennen als mit dem Verweis auf Bewusstsein. Hegel bestimmt den Lebensprozess durch den gefühlten Mangel. Bedürfnis und Trieb, die er schon beim Zweck als nächstliegende Beispiele nennt, sind “der gefühlte Widerspruch, der innerhalb des lebendigen Subjekts selbst stattfindet” (Enzyklopädie Bd. 1, § 204 Anm.). Die große Logik sagt, warum nur ein Lebendiges ihn fühlt: “Der Schmerz ist daher das Vorrecht lebendiger Naturen; weil sie der existierende Begriff sind, sind sie eine Wirklichkeit von der unendlichen Kraft, daß sie in sich die Negativität ihrer selbst sind, daß diese ihre Negativität für sie ist” (TWA 6, 480). Einem Stein, der zerbricht, fehlt nichts. Einem Lebendigen fehlt etwas an ihm selbst, weil es das Ganze ist, an dem gemessen etwas fehlen kann. Der Organismus leidet am Hunger, er registriert nicht eine Abweichung. Eine thermostatgeregelte Heizung registriert, dass es zu kalt ist, und heizt — aber sie fühlt die Kälte nicht. Sie hat einen Messwert, kein Selbstgefühl; auch ein System mit Selbstmodell hätte zunächst nur dies.

Entschieden ist die Frage damit nicht, aber geschärft: Die drei Prozesse erfassen die Form des Lebens. Ob zur Form ein Selbstgefühl gehört oder ob dieses eine weitere Dimension ist, die die Logik nicht erreicht, bleibt offen — und es ist die Frage, an der sich entscheidet, was von der Rede über lebendige Maschinen zu halten ist. [KF]

Der Krebs-Einwand als Übergangsgrund

Hegels eigener Grund, zuerst. Im Gattungsprozess stirbt das Einzelne, und die Gattung besteht fort. Hegel liest das nicht als bloßen Kreislauf, sondern als Befreiung: “Die Idee des Lebens aber hat damit sich nicht nur von irgendeinem (besonderen) unmittelbaren Diesen befreit, sondern von dieser ersten Unmittelbarkeit überhaupt; sie kommt damit zu sich, zu ihrer Wahrheit; sie tritt hiermit als freie Gattung für sich selbst in die Existenz. Der Tod der nur unmittelbaren einzelnen Lebendigkeit ist das Hervorgehen des Geistes” (Enzyklopädie Bd. 1, § 222). Von außen gesehen ist die Fortpflanzung ein Prozess ohne Ende: Individuum zeugt Individuum, und so fort. Damit liegt wieder eine schlechte Unendlichkeit vor, und Julie Maybee nennt die logische Folge: Ein endloses Hin und Her lässt beide Glieder unbestimmt. Die Logik muss ihre Begriffe bestimmen; das gelingt nur, wenn der Prozess irgendwo zu sich kommt.[3] Im Erkennen tut er das — dort weiß die Gattung sich als Gattung.

Warum gerade das Erkennen folgt, sagt Hegel mit dem Wort, das die Begriffslogik von Anfang an trägt. Das Individuum “ist daher an sich zwar Gattung, aber es ist die Gattung nicht für sich” (TWA 6, 484). Das Allgemeine des Lebendigen gibt es nur in Einzelnen, die sterben. Ausdrücklich wird es erst, wo es dem Einzelnen gegenübertritt, und das ist die Form des Urteils (Kap. 10.1). Von der Idee des Lebens heißt es: “In ihrem Urteil ist sie das Erkennen überhaupt” (TWA 6, 486 f.). Ein Bewusstsein wird damit nicht vorausgesetzt: “Denken, Geist, Selbstbewußtsein sind Bestimmungen der Idee, insofern sie sich selbst zum Gegenstand hat” (ebd.).

Zur Ebene: Die folgende Begründung ist nicht Hegels Übergang, sondern eine eigene Begründung desselben Schritts. Sie enthält eine normative Frage — gelingendes oder parasitäres Leben? — und überschreitet die Logik des Lebens gerade deshalb, weil diese für sich keine Ethik liefert. Hegels eigener Grund ist der eben zitierte (§ 222). Beide Wege führen zum selben Ort; nur ist der folgende meiner. [KF]

Das blinde Leben kann nicht zwischen legitimer und parasitärer Selbsterhaltung unterscheiden. Der Krebs erfüllt zwei der drei Kriterien unstrittig: Er erhält sich gegen das Immunsystem, und er pflanzt sich fort, indem er streut. Bei der Selbstdifferenzierung ist der Fall schwächer, als er zunächst aussieht — die Angiogenese rekrutiert eine fremde Struktur, und das Kennzeichen des Tumors ist gerade die Entdifferenzierung. Das Argument braucht sie auch nicht: Schon Selbsterhaltung und Fortpflanzung genügen, denn der Tumor zerstört dabei den Organismus, der ihn trägt. Ebenso können ein faschistisches Regime (differenziert sich in Führungsstäbe, erhält sich durch Terror, reproduziert sich durch Propaganda) oder ein parasitärer Kapitalismus die formalen S³-Kriterien erfüllen und dennoch das Ganze zerstören. [KF]

Das zeigt: Leben an sich reicht nicht. Es braucht Erkenntnis, um zwischen Gelingen und Scheitern zu unterscheiden. Ohne Reflexion ist das Leben blind — der Krebs lebt auch. Die erste Konsequenz: Die Idee des Lebens allein kann keine Ethik begründen. Sie braucht das Erkennen. [KF]


  1. Vorlesungen über die Wissenschaft der Logik, Nachschrift Rolin, Kolleg 1829: GW 23.2, S. 524. ↩︎

  2. Enzyklopädie Bd. 1, § 21 Zus. (GW 23.3, S. 816). Der Satz steht dort als Beispiel dafür, dass das Nachdenken das Allgemeine sucht. ↩︎

  3. Maybee, Picturing Hegel, zum Übergang zum Erkennen: “an endless back-and-forth process leaves both terms in the process undefined.” ↩︎