Kommentar zur Logik, Kapitel 22

Warum die Einheit sich entzweien muss

Das Leben ist Einheit von Begriff und Objektivität — aber unbewusste Einheit. Es lebt, ohne zu wissen, dass es lebt. Der Organismus verdaut, ohne Biochemie zu kennen. Wo die Idee als freie Gattung für sich existiert, hat sie die Allgemeinheit zum Element und sich selbst zum Gegenstand. Hegel: “Die Idee existiert frei für sich, insofern sie die Allgemeinheit zum Elemente ihrer Existenz hat […]. Aber als bestimmtes Unterscheiden ist sie das fernere Urteil, sich als Totalität von sich abzustoßen, und zwar zunächst sich als äußerliches Universum vorauszusetzen. Es sind zwei Urteile, die an sich identisch, aber noch nicht als identisch gesetzt sind” (Enzyklopädie Bd. 1, § 223). Das Wort “Urteil” ist genau zu nehmen: Die Idee teilt sich wie der Begriff im Urteil (Kap. 10.1), jetzt in Erkennen und Wollen, zwei gegenläufige Bewegungen, deren Identität erst noch zu setzen ist.

Theoretische Idee — Das Erkennen

Erkennen ist der Versuch, die Wirklichkeit in Gedanken zu fassen — sie zu durchdringen und zu begreifen. Richtung: Welt -> Begriff. Zwei Formen:

Analytisches Erkennen: Zerlegung des Gegebenen in seine Bestandteile. Der Chemiker analysiert Wasser und findet H₂O. Der Grammatiker zerlegt den Satz in Subjekt, Prädikat, Objekt. Stärke: Findet, was da ist. Grenze: Kann nur finden, was es bereits sucht — die Kategorien der Zerlegung (Elemente, Wortarten) werden vorausgesetzt, nicht aus der Sache gewonnen. Das analytische Erkennen erklärt das Bekannte, entdeckt aber nichts Neues.

Der Übergang: Was dem analytischen Erkennen fehlt, lässt sich genauer sagen als mit dem Hinweis auf seine Voraussetzungen. Es kann das Verhältnis zwischen dem Allgemeinen und dem Einzelnen nicht fassen. Sobald das Urteil “U ist S” gefällt ist, erscheint dieses Verhältnis als unmittelbar — aber Verhältnisse sind nie unmittelbar. Ein U ist ein S immer auf eine bestimmte Weise, und es gibt viele Weisen: das ist der Identität, das zwischen Teil und Ganzem, zwischen Kraft und Äußerung, zwischen Grund und Begründetem, zwischen Ursache und Wirkung, zwischen Allgemeinem und Einzelnem.[1] Wer Katze ist Hauskatze sagt, hat eine dieser Weisen gewählt, ohne es zu sagen. Das synthetische Erkennen macht gerade diese Weise ausdrücklich — und deshalb folgt es.

Die Liste enthält die Verhältnisse der Wesenslogik. Das Erkennen gebraucht sie als seine Mittel, nachdem sie dort entwickelt wurden.

Synthetisches Erkennen: Konstruktion aus Prinzipien heraus — Definition, Einteilung, Beweis. Die Geometrie definiert (den Kreis als Ort aller Punkte, die vom Mittelpunkt gleich weit entfernt sind), teilt ein (die Dreiecke nach ihren Winkeln in spitz-, recht- und stumpfwinklige) und beweist (den Satz des Pythagoras). Radius, Durchmesser und Umfang wären keine Einteilung: Sie bestimmen Größen am Kreis und keine Arten von Kreisen. Stärke: Erzeugt notwendiges Wissen (der Beweis erzwingt die Folgerung). Grenze: Die Ausgangsdefinitionen und Axiome werden angenommen, nicht bewiesen — das synthetische Erkennen ruht auf unbegründeten Fundamenten. Deshalb kann die Mathematik beweisen, was aus ihren Axiomen folgt, aber die Axiome selbst nicht.

Vollziehen Sie den Übergang: Das analytische Erkennen kann das Gegebene nicht wirklich verstehen (es setzt Kategorien voraus). Das synthetische Erkennen kann seine Fundamente nicht beweisen. Beide zusammen erschöpfen das theoretische Erkennen — und beide sind unvollständig. Das nötigt zur praktischen Idee — aber nicht aus Resignation. Der Grund ist ein struktureller: Im theoretischen Erkennen steht die Objektivität dem Begriff noch als vorgefundene Voraussetzung gegenüber; das Erkennen nimmt die Welt, wie sie ist. In der praktischen Idee tritt der Begriff selbst als bestimmender Zweck auf und verlangt seine Objektivierung. Die Richtung kehrt sich um, weil der Begriff aufhört, sich einer fertigen Welt anzupassen. Hegel findet den Grund im Beweis selbst: In der Notwendigkeit, die er hervorbringt, hat das Erkennen “das Vorfinden und Gegebensein seines Inhalts, verlassen. Die Notwendigkeit als solche ist an sich der sich auf sich beziehende Begriff. Die subjektive Idee ist so an sich zu dem an und für sich Bestimmten, Nichtgegebenen, und daher demselben als dem Subjekte Immanenten gekommen und geht in die Idee des Wollens über” (Enzyklopädie Bd. 1, § 232).

Weitergeführt: Vollständige vernünftige Praxis verlangt deshalb weder bloßes Erkennen noch blindes Wollen, sondern eine rekursive Bewegung — erkennen, handeln, Wirkungen erfahren, Zwecke und Mittel korrigieren. Das ist dieselbe Figur, die Die Wahrheit über Wahrheit als Selbstkorrektur des Erkennens und Systematisches Denken als Bildung tragfähiger Ordnungen entwickeln. [KF]

Praktische Idee — Das Wollen

Das Wollen ist der Versuch, die Wirklichkeit nach Zwecken umzugestalten — das Gute zu realisieren. Richtung: Begriff -> Welt. Der Ingenieur plant die Brücke, der Reformer den Staat, die Ärztin die Heilung. Stärke: Verändert die Welt tatsächlich. Grenze: Der Wille allein bleibt subjektiv — bloßes Sollen, das die Welt als widerständig erfährt. Und: Woher weiß der Wille, was gut ist? Er braucht das Erkennen, um seine Zwecke zu prüfen — die Praxis verweist zurück auf die Theorie.

Hegel sagt genauer, woran das Wollen scheitert und worin seine Wahrheit liegt. Das Gute ist seinem Inhalt nach beschränkt, “so gibt es auch des Guten mehrerlei”; das existierende Gute ist “nicht nur der Zerstörung durch äußerliche Zufälligkeit und durch das Böse unterworfen, sondern durch die Kollision und den Widerstreit des Guten selbst” (TWA 6, 544). Die Welt nimmt das Wollen zunächst als das “Gleichgültige, nur Bestimmbare, welches seinen Wert nicht in sich selbst hat” (TWA 6, 546). Das Wollen steht sich damit, so Hegel, selbst im Weg: Es “hat sich darüber nicht gegen eine äußere Wirklichkeit, sondern gegen sich selbst zu richten”. Seine Wahrheit ist, dass es der Wirklichkeit ihre “Nichtigkeit” nimmt; sie wird “gesetzt als an und für sich seiend” (TWA 6, 546 f.).

Hegel sagt auch, warum das Wollen dafür das Erkennen braucht: “Der Wille steht daher der Erreichung seines Ziels nur selbst im Wege dadurch, daß er sich von dem Erkennen trennt […]; die Idee des Guten kann daher ihre Ergänzung allein in der Idee des Wahren finden” (TWA 6, 544 f.). Die Enzyklopädie nennt die Rückkehr des Wollens “die Erinnerung an die Voraussetzung des theoretischen Verhaltens (§ 224), daß das Objekt das an ihm Substantielle und Wahre sei” (Enzyklopädie Bd. 1, § 234). Umgekehrt ist das Erkennen nicht so passiv, wie es sich vorkommt: “Sein Verhalten erscheint ihm selbst als ein passives, in der Tat ist dasselbe jedoch aktiv” (§ 226 Zusatz). Jede Richtung hat die andere schon in sich.

Daran hängt viel für die Ethik. Das Handeln erreicht seine Wahrheit erst, wenn es aufhört, die Welt als bloßes Material zu nehmen. Die Kollision der Güter folgt aus der Vielheit der Zwecke. Hegel löst sie als Problem eines einzigen Willens. Dass es die Zwecke vieler Freier sind, die kollidieren, führt die Logik nicht mehr aus (Kap. 18.2). [KF]

Hegel löst die Entzweiung von Erkennen und Wollen am Ende der Idee des Guten auf. Das Wollen hat die Welt als bloßes Material genommen; seine Wahrheit ist, dass es davon ablässt. Dann ist das Gute nicht mehr ein Sollen, das der Welt gegenübersteht: “Die Wahrheit des Guten ist damit gesetzt, als die Einheit der theoretischen und praktischen Idee, daß das Gute an und für sich erreicht, — die objektive Welt so an und für sich die Idee ist, wie sie zugleich ewig als Zweck sich setzt und durch Tätigkeit ihre Wirklichkeit hervorbringt” (Enzyklopädie Bd. 1, § 235). Das ist Hegels Übergang zur absoluten Idee: Erkennen und Wollen sind in ihr nicht nebeneinandergestellt, sondern als zwei Seiten einer Tätigkeit begriffen.

Der Preis des Bewusstseins

Das Leben war unmittelbare Einheit (Organismus lebt, ohne zu fragen). Das Erkennen entzweit diese Einheit — es trennt Subjekt und Objekt, Theorie und Praxis. Das ist ein Verlust (Unschuld, Naivität, Sicherheit) und ein Gewinn (Prüfbarkeit, Korrektur, Freiheit). Der Preis des Bewusstseins ist die Entzweiung, sein Lohn die Möglichkeit der bewussten Wiedervereinigung in der absoluten Idee.

Warum beide unvollständig sind — an den drei Prozessen gemessen. Das Leben hatte alle drei Momente der Selbstbeziehung: bei sich in der inneren Organisation, für sich im Stoffwechsel, aus sich in der Fortpflanzung. Erkennen und Wollen haben je zwei davon; es fehlt jeweils ein anderes. [KF]

Dem Erkennen fehlt das Aus-sich-Sein. Das erkennende Subjekt ist bei sich — es weiß, dass es denkt, es reflektiert. Aber es verändert die Welt nicht. Ein Forscher erkennt Gesetze, versteht Zusammenhänge, formuliert Theorien; die Welt bleibt, wie sie ist. Der Kreis schließt sich nicht, weil das Subjekt nicht als verändernde Kraft zur Welt zurückkehrt.

Dem Wollen fehlt das stabile Für-sich-Sein. Das wollende Subjekt ist aus sich — es handelt, gestaltet, greift ein. Aber das Wollen bleibt Sollen: Der Zweck ist nie vollständig erreicht, die Welt widersteht, das Gute bleibt Aufgabe. Ein Reformer hat eine Vision und handelt; was er verwirklicht, entspricht nie ganz dem, was er wollte. Auch hier schließt sich der Kreis nicht, nur an der anderen Stelle.

Darum stellt dieser Kommentar auf dieser Stufe keine Vermittlung dar; in welchem Sinn Hegels Einheit (§ 235) gilt, sagt Kap. 17.6b. Die beiden Defizite sind komplementär — und genau deshalb verweisen Erkennen und Wollen aufeinander, ohne dass eines das andere aufheben könnte. [KF]

Zur Ebene dieses Kapitels: Erkennen und Wollen sind hier zunächst logische Bestimmungen — die theoretische und die praktische Idee —, keine Beschreibung eines empirischen Bewusstseins; Hegel trennt selbst die “Idee des Geistes […], welche logischer Gegenstand ist”, von ihrer Darstellung in der Philosophie des Geistes (TWA 6, 495). Erst dort treten diese Strukturen als menschliches Erkennen und bewusstes Wollen auf (Hegels subjektiver Geist, 23–24). Die Beispiele dieses Kapitels illustrieren die logische Form; sie definieren sie nicht.

Warum das Wollen über das Erkennen hinausgeht

Bei Hegel liegt die Täuschung nahe, das Erkennen sei alles. Er selbst ordnet anders: Die praktische Idee ist “höher als die Idee des betrachteten Erkennens, denn sie hat nicht nur die Würde des Allgemeinen, sondern auch des schlechthin Wirklichen” (TWA 6, 542). Die Logik ist ein Denken des Denkens, ein Erkennen des Erkennens — Hegel nennt die absolute Idee “die sich selbst denkende Idee, und zwar hier als denkende, als logische Idee” (Enzyklopädie Bd. 1, § 236) —, und am Ende kommt sie bei sich an — sie hat sich als System dargestellt und ist damit, soweit es überhaupt erreichbar ist, vollständig erkannt. Das kann den Eindruck erzeugen, damit sei alles erreicht. Hegel hat dafür einen Grund, der stärker ist als ein Eindruck: die Einheit der theoretischen und praktischen Idee in § 235 (Kap. 17.5). In seiner stärksten Fassung wird das Wollen damit nicht verdrängt, sondern als erreicht gewusst. [KF]

Dagegen ist es kein Mangel, wenn Wissenschaft wissenschaftlich bleibt. Man kann die Wissenschaft nicht essen, und das Denken kann nicht weinen — aber das ist keine Unvollkommenheit, sondern ihre Bestimmtheit. Wer der Logik vorwirft, sie sei bloß logisch, hat nicht verstanden, was sie sein soll. [KF]

Der Unterschied lässt sich an einem Beispiel nicht wegdiskutieren: Wer den Begriff des Hungers hat, ist davon nicht satt. Wer den Begriff des Durstes und den der Sättigung vollständig entwickelt hat, hat seinen Durst nicht gelöscht. Das Erkennen des Wollens ist nicht das Wollen.

Das Wollen geht deshalb nicht in das Erkennen auf, auch nicht in der absoluten Idee: Es will etwas anderes als Erkenntnis. Auch Hegels stärkste Fassung, das Gute sei als erreicht gewusst, hebt das nicht auf. Gewusst wird die Form, in der Wollen gelingt, nicht jedes einzelne Gelingen; die Einheit gilt als Einheit der Methode, nicht als Ersatz des Handelns. Auch der Übergang zur Natur am Ende der Logik ist keine Verlegenheitslösung. Wir sind denkende Wesen, die einen Körper haben und mit Natur und anderen Menschen umgehen. Dass es etwas anderes gibt als die Logik, ist nicht beweisbedürftig; es ist die Voraussetzung, unter der die Logik überhaupt betrieben wird. Sie macht explizit, was in der Praxis implizit am Werk ist — und eine Praxis, die nur aus Logik bestünde, gab es nie. [KF]

Die Unvollständigkeit ist in diesem Kapitel beabsichtigt: Erkennen und Wollen bleiben aufeinander verwiesen, ohne dass eine Seite die andere absorbiert. Theorie ohne Praxis ist leer, Praxis ohne Theorie ist blind. Die Einheit beider, die Hegel in § 235 setzt — eine Wirklichkeit, die sich selbst begreift, und ein Begreifen, das Wirklichkeit gestaltet —, ist die absolute Idee. Dieser Kommentar liest sie als Einheit der Methode, nicht als Aufgehen des Wollens im Erkennen. [KF]


  1. Maybee, Picturing Hegel, zur synthetischen Methode: “relationships are not immediate. U ‘is’ S always in some specific way.” ↩︎