Kommentar zur Logik, Kapitel 23

Was die absolute Idee ist — und was nicht

Die absolute Idee ist kein mystisches Weltwesen und kein göttlicher Geist. Sie ist die Einheit von theoretischer und praktischer Idee, die sich zugleich als Methode ihres eigenen Vollzugs begreift: Die Logik wird sich der Bewegungsformen bewusst, die sie die ganze Zeit vollzogen hat — des Übergehens, des Scheinens, der Entwicklung. In der hier vorgeschlagenen Rekonstruktion tritt dabei die Selbsterkenntnis der Methode in den Vordergrund; das ist eine Auswahl, keine erschöpfende Wiedergabe von Hegels Begriff. [KF]

Die begrenzte Absolutheit: Wenn Hegel von absolut spricht, meint er: nicht durch anderes begrenzt. Er beansprucht dabei mehr als eine Sphäre: Die absolute Idee “allein ist Sein, unvergängliches Leben, sich wissende Wahrheit, und ist alle Wahrheit” (TWA 6, 548). Die Einschränkung steht bei Hegel selbst, am Schluss der großen Logik: “Zweitens ist diese Idee noch logisch, sie ist in den reinen Gedanken eingeschlossen, die Wissenschaft nur des göttlichen Begriffs”; weil sie “in die Subjektivität eingeschlossen ist, ist sie Trieb, diese aufzuheben” (TWA 6, 572). Eingelöst sieht er den Anspruch erst am Ende des ganzen Systems. Dort ist das Logische “die im konkreten Inhalte als in seiner Wirklichkeit bewährte Allgemeinheit” (Enzyklopädie Bd. 3, § 574). Am Ende der Logik ist die Idee also absolut im Rahmen dessen, was sie enthält, nämlich der reinen Form. Ob sie die Form von allem ist, muss sich an Natur, Geschichte und konkreter Erfahrung bewähren, dem Anderen des Denkens (dazu Kap. 20).

Zur Gottesfrage: Wenn Hegel sagt, der Inhalt der Logik sei “die Darstellung Gottes […], wie er in seinem ewigen Wesen vor der Erschaffung der Natur und eines endlichen Geistes ist” (TWA 5, 43) — in der geläufigen Kurzform: die Gedanken Gottes vor Erschaffung der Welt —, liest dieser Kommentar darin: die reinen Strukturen, die aller Erfahrung zugrunde liegen. Hegel selbst meint mehr; Philosophie und Religion haben für ihn “die Wahrheit zu ihrem Gegenstande, und zwar im höchsten Sinne — in dem, daß Gott die Wahrheit und er allein die Wahrheit ist” (Enzyklopädie Bd. 1, § 1). Vor Erschaffung heißt: systematisch grundlegender, nicht zeitlich früher. Ob diese Strukturen von einem personalen Gott gedacht werden oder selbst das Absolute sind, bleibt offen. Hegels Logik ist kompatibel mit theistischen wie atheistischen Deutungen, nötigt aber zu keiner. Die Gottesfrage wird damit nicht eliminiert, wie im dogmatischen Atheismus, sondern methodisch kontrolliert behandelt. [KF]

Die absolute Idee ist kein Ende, sondern ein Anfang

Die absolute Idee hat die Methode erkannt. Aber die Logik weiß auch, was sie nicht liefert: konkrete Inhalte (dafür Empirie), Materialität (die Natur ist gegeben), Realphilosophie (deren Ausarbeitung steht noch aus). Die Logik entlässt sich frei. Hegel begründet das mit der Freiheit der Idee, die sich entlässt, “ihrer absolut sicher und in sich ruhend” (TWA 6, 573); diese Lesart sieht darin beides: die Grenze der Logik (Kap. 18.1) und die Freiheit, sie anzuerkennen. Die Logik scheitert nicht an der Natur, sie lässt sie gelten (Kap. 20.1). [KF]

Anfang, Fortgang, Ende — was die Methode tut

Hegel gibt der Methode drei Momente: Anfang, Fortgang, Ende (Enzyklopädie Bd. 1, §§ 238-242). An ihnen lässt sich prüfen, was die Kapitel dieses Buchs getan haben. Als Beispiel dient der erste Übergang, von Sein und Nichts zum Werden (Kap. 1.1 und 1.4) — im Kleinen hat er dieselbe Gestalt, die die Methode im Großen hat.

Der Anfang. Das erste Moment ist “der Anfang, der das Sein oder Unmittelbare ist; für sich aus dem einfachen Grunde, weil er der Anfang ist” (§ 238). So erlebt man ihn beim Lesen: Man beginnt mit dem Ärmsten, weil noch nichts anderes da ist. Vom Ende her sieht derselbe Anfang anders aus. Er ist dann “Gesetztsein, Vermitteltsein überhaupt und Vorausgesetztsein”, nämlich “der noch nicht als Begriff gesetzte Begriff oder der Begriff an sich” (ebd.). Das reine Sein war nicht zufällig der Anfang: Es ist, was vom Begriff übrig bleibt, wenn man jede Bestimmung weglässt. Dass der Anfang vermittelt war, zeigt sich erst im Rückblick; im Vollzug war er unmittelbar, und beides ist wahr.

Der Fortgang ist “ebensowohl analytisch, indem durch die immanente Dialektik nur das gesetzt wird, was im unmittelbaren Begriffe enthalten ist, — als synthetisch, weil in diesem Begriffe dieser Unterschied noch nicht gesetzt war” (§ 239 Anm.). Das präzisiert die zweite Hälfte eines Übergangs aus Kap. 3.9c — dass die neue Bestimmung aus dem gezogen ist, was schon da war — und fügt hinzu, warum sie trotzdem neu ist. Analytisch: Das Werden holt nichts von außen herein, es spricht aus, was Sein und Nichts schon waren. Synthetisch: Dass sie ineinander verschwinden, stand in keinem von beiden, solange man sie für sich nahm. Ein Übergang, der nur analytisch wäre, brächte nichts Neues; einer, der nur synthetisch wäre, holte etwas von außen. Die Form des Fortgangs wechselt mit der Sphäre: im Sein “Übergehen in ein Anderes”, im Wesen “Scheinen in dem Entgegengesetzten”, im Begriff die Unterschiedenheit des Einzelnen von der Allgemeinheit, die sich “in das von ihr Unterschiedene kontinuiert” (§ 240). Das sind die Bewegungsformen, denen dieses Buch gefolgt ist.

Die bestimmte Negation. Was den Fortgang von der bloßen Feststellung eines Mangels unterscheidet, ist, dass das Negative bestimmt ist: Gesetzt wird “das Negative des Anfangs oder das Erste in seiner Bestimmtheit” (§ 239). Wer vom reinen Sein nur sagt, es sei zu leer, hat einen Mangel festgestellt und weiß nicht, wohin. Wer bemerkt, dass diese Leere das Nichts ist, hat eine neue Bestimmung, und zwar gerade diese. Deshalb ist auch der Befund, eine Reihe höre nicht auf, noch kein Übergangsgrund; es muss sich sagen lassen, was sie schuldig bleibt (Kap. 15.4d).

Das Ende ist erreicht, wenn “das Differente als das gesetzt wird, was es im Begriffe ist”; die beiden Ersten sind darin “als aufgehobene, d. i. zugleich als aufbewahrte” (§ 242). Das Resultat verändert das Verständnis des Anfangs. Für die Idee, sagt Hegel, sei “dies Ende nur das Verschwinden des Scheins […], als ob der Anfang ein Unmittelbares und sie ein Resultat wäre” (ebd.). Hegel sagt das von der Idee am Ende der ganzen Logik; im Kleinen, als Veranschaulichung, zeigt es der erste Übergang: Das Werden ist nicht ein Drittes, das zu Sein und Nichts hinzukommt, sondern was sie die ganze Zeit waren. Ein Ende im Sinn der Methode ist es noch nicht — es geht ins Dasein über. So kehrt die Logik erst an ihrem Ende zu ihrem Anfang zurück, und nicht auf derselben Stufe.

Was daraus folgt. Die Methode ist “nicht äußerliche Form, sondern die Seele und der Begriff des Inhalts” (§ 243). Man kann sie nicht vorab lernen und dann anwenden; man kann sie nur am Inhalt nachweisen, und der Nachweis ist der Gang, den dieses Buch gegangen ist. Hegel sagt auch, warum die Methode keinen neuen Inhalt bringt. Alle Inhalte sind durchlaufen: “Was also hier noch zu betrachten kommt, ist somit nicht ein Inhalt als solcher, sondern das Allgemeine seiner Form, — d. i. die Methode” (TWA 6, 549). Deshalb muss auch ihr Anfang nicht vorab gerechtfertigt werden. Was man gegen ihn vorbringt, etwa das Erfordernis, “ehe man an die Sache gehe, das Instrument des Erkennens kritisch zu untersuchen”, sind selbst “Voraussetzungen, die als konkrete Bestimmungen die Forderung ihrer Vermittlung und Begründung mit sich führen” (TWA 6, 570). Was sie vom Denkenden verlangt, sagt Hegel auch: “die Anstrengung, die eigenen Einfälle und besonderen Meinungen, welche sich immer hervortun wollen, von sich abzuhalten” (§ 238 Zus.).

Die offene Stelle: Freiheit unter Freien

Die absolute Idee hat ihr Anderes auf zwei Weisen. Sie greift über: Die Methode ist die “schlechthin unendliche Kraft”, der “kein Objekt, insofern es sich als ein äußerliches, der Vernunft fernes und von ihr unabhängiges präsentiert, Widerstand leisten” kann (TWA 6, 552). Und sie entlässt: Der Übergang in die Natur ist so zu fassen, “daß die Idee sich selbst frei entläßt, ihrer absolut sicher und in sich ruhend”, und was sie entlässt, die Natur, ist “schlechthin frei” als “die absolut für sich selbst ohne Subjektivität seiende Äußerlichkeit des Raums und der Zeit” (TWA 6, 573). Beide Weisen haben ihren Ort. Das Übergreifen begründet Hegel immer mit einem Gefälle der Freiheit: das Lebendige über das Unorganische, der Mensch über das Tier. Das Entlassen gilt einem Anderen “ohne Subjektivität”. [KF]

Auf ein anderes Ich passt keine der beiden ganz. Das Übergreifen ist bei Hegel keine Gewalt: Das Allgemeine greift über sein Anderes über, “aber nicht als ein Gewaltsames, sondern das vielmehr in demselben ruhig und bei sich selbst ist” (TWA 6, 276; Kap. 9.1). Aber es verhält sich dabei zu dem Unterschiedenen “nur als zu sich selbst” (ebd.). Ein anderes Ich hat eigene Gründe; ein Übergreifen, das es nur als Moment seiner selbst nimmt, wäre ihm gegenüber Unterwerfung. Das Entlassen kommt näher, als es zunächst scheint: Die Idee ist “ihrer absolut sicher” — ihrer selbst, nicht ihres Anderen —, und gerade diese Sicherheit ihrer selbst ist die Bedingung dafür, das Andere nicht beherrschen zu müssen. Aber sie entlässt ein Anderes ohne Subjektivität. Einem anderen Ich gegenüber genügt das Freilassen nicht: Es gibt Gründe, erhebt Ansprüche, widerspricht, erkennt mich an oder nicht. Gesucht ist die Weise, das Andere zu haben, wenn das Andere seinerseits ein Anderes hat — und der Übergang dahin entsteht aus der Grenze einer Freiheit, die schon erreicht ist. Vittorio Hösle hat diese Frage gestellt und eine Formel für die Antwort gegeben: mit den Anderen zusammen wechselseitig im Anderen bei sich zu sein.[1] Die Logik führt diese Kategorie nicht aus. Sie hat aber Vorformen, die in dieser Lesart nach Hegels eigener Methode reicher werden. [KF]

  • Im Fürsichsein steht die Versöhnung als “Ablassen von der Negativität” (TWA 5, 192; Kap. 1.11).
  • Im Allgemeinen des Begriffs ist das Übergreifen “nicht […] ein Gewaltsames” (TWA 6, 276; Kap. 9.1).
  • In der Wechselwirkung stehen selbständige Glieder im Plural, die im Begriff zu Momenten eines Begriffs werden (Enzyklopädie Bd. 1, §§ 155-158).
  • Im Urteil sind Subjekt und Prädikat “in die Kopula zusammengegangen” (TWA 6, 334). Beide binden sich an ein Drittes, das keinem von beiden gehört. Michael Theunissen hat dieses Zusammengehen als Aufhebung der Herrschaft gelesen, die im bloßen Subsumieren liegt, und darin ein Modell dessen gesehen, was er kommunikative Freiheit nennt.[2]
  • Im Schluss schließt sich das Subjekt “nicht mit Anderem, sondern mit aufgehobenem Anderen, mit sich selbst” zusammen (Enzyklopädie Bd. 1, § 192; Kap. 12.7). Hier wird die Vielheit der Glieder am deutlichsten wieder in eins genommen.
  • In der Gattung ist das Andere “ein anderes lebendiges Individuum”, die Form “unmittelbar gegenseitig” (TWA 6, 484; Kap. 16.1a zeigt, was daran fehlt).
  • In der Idee des Guten gibt es “des Guten mehrerlei” und damit “die Kollision und den Widerstreit des Guten selbst” (TWA 6, 544).
  • In der absoluten Idee ist die Person “undurchdringliche, atome Subjektivität”, aber “ebensosehr nicht ausschließende Einzelheit” (TWA 6, 548).

Jedes Mal wird die Vielheit wieder in einen Begriff zurückgenommen. Die Gattung überdauert die Individuen, die Kollision des Guten wird als Problem eines einzigen Willens behandelt, die absolute Idee ist eine Persönlichkeit. Die Kategorie, die diese Reihe zu Ende führt, wäre die Wahrheit der Idee des Guten: das Verhältnis, in dem Freie einander als Freie haben. Hegel hat die Formel dafür, aber erst in der Philosophie des Geistes. Das allgemeine Selbstbewusstsein ist frei, “als es im freien anderen sich anerkannt weiß und dies weiß, insofern es das andere anerkennt und es frei weiß” (Enzyklopädie Bd. 3, § 436). [KF]

Zwei Festlegungen gehören dazu. Erstens bleibt der Maßstab im Einzelnen. “Das Reichste ist daher das Konkreteste und Subjektivste” (TWA 6, 569), und das Individuum hat “als solches einen unendlichen Wert” (Enzyklopädie Bd. 3, § 482 Anm.). Das Verhältnis ist die Form, in der dieser Maßstab gilt, nicht selbst der Maßstab. Darin weicht diese Lesart von Hösle ab, der die intersubjektive Struktur zum Absoluten erklärt, und von Theunissen, der die Vielen im Einen gründet. Zweitens kehrt sich an dieser Stelle der Motor um. Die Negativität treibt die Logik bis an die Schwelle der Vielheit. Dort muss sie zurückgenommen werden, als Ablassen von der Negativität — nicht die Negativität überhaupt, denn auch Anerkennung verlangt Negation: den Widerspruch gegen den anderen, die Begrenzung der eigenen Ansprüche, die Zurückweisung von Vereinnahmung. Zurückgenommen wird ihre ausschließende, übergreifende Form. Dieses Ablassen ist die logische Form der Selbstbegrenzung, ohne die es unter Gleichfreien keine Ethik gibt. [KF]


  1. Vittorio Hösle, Hegels System. Der Idealismus der Subjektivität und das Problem der Intersubjektivität, Hamburg 1987; zitiert nach der italienischen Ausgabe Il sistema di Hegel, Neapel 2012, S. 348: “essere insieme con gli altri reciprocamente presso di sé nell’altro”. Dort auch der Satz, Menschen seien einander nicht so “Andere” wie Steine (S. 347, Anm. 207). ↩︎

  2. Theunissen, Sein und Schein (wie Anm. zu Kap. 4a), S. 450-459 und 472-486. ↩︎