Kommentar zu Hegel und Marx, Kapitel 4

1. Das Kreuznacher Manuskript

Im Sommer 1843, zwischen der Schließung der Rheinischen Zeitung und der Übersiedlung nach Paris, sitzt Marx in Kreuznach über Hegels Rechtsphilosophie und schreibt einen Kommentar zu den Paragraphen über den Staat. Das Manuskript bleibt unvollendet und wird zu seinen Lebzeiten nicht gedruckt. Es ist dennoch der wichtigste Text für die Frage, um die es hier geht: Er ist das einzige Werk, in dem Marx Hegel Paragraph für Paragraph durchgeht, statt ihn in einer Vorrede zu erledigen.

Wer wissen will, wie Marx Hegel liest, findet es hier — und zwar in beiden Richtungen. Der Text zeigt, wo Marx trifft, weil er auf reale Schwächen zielt. Er zeigt zugleich, was seiner Lektüre entgeht, und zwar deutlicher als die späteren, knapperen Distanzierungen, weil hier über hundert Seiten sichtbar wird, wie das Verfahren arbeitet.

Für den Gebrauch, um den es diesem Band geht, ist das Manuskript aus einem dritten Grund wichtig. Marx’ Staatstheorie beginnt hier. Was später als Analyse des Staates in seiner ökonomischen Funktion wiederkehrt, hat seinen Ursprung in einem Einwand gegen Hegels Staatsbegriff, der 1843 noch philosophisch formuliert ist.